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Heiße Schlacht um die Goldene Stimmgabel

Beim Neujahrssingen zeigten sich 18 Acts als Gewinner

Feinkost als Ton Steine Scherben, Foto: PK Fotografie Größeres Bild

Volle Hütte, Bombenstimmung, Scheißambiente: Beim Neujahrssingen stimmte einfach alles – bis auf den Veranstaltungsort.

Bei der Zigarette davor auf dem wie ein Supermarktparkplatz anmutende Vorplatz vom Haus Leipzig kam schon eine Vorahnung auf. Wehmütig ging der Blick von der Hässletten-Hülle des ehemaligen Keglerheims und Haus Antifa zur anderen Seite der Elsterstraße zum ebenfalls ehemaligen Kulturbundhaus hinüber. Da stand auch mal ein uriger Veranstaltungssaal. Lange ist es her. Weil der Anker umgebaut werden muss, zog das Neujahrssingen also um in dieses Gehäuse, das innen billig auf schick getrimmt wurde und sich mit nur einem Treppenaufgang und ohne jedes Raucherseparee – nicht mal für die Künstler – völlig ungeeignet zeigte für eine volle Veranstaltung. Ständig schoben sich die Menschen in zwei Richtungen gedrängt aneinander vorbei. Das Haus war mit 1.400 Besuchern ausverkauft (in nur drei Tagen!) und für solche Auslastung hat der Bauherr wohl nicht geplant: Die Lüftungsanlage zeigte sich völlig überfordert, Hitze und Schweiß bestimmten das Saturday-Night-Fever an diesem 10. Januar. Schlecht wie die Luft war auch die Akustik. Doch genug vom Negativen.

Die Party startete von Minute eins, als Pit Strehl fürs Tonelli’s »Happy« (Pharrell Williams) einstimmte und hielt bis zum großen Finale, das Christoph Graebel, der einfach so auftrat, weil er der Graebel ist, mit David Hasselhoffs »Looking for Freedom« einleitete. Der Trashfaktor war hoch und gefühlt jedenfalls versuchten weniger Acts als im vergangenen Jahr durch Professionalität zu überzeugen. Ein Ende durch Verbissenheit, wie es den naTo- respektive Paul-Fröhlich-Cup ereilte, steht dem Neujahrssingen also nicht bevor. Und wenn es mal kurz stimmlich haperte oder der Einsatz verpasst wurde, überspielten das die hervorragende Band Paratox und die Backgroundsängerinnen Jasmin Graf und Berivan Kernich gekonnt.

15 Gastronomen und drei Medienvertreter (das kreuzer-Team lief mit dem Marteria-Rap »Kids (2 Finger an den Kopf)« auf, was hier nur am Rande erwähnt werden soll, weil Eigenlob bekanntlich stinkt) lieferten sich eine heiße Schlacht um die Goldene Stimmgabel. Fünf – wenn der nüchtern zurückdenkende Autor das richtig mitbekommen hat – Neulinge gingen an den Start: Feinkost, Bagel Brothers, Tamers, Gohliser Wirtschaft, Café Tunichtgut. Zugaberufe gabs für fast jeden der 18 auftretenden Gruppen und Solisten. Persönliche Highlights waren der schräge Nina-Hagen-Filmriss von Westflügel-Maria, die Jungs vom Spizz mit ihrem »Beinhart«-Torfrock, Tony von der Kippe als Spider-Murphy-Skandalnudel, Vodkaria-Torsten Junghans, der sich einen »Johnny Walker« (Marius Müller-Westernhagen) genehmigte, und ganz klar die Feinkost-Crew: Mit dem »Rauch-Haus-Song« der Ton Steine Scherben um zehn leere Flaschen Wein eroberte das Kollektiv Bühne und Publikumsherzen. Der LVZ-Frontmann Franz Uhlig röhrte das AC/DC-»TNT« sehr ordentlich ins Mikro, nur seine zwei Mitstreiter an den Kunststoffgitarren schienen nicht so die Rocker zu sein. Ein Trostpreis geht an die MB, die zwar nicht dermaßen begeistern konnte wie im vergangenen Jahr, wo sie Daft Punk ins Visier nahmen. Als Beatles baten sie mit Schmalz und Tränen um Hilfe. Sie mischten mit der Schlagzeugaufschrift »All we need is Charlie« einen Tropfen Politik in die Trash-Runde mit After-Show-Party, die ansonsten wunderbar geeignet war, sich die vorsichtig formuliert: beklagenswerte Weltlage aus dem Bewusstsein zu tanzen und trinken.