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off campus – Die zwölfte Woche

Blog von Tobias Bernet. Teil 12: Geschichtsphilosophie aus den Schweizer Bergen

Von Zürich nach Leipzig-Lindenau: Tobias Bernet

Im Sommer zog Tobias Bernet mit Freunden von Zürich nach Leipzig-Lindenau. Den WG-Alltag und das Studentenleben in der neuen Stadt beschreibt der 23-jährige Gaststudent ab jetzt wöchentlich auf kreuzer online.

Im Sommer zog Tobias Bernet mit Freunden von Zürich nach Leipzig-Lindenau. Den WG-Alltag und das Studentenleben in der neuen Stadt beschreibt der 23-jährige Gaststudent ab jetzt wöchentlich auf kreuzer online.

Geschichtsphilosophie aus den Schweizer Bergen

Hallo Leipzig, ich war in den Bergen! Ein bisschen Höhenenergie tanken für ein weiteres Semester in der schönen, aber ganz und gar platten Stadt. Und ich lese gerade etwas über die Berge. Genauer gesagt über die gesellschaftlichen Entwicklungen in verschiedenen Schweizer Alpenregionen um die vorletzte Jahrhundertwende. Faszinierend. Einerseits gab es da noch im zwanzigsten Jahrhundert bitterste Armut, manchmal sogar noch Hunger und Hungertote – vor allem Kinder. Andererseits gehörten manche Gegenden zu den am frühesten industrialisierten Regionen Europas. So fanden im zentralschweizerischen Kanton Glarus bezeichnenderweise in einer zeitlichen Distanz von weniger als hundert Jahren eine der letzten Hexenverbrennungen und einer der ersten Fabrikarbeiterstreiks des Kontinents statt.

Man kann die Allerweltshypothese aufstellen, dass Menschen wohl immer und überall sowohl archaisch als auch zivilisiert handeln – wobei schon diese beiden Begriffe alles andere als selbsterklärend sind. Aber mir scheint, dass in der Schweiz beide Seiten dieser noch nicht lange zurückliegenden spezifischen historischen Widersprüchlichkeit in völlige Vergessenheit geraten sind. Aus dem Bewusstsein gelöscht mit dem Sterben der Angehörigen jener Generationen, die sie noch selbst erlebt haben.

Wirkliche, totale Not leidende Armut kennen wir fast nur noch aus dem Fernsehen. Wir empfinden ein irgendwie doch distanziertes Mitleid, spenden Geld an Hilfsorganisationen und verdrängen das Ganze wieder. Mindestens ebenso perfide ist das geringe Bewusstsein für die fortschrittlichen Aspekte der jüngeren Geschichte dieses Landes. Die Schweiz – von innen wie außen häufig als eher hinterwäldlerisch angesehen – gab sich schon 1848 eine republikanische Verfassung mit freiem und gleichem Wahlrecht – zumindest für die Männer – und war damit mehrere Jahrzehnte lang in vielerlei Hinsicht der modernste Staat Europas.

Und heute? Die Zeitungen sind hier im Moment gerade voll von der »Preisgabe des Bankgeheimnisses«. Die Schweizer Regierung musste tatsächlich ihre eigene Rechtsordnung umgehen und den USA Daten über mutmassliche – aber noch nicht rechtskräftig als solche verurteilte – Steuerbetrüger aushändigen, weil diese der Schweizer Grossbank UBS sonst schlicht ihre Lizenz für Geschäfte auf amerikanischem Boden entzogen hätte. Jeder vernünftige Mensch konnte seit Jahren voraussehen, dass es in einer globalisierten Welt nicht mehr lange möglich sein würde, das Bankgeheimnis zu erhalten, das förmlich dazu einlädt, nicht versteuertes Geld hier zu verstecken.

Doch die Regierung entwickelte nie eine Strategie für einen Umbau der Finanzindustrie, der die Schweizer Volkswirtschaft weniger abhängig von diesem billigen Trick gemacht hätte, sondern verharrte in einer sturen und unrealistischen Defensivhaltung – um schließlich, sobald die neue US-Administration ein wenig die Muskeln spielen ließ, auf eine Weise einzuknicken, die man auch dann als völlig duckmäuserisch und unkorrekt empfinden muss, wenn man die Aushebelung des Bankgeheimnisses an sich für richtig hält.

So sieht keine Nation aus, die den Ehrgeiz hätte, die Modernste zu sein. Die Absenz einer umfassenden Vision oder Zielvorstellung lässt sich freilich im Bezug auf jede moderne Gesellschaft diagnostizieren. Ist das einfach der Preis für individuelle Freiheit im Sinne von »Augenarzt« Happy-Birthday-Schmidt? Wer würde die schon gegen eine Gesellschaft mit Ehrgeiz tauschen wollen? In Leipzig wüssten manche ein Lied davon zu singen, wie eine solche reichlich irre werden kann. Aber deswegen nur den Ist-Zustand mehr schlecht als recht zu verwalten, immer dort ein wenig zu löschen, wo’s gerade am unübersehbarsten brennt, das kann’s auch nicht sein. Weil unsere Lebensweise den Planeten, den wir bewohnen, zu einer tickenden Zeitbombe gemacht hat.

Amen. Nächste Woche vielleicht wieder etwas weniger Schulmeisterliches…

Kommentare, Fragen, Lob an den Autor Tobias Bernet? offcampus@kreuzer-leipzig.de
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