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Stadtleben

»Täglich klingeln Leute bei unsanierten Häusern«

Kreative diskutieren die Gentrifizierung in Leipzig

  »Täglich klingeln Leute bei unsanierten Häusern« | Kreative diskutieren die Gentrifizierung in Leipzig

Nachdem am Wochenende in der Naumburger Straße in Plagwitz versucht wurde, ein Haus zu besetzen und während des gerade stattfindenden Künstler-Austausch »Betriebsausflug« mit Hamburg, diskutierten Kreative unter dem Motto »Gentrifikation – die Geister, die wir riefen« in der Distillery genau dies.

Dort, wo man sonst Nächte durchtanzt, geht es am Montagabend beschaulich zu. Junge Leute sitzen auf Hockern, der Beamer projiziert Statistiken aus Lindenau auf die Leinwand und die drei Podiumsgäste Dieter Rink vom Helmholtz-Zentrum, Roman Grabolle vom hinzundkunz und Jens Bengelstor diskutieren auf Einladung des Vereins Kreatives Leipzig die Stadtentwicklung. Dass auch die Distillery einem Gentrifizierungsprozess weichen muss, ist zwar noch nicht klar, aber doch wahrscheinlich. Denn der Gewinner eines Entwicklungsperspektiven-Wettbewerbs sieht auf der Brachfläche des Bayrischen Bahnhofs, die sich bis zur Kurt-Eisner-Straße zieht, Familienwohnhäuser vor. »Und da passt eine Diskothek nicht rein«, erklärt Steffen Kache von der Distillery.

Idee 1: Selbst Häuser erwerben

Nach der Kultur- und Kreativarbeit als zentralem Faktor von Gentrifizierungsprozessen fragt die vom Verein Kreatives Leipzig organisierte Veranstaltung. Inwiefern erzeugt diese Art von Arbeit eine Wertschöpfung im Rahmen von Aufwertungsprozessen der Quartiere? Eine klare Antwort gibt es darauf nicht, aber viele Beispiele – von Connewitz bis zur Karl-Heine-Straße. Und vielleicht auch bald Lindenau. Roman Grabolle vom hinzundkunz zeigt, wie sich die Gegend um die Georg-Schwartz-Straße entwickelt, wo »täglich drei oder vier Leute bei unsanierten Häusern klingeln, um zu fragen, ob man da noch wohnen kann«. Er hat mit anderen Leuten gemeinsam über Erbbaurechtsverträge Häuser erworben, die nun von Kreativen genutzt werden, der Andrang sei groß.

Erbbaurechtsverträge, die für vergleichsweise wenig Geld Menschen für 99 Jahre Eigentümerrechte übertragen, sind zwar eine gute Lösung, um Mieterhöhungen und ungewollte Veränderungen zu vermeiden, nur leider vergibt sie die LWB kaum noch. Dennoch hält Grabolle ein Plädoyer dafür, möglichst selbst an Häuser zu kommen, um ungewollten Veränderungen vorzubeugen. Auch Bengelstorf von LE-Wert-Immobilien spricht sich dafür aus. Doch erklären sie selbst, dass dies für viele aus Zeit- und Kostengründen nicht machbar ist.

Idee 2: Mehr vernetzen

»Achtet ihr auch auf andere Gruppen?«, will Dieter Rink, Leiter der Stadt- und Regionalforschung am Helmholtz-Zentrum wissen. Arbeiter, Hartz-IV-Bezieher, Menschen, die schon lange in den Vierteln wohnen? Dort muss Grabolle eingestehen, dass zum Beispiel zu einem von ihm organisierten regelmäßigen Frühstücksbüffet zwar zuerst viele Nachbarn kamen, als aber junge Leute aus der Südvorstadt und Plagwitz anreisten, sie sich dort scheinbar nicht mehr wohl fühlten und nun fern bleiben.

Weitere konkrete Lösungsvorschläge sind schwer zu finden. Rink verweist aufs Beispiel des Hamburger Gängeviertels, zu deren Erhaltung sich viele Initiativen und Bewohner gemeinsam vernetzt hatten, und erklärt, dass er sich eine regere Zusammenarbeit auch hier in Leipzig wünsche. »Hier machen die einen was in der Windmühlenstraße, die anderen in Lindenau und wieder welche ihr eigenes Ding in Connewitz.« Anlässlich des gerade stattfindenden Betriebsausfluges und Austauschs mit Hamburger Künstlern sind einige Hamburger im Raum, von denen ein Gast anmerkt, dass der Protest im Gängeviertel zwar erfolgreich war, es aber dennoch die Aufgabe der Politik sei, Entscheidungen zu treffen. Ein immer wieder erwähntes Beispiel ist, dass die Stadt die Häuser der Windmühlenstraße verkauft und damit alternative Gestaltungsmöglichkeiten aus der Hand gegeben hat. Nun verdreifache sich dort fast die Miete wegen der energetischen Sanierung der Außenwand. Und dass, obwohl die Wohnungen selbst dabei noch gar nicht saniert wurden.

Gegen Ende der zwar interessanten, aber nicht sehr fruchtbaren Diskussion, in der oft erwähnt wird, wie viele Kreative doch in Leipzig tätig sind und wie vielfältig sie die Viertel bereichern, meldet sich ein Macher der IG Westkultur zu Wort und fügt an, dass inzwischen zwei Clubs – wenn auch aus unterschiedlichen und teilweise selbst verschuldeten Gründen – in Plagwitz dicht machen mussten. Das Victor Jara und Superkronik. Dort seien sowohl kreative Arbeit als auch Netzwerke ins Leere gelaufen.


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