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»Ich will von Würmern gefressen werden«

Jan Böhmermann über ausgestellte Leichen, Hitlers Hotel und westdeutschen Sex

Jan Boehmermann, Foto: Tom Wagner Größeres Bild

Man kann mit dem Moderator, Unterhalter, Journalist und Komiker Jan Böhmermann eigentlich über alles reden. Er hat auf jede Frage eine Antwort. Selbst wenn man gar keine Frage mehr stellt.

Gerade ist Jan Böhmermann mal wieder ein Clou gelungen: Er hat Stefan Raab reingelegt. Kurz zuvor hat er mit seiner kleinen Fernsehsendung Neo Magazin den Grimmepreis gewonnen. Stefan Niggemeier nannte dies jüngst im SZ-Magazin »großartiges Fernsehen«. Am Montag kommt der Vollzeitspaßvogel auf seiner »Schlimmer als Jan Böhmermann«-Tour ins Werk 2.

kreuzer: Was erwartet uns bei dieser Show?

JAN BÖHMERMANN: Eine Mischung aus Kabarett und Comedy. Ich bin ja weder Comedian noch Kabarettist: Mir fehlt die intellektuelle Kapazität für Kabarett, aber ich bin zu schnell gelangweilt für Comedy. Da ich einen Hang zu Pferden habe und Fan von Gunther von Hagens Körperwelten bin, wird das auch mit reinspielen. Also ein bisschen Apassionata und in Scheiben geschnittene, eingelegte Chinesen.

kreuzer: Was ist der Unterschied zwischen Kabarettist und Comedian?

BÖHMERMANN: Als Comedian reicht es, wenn man mal die Förderschule von außen gesehen hat, als Kabarettist muss man eigentlich Deutsch-Lehrer sein. Das ist so die intellektuelle Spannbreite, die ich versuche zu bedienen.

kreuzer: Und das ist ein abendfüllendes Programm?

BÖHMERMANN: Ja. Eine Bühne, ein Komiker ein Publikum. Im Grunde sind wir eine Schicksalsgemeinschaft wie auf der Costa Concordia. Ich bin der Kapitän und wenns brenzlig wird, haue ich als Erster ab.

kreuzer: Ist das der Unterschied zu Ihrer Fernsehshow?

BÖHMERMANN: Das Scheitern ist hier viel unmittelbarer. Das Publikum kann schneller abhauen und man kriegt den Ärger direkt zu spüren. Es kann sich niemand beim Sender beschweren, sondern immer bei einem selbst. Diese unmittelbarste Form der Unterhaltung ist aber eine gute Übung und jedes Mal eine große Herausforderung. Und es hält fit.

kreuzer: Ich dachte immer, eine Tour macht einen eher fertig.

BÖHMERMANN: Ich bin ja nicht Bon Jovi und reise mit 15 Sattelschleppern durch Europa, wo ich schon am zweiten Tag nicht mehr weiß, ob ich in Paderborn oder Rio de Janeiro bin.

kreuzer: Sondern, ob in Leipzig oder Chemnitz.

BÖHMERMANN: Das merkt man schnell. In Chemnitz sieht man überall die traurigen, verwachsenen Gesichter von denen, die es nicht mal geschafft haben, ein Ticket für die Regionalbahn nach Leipzig zu lösen. Und in Leipzig viele, denen Berlin zu angesagt geworden ist, Menschen, die gerne mal etwas länger studieren als anderswo – aber die Wohnung ist halt günstig, ne.

kreuzer: Es gibt halt keine Jobs.

BÖHMERMANN: Dafür ein tolles Nachtleben. Ich war letztens im Täubchenthal. Da haben wir unter diesen riesigen Kronleuchtern eine Latelinesendung gemacht. Die war von allen Sendungen die bizarrste, weil die Leute alle stehen mussten. Das sorgte ziemlich schnell für unruhige Stimmung. Ich sag es mal so: Mein letzter Auftritt in Leipzig war optimierungsbedürftig. Da habe ich auf jeden Fall Nachholbedarf.

kreuzer: Haben Sie an diesem Abend auch beschlossen, die Lateline nicht mehr zu machen?

BÖHMERMANN: Das war tatsächlich an dem Abend, ja. Es wurde einfach Zeit für was Neues. Nach vier Jahren Lateline hast du halt auch mit jedem Borderliner schon gesprochen, der sich traut anzurufen.

kreuzer: Ich habe gelesen, Sie planen was mit RTL. Stimmt das?

BÖHMERMANN: Nee, RTL plant was mit mir. Ich bin nur Objekt.

kreuzer: Die haben Ihnen ein Skript geschrieben, nach dem Sie auf und ab laufen?

BÖHMERMANN: Die haben mir ein Skript geschrieben, dass ich mich auf die Bühne des Olympiastadions stellen und immer »kennste, kennste, kennste« sagen soll. Kennste, kennste, kennste? Es geht um Männer und Frauen und darum, dass Frauen immer bei Ikea Teelichter kaufen.

kreuzer: Damit haben schon ganz andere Erfolg gehabt.

http://www.weimar-im-ns.de/images_orte/elephant.jpg

Ah, da ist er also.
Quelle: http://www.weimar-im-ns.de

BÖHMERMANN: Ja, Stichwort Olympiastadion. Apropos: Ich befinde mich gerade in der Thomas-Mann-Suite im Weimarer Hotel Elephant, in der auch Adolf Hitler immer logiert hat. Sind Sie gerade bei Google?

kreuzer: Ja.

BÖHMERMANN: Dann geben Sie mal ein: Haus Elephant Hitler Weimar. Bei der Bildersuche sieht man den Führer am Fenster. Ich gehe mal hin. Und jetzt, in dem Moment, wo wir sprechen, stehe ich da, wo der Führer steht. An exakt derselben Stelle.

kreuzer: Toll.

(KORREKTUR: Wie in einem nachfolgenden Gespräch herauskam, war die Redakteurin scheinbar bei einem anderen Google als Herr Böhmermann. Der befand sich während des Telefonats nicht an dem hier abgebildeten Fenster, sondern auf diesem vom Führer besuchten Balkon. Für den Fall, dass jemand demnächst in der Adolf-Hitler-Suite Thomas-Mann-Suite einchecken will und sich beim Blick aus dem Fenster wundert.)

BÖHMERMANN: Ich bin aber nur beruflich hier, nicht privat.

kreuzer: Auf den Spuren von Hitler?

BÖHMERMANN: Genau, denn diese 0,2 Prozent Quote vom Neo Magazin haben mich so beflügelt, dass ich als nächstes die Weltherrschaft anstrebe.

kreuzer: Lassen Sie uns über Spartenfernsehen reden.

BÖHMERMANN: Gerne.

kreuzer: Ein Lieblingsthema von Ihnen?

BÖHMERMANN: Naja, ich werde damit halt immer konfrontiert. Machen wir uns mal nichts vor. Am Donnerstagabend bei ZDFneo geht es nicht darum, die große Quote zu machen, sondern eine Sendung hinzubekommen, die irgendwie interessant ist und aus der man was machen kann. Wir im Team sind alle um die 30, also noch relative junge Fernsehfuzzis. Das ist ein Experiment für uns, aber auch für den Sender.

kreuzer: Angeblich tragt ihr immer alle Anzüge, wenn ihr die Sendung macht.

BÖHMERMANN: Das stimmt. Denn das macht was mit den Menschen. Normalerweise tragen wir alle Kapuzenpullis und sind so Slacker-mäßig unterwegs. Aber wenn es auf die Sendung zugeht, ziehen sich alle Anzüge an, weil es die Spannung erhöht.

kreuzer: Und dann machen Sie so Sachen wie ein Beate Zschäpe-Musical.

BÖHMERMANN: Ja, wie gehts der eigentlich?

kreuzer: Man hört wenig von ihr in letzter Zeit.

BÖHMERMANN: Sie hat sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Man könnte meinen, sie sei eingesperrt.

kreuzer: Die Medien berichten auch gar nicht mehr, was sie anhat.

BÖHMERMANN: Wahrscheinlich ein Tommy-Hilfiger-T-Shirt und Hello-Kitty-Schlappen. Denn Jörg Kachelmann hat mir mal erzählt, im Knast sei es ziemlich schwer, an neue Klamotten ranzukommen. Da muss man ziemlich viel Tabak tauschen für ein neues T-Shirt.

kreuzer: Ich habe all mein Knast-Wissen von Olli Schulz, als der in seiner Sendung mal im Gefängnis war. Der trug da aber immer einen roten Jogging-Anzug.

BÖHMERMANN: Ja, das letzte Mal, als ich mit Ollis Genitalbereich frontiert wurde, war in der Sauna.

kreuzer: Langsam artet das Interview etwas aus. Aber auf meinem Zettel steht auch: Unvorbereitete Interviews als Konzept. Ist dem so?

BÖHMERMANN: Das ist nicht unvorbereitet. Alles, was bis zur Performance passiert, ist Vorbereitung. Das kann aber auch auf der Couch sitzen und popeln sein. Man kann es so wie Giovanni di Lorenzo machen und jahrelang einfühlsame Gespräche führen, man kann aber auch in ein Interview gehen und einfach mal fragen: »Na, Helmut Schmidt, wie is‘?« Auch so kann man Menschen öffnen.

kreuzer: Das ist doch so ein Moritz-von-Uslar-Quatsch.

BÖHMERMANN: Sie haben wohl auch die Zeit-Filmchen gesehen?

kreuzer: Ja. Und dabei gepopelt.

BÖHMERMANN: Aber von Uslar bringt es auf den Punkt. Einfach mal die Kanzlerin fragen, welche Band sie hört. Und bei Ihnen so, alles in Ordnung?

kreuzer: Ja, danke.

BÖHMERMANN: Bei mir schleicht sich gerade ein kleines Hüngerchen ein, denn das Frühstücksbuffet ist schon wieder zwei Stunden her. Da gab es ein Omelett, das sah aus wie ein defäkiertes Ei, wie eine kleine Ei-Kackwurst. Aber sonst kann ich Ihnen das Hotel Elephant sehr empfehlen.

kreuzer: Mich hat dieses Hitlerbild etwas …

BÖHMERMANN: … erschreckt?

kreuzer: Andererseits ist es natürlich beruhigend, dass es das Hotel noch gibt. Er hat nicht alles zerstört.

BÖHMERMANN (sächselnd): Do woa nüsch alles schlescht underm Führer.

kreuzer: Gunther von Hagens hat inzwischen auch ein große Ausstellung in Dresden.

BÖHMERMANN: In Bochum auch. Das Schöne an toten, in Plastik eingelegten Menschen ist ja, dass es acht Milliarden Stück mögliches Rohmaterial gibt. Man kann überall auf der Welt Leichen in Plastik einlegen und irgendwo hinstellen.

kreuzer: Man muss aber sehr schnell nach dem Tod reagieren, sonst geht das nicht mehr.

BÖHMERMANN: Ja, die müssen quasi unter von Hagens Händen sterben, damit die nicht verwesen, bevor sie in Plastik eingelegt werden.

kreuzer: Würden Sie das auch machen?

BÖHMERMANN: Nee, ich bin für die herkömmliche Verwesung, ich will von Würmern aufgefressen werden. Ich habe mich mal mit dem Biologen Mark Benecke unterhalten: Woran merken Fliegen, dass der Körper tot ist? Oder probieren die es einfach immer mal und wir wischen sie dann weg, wenn sie stören? Werden Menschen, die dem Tod nahe sind, öfter von Fliegen angeflogen? Sie merken auf jeden Fall, wenn die Körpertemperatur sinkt und du leicht anfängst zu modern. Ich glaube, nach zwei oder drei Stunden hast du schon die ersten Eier in der Nase. (lacht) Eier in der Nase: Das ist eigentlich ein Satz, der eher aus dem Leben von Gina-Lisa bekannt ist.

kreuzer: Wäre auch eine gute Überschrift.

BÖHMERMANN: Ja, im kreuzer kann man das sagen, oder? Eier in der Nase! Eier in der Nase! Ach, wir haben in letzter Zeit dank Sebastian Edathy soviel über Fetische gelernt. Warum also nicht auch Eier in der Nase. Da wäre natürlich die Frage: Ist die Nase so groß oder sind die Eier so klein?

kreuzer: Ich weiß auch nicht, ob die die Eier als erstes in die Nase legen oder zuvor in andere Körperöffnungen.

BÖHMERMANN: Das führt jetzt in eine Richtung, bei der mir nicht ganz wohl ist. Ich bin öffentlich-rechtlicher Familienunterhalter, da möchte ich mich nicht auf so dünnes Eis bewegen.

kreuzer: Aber Sie gehen doch bald zu RTL.

BÖHMERMANN: Ja genau, zu »Böhmermann – Ich werde nur geil mit Eiern in der Nase«.

kreuzer: Auf Leipziger Bühnen kann man eigentlich alles sagen.

BÖHMERMANN: Muss man sogar. Wir im Westen sind ja wahnsinnig verkniffene Typen. Aber viele Leute aus Ostdeutschland sagen mir: Wir haben die Freiheit, die wir reisetechnisch nicht hatten, in unseren Schlafzimmern ausgelebt. Das war im Westen anders: Bevor wir Analsex hatten, sind wir nach Fuerteventura gefahren. So, jetzt muss ich hier aber weiter in der Adolf-Hitler-Suite drehen.

kreuzer: Viel Spaß dabei und vielen Dank für das Gespräch.

Schlimmer als Jan Böhmermann: 31.3., 20 Uhr, Werk 2

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