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»Keine Begeisterung auf den Straßen«

Blogger Tobias Zwior berichtet aus Brasilien, geht aber zu keinem Spiel

Tobias Zwior an einer Ecke des Morumbi Stadions in São Paulo, Foto: privat Größeres Bild

Einst war er Praktikant beim kreuzer, nun hat sich Tobias Zwior nach Brasilien begeben, um dort unabhängig über die Hintergründe der Weltmeisterschaft in dem Blog ecke:sócrates zu berichten. Dafür erhielt der Leipziger via Crowdfunding mehr als 2.500 Euro. Im Interview erzählt er von seinen ersten Eindrücken, der unbegründeten guten Laune der Fifa und warum die Brasilianer lieber ihrer Arbeit nachgehen.

kreuzer: Du bist am Wochenende in São Paulo angekommen. Hier hörte man von großen Streiks und Unruhen. Was war dein erster Eindruck von der Stadt?

TOBIAS ZWIOR: Ich hatte mir die Stadt als einen grauen 20-Millionen-Hochhaus-Moloch vorgestellt, wurde jedoch positiv überrascht. Die Leute auf der Straße sind entspannt. Die Metro hat zwar in den letzten Tagen gestreikt und ich musste manchmal kreativ werden, um nach Hause zu kommen. Aber wenn man sich erst mal zu Fuß durch die Straßen bewegt, findet man unzählige schöne Ecken. Größere Unruhen habe ich bis jetzt in der Stadt noch nicht verspürt. Ein brasilianischer Blogger hat mir allerdings erzählt, dass es am 19. Juni die erste große Protestaktion geben wird.

kreuzer: Als ich vor ein paar Wochen in Brasilien war, merkte man kaum Begeisterung für die WM – von Werbung im Bus und Trash-Läden voller Fan-Artikel mal abgesehen. Dagegen viele Graffitis an den Wänden: »Es wird keine WM geben!« Wie nimmt du jetzt die Stimmung wahr?

ZWIOR: Das ist immer noch so. Die Trash-Läden positionieren sich zwar, aber es gibt dort kaum Andrang. Man sieht ein paar Autos mit Brasilien-Flagge am Seitenspiegel, mehr aber auch nicht. Ich kann auch heute, einen Tag vor WM-Start, noch keine Begeisterung auf den Straßen spüren. Die Leute gehen ihrer Arbeit nach.

kreuzer: Und doch ist die Fußballbegeisterung in diesem Land wohl so groß wie sonst kaum irgendwo. An jeder Ecke gibt es improvisierte Bolzplätze, selbst in den verlassensten Gegenden hat jemand ein Tor aus Latten zusammengezimmert. In deinem Text freut sich ein Junge auf das Turnier, obwohl er wegen der WM aus seinem Haus vertrieben wurde. Wie schauen die Brasilianer, die sich kein Ticket leisten können, die WM?

ZWIOR: Das ist richtig, äußerlich scheint sich das Land zwar nicht auf das Event WM zu freuen, aber wenn man mit den Menschen spricht, ist der rein fußballerische Aspekt schon ein großes Thema. Man kann mit jedem Taxifahrer, Händler oder Kellner darüber fachsimpeln, wer Weltmeister wird. Die Brasilianer, die sich kein Ticket leisten können oder keins bekommen haben – und das ist die überwältigende Mehrheit – schauen ganz normal zu Hause vor dem Fernseher. An den Tagen, an denen die Selecao spielt, haben die Kinder schulfrei, und ich denke, die Leute werden auch auf öffentlichen Plätzen und in Bars schauen.

kreuzer: In deinem ersten Blogeintrag aus São Paulo begibst du dich direkt in das Hotel der Fifa-Funktionäre. Wie stark schotten sich die Funktionäre von den normalen Fans ab? Und abgesehen von Schulterklopfen und Grinsen in der Lobby: Hat die Fifa noch Grund zur guten Laune?

ZWIOR: Die Anzahl der Fans der Fifa hält sich eh in Grenzen. Aber abgesehen davon wird der Eingang des Fifa-Hotels weiträumig vom Militär bewacht. Die Fifa-Funktionäre werden mit den normalen Fans während der WM nicht viel Berührung haben. Ob die Fifa noch Grund zur guten Laune hat, wird sich auch nach dem Fifa-Kongress zeigen. Generell aber hat sie durch ihr Vorgehen in Brasilien und in Quatar auch bei der breiten Öffentlichkeit jetzt ein immer schlechteres Standing. Viel hängt davon ab, ob sie sich auf diesem Kongress zu Reformen durchringt und ob Blatter sich noch einmal zur Wahl stellt.

kreuzer: Das erklärte Ziel deines Blogs ist es, »unabhängig und kritisch über die Hintergründe dieses Großereignisses zu berichten, die in den Massenmedien nicht oder nur unzureichend abgedeckt werden«. Doch fast jede Zeitung berichtet derzeit aus Brasilien. Oft auch sehr kritisch über die Widersprüche in dem Land, über die falschen Planungen, über die Probleme der Leute dort und ihre Hintergründe. Welche Themen planst du da noch?

ZWIOR: Ja, das stimmt. Die Idee zu dem Journal mit diesem Ansatz hatte ich schon vor fast einem Jahr (während der Confed-Cup-Proteste) und habe nicht damit gerechnet, dass diese Themen von allen großen Medien jetzt so exzessiv behandelt werden. Ich plane aber weiterhin Hintergrund-Themen. Das heißt, alles was in politischer, kultureller, wirtschaftlicher oder sozialer Hinsicht mit der WM zu tun hat, ist für mich relevant. Da lasse ich mir bewusst einen großen Spielraum. Und dann schaue ich einfach, wen ich auf der Straße so treffe. Kleine alltägliche Geschichten wird es also ebenfalls geben.

kreuzer: Die WM ist nur für Reiche, heißt es. Wirst du Spiele im Stadion besuchen?

ZWIOR: Ich habe keine einzige Eintrittskarte. Als großer Fußballfan werde ich natürlich Augen und Ohren offenhalten, ob sich da noch was ergibt. Aber das ist nicht vorrangig. Wichtiger ist die Arbeit am Projekt. Um aber ein wenig Stadionatmosphäre aufzufangen, werde ich mich während einiger Spiele vor dem Stadion aufhalten, wie zum Beispiel jetzt beim Eröffnungsspiel.

kreuzer: Du hast dir die Reisekosten über Crowdfunding bezahlen lassen. Da sind aber scheinbar keine Unterkunft, Verpflegung etc. dabei. Wie finanzierst du das?

ZWIOR: Genau, die Unterkünfte sind nicht mit drin im Budget, Verpflegung, Transport innerhalb der Städte aber schon. Ich schlafe in allen vier Städten bei Freunden und Bekannten und kann mir somit zum Glück die Hostelkosten sparen.

kreuzer: Und die letzte, unvermeidliche Frage: Wer wird Weltmeister?

ZWIOR: Die Spanier haben meiner Meinung nach wieder den stärksten Kader. Wenn sie mit dem Klima klarkommen, führt an ihnen kein Weg vorbei. Auch wenn ich es Deutschland oder Brasilien mehr gönnen würde.

http://www.eckesocrates.de

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