Startseite / Filmkritik / Souverän durchs Milieu

Souverän durchs Milieu

Die Kinostarts im Überblick und was sonst noch so Filmisches in der Stadt geschieht

scherbenpark Größeres Bild

Bettina Blümner (»Prinzessinnenbad«) erzählt ein einfühlsames wie unaufdringliches und unterhaltsames Jugenddrama. Der neue Leipziger Verleih Weltkino von Michael Kölmel präsentiert seinen ersten Kinostart mit François Ozons neuem Film »Jung & Schön«. Gleich zwei indische Filme finden in dieser Woche den Weg auf die Leinwand, verbreiten bittersüße Lunchbox-Botschaften und erzählen noch einmal die Geschichte von Romeo und Julia. Hinzu kommen ein groteskes Kammerspiel, ein feinfühliges Geschwisterdrama, die Hungerspiele werden actionreich fortgesetzt und De Niro streift sich noch mal den Mafiosi-Anzug über. Das Cineding zeigt zum DVD-Start der »Mansfeld«-Trilogie noch einmal alle drei dokumentarischen Reisen ins Mansfelder Land von Mario Schneider. In der Schaubühne wird dem sächsischen Nachwuchs die Ehre erwiesen beim 3. Schülerfilmfestival.

Mit »Prinzessinnenbad« legte Bettina Blümner ein viel beachtetes Regiedebüt vor und bekam den Deutschen Filmpreis für den besten Dokumentarfilm. Nun verfilmt sie den Roman von Alina Bronsky aus dem Jahr 2008. Dessen titelgebender »Scherbenpark« bezeichnet die Grünanlage einer heruntergekommenen Hochhaussiedlung für Spätaussiedler, einem sozialen Brennpunkt am Rand der Stadt. Hier lebt die 17-jährige Sascha (Jasna Fritzi Bauer). Sie hat nur noch zwei Träume: den Mörder ihrer Mutter töten und ein Buch schreiben. Als in der Lokalzeitung ein dubioser Artikel über den Mörder erscheint, beschwert sich das Mädchen beim Chefredakteur. Der ist beeindruckt und nimmt das verzweifelte Mädchen bei sich auf. In seiner Villa trifft sie auf dessen Sohn Felix. Nach einer vergnügten Wasserschlacht kommen sich die schüchternen Teenager langsam näher. Jungfilmerin Blümner strickt daraus ein erstes Mal, wie es lakonisch komischer und treffsicher pointierter selten im Kino zu sehen war. Clevere Mädchen in schäbigem Ghetto als Kontrast zum gutbürgerlichen Mittelklasse-Milieu ist eigentlich der Stoff aus dem verschnarchte »Tatort«-Episoden gestrickt werden. Dass »Scherbenpark« sich nicht in den Fallstricken gängiger Stereotype verfängt, liegt an der unangestrengt entspannten Erzählweise von Blümner, die sich erneut mit souveränem Gespür durch dieses Milieu bewegt. Die ganze Kritik können Sie im aktuellen kreuzer nachlesen.

»Scherbenpark«: ab 21.11., Schauburg

Dem Rhythmus der Jahreszeiten folgend und mit melancholisch-schönen Liedern der Chansonette Françoise Hardy untermalt schildert François Ozon in vier Kapiteln ein Jahr im Leben der 17-jährigen Isabelle. Isabelle stammt aus gutbürgerlichem Hause und beginnt, sich unter dem Pseudonym »Léa« an deutlich ältere Männer zu prostituieren. Weder ihre Familie noch ihre Freunde ahnen etwas von ihrem Doppelleben. Warum Isabelle das tut, bleibt ihr Geheimnis. Ozon schert sich weniger um die Motive des Mädchens, wirft hier und da kleine Köder aus, ohne auch nur einen davon ernsthaft zu verfolgen. Isabelle wird gespielt von dem Model Marine Vacth, die mit ihrem traurig-bezaubernden Blick an die junge Catherine Deneuve in Luis Buñuels »Belle de Jour« (1967) erinnert. Ozon ist ein Meister im Inszenieren von Familienbefindlichkeiten und auch sein jüngstes Werk ist ein geschmeidig-schönes, intensives Alltagsdrama. Die ganze Kritik können Sie im aktuellen kreuzer nachlesen.

»Jung & Schön«: ab 20.11., Passage Kinos

Täglich liefern über 4.500 Kuriere, sogenannte Dabbawallas – was in Hindi so viel wie »der, der eine Box trägt« bedeutet –, per Rad und Bahn rund 200.000 Lunchpakete in Mumbai aus. Die Zuverlässigkeit liegt, trotz chronischem Verkehrschaos, bei superlativen 99,99 Prozent. Statistisch geht nur einer von 6 Millionen Essensbehältern verloren. Genau dieser winzige Fehler im System wird in der deutsch-indischen Koproduktion zum Auslöser einer charmant märchenhaften Liebesgeschichte. Das köstliche Menü, das ein Witwer (Irrfan Khan) versehentlich geliefert bekommt, lässt ihn Gefühle für die ahnungslose Köchin (Nimrat Kaur) entwickeln. Dem in Mumbai und New York lebenden Autor und Regisseur Ritesh Batra gelingt ein überzeugendes Debüt. Die Beziehungsgeschichte zwischen der vernachlässigten Ehefrau und dem verbitterten Witwer funktioniert und berührt. Die Lunchbox-Botschaften, die die beiden austauschen, entpuppen sich als bemerkenswerte Betrachtungen über die fehlende Leichtigkeit des Seins. Wenn sich der Held in der chronisch qualvollen Enge der völlig überfüllten Zugwaggons die »Wofür leben wir?«-Frage stellt, wirkt das so bedrückend und eindrucksvoll wie die Erkenntnis der Ehefrau, ihren Gatten wegen drohender Armut gar nicht verlassen zu können. Gleichwohl bleibt in dieser bittersüßen Komödie genügend Raum für Humor. Die ganze Kritik können Sie im aktuellen kreuzer nachlesen.

»Lunchbox«: ab 21.11. Passage Kinos

Er lässt klaustrophobische, surreale Bilderwelten entstehen (»Rosemaries Baby«), beweist sich in unterschiedlichsten Filmgenres (»Der Ghostwriter«) und parodiert diese (»Piraten« oder »Tanz der Vampire«). Schon als Jugendlicher zeigte Roman Polanski großes Interesse an Literatur, Theater und bildender Kunst. So verwundert es nur, dass die Novelle von Leopold von Sacher-Masoch »Venus im Pelz« so spät in seinem Leben zum Arbeitsthema geworden ist. Die Hauptrollen wurden an den stets um Gefasstheit bemühten Mathieu Amalric und Polanskis Ehefrau Emmanuelle Seigner vergeben. Amalrics Figur Thomas plant »Venus im Pelz« in einer eigenen Bearbeitung auf die Bühne zu bringen. Die geeignete Hauptdarstellerin bleibt allerdings aus. Am Ende eines Castingtages taucht die schrullige Vanda auf. Vielleicht liegt es an den altersschwachen Schuss-Gegenschuss-Manövern, ganz bestimmt aber an den hervorragenden Darstellern, dass das Kammerspiel sich gekonnt zur formidablen Groteske wandeln kann. Die ganze Kritik können Sie im aktuellen kreuzer nachlesen.

»Venus im Pelz«: ab 21.11. Passage Kinos

Der 14-jährige introvertierte Lorenzo (Jacopo Olmo Antinori) verkriecht sich und seine besorgte Mutter Arianna schickt ihn zum Psychologen. Lorenzo täuscht eine Reise mit Gleichaltrigen vor und versteckt sich im Keller des Hauses, um für eine Woche seine Ruhe zu haben. Doch plötzlich taucht dort seine Halbschwester Olivia (Tea Falco) auf, die auf der Suche nach einer Unterkunft ist. Olivia hat Suchtprobleme und offenbart Lorenzo einige dunkle Abgründe in der Familiengeschichte. Feinfühliges Geschwisterdrama.

»Ich und du«: ab 21.11. Schauburg

 

Es gibt inzwischen unzählige Wege Kaffee zuzubereiten, doch Jeder entwickelt mit der Zeit seine speziellen Vorlieben. Für Manche muss es schnell gehen, Andere lassen sich lieber Zeit. Eine allgemein gesundheitsschädigende Wirkung ist wissenschaftlich nicht mehr haltbar, aber wie bei allen Dingen entscheidet letztendlich das Maß. Manche Leute sind so auf die Art ihren Kaffee zu trinken eingefahren, dass sie keine Alternativen zulassen und meist enttäuscht sind, sollten sie sich doch einmal überreden lassen. In einigen wenigen Fällen kann aber ein neues Erlebnis dazu führen, dass die Trinkgewohnheit vollkommen revidiert wird, dann zeigt sich am nächsten Morgen wie sich die Erfahrung auswirkt, ob man eine Veränderung zulässt oder zurück in die gewohnte Routine fällt. (Text: LURU-Kino)

 »Spaziergang – das Ende ist nur ein besserer Anfang«: 23., 28.11., LURU-Kino in der Spinnerei

Seit über 500 Jahren sind die Familien des selbstbewussten vagabundierenden Ram (Ranveer Singh) und der furchtlosen Leela (Deepika Padukone) verfeindet. Doch trotz aller Widrigkeiten verlieben sich die beiden ineinander. Das sorgt natürlich für familiäre Auseinandersetzungen und die Eltern verbieten den Kindern ein Wiedersehen. Das epische Bollywood-Liebesdrama von Regisseur Sanjay Leela Bhansali ist ganz offensichtlich von Shakespeares »Romeo und Julia« inspiriert.

»Ram-Leela«: ab 21.11. Regina Palast, 21.11. Schauburg

Der kalifornische Umweltforscher David Ainley ist immer wieder zum Rossmeer in die Antarktis gereist, um dieses einzigartige Ökosystem zu erforschen. Eine Fangflotte hat jedoch den Weg in diesen entlegenen Ozean gefunden. Ihr Ziel: antarktischer Thunfisch. Wenn das Fischen nicht gestoppt wird, wird das Gleichgewicht für immer verloren gehen. Gemeinsam mit Wissenschaftlern, Naturfotografen und einem Filmemacher macht sich Ainley auf die Suche nach einer Lösung. »Last Ocean – Paradies am Ende der Welt« dokumentiert diese Suche.

»Last Ocean – Paradies am Ende der Welt«: ab 22./23., 26.11., am 22. mit Filmgespräch, Kinobar Prager Frühling

Für seinen Enkelsohn breitet der Videopionier Gerd Conradt seine Film- und Videoschätze über Liebe, Revolution, Bhagwan und RAF auf der Leinwand aus. Eine rasante Zeitreise.

»Video Vertov«: 21., 24., 26.11. Kinobar Prager Frühling

Giovanni Manzoni (Robert De Niro) war einst eine große Nummer in der New Yorker Unterwelt. Allerdings ließ er eine ganze Reihe konkurrierender Mafiosi auffliegen und brachte sie damit hinter Gitter. Die wollen sich jetzt natürlich rächen. Manzoni taucht unter und wird mit seiner Familie im Rahmen eines Zeugenschutzprogramms in die französische Normandie umgesiedelt und mischt die Provinz ordentlich auf. Luc Bessons »Malavita – The Family« ist eine unterhaltsame, aber auch etwas platte, klischeebeladene Actionkomödie um einen alternden Mafia-Boss.

»Malavita – The Family«: ab 21.11. CineStar, Regina Palast

Die junge Katniss (Jennifer Lawrence) und ihr Freund Peeta (Josh Hutcherson) haben die gefährlichen Hungerspiele überlebt. Doch darüber hinaus haben sie auch dem mächtigen Kapitol die Stirn geboten. Ihr Beispiel ermutigt die unterdrückte Bevölkerung in den Distrikten, sich gegen das Regime zu wehren. Entgegen der Tradition müssen sie erneut an den Spielen teilnehmen. Der zweite Teil der gleichnamigen Buchvorlage von Suzanne Collins.

»Die Tribute von Panem 2 – Catching Fire«: ab 21.11. Cineplex im Alleecenter, CineStar, Regina Palast

Filmfutter jenseits der Neustarts:

3. Sächsisches Schülerfilmfestival »Film ab!«:

Am Samstag findet die dritte Ausgabe des Sächsischen Schülerfilmfestivals statt. Sachsen gehört zu den wenigen Bundesländern, die solche Festivals überhaupt veranstalten und Schülern die Möglichkeit geben, die Filme, die in Workshops und Schulprojekten entstehen, auf der Leinwand auszuwerten. Eine Jury aus Medienpädagogen bestimmt die Preisträger. Die Vorführung ist kostenlos.

23.11., Schaubühne Lindenfels, www.schuelerfilmfestival-sachsen.de

Dr. Who (3D):

Die britische Kultserie wird 50 – und deshalb zeigt das CineStar die Jubiläumsfolge in 3D. Natürlich in der englischen Originalversion!

23.11., CineStar

 

»Mansfeld«-Trilogie:

Mit seinem Dokumentarfilm »MansFeld« über den bittersüßen Kampf der Jugend gegen das Alte und das Altern beschloss Mario Schneider in diesem Jahr seine »Mansfeld«-Trilogie. Nach seinem Porträt über ein Bergbaudorf und dessen Drogenabhängige (»Helbra«, 2005) und dem Dokumentarfilm über ein autarkes Vater-Sohn-Gespann (»Heinz und Fred«, 2008) reist Schneider mit »MansFeld« zurück in die eigene Kindheit. Zum DVD-Start laufen alle drei Filme noch einmal im Cineding.

Cineding, 26./27.11., am 27. in Anwesenheit des Regisseurs

Weitere Filmbesprechungen und -tipps finden Sie hier und in unserer Printausgabe.

Gute Unterhaltung im Kinosessel!

Kommentieren

Dein Kommentar

Keine Kommentare

Kommentare sind deaktiviert.