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»Mirco Watzke ist ein Schisser wie ich damals«

Comickünstler Mawil über sein autobiografisch gefärbtes Album »Kinderland«

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Seit 2007 hat Mawil keine größere Bilderzählung mehr veröffentlicht. Nun legt der Berliner Zeichner einen opulenten 300-Seiten-Comic vor. Darin zeigt er die Nöte des Fünftklässlers Mirco im Ostberliner 89-Sommer. Zwischen Tischtennisduellen, Pioniernachmittagen und Christenlehre wird ein detailreicher und unaufgeregter Blick auf ein Stück DDR-Alltag sichtbar. Zum Gratis-Comic-Tag kommt Mawil nach Leipzig.

 

 

kreuzer: Pünktlich zum Wendejubiläum einen Wendecomic zu veröffentlichen, geschah das aus Berechnung?

MAWIL: 40 Prozent sozialistische Planwirtschaft und 60 Prozent marktwirtschaftlich kalkulierte Berechnung.

kreuzer: Wie lange haben Sie daran gearbeitet?

MAWIL: Sechs Jahre. Am längsten hat das Zusammensammeln der Geschichte gedauert. Ich hab diverse Bücher übers Drehbuchschreiben gelesen, weil ich gehofft hatte, das irgendwie professioneller angehen zu können. Außerdem war ich zwischendurch immer wieder abgelenkt. Als ich dann endlich mit dem Zeichnen angefangen hatte, ging es relativ schnell – zwei Jahre.

kreuzer: Russisches Handheld, neonfarbene Spiralschlüsselkette, Jugendsprech: Wie haben Sie die vielen Details recherchiert?

MAWIL: Ich hab nur Sachen mit reingenommen, die ich auch selber so erlebt und noch in Erinnerung hatte. Aber ich durchsuchte natürlich auch alle Fotobücher, Ausstellungen und das Internet, um Details nachzuprüfen. Am schwersten fielen mir die 80er-Jahre-Klamotten. So etwas zu zeichnen, liegt mir nicht.

kreuzer: Warum taucht Gerhard Schöne nicht auf, der »Traumzauberbaum« jedoch schon?

MAWIL: Wenn man den Titel als Anspielung auf seine Kinderlieder-Platte versteht, von der ich der größte Fan bin, erkennt man diese auch auf Seite 91 hinter dem »Traumzauberbaum«.

kreuzer: Wie autobiografisch ist der Comic?

MAWIL: Mirco Watzke ist genau so ein Schisser wie ich damals. Ich bin allen Abenteuern aus dem Weg gegangen. Das ist natürlich keine gute Vorlage für eine interessante Geschichte. Also musste ich Mirco in ein paar spannendere Situationen versetzen und überlegen, wie ich mich verhalten hätte.

kreuzer: Es ist eine Geschichte am Ende der DDR, aber keine Ostalgie. War die Gratwanderung schwer?

MAWIL: Ich hab einfach versucht, immer in der Mitte zwischen den beiden Standardaussagen »Wir hatten ja nüscht« und »Es war nich alles schlecht« zu bleiben.

kreuzer: Sie kommen zum Gratis-Comic-Tag nach Leipzig. Was finden Sie an diesem Tag gut? Signieren Sie auch Pionierausweise?

MAWIL: Das ist eine clevere Erfindung, um ab und zu mal neues Publikum in die Läden zu spülen. Die Leipziger haben schließlich die Montagsdemonstrationen erfunden. Von daher ist es gewissermaßen mein Dankeschön, hier als Premiere die hoffentlich druckfrischen »Kinderland«-Ausgaben zu signieren. Wenn jemand ein Buch kauft, signier ich alles.

Mawil, Kinderland. Reprodukt: Berlin 2014. 296 S., 29 Euro, http://www.reprodukt.com
Gratis-Comic-Tag, 10.5., Lehmanns Buchhandlung, Mawil-Signierstunde, 10.30-11.30 Uhr, http://www.gratiscomictag.de

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