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Wir Zonenkinder?

Suchbewegungen zwischen Ostalgie und Retro

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3. Generation Ost? Was soll das sein? Auf der Spurensuche nach einem Label für die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der jungen Vorwendegeneration.

Pittiplatsch, Moppi und Schnatterinchen: Zugegeben, sie mögen etwas plakativ für die kleine Serie stehen, die mit diesem Text auf kreuzer-online beginnt. In der aktuellen Titelgeschichte im Heft fragen wir, wie osten Leipzig wirklich ist. Unser Titelmodell Jörg Färber, im richtigen Leben Feuerwehrmann, kam an dieser Stelle bereits zu Wort. Persönliche Auseinandersetzungen mit der gefühlten »Dritten Generation Ost« sollen in den nächsten Wochen den Versuch flankieren, dem Osten in Leipzig nachzuspüren. Wissend, dass eine abschließende Antwort über Leipzig als Kollektiv nicht zu finden ist.

Ist das nicht alles längst gegessen? Nicht ganz, scheint nicht nur uns. Der Osten ist offensichtlich noch immer eine Himmelsrichtung mit besonderer Bedeutung, der emotional aufgeladene Arm der Windrose. Das deutet auch das Buch von Leipziger Politikwissenschaftlern an, das mit dem klingenden singenden Titel »Der ›Ossi‹. Mikrostudien über einen symbolischen Ausländer« daherkommt: »›Ostdeutsche‹ gelten je nach Konjunktur sozialer und politischer Probleme als besonders umbruchserfahren, änderungsresistent oder rechtsradikal.«

Bereits im vergangenen Jahr erschien der Sammelband »Dritte Generation Ost«, der aus dem gleichnamigen Projekt entstanden ist. Darin berichten 30 Autorinnen und Autoren über ihre Erfahrungen als Wendekinder, dokumentieren Alltagssituationen und vertreten verschiedene Positionen zur 3. Generation Ost. Mit diesem Titel meinen die Herausgeber alle Menschen, die als Kinder in der DDR gelebt haben, die Zäsur 1989 bewusst erlebten und im vereinten Deutschland aufgewachsen sind – also die Jahrgänge 1975 bis 1985. So schwierig der Generationsbegriff auch immer ist, so ist der Versuch, gemeinsame Erfahrungen zu artikulieren, allemal interessant.

Das führt natürlich im Buch zu ganz unterschiedlichen Texten und Haltungen. Auch hier schimmern jene Verallgemeinerungen durch, die schon Jana Hensels »Zonenkinder« so schwer erträglich machten. Wenn etwa die Autorin des ersten Beitrags meint, dass die Schule in der DDR eine einzige Abrichtungsanstalt gewesen sei, als ob sich Lehrer nicht auch kleine Freiräume hätten leisten können, wenn sie denn gewollt hätten, entsteht so ein gleichmachendes Zerrbild. Wenn andererseits diese in Umbruchszeiten aufgewachsene Generation zu den wirklichen Gestaltern der Zukunft, die krisenerprobt, pragmatisch, integrativ und engagiert hochstilisiert wird, dann muss das skeptisch stimmen. Das mag ja auf einige zutreffen, eben vielleicht gerade jene, die ihren Karriereweg erfolgreich gestartet haben und sich zum Beispiel in dieser Buchform äußern können. Aus all jenen DDR-Jahrgängen aber quasi die besseren Menschen mit einem besonderen Sinn für Freiheit und Toleranz zu machen, überzeugt nicht. Und wenn den Mitgliedern des mörderischen »Nationalsozialistischen Untergrund« abgesprochen wird, Teil dieser Generation zu sein, dann muss gefragt werden, ob es sich nicht eher um Fiktion und Wunschvorstellung denn um eine Beschreibung des Vorgefundenen handelt.

Nichtsdestotrotz: Das Buch ruft zur Debatte und daran wollen wir uns gern beteiligen. Achten Sie also in den nächsten Wochen auf Pittiplatsch, Moppi und Schnatterinchen. Das Sandmännchentrio wird entsprechende Einmischungen kennzeichnen. Und wenn Sie Lust und Interesse haben, dann diskutieren Sie einfach mit oder Sie reichen selbst einen Beitrag ein zur gefühlten 3. Generation Ost.

»Dritte Generation Ost«, Ch. Links Verlag: Berlin 2012, 262 S., 14,90 Euro

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2 Kommentare

  1. Onlineredaktion | 5. April 2013 | um 17:36 Uhr

    Sehr gerne. Den Text bitte einfach an an tpr@kreuzer-leipzig.de schicken, maximal 4000 Zeichen. Wir sind für alles offen und freuen uns auf Erlebnisse und Eindrücke, können aber, wie bei Leserbeiträgen üblich, eine Veröffentlichung nicht hundertprozentig garantieren.