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Film pittoresk

Mitteldeutsche Produktionen gewinnen beim 49. Karlovy Vary International Film Festival

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Filmfestivals sind eine eigene Welt. Mit eigenen Wegen, die man selten verlässt, eigenen Tageszeiten, die sich nicht nach dem Stand der Sonne richten, und einem speziellen Menschenschlag. In der Regel rauschen die Tage vorüber und am Ende ist man urlaubsreif, nach all dem Elend auf der Leinwand und davor, wenn einem nach 14 Tagen der Schlafmangel zusetzt. Nicht so in Karlovy Vary. Zwar ist auch hier das Programm dicht gefüllt mit den Highlights der Festivals in Cannes, Berlin und Venedig, den Gewinnern von Sundance und Toronto, sowie einer guten Auswahl vor allem osteuropäischer Filme im Wettbewerb um den Crystal Globe. Aber das Karlovy Vary International Film Festival ist anders.

Zunächst fällt einem die entspannte Atmosphäre auf. Die Filmemacher spazieren ebenso selbstverständlich durch das Festivalzentrum im weitläufigen Hotel Thermal wie die Besucher. Stress und Massenpanik sind hier Fremdwörter. Die Schlangen vor den Kinokassen sind lang, aber es herrscht ein freundlicher Umgang und eine fröhliche Stimmung unter den Kinoenthusiasten. Irgendwie hat hier jeder einen Festivalpass und das orangefarbene Bändchen um den Hals gehört zum Stadtbild. Flaniert man am Ufer der Teplá in Richtung Norden, vorbei an den jahrhundertealten Thermalbädern und edlen Hotels, den Auslagen mit Goldschmuck und parkenden Ferraris, kommen einem unablässig Radfahrer entgegen, die ihr Zweirad vom Sponsor gratis geliehen haben, um damit die allerdings nie allzu große Distanz zwischen den Kinos zu überwinden. In der zentral gelegenen Schule vermieten die Schüler ihre Klassenräume und Sporthallen an Festivaltouristen und die zahlreichen Studenten, die vor allem aus Prag hierher anreisen, um Teil des Festivals zu sein. Gut, an Schlaf ist hier nur bedingt zu denken, denn zwischen den Schlafsäcken und Isomatten spaziert ständig jemand umher. Aber dafür ist die Unterkunft konkurrenzlos günstig und Schlaf ohnehin Nebensache.

Dazu gibt es viel zu viel zu sehen. Das Forum of Independents lockt zum Entdecken frischer Filmtalente, die Sektion Another View gehört ohnehin zum Pflichtprogramm mit den heißesten Newcomern der internationalen Filmszene. Horizons wiederum zeigt Highlights der befreundeten A-Festivals. Darunter in diesem Jahr der großartig groteske »Mommy« des genialen kanadischen Vielfilmers Xavier Dolan (Kinostart: 13.11.), Alice Rohrwachers in Cannes gekröntes Familiendrama »Le meraviglie« und »The Disappearance of Eleanor Rigby« von Ned Benson, der in seiner ungewöhnlichen Form als Zwilling präsentiert wurde und das Ende einer Beziehung aus seiner (James McAvoy) und ihrer (Jessica Chastain) Perspektive betrachtet.

Darüber hinaus wird immer wieder eine spannende Auswahl neuer Musikfilme gereicht. So gab es in diesem Jahr die ungewöhnliche Nick-Cave-Doku »20,000 Days on Earth« zu sehen, die ab Herbst auch in unseren Kinos starten wird. Außerdem feierte »Björk: Biophilia Live« von Peter Strickland (»Berberian Sound Studio«) und Cutter Nick Fenton (»Submarine«) seine internationale Premiere, eine außergewöhnliche Konzert-Doku, die einen Teil des Gesamtkunstwerks »Biophilia« bildet. Besonderes Highlight sind seit einigen Jahren die Midnight Screenings. Hunderte Genrefans und Hartgesottene geben sich brandneue Horrorfilme und Psychothriller, darunter in diesem Jahr der erfrischende britische Slasher »It follows« und der bereits bei der Berlinale gefeierte Vampirhorror »What We Do in the Shadows« von den »Flight of the Concords«-Machern Taika Waititi und Jemaine Clement (Deutscher Start: 30.10. unter dem Titel »5 Zimmer Küche Sarg«). Die Atmosphäre ist einmalig, der tschechische Humor tiefschwarz und die anwesenden Regisseure sind immer wieder überrascht, an welchen Stellen das Publikum in Gelächter ausbricht.

Auch in diesem Jahr haben viele Filmemacher bei diversen Panels und Workshops den Austausch mit dem Publikum gesucht. So waren William Friedkin und Mel Gibson in der Stadt, um sich ihre Ehrenpreise abzuholen, Mike Cahill (»Another Earth«) und sein Hauptdarsteller Michael Pitt (»Boardwak Empire«) präsentierten ihre höchst spannende Zusammenarbeit »I, Origins« (Start 25.9.) und Regisseur David Mackenzie (»Hallam Foe«) präsentierte seinen international gefeierten Knastthriller »Starred Up«. An dessen enorm hohem Grad an Authentizität auch bei den Dialogen wird sich die deutsche Synchronisationsregie die Zähne ausbeißen.

Der Hauptpreis in Karlovy Vary ging schließlich an eine Co-Produktion der Mitteldeutschen Medienstiftung. Der Film »Corn Island« des georgischen Regisseurs George Ovashvili wurde mit dem Grand Prix – Crystal Globe ausgezeichnet. Das Drama gewann darüber hinaus den Jurypreis der Ökumenischen Jury. Ovashvili erzählt in beeindruckenden Bildern vom Leben eines alten Mannes und seiner Enkeltochter auf einer kleinen Insel mitten im Grenzfluss zwischen Georgien und Abchasien. Als sie eines Tages einen Soldaten im Maisfeld finden, gerät ihre kleine Welt in Gefahr. »Corn Island« ist eine Produktion der Halleschen Firma 42film in Zusammenarbeit mit Produktionsfirmen in Georgien, Frankreich, Tschechien und Kasachstan. Der Hauptpreis der Reihe East of the West ging an »Correction Class« von Ivan I. Tverdovsky, eine Koproduktion der russischen New People Film Company mit der Leipziger Firma Jomami Filmproduktion.

Man darf gespannt sein, was die Festivalleitung für die Ausgabe im nächsten Jahr vorbereitet. Zum 50. wird das schon etwas Besonderes sein. Was immer sie sich einfallen lassen, es wird mit einem Augenzwinkern präsentiert. Denn Humor zieht sich durch jede Faser des Festivals – von den höchst unterhaltsamen Spots zu Beginn jedes Films, wo sich Jude Law eine Kühlerfigur aus seiner Statue bastelt und Milos Forman sie zum Pillenstampfen zweckentfremdet bis hin zum genial einfachen Logo der diesjährigen Auflage, mit dem sich das Festival gleich ein Maskottchen schuf. Karlovy Vary feiert Film – wir sehen uns im nächsten Jahr!

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