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Lebenshungrig und verkifft

Die Kinostarts der Woche im Überblick

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Diese Woche lieben wir vor allem die Happy-Ends. Sie tanzt, sie flirtet, sie lacht, sie flucht: Die 58-jährige Gloria lässt sich nach einer gescheiterten Ehe und einer verkorksten Liebschaft nicht aus der Fassung bringen. Die apokalyptische Spaßgranate von Seth Rogen und Evan Goldberg dürfte wohl die Gemüter spalten. Einigen in der Redaktion hat’s jedenfalls großen Spaß bereitet, Rogens grobschlächtigem Humor zu lauschen und mit ihm und seinem hoffnungslosen Schauspielerhaufen durch ein schrottiges Hollywoodszenario zu tapsen. Und dann gibt es noch jene, die am Wochenende ihre Alltagskluft niederlegen und sich ein orkgleiches oder ritterliches Gewand überwerfen und in Rollenspielen den Kampf Gut gegen Böse zelebrieren. Ach ja, und Johnny Depp hat einen großen Vogel.

»Chile ist voll von Glorias«, sagt der Filmemacher Sebastián Lelio. Von Frauen, mit denen es das Leben oft nicht allzu gut gemeint hat und die sich dennoch nicht unterkriegen lassen. Diese Sicht auf die Generation seiner Mutter exemplifiziert Lelio auf ganz entzückende Weise an der charismatischen Gloria in seinem gleichnamigen Film. Die 58-Jährige ist geschieden, die Kinder sind längst aus dem Haus. Doch statt sich der Einsamkeit hinzugeben, tanzt und singt sich Gloria auf Single-Partys die Seele aus dem Leib und flirtet, was das Zeug hält. Als sie Rodolfo kennenlernt und sich in ihn verliebt, glaubt Gloria, ihr neues Glück gefunden zu haben. Doch was leidenschaftlich anfängt, wird bald schon zum unermüdlichen Spießrutenlauf. Paulina Garcías vielschichtiges Spiel verleiht der Hauptfigur eine ungeheure Sogkraft. Der Film konzentriert sich ganz auf ihren Blickwinkel. Es gibt kaum eine Szene, in der Gloria nicht präsent wäre – und das obwohl sie die meiste Zeit im Film lediglich am Rande steht und die anderen beobachtet. Die wirklichen Ereignisse spielen sich im Leben der anderen ab. Ihre Tochter entscheidet sich für ein Leben fernab der Heimat und Rodolfo scheitert immer wieder daran, sich von seinen erwachsenen Töchtern zu emanzipieren. Diese Beharrlichkeit, mit der sich Lelio auf Glorias Standpunkt stützt und seinen Film um sie herumbaut, lässt den Zuschauer auf wundersame Weise zu ihrem Verbündeten werden. Gemeinsam mit Gloria schauen wir zu, wie sich die Dinge um sie herum immer mehr verselbständigen und gehen mit ihr auf einen der wohl unterhaltsamsten Rachefeldzüge gegen einen verflossenen Liebhaber.

»Gloria«: ab 8.8., Passage Kinos

Von einem skrupellosen Adligen um sein bestes Pferd und seinen treuesten Knappen betrogen, sinnt der Pferdehändler Michael Kohlhaas auf Rache. Er legt Beschwerde ein, findet aber kein Gehör. Kohlhaas wird als Querulant abgestempelt. Doch sind es gerade die Unbeirrbaren, die etwas aufrecht erhalten, was viele zu schnell verloren geben: die Hoffnung. Einen hoffnungsvollen Traum hat auch der junge Regisseur Lehmann (Robert Gwisdek), der den Kleistschen Novellenstoff opulent in Szene setzen möchte: Leipzig soll brennen! Doch einen Tag nach Drehbeginn werden Lehmann die Fördergelder gestrichen, die Produzenten springen ab. Mit seiner Crew quartiert er sich kurzerhand in einem kleinen bayerischen Dorf ein und kann die Bewohner überzeugen, ihm zu helfen. In dokumentarischem Stil erzählt Aron Lehmanns »Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel« von der Vision, Geschichten zu erzählen, und von den Widrigkeiten, die einem auf diesem Weg begegnen können. Und es ist kein Zufall, dass er seiner Hauptfigur nicht nur seinen Beruf, sondern auch seinen Namen geliehen hat. Lehmann musste zwar für sein Langfilmdebüt nicht ganz ohne finanzielle Mittel auskommen, war aber trotzdem auf die Unterstützung seines Heimatdorfs angewiesen. Der Jungregisseur appelliert an die Fantasie der Zuschauer, ebenso wie es die Filmfigur Lehmann tut. Crew und Dorfbewohner raufen sich zusammen: Mit Luftschwertern rennen sie gemeinsam durch die Wälder, schlagen auf Baumstämme ein und kämpfen gegen imaginäre Feinde. »Kohlhaas« funktioniert als Plädoyer für mehr Mut und für mehr Fantasie beim Filmemachen und -schauen. Die ganze Kritik können Sie im aktuellen kreuzer nachlesen.

»Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel«: ab 8.8., Schaubühne Lindenfels, ab 22.8., Kinobar Prager Frühling

Johnny Depp mit totem Vogel auf dem Kopf, den er dennoch immer füttert. Ein weises, weißes Pferd, das eine Macke hat. Eine wilde Lady, die mit ihrem Elfenbein auf Gangster schießt. Eine Dampflok, die nicht mehr zu stoppen ist. Ein Spießer, der zum Gesetzlosen wird. Cowboyhüte, Knarren, Seelenwanderer. Sie hat schon viel Potenzial, diese Western-Adaption, die das Dreiergespann Johnny Depp, Gore Verbinski und Jerry Bruckheimer gedreht hat, das sich auch schon für die Fluch der Karibik-Reihe verantwortlich zeigte. Doch kommt »Lone Ranger« leider bei Weitem nicht an den ersten Teil der Flüche ran. Zu wenig Witz, zu lange Actionszenen, zu viel Klischee. Die Story lässt sich als irgendwo schon mal gesehen zusammenfassen: Langweiliger Mann kommt mit Freak zusammen, sie müssen sich unfreiwillig gemeinsam durchkämpfen, lernen viel voneinander – und am Ende kriegt der gar nicht mehr so langweilige Mann die schöne Frau und der Freak führt sein einsames, wildes Leben weiter. Zwischendrin gibt es grandiose Aufnahmen, todesmutige Stunts, viele Explosionen und coole Sprüche und einen Bösewicht, der Menschenherzen frisst. Aber auch wenn man ständig lachen muss, wollen einen die zweieinhalb Stunden Popcornkino einfach nicht mitreißen. Die ganze Kritik können Sie im aktuellen kreuzer nachlesen.

»Lone Ranger«: ab 8.8., Cineplex im Alleecenter, CineStar, Regina Palast

Das wichtigste Versprechen des Kinos ist, das Publikum mit auf eine Reise zu nehmen und kaum ein Regisseur kommt dieser Pflicht mit so viel Enthusiasmus nach wie Danny Boyle – egal ob der Weg in das schottische Drogenmilieu (»Trainspotting«), in die überfüllten Straßen von Mumbai (»Slumdog Millionaire«) oder in eine Felsspalte in Utah (»127 Hours«) führt. In seinem neuen Film »Trance« ist das nicht anders, nur dass die Reise nicht in ferne Länder geht, sondern ins menschliche Hirn. Ebenda liegt eine Erinnerung begraben, die geschätzte 25 Millionen britische Pfund wert ist. Das Gehirn gehört Kunstauktionator Simon (ideal besetzt: James McAvoy), der sich mit einer Bande von Kriminellen verbündet hat, um Goyas berühmtes Gemälde »Flug der Hexen« zu stehlen. Aber bei dem sorgfältig geplanten Coup hält sich Simon nicht ganz an die Verabredung – mit der Folge, dass das wertvolle Kunstwerk ebenso verschwindet wie Simons Erinnerung. Deshalb wird Simon zu einer Hypnosetherapeutin geschickt. Das ist der Ausgangspunkt für ein kunstvoll gefertigtes Plotlabyrinth. Was als Gangsterstory mit einem klassischen Coup beginnt, wandelt sich zu einem psychologischen Verwirrspiel, das tief hinein ins Spiegelkabinett unkontrollierter Emotionen und verdrängter Erinnerungen führt. Die ganze Kritik können Sie im aktuellen kreuzer nachlesen.

»Trance«: ab 8.8., Passage Kinos

Die Apokalypse hat sich vor James Francos Palast niedergelassen und verschlingt einen Hollywoodstar nach dem anderen. Erst macht sie Michael Cera den Garaus, dann lässt sie Rihanna in der Tiefe versinken. Seth Rogen und Jay Baruchel, die sich neben Jonah Hill oder auch Danny McBride in Francos Villa retten können, basteln angesichts der unaufhaltbaren Bedrohung von außen nun an einer oder vielleicht auch vielen Überlebensstrategien. Sie verschließen das Haus mit Tape, hämmern die Türen mit Brettern zu und werfen einen Blick aufs Proviant. So viel sei gesagt: Ein Milky Way war wohl noch nie so beliebt. Es wird allerhand gefachsimpelt, geprügelt, gevorwürfelt und gekifft. »Das ist das Ende« ist eine wunderbar spaßige und unterhaltsame wie auch absolut schrullige Sommer-Blockbuster-Komödie – und irgendwie ganz schön sympathisch.

»Das ist das Ende«: ab 8.8., Cineplex im Alleecenter, Regina Palast

Jeden Sommer kann man auf den großen Wiesen des Mittellandes beobachten, wie Hunderte von Rittern und Zauberern gegen Heerscharen von Orks antreten und um das Schicksal der Erde kämpfen. Am Abend kehren all diese Kämpfer dann wieder in ihr normales Leben zurück, stehen morgens auf und gehen zur Arbeit. Inzwischen gibt es in Deutschland über 250.000 Rollenspieler. Andreas Geiger begleitete fünf dieser begeisterten Kämpfer bei ihrem ständigen Wechsel zwischen Alltag und Rollenspiel.

»Wochenendkrieger«: ab 8.8., LURU-Kino in der Spinnerei

Weitere Filmbesprechungen und -tipps finden Sie hier und in unserer Printausgabe.

Gute Unterhaltung im Kinosessel!

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