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Schnauze voll von Sommerfasching

Werther-Wochen und Winke-Winke: Während des teutonischen Tiefenrauschs baut das In-Flammen an

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Komisch, da ist man im Jubeljahr des Werther-Effekts und keiner feiert. Suizid ist sicherlich nicht jedermanns Sache, muss es zum Glück auch nicht. Aber sonst ist der Stadt doch auch kein Anlass zu doof oder lächerlich zum Feiern. Mal dient ein Siegel für den 800. Geburtstag, ein paar Dekaden später wähnt man sich schon 1000-jährig. Und touristisches Völkerausschlachten war den Stadtvermarktern doch 2013 auch nicht zu morbid.

Werther? Vor 240 Jahren veröffentlichte jener Goethe, der für Leipzig nur Spott übrig hatte, seine »Leiden des jungen Werthers« – die Erstauflage erschien 1774 in Leipzig. »Sterben! Was heißt das? Siehe, wir träumen, wenn wir vom Tode reden.« Das Buch, in dem eine unglückliche Liebe jenen Werther in den Selbstmord trieb, verbaten die Leipziger Behörden alsbald. Es hat zwar eine Welle von Nachahmungen ausgelöst, aber gewiss nicht verursacht. Der Trend zum Freitod war – auch romantisierter – Ausdruck der Enge der bürgerlichen Gesellschaft, der man schwer entkam. »Werther« wurde trotz Verbot weiter gedruckt und landete später auch im bürgerlichen Bildungskanon. So wie man heute Judas Priest in den Musiksammlungen nicht nur ehemals junger Wilder findet. Und wurde denen nicht auch mal vorgeworfen, Suizid zu verherrlichen – und ernteten sogar einen juristischen Freispruch?

Jubiliert und mehr noch flaggenschwenkend gegrölt wird derzeit zu einem anderen Ereignis, das immerhin schon in Halbzeit Zwei dribbelt. Den Nutzen von Winkelementen habe ich schon damals mich verstanden, als immer Maiens die rote Pflichtnelke durchs Niki piekste. Wenn ich mal Flaggen brauche, dann um bei der Festival-Running-Order zu sehen, wo welche Band ihr Stammlokal hat. Und die eine oder andere Fahne nach ’nem ordentlichen Wochenende geht auch ok. Aber dieses Mehr deutscher Trikolore nervt einfach. Möge die WM bald in den Tiefen des Raumes verschwinden und der teutonische Tiefenrausch ausgeschlafen sein. Ich will wieder in die Kneipe gehen können, ohne von Mensch in schwarz-rot-goldenen Sommerfaschingskostümen angekumpelt zu werden.

»Ist dir das Festival zu hart, bist du zu schwach!« hatte letzte Woche das Campus-Fest in Mittweida als Motto zum Elektropop- und Deutschrock-Gedöns. Auf dem »With Full Force« wird man die Veranstalter dann wohl nicht gesehen haben, wenn für sie schon Weichspüler als Härtegrade dienen. Auf dem »In-Flammen-Open-Air«, das sich für hiesige Metealheadz zum Pflichttermin ausgewachsen hat, wohl erst Recht nicht. Auch heuer wird’s dort in Torgau wieder Todes-Stahl und merkwürdige Getränke geben.

Letztes Jahr war’s eine Tafel mit selbstgebackenem Kuchen. Stromgitarren-Stöße und Schlagzeug-Getöse mögen feste Klimafaktoren auf dem stets atmosphärisch dichten In-Flammen-Open-Air sein. Eine Unberechenbarkeit bleibt immer: Veranstalter Thomas. Der lässt sich stets aufs Neue Gimmicks einfallen, um das Metal-Festival in Torgau zur besonderen Sache zu machen. Immer dabei ist seine knallgrüne Froschkotze – wenn die keinen Werther-Effekt besorgt. Mal gucken, wie seine Festivalerweiterung ankommt und wer alles Lust auf Shuttlebus-Tingel-Tangel hat, um Newcomer und unbekanntere Bandgrößen – unter anderem die Leipziger Caroozer und Fargo aus Leipzig – zu erleben. Also ob das Line-Up auf der schattigen Waldbühne als Publikumsmagnet nicht ausgereicht hätte. Benediction (UK – ach, hätte ich jetzt ein Flaggen-Icon…) und Pentagram (USA) werden als Headliner mit Death und Doom über das Publikum walzen. Deströyer 666 (AUS), Inquisition (USA), Hail of Bullets (NL) und Haemorrhage (ESP) versprechen ein Unwetter auf Erden: Massig Death Metal, ordentlich Grind Core und deutliche Spurenelemente von Black Metal und Thrash. Und ein paar Wochen darauf winkt schon das Party.San, wer mag, winke zurück.

In-Flammen-Open-Air: 10.-12.7., Entenfang, Torgau, http://www.in-flammen.com

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