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Bildung in der ökonomischen Schraubzwinge

»Wozu Geisteswissenschaften?« - Eine bildungspolitische Diskussion wird im TdJW nach Antworten suchen

Protestperformance von Friendly Fire im Schauspielhaus. Foto: Susann Jehnichen Größeres Bild

Die Einsparungen an den Universitäten trifft jüngst die Theaterwissenschaft und Archäologie in Leipzig. Beide Institute, welche kurz vor der Schließung stehen, befürchten durch die Stellenstreichung eine Verstümmelung der Geisteswissenschaften. Über die gesellschaftlichen Folgen diskutieren Kultur- und Bildungspolitiker am Samstag gemeinsam mit Bürgerinnen und Bürgern.

Der Staat soll ein Bildungsstaat, ein Staat der Erkenntnis sein, und richtet sich in erster Linie nach den Bedürfnissen der Menschen, statt allein nach wirtschaftlichem Kalkül. Von dieser Weisheit Platons – gut, nicht alles an seinem Staatsmodell würde heute als fortschrittlich gelten – kann kaum mehr die Rede sein. Man halte sich nur die gegenwärtige Situation in der Leipziger Hochschullandschaft vor Augen. Sachsens wohl größtes Aushängeschild sind Forschung und Wissenschaft. Doch seit dem Bologna Prozess, die Einführung der Bachelor- und Master-Abschlüsse, wird gerade dort stümperhaft gekürzt, was das Zeug hält.

Insgesamt sind 1.000 Stellen im sächsischen Raum betroffen – unvorstellbar, was noch passieren wird. Immerhin sind bisher erst 72 von 240 geplanten Stellenstreichungen an der Leipziger Universität unternommen worden. Umso weniger begreifbar wird es in Anbetracht der steigenden Studierendenzahl an der Hochschule, welche fast die 30.000-Marke erreicht. Die Universität als Ort der Persönlichkeitsbildung und des sich Ausprobierens und freien Denkens ist längst durch die neuen Studienabschlüsse passé – ein Bildungssystem dem ein humanistisches Ideal zu Grunde liegt auch (s. kreuzer 03/14). Universitätsrektorin Beate Schücking fühlt sich dabei in der Opferrolle und sieht durch das Spardiktat des sächsischen Landtages keine Alternative zum Kahlschlag. Da kommt der Ruhestand zahlreicher Stelleninhaber gerade recht: Die Lehrstühle bleiben einfach leer – genauso leer wie die Begründung, der im Jahr 2019 auslaufende Ost-West-Solidarpakt mache das notwendig.

Die geplanten Kürzungen an der Fächerlandschaft der Universität betreffen vor allem, aber nicht nur geisteswissenschaftliche Institute. Darunter die Theaterwissenschaft, die seit jeher als interdisziplinärer Studiengang gilt und das Bild der Volluniversität, wie stets die Alma Mater Lipsiensis proklamiert, eigentlich mitträgt. Anhand der Theaterwissenschaft wollen am Samstag Abend Vertreter aus der Kultur- und Bildungspolitik zusammenkommen und darüber diskutieren, in wieweit die Sparvorhaben ein Versuch sind, universitäre und kulturelle Bildung zu quantifizieren. Welche Bedeutung den Geistes- und Humanwissenschaften im sozialen und kulturellen Lebens eigentlich zukommt und wie sie zu erhalten sind, wird dabei im Zentrum stehen.

Podiumsdiskussion »Der Fall der Theaterwissenschaft. Geisteswissenschaften zwischen Ökonomisierung und kritischem Korrektiv«, 26.4., 19.30 Uhr, Theater der Jungen Welt, http://http://www.theaterderjungenweltleipzig.de/spielplan-000649.html

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Ein Kommentar

  1. Dagobert | 25. April 2014 | um 17:00 Uhr

    Die Entwircklung ist doch aber universell und nicht nur auf diese Sparten begrenzt. Als ich Physik studierte, wurden die Mittel jedes Jahr halbiert. Was dann nach 5 oder 10 Jahren übrig ist, ist abzusehen.

    Bei den Geistes- und Kulturwissenschaften wird es vielleicht am ehesten deutlich, weil dort eventuell der Ausgangswert am niedrigsten war und es irgenwann keinen Sinn macht, weiter zu kürzen, wenn nichts mehr zum Kürzen vorhanden ist. Bei der derzeitigen Entwicklung werden aber auch naturwissenschaftliche Studiengänge betroffen sein.

    Man schaut nur noch Sachsen-Anhalt, wo die medizinische Fakultät diesem Schicksal vorläufig erst einmal entkommen ist.

    Langfristig eine logische Konsequenz der Bildungspolitik der letzten Jahrzehnte.