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Malven in der Flugasche

Wir Zonenkinder? Suchbewegungen zwischen Ostalgie und Retro

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Mit dem Label »3. Generation Ost« lassen sich Bücher verkaufen. Zu einem besseren Ort wird die Welt damit nicht.

Wenn das Violinen-Solo von Citys Hit »Am Fenster« eine Fernsehdokumentation einleitet, kann man darauf wetten, dass hier ein Ost-Thema verhandelt wird, ein Thema also, von dem die Macher annehmen, dass es Ossis eher interessiert als Wessis. Der Wiedererkennungswert der Violine wird somit vor allem Ossis unterstellt, dabei soll das Lied auch im Westen sehr erfolgreich gewesen sein. Erschienen, als einige Jahrgänge der sogenannten »3. Generation Ost« schon geboren waren, erlaubt »Am Fenster« als Einstiegsmusik einen Einblick in die heutige Bundesrepublik: Die einen wissen ohne Erläuterung, worum es geht, die anderen blicken auf die Parallelwelt der seltsamen Brüder und Schwestern aus dem Osten, die auf diese Weise verschlossen und damit suspekt bleibt. Ich weiß nichts darüber, wie Menschen in Nordhessen die Jahre der deutschen Teilung verbracht haben, über die Menschen im Osten meint man Bescheid zu wissen. Auf diesem Boden blühen Gerüchte und Verdächtigungen der Form, dass Wessis mehr Ahnung von BWL haben als Ossis, qua Geburt und Muttermilch sozusagen; dass der Ossi an und für sich arbeitsfaul, autoritär, rechts und – andererseits – umbruchserfahren und anpassungsfähig ist.

Weißer Fleck Nordhessen

In der (übrigens gar nicht lustigen) Komödie »Vatertage« aus dem Jahr 2012 gibt es eine Person aus Bitterfeld, die sächselt, obwohl man in Bitterfeld weit davon entfernt ist, Sächsisch zu reden. Ein anderes und viel eklatanteres Beispiel ist »Sushi in Suhl«, ebenfalls aus dem letzten Jahr. Die Hauptfigur wird von Uwe Steimle gegeben, der Mann für ein Fernsehsächsisch, das nicht aufhört zu behaupten, bei »Ei verbibscht« oder »Fissemadendschen« handele es sich um idiomatisches Sächsisch. In Suhl spricht man zwar Fränkisch mit thüringischem Einschlag, aber was soll’s. Man stelle sich einen ähnlichen Fall im Westen vor: ein Film, der in Nürnberg spielt, in dem die Darsteller aber allesamt auf Münchnerisch daherkommen – ein Aufschrei wäre durchs Land gegangen. Beim Osten ist es o.k., mit dem Osten kann man es machen, Harald Schmidt hat auf diese Weise (irgendwie die Vokale dunkler, Konsonanten immer stimmhaft) über die Jahre viele Lacher eingeheimst.

Psychologen und Kognitionswissenschaftler können besser als ich erklären, dass man sich das Leben in der Welt und den Umgang damit erleichtert, wenn man nicht immer allzu differenziert vorgeht, sondern rastert, Vorurteile pflegt, Schubladen anlegt. Wenn ich wegen meines Geburtsjahrs in die Schublade »3. Generation Ost« gehöre, was sagt das dann über mich? Dass ich weniger von Wirtschaft weiß als Gleichaltrige aus dem Westen? Dass ich autoritär, aber »umbruchserfahren« bin? Dass ich mich aufrege, wenn Dialekte falsch dargestellt und alle zwischen Rügen und Fichtelberg (der höchste Berg der DDR) über einen Kamm geschert werden? Vertreter der Generation vor mir fechten mir wenig verständliche Kämpfe aus, freilich nur mit sich, wenn sie sich auch im Jahre 2013 im Kabarett darüber empören, dass die Wessis »hier« alles an sich reißen und die ostdeutschen Funktionäre von früher die Emporkömmlinge von heute sind, natürlich als Adepten der »Besserwessis«. Gerade in Leipzig versuchen sich dieselben oder andere Vertreter dieser Generation immer wieder am Totschlagargument: »Dafür bin ich damals nicht um den Ring gelaufen …« Einer vervollständigte diesen Satz vor drei Jahren in der Zeitung mit » … dass die jungen Leute demonstrieren gehen« und zielte damit auf eine komplett demokratisch orientierte Demo, an der auch ich teilgenommen hatte. Ich fragte mich, wofür er eigentlich dann um den Ring gelatscht ist? Für die D-Mark?

»Ei verbibscht« zwischen Rügen und Fichtelberg

Vor einigen Jahren fragte mich in einem Bed and Breakfast im nordirischen Derry/Londonderry ein älterer Herr aus Irland beim Frühstück, wie ich den Moment des Mauerfalls erlebt hätte und ob ich damals nicht unglaublich erleichtert gewesen wäre. Der Hinweis auf mein vergleichsweise junges Alter genügte nicht, er bohrte weiter, ungeachtet der Tatsache übrigens, dass ich dort an diesem Tisch meinen Mund eigentlich nur öffnen wollte, um Bohnen, Eier, Black Pudding, Toast und Grapefruit-Kompott hineinzuschieben. Er hatte Bilder von einem Schreckensstaat im Kopf, die er auch in meinen Erfahrungen bestätigt wissen wollte. Man kann es dem Herrn aus dem doch eher entfernten Dublin nachsehen. Als die Mauer fiel, war ich neun, die DDR hat also folglich einen Großteil meiner Kinderjahre bestimmt. In der Erinnerung erscheint meine Kindheit als ein einziger nicht enden wollender, glücklicher, lichtdurchfluteter Sommer. Dieser Sommer hat nichts mit dem viel beschworenen Grau des real existierenden Sozialismus zu tun und das, obwohl ich beim Spielen meine ersten, heute kaum noch einsetzbaren botanischen Kenntnisse erwarb: Malven wachsen prima in der Flugasche aus dem Leuna-Werk.

Die DDR war glücklicherweise vorbei, bevor meine Kindheit es war und ich anfangen konnte, Probleme zu haben oder durch opportunistisches Verhalten aufzufallen – immerhin habe auch ich einen Moment lang bedauert, dass ich wegen der neuen Verhältnisse nun kein Thälmannpionier mehr sein würde. Ja, Pionier, nicht Pionierin: vermeintlich »generisches Maskulinum« in einer von ein paar alten Säcken als gleichberechtigt erklärten Welt.

Die Mauer als Raumteiler der Schublade

Ich bin in einen Staat hineingeboren worden, ohne dass ich gefragt worden wäre, ob ich darin leben will, das liegt in der Natur der Sache. Als es daran ging, diesen Staat abzuschaffen, war »meine« Generation zu jung, um utopische »In welcher Welt wollen wir leben«-Gedanken zu formulieren. Wie sich gezeigt hat, hätte es auch nichts gebracht, denn am Ende allen Laufens um den Ring oder anderswo entlang kam Kohls BRD, der grüne Abbiegepfeil blieb, blühende Landschaften ließen auf sich warten. Übrigens nennt man seitdem die BRD Deutschland und auch für diejenigen, die in und von der DDR profitiert haben, ist es ein Muss, sich vom Ex-Staat zu distanzieren. Die sprachliche Markierung der größtmöglichen Distanz lautet »ehemalige DDR«. Dass die DDR Vergangenheit ist, dürfte zwar bekannt sein und übrigens käme niemand auf die Idee zu sagen »das ehemalige Kaiserreich« oder »das ehemalige Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg«. Andere sprachliche Markierungen machen jenseits des Dialekts die Herkunft und manchmal auch die Generation deutlich, betonen aber nicht »Ich hatte damit nichts zu tun«: Baby-Jahr statt Elternzeit, Polylux statt Tageslicht- oder Overheadprojektor, Broiler statt Brathähnchen oder (ironisch natürlich) Kollektiv statt Team. In unseren ironischen Zeiten, in denen man sich gerne retro auf alte Zeiten bezieht, holen gerade Menschen der sogenannten 3. Generation weitere Begriffe wie Nicki für T-Shirt bewusst wieder raus, um sie erheitert zu kommentieren; in Berlin – so hört man zumindest – gefällt man sich darin, die alten Straßennamen zu verwenden, also etwa Dimitroff- statt Danziger Straße. Mag aber sein, dass das nur gebürtige Schwaben machen, Leute also, die in eine andere Generationenschublade gehören, aber auf jeden Fall in dieselbe Kommode, in der ich mich auch befinde.

Interessanterweise kommt »Pantalons«, um die Wende herum der temporäre Begriff für Leggins, nicht wieder. Psychologen wissen nicht nur über Reizverarbeitung Bescheid, sie sind es auch, die erklären können, wie Erinnerung funktioniert und inwiefern man der Erinnerung an die Kindheit trauen kann. Bei vielen Phänomenen nämlich stellt sich mir die Frage, ob sie rein privat in meine Kindheit gehören, ob sie Phänomene der DDR sind oder ob das einfach die Achtziger waren. Man schaue sich nur die aktuell wiedergekehrte Mode im Bereich Brillen, Jacken, Hosen, Frisuren und Handtaschen an.

Individuell: Distinktion ist alles

Sehen wir mal von »TKKG«, »Spuk unterm Riesenrad« und solcherlei Dingen ab, hat, wer in Esslingen aufgewachsen ist, wohl wenig mit denen gemein, die zur gleichen Zeit in Elmshorn Hörspiele gehört haben. Ähnliches dürfte für Bad Liebenstein und Schwerin gelten und vielleicht sind die Gemeinsamkeiten zwischen Schwerin und Rostock sogar größer. Auch wenn die westdeutschen Altersgenossen der »3. Generation Ost« nicht erlebt haben, dass Arbeitslosigkeit irgendwie zum Erwachsensein dazuzugehören scheint, soll ja mittlerweile sogar dort die »Anti-Hartz-IV«-Front bröckeln: Diejenigen, die sich auch drüben von einem prekären Job zum nächsten hangeln, verlieren langsam, aber sicher ihr Unverständnis dafür, dass man auf den Durststrecken dazwischen ALG II beantragt, statt wieder Mutti und Vati auf der Tasche zu liegen. Diese Tasche ist im Osten übrigens durchschnittlich sowieso nicht so prall gefüllt – Stichwort Vermögensbildung –, als dass es sich darauf weich läge.

Ach ja, jenseits vom Privaten wäre dann da noch die Demokratie. Staat ist längst wieder, was einem passiert, auch denen, die sich die Ochsentour durch eine Partei antun, um dann das Volk zu repräsentieren oder eben Staat zu machen. Dort wie jenseits davon ist kein Platz für ernsthafte gesellschaftliche Debatten oder gar für Wünsche an den Kosmos. Die »3. Generation Ost«, sofern davon die Rede sein kann, ist bisher nicht öffentlich durch Weltverbesserungsgedanken aufgefallen. Dabei haben »wir« doch schon in jungen Jahren erlebt, dass Weltverbesserung mindestens denkbar ist, nichts bleiben muss, wie es war und folglich alles hinterfragt werden darf und auch soll. Der Pluto ist kein Planet mehr, Pilze kein Gemüse und statt Bruttoregistertonne sagt man lange schon Bruttoraumzahl. Alles kann morgen anders sein. Der Ring ist übrigens immer noch da und wartet darauf, belatscht zu werden. Aber bitte nicht wegen dieser D-Mark.

Dieser Artikel gehört zu einer Reihe von Texten, in denen sich kreuzer-Autoren – angeregt vom Buch »Dritte Generation Ost« – auf Spurensuche nach einem Label für die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der jungen Vorwendegeneration begeben. Im vorherigen Text wollte Tobias Prüwer den »Konsens kaputt kloppen«.

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