Startseite / Politik / »Eine Krake aus Ungeheuerlichkeiten«

»Eine Krake aus Ungeheuerlichkeiten«

Sebastian Hartmann über Vorwürfe, Überschüsse und Freigetränke

Sebastian Hartmann, Foto: R. Arnold/CT Größeres Bild

Starker Vorwurf: Der ehemalige Schauspiel-Intendant Sebastian Hartmann soll seinem Nachfolger Enrico Lübbe 400.000 Euro Außenstände vermacht haben. Im Gespräch mit kreuzer-online bezieht Hartmann Stellung.

kreuzer: Wie haben Sie vom Vorwurf, Enrico Lübbe ein erhebliches Defizit hinterlassen zu haben, erfahren?

SEBASTIAN HARTMANN: Aus der Presse. Es hat niemand vorher angerufen à la »Hallo Herr Hartmann, wir haben da ein Problem, das müssen wir gemeinsam lösen«.

kreuzer: Hatte die Stadt mit Ihnen Kontakt aufgenommen?

HARTMANN: Nein. Ich habe versucht, die Verwaltungsspitze zu kontaktieren, die hat sich verweigert. Aber was soll ich denn nun machen? Ich kann ja nicht meinen Nachfolger anrufen, der mich des Defizits bezichtigt, um das mit ihm zu klären. Wenn er trotz Controlling und Monatsabschlüssen erst nach drei Monaten feststellt, dass da was nicht stimmt, hätte er da nicht vielleicht zuerst zu mir Kontakt suchen können?

kreuzer: Sie haben keine Erklärung für den Vorwurf?

HARTMANN: Ja, ich weiß nicht, worauf er sich bezieht. Wir haben seriös gerechnet und unser Mantra war seit einem Jahr, den Übergang zu Enrico Lübbe so geräuschlos und gut wie möglich zu machen. Allerdings haben wir nie angekündigt, irgendwelche Überschüsse für ihn zu produzieren, sondern im Gegenteil immer gesagt, dass wir bis zum Schluss mit dem Haus und Ensemble arbeiten werden.

kreuzer: Damit beziehen Sie sich auf die Aussage des heutigen Schauspiel-Pressesprechers Matthias Schiffner, dass Sie einen Überschuss versprochen hätten, der nun fehle und in der virtuellen Bilanz negativ zu Buche schlage?

HARTMANN: Genau. Wir haben im Rahmen des Umbaus für die Festspiele auf Aufforderung der Partei Die Linke im Frühjahr 2013 einen möglichen Überschuss in Aussicht gestellt, aber nicht für die Spielzeit. Der Wirtschaftsplan ist ja auch im Netz öffentlich einsehbar. Und da haben wir, was die letzte Spielzeit angeht, ziemlich keulen müssen. Wir mussten ja die Tarifsteigerung kompensieren und da ging es um rund eine Million. Wir haben unsere Spielzeit daher mit einer Null geplant und die steht dort auch für jeden lesbar. Wir sind aber im April damit konfrontiert worden, dass die konservativ gerechneten Effekte der Arena tatsächlich einen Überschuss ausweisen. Wir haben aber niemals gesagt, dass wir einen Überschuss an Herrn Lübbe übergeben werden. Es ist doch selbstverständlich, wenn sich durch Effekte Mittel auftun, dass ich damit etwas künstlerisch tue. Und wir waren doch nicht verschwenderisch. Wir haben den Arenabau mit Werkstattstunden der letzten Spielzeit kompensiert und mit der Einheitsbühne gespart. Wir hatten 2012 ein positives Jahresergebnis und haben Herrn Lübbe noch Geld für seinen Intendantenetat zukommen lassen. Aber von einem versprochenen »ordentlichen sechsstelligen Bereich« für die neue Intendanz, wie Schiffner sagte, steht nichts im Wirtschaftsplan.

kreuzer: Wie ist denn der Intendanzwechsel gelaufen? Haben Sie im Juli/August die Bücher übergeben?

HARTMANN: Normalerweise ist in einem Theater das Wirtschaftsjahr die Spielzeit. Das ist in diesem Jahr anders, das Wirtschaftsjahr endet mit dem Dezember. Es war so geplant, dass Volker Ballweg weiter Verwaltungsdirektor bleibt. Dass ihn die Verwaltungsspitze dann beurlaubt, ist ja eine kulturpolitische Frage. Komischerweise wird hier nicht hinterfragt. Wenn jetzt im November nach Monaten ohne Verwaltungsleiter moniert wird, wir hätten schlecht gearbeitet oder Schlimmeres, frage ich mich, was da los ist. Da ist jetzt ohne Rücksprache, ohne testierte Ergebnisse eine Zahl von 400.000 in die Welt gesetzt. Warum hat denn die gleiche Verwaltung vor knapp einem halben Jahr noch etwas anderes ausgerechnet? Warum haben sie nicht schon damals Alarm geschlagen?

kreuzer: Es heißt, Ihr Vorgänger Wolfgang Engel habe Ihnen einen Überschuss vermacht.

HARTMANN: Der Überschuss kam nicht durch den damaligen Intendanten Wolfgang Engel, sondern von der Oper, also den Werkstätten. Engel hat in seiner letzten Spielzeit sehr wenig produziert und das effizienteste Theater ist immer das, welches nicht produziert. Ich möchte über Wolfgang Engels Vorgehen nicht urteilen, aber er hat nicht gesagt: Hier, lieber Sebastian, hast Du Startgeld. Er hat ja keinen Überschuss produziert. Es gibt eine Pflichtausgabe für die Werkstatt der Oper und wenn du den nicht nutzt, kannst du hoffen, dass du diesen zurückbekommst. Das Geld habe ich mir vom Betriebsausschuss Kultur und vom Stadtrat dann bestätigen lassen.

kreuzer: Der Medien-Vorwurf, auf Schloss Beesenstedt hätten Sie eine Privatparty gefeiert, ist mittlerweile vom Tisch – es war eine normale öffentliche Veranstaltung. Hätten Sie die aber nicht im großen Haus in der Bosestraße realisieren können, wie Kritiker meinen?

HARTMANN: Wir wollten immer mit den »Weißen Nächten« die Spielzeit abschließen. Das hätten wir aber im Haus nur auf Kosten der Nachfolgeintendanz machen können, indem wir ihr durch die Umbauarbeiten keine Bauproben hätten garantieren können. Wir haben das also gemacht, um den Ablauf für die neue Intendanz zu schützen. Daher haben wir uns entschieden, hinauszugehen, auch weil wir finanziell noch Spielraum hatten. Daraus haben wir dann den konzeptionellen Ansatz erarbeitet, einen Ort zu erfinden, an dem wir die Gesichter und Themen der fünf Jahre zusammenbringen und aus gewisser Distanz eine Erinnerung schaffen können. Auch der Abschluss am Haus lief korrekt. Wenn ich da immer wieder von Freigetränken höre, kann ich nur sagen: Die waren von Hermann Nitsch gesponsert und als sein Kontingent alle war, mussten die Leute bezahlen.

kreuzer: Sie hatten – von allen finanziellen Erörterungen mal abgesehen – eine positive Bilanz Ihrer Intendanz gezogen?

HARTMANN: Dass wir uns nicht missverstehen: Ich bin nicht aus Leipzig weggegangen mit dem Gefühl: Juhu, geil, was ich da alles geschaffen habe! Wir haben aber ein Theater hinterlassen, das in diesem Jahr unter allen deutschen Theatern unter Platz drei gerechnet wurde. Wir haben Publikum verloren, aber auch viele neue Menschen ins Haus geholt. Das Theater war beim Theatertreffen, bei den Ruhrfestspielen, beim Studententreffen hat es den Publikumspreis bekommen. Es gibt heute genügend Schauspielstudenten, die im Spinnwerk angefangen haben. Auch vom Feuilleton aus gesehen, standen wir stabil da. Aber die anderen, grundlegenden Fragen bleiben natürlich im Raum. Was will ein Stadttheater überhaupt sein? In Leipzig? Wie bekommt man ein Publikum, was bedeutet das?

kreuzer: Wie geht’s jetzt weiter, sind Sie nun nach einer guten Woche vom Theater oder von der Stadt eingeladen worden, Stellung zu nehmen?

HARTMANN: Ich bin von niemandem eingeladen worden, bin rein mit den Vorwürfen in der Presse konfrontiert. Akteneinsicht habe ich ja auch nicht. Bei solch lauten Rufen nach Regress usw. blieb mir nichts anderes übrig, als mich anwaltlich zu schützen. Es ist etwas sehr Unangenehmes, in Selbstverteidigung gehen zu müssen, wenn du aus deiner Sicht seriös geplant hast. Ich fühle mich wie in einem 70er-Jahre-Psychothriller, wo man sagt, jetzt gab es den Showdown – es war mit und um Hermann Nitsch ja nicht gerade ruhig –, aber jetzt ist es zu Ende, du hast dich als Intendant verabschiedet, arbeitest an Neuem. Und plötzlich tut sich eine Krake aus Ungeheuerlichkeiten auf. Da frage ich mich, welche Geister sind da gerade losgetrampelt? Habe ich die gerufen oder wer ruft die?

Kommentieren

Dein Kommentar

4 Kommentare

  1. Michael | 14. November 2013 | um 15:09 Uhr

    Das ganze mutet an wie eine Diskreditierung im nachhinein. Hier wird noch einmal kräftig nachgetreten. Und die LVZ reitet erbarmungslos eine Kampagne gegen Herrn Hartmann. Das ist schlechter Stil. Noch schlechter ist, dass Herr Lübbe mitmacht und den Stein ins Rollen brachte. Management heißt Dinge zu klären mit der Verwaltung und allen Beteiligten und am besten ohne Presse. Ist er dazu nicht in der Lage? Wie soll man von jemanden neues Theater erwarten, der über die Bande spielt und ohne was zu leisten sich erst einmal in gutes Licht bringen will.
    Aber es scheint, auch die LVZ hat Lust, den alten Indendanten unbedingt negativ ins Gedächtnis der Leipziger zu schreiben. Schaut man sich die Leser an, die 60+, werden alle sagen, ja nur Chaos und Zerstörung. Wer aber wirklich auch mal bei Hartmann auf dem Theaterstuhl saß – und das waren die wenigsten der LVZler – , sah viel Poesie und Hoffnung. Schade, die letzten fünf Jahre waren spannend, wenn auch nicht immer gut. Ich persönlich hab nach solchen Fingertricks von Lübbe keine Lust mir sein Theater anzuschauen. Müssen wir also die nächsten 5 Jahre nach Berlin oder sonstwohin fahren, um die absehare Ödnis hier zu ertragen.

    P.S. Schade, dass soviele Kulturleute die Vorverurteilung nicht hinterfragten und sich auch echauffierten.

  2. Vincenzo | 14. November 2013 | um 16:38 Uhr

    Ich sehe das genauso wie Kommentator Michael.

    Hinzufügen möchte ich, dass mich nicht nur das Verhalten von LVZ (ist aus der Ecke wirklich nur Schmutz zu erwarten?) und einigen Kulturleuten enttäuscht, sondern auch das von der Stadt, allen voran Hasberg (also Jung), und von einigen Stadtpolitikern. Die von diesen Leuten getroffenen Aussagen sind einfach nur beschämend.

  3. julia | 16. November 2013 | um 22:29 Uhr

    Ich schätze mich glücklich, die Hartmann – Intendanz in Leipzig miterlebt zu haben. Die haben in der Zeit richtig mutige Sachen gemacht. Dass eine Institution wie das Stadttheater dem Publikum Formen wie die Weiße Nacht auf Schloss Beesenstedt zuzutraut ist leider nicht selbstverständlich.