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»Comics hat er immer gehasst«

Verleger Lehmstedt über Digedags-Schöpfer Hannes Hegen

Mark Lehmstedt, Foto: Gerhard Weber, Lehmstedt Verlag Größeres Bild

Kürzlich starb mit Hannes Hegen der Vater von Digedags und Mosaik. Der Leipziger Germanist und Verleger Mark Lehmstedt ist Digedags-Fan und -Experte. Im Gespräch erklärt er deren Erfolg, die Zensurpolitik und eine mögliche Aussöhnung von Abrafaxen und Digedags.

kreuzer: Warum waren die DDR-Obrigen so scharf aufs Mosaik?

MARK LEHMSTEDT: Es war im Kampf gegen die westlichen Comics gut einsetzbar, war ein positives Angebot gegen diese, statt sie nur zu verbieten. Wichtiger aber noch: Es war ein kommerzieller Erfolg.

kreuzer: Wie kam Hegen dazu, warum machte die DDR in Comics?

LEHMSTEDT: Um dem Unterhaltungsbedürfnis entgegenzukommen. Nach dem 17. Juni 1953 versuchte man sich in einer gewissen Lockerung und wollte damit auf die Comics aus dem Westen reagieren, die aus heutiger Sicht zeichnerisch hundsmiserabel und textlich oft von äußerster geistiger Enge gewesen sind. Vieles war wirklich schlecht, aber klassenkämpferisch musste man das ganze Genre als amerikanisch ablehnen. Man konnte aber nicht nur sagen: Wir verbieten das. Taschenkontrollen in Schulen, Verbrennungen auf dem Schulhof – das hat es im Osten wie im Westen gegeben. Der Osten hat also den Comic und den Comic-Hass übernommen. Da wollte man etwas dagegensetzen, das zu den eigenen pädagogischen und politischen Ansprüchen passt. Daraufhin wurde im Frühjahr 1955 die Comic-Zeitschrift Atze gegründet. Zufall oder nicht: Just als das erste Heft erscheint, taucht nun Johannes Hegenbarth – Künstlername: Hannes Hegen – im Verlag Neues Leben auf. Das war der Verlag der Jugendorganisation der FDJ, der gerade eine große Unterhaltungsschiene aufbaute. Hegenbarth hatte eine Angebotsmappe dabei und der Verlagsleiter stimmte begeistert zu. In wenigen Tagen wurde ein Vertrag geschlossen.

kreuzer: Und der Erfolgszug begann?

LEHMSTEDT: Ja. Eigentlich sollte Hegen vier Hefte im Jahr machen – allein. Es stellt sich schnell heraus, dass das nicht zu schaffen ist. Deswegen stellt er schon im Sommer 1955 zwei Mitarbeiter ein. Er entwirft das Konzept, es ist aber von Anfang an kein Autoren-Comic, sondern Kollektivarbeit. Man entscheidet sich für die Koboldfiguren Digedags und eine fortlaufende Geschichte mit Cliffhangern. Also eher die deutsche Tradition, die man von Wilhelm Busch kannte. Im Dezember erscheint das erste Heft und wird ein Riesenerfolg.

kreuzer: Und man stellt bald aufs monatliche Erscheinen um?

LEHMSTEDT: Genau. Hegen verdient pro Heft 25.000 DDR-Mark, was eine unvorstellbare Summe ist. Aber der Verlag verdient eben auch sehr viel Geld und merkt, da ist ja Musik im Kasten. Und man entscheidet, dass das monatlich erscheinen soll. Da werden dann mehr Leute eingestellt und in Karlshorst entsteht das Atelier, das fast 20 Jahre lang arbeitet.

kreuzer: Wie konnte er so einen Vertrag aushandeln?

LEHMSTEDT: Das hängt mit dem Verlag zusammen, es war ja ein Buchverlag. Und daher haben sie zunächst für jedes Heft einen Buchvertrag abgeschlossen. Nachdem es einmal angelaufen war, konnte man auch nicht wieder zurück. Als es dann monatlich wurde, bekam Hegenbarth 12.000 Mark pro Heft. An den Nachdrucken in Ost und West hat er natürlich auch verdient, dabei hat er als recht bescheidener Mensch gelebt.

kreuzer: Von Haus aus war Hegenbarth Grafiker, er hatte ja auch an der Leipziger HGB studiert. Teilte er die Comic-Leidenschaft oder wie kam er auf die Idee?

mosaik-handbuch-coverLEHMSTEDT: Comics habe er immer gehasst, sagte er. Er nannte das Mosaik auch Bildergeschichte. Comics waren was ganz Schlimmes. Er hat als Karikaturist angefangen, schon als Student für Frischer Wind, den späteren Eulenspiegel, Witzzeichnungen gemacht. Mit Cartoon-Strips hat er da schon herumexperimentiert. Es gibt von ihm sogar Cartoons gegen Comics. Es steckt schon ein konservativer Geist dahinter, was es vielleicht auch ermöglicht, mit der konservativen Lehrerschaft ein Bündnis zu schließen. Aber da war auch sein Drang zum Humor. Er mochte Slapstick und fragte immer: Wie können wir die Sache noch lustiger machen? Er steht klar in der deutschen Tradition Busch und Nachfolger, hat sich aber auch mit Walt Disney auseinandergesetzt. Und auch Rolf Kauka nimmt er zur Kenntnis, der 1954 in München beginnt.

kreuzer: Mit Fix und Foxi.

LEHMSTEDT: Richtig. Hegen geht mit der Kamera auch in die Westberliner Kinos und fotografiert die ganzen Filme durch. Die Snapshots liegen noch in seinem Archiv, hier im Zeitgeschichtlichen Forum. Er hat nicht nur von Zeichentrickfilmen solche Stills angefertigt, sondern auch von Mantel- und Degen- und Römer-Filmen. Das wurde zu seinem Vorlagenarchiv.

kreuzer: Wie groß war die Zensur, der das Mosaik unterlag? Die Sprechblasen wurden ja abgeschafft…

LEHMSTEDT: Das waren keine politischen Gründe. Man machte das Lettering (die Beschriftung, d. Red.) mit dem Maschinensatz, weil es so weniger aufwendig war. Deswegen wurde der Text unter die Bilder gesetzt. Hegenbarth war glücklich darüber, dass die Blasen seine Zeichnungen nicht mehr störten. Politische Eingriffe hat es dahin gegeben, dass man versucht hat, die ganze Richtung zu ändern. Der größte Eingriff war 1957/58, als die Römer-Serie abrupt abgebrochen wird und die Digedags auf den Planeten Neos katapultiert werden. Der besteht aus zwei Staaten, eine kommunistische Union und einem bösen imperialistischen Staat. Im Westen hatte man auf den Sputnik-Schock mit Weltraum-Comics reagiert, in der DDR wollte man nachziehen. Die Mosaik-Macher unterwandern aber dieses ideologische Konzept, indem sie immer wieder blödsinnige Sachen machen, statt eine sozialistische Heldengeschichte zu erzählen.

kreuzer: Also eine komplette Gegenbewegung zu Rolf Kauka, der ja seine nationalistisch-konservative Einstellung in die Comics – er machte die Gallier Asterix und Obelix zu den Germanen Siggi und Babarras – hineintrug. Währenddessen setzte Hegen seinen Privathumor gegen die Vorgaben des Systems?

LEHMSTEDT: So kann man das sagen. Für ihn war es immer am interessantesten, wenn er es entpolitisieren konnte. Das gelang natürlich mal mehr, mal weniger. Er und Lothar Dräger wollten aber unterhaltsame Abenteuergeschichten erzählen. Ideologie wollten sie nicht verbreiten, höchsten auf einem abstrakten Niveau: Es sind immer die einfachen Leute, denen die Sympathie gehört, gegenüber den Mächtigen. Nach zehn Jahren hat man gemerkt, dass man Hegenbarth nicht kleinkriegt, dieser aber seine Sache auch ganz gut macht. Da haben sie ihn in den nächsten zehn Jahren eigentlich in Ruhe gelassen. Was dazu führt, dass er mitten im Vietnam-Konflikt und hoch kochendem Antiamerikanismus die Digedags nach Amerika schickt.

kreuzer: Es stand immer Hannes Hegen auf den Heften, auch wenn sie im Kollektiv entstanden?

LEHMSTEDT: Ja, bis 1975 stand das immer auf den Heften drauf, aber es wuchs in der Mannschaft zunehmend der Ärger, dass sie nicht einmal irgendwie erwähnt wurden. Im Impressum wurde dann irgendwann das Mosaik-Kollektiv erwähnt, da konnte man ahnen: Da sind ein paar Leute daran beteiligt.

kreuzer: Wie kam es dann zum Wechsel der Belegschaft – die Abrafaxe lösten die Digedags ab – und das Mosaik erschien ohne Hegenbarth?

LEHMSTEDT: Im Sommer 1973 hat er einen Fehler gemacht. Er wollte kürzer treten und nur noch sechs Hefte im Jahr machen. Der Verlag hat gesagt, das können wir den Lesern nicht erklären und den Ökonomen auch nicht. Das Magazin hat pro Jahr einen Reingewinn von 1 Million gemacht. Sie haben die Auflage von 150.000 auf 660.000 gesteigert. Drucktechnik und Papiermenge stellten sie immer wieder vor Herausforderungen. Alle Digidagshefte sind hier in Leipzig bei C.G. Röder gedruckt worden. Das übernahm dann eine Druckerei in Dresden und konnte die Auflage bis 1989 auf fast eine Million steigern. Der Verlag konnte sich nun den Gewinn nicht halbieren lassen, weil damit die politischen Zeitschriften wie die Trommel querfinanziert wurden. Der Verlag hat Hegenbarth viele Angebote gemacht, er hat immer Nein gesagt.

kreuzer: Der Verlag sah sich unter Zugzwang?

LEHMSTEDT: Bis 1975 war noch vorproduziert worden, der Verlag musste was machen, weil das Ende absehbar war. Hegenbarth wurde gekündigt und in kurzer Zeit von der Mosaik-Zeichnerin Lona Rietschel und dem Texter Lothar Dräger die Figuren der Abrafaxe entwickelt. Natürlich war das kein völlig neues Konzept, wieder drei Jungs, aber charakterlich verschieden voneinander. Insofern hat man versucht anzuknüpfen, damit die Leser das nicht als völligen Bruch empfinden und Hegenbarth aber auch kein Plagiat beklagt. Das hat er dennoch gemacht und ist auch nach der Wende noch erfolglos durch alle Gerichte gegangen.

kreuzer: Hat er noch anderes veröffentlicht?

LEHMSTEDT: Er hatte immer Ideen, war in Verhandlungen mit dem Verlag. Das wurde aber immer nichts, was an ihm lag. Er zeichnete daher nur noch für sich und veröffentlichte bis auf zwei Dia-Serien nichts mehr. Die waren absurd, da hat er das alte Dresden oder den Spreewald in schlechten Zeichnungen abgebildet. Was das sollte, weiß ich nicht. Die Fortsetzung seines Werks kann man das nicht nennen.

kreuzer: Viele Leser empfanden das neue Mosaik als Verrat. Kann man Digedags und Abrafraxe, kann man ihre jeweiligen Fans vertrösten?

LEHMSTEDT: Bei den Fans ist es schwierig, sie reden miteinander, aber schwören natürlich auf ihren Favoriten. Schön fand ich eine Anekdote, die Die Zeit jetzt überliefert hat. Mit der Abrafaxe-Erfinderin Rietschel hatte Hegenbarth lange nicht gesprochen. Als sie ihn dann im Pflegeheim besuchte, habe er geklagt: »Man hat mir mein Lebenswerk genommen!« Sie widersprach: »Herr Hegenbarth, die Abrafaxe sind Ihre Enkel, die dürfen Sie nicht verstoßen. Enkel kommen, die macht man nicht selbst.«

Mark Lehmstedt: Die geheime Geschichte der Digedags. Die Publikations- und Zensurgeschichte des »Mosaik« von Hannes Hegen 1955-1975, 430 S., Leipzig 2010, 86 Abb., 24,90 €. http://www.lehmstedt.de

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