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Zustände wie auf einer Wasserrutsche

Festivaltagebuch: Beim Kosmonaut-Festival kommen alle aus Karl-Marx-Stadt

Foto: Pascal Kerouche Größeres Bild

Beim dritten Festival von Kraftklub starten die Jungs ein Feuerwerk, es regnet ständig und dazwischen herrscht Proteststimmung. Und Thees Uhlmann bekommt Liebe.

Im Auto geht’s schon los. Nichts geschafft, kein Geld abgehoben, nichts eingekauft, falschen Schlüssel eingesteckt, nur viele Biere getrunken am Abend davor. Aber wir müssen früh los, wir wollen Wanda sehen. Die Mitfahrgelegenheit lacht. Die haben doch abgesagt.

Auf dem Zeltplatz also genug Zeit für das Willkommensgetränk der Freundin: warmer Wodka aus der Plastikflasche mit Cranberrysaft. Am Zelt nebenan ein pinker Regenschirm. Dann irren wir rum. Die Wege hier sind unergründlich, überall Zäune. Obwohl unser Zelt quasi direkt neben der zweiten Bühne steht, laufen wir eine halbe Stunde. »Das ist dämlich«, sagt auch die Frau, die den Zaun bewacht – und bewacht ihn weiter.

Auf dem Gelände ist alles schön. Ein altes Freibad am Stausee. Im See hüpfen Menschen von aufblasbaren Inseln, am anderen Ufer steht groß »Kosmonaut«. Auf einer Steinbühne steht Jan Kummer und moderiert eine Herzblatt-Sendung, bei der Thees Uhlmann der unbekannte Herzbube ist. Auf der Hauptbühne wird der ehemalige Tomte-Sänger später fragend schreien: »Wie viel Liebe kann man geben?« Denn Kraftklub haben ihm persönlich einen Zettel geschrieben, auf dem sie ihm viel Spaß wünschen.

Auch wenn man hofft, dass Thees Uhlmann noch mehr Liebe als selbstgeschriebene Zettel in seinem Leben bekommen hat, lebt das Kosmonaut-Festival sehr von der familiären Atmosphäre. Und die muss man erstmal schaffen bei knapp 15.000 Besuchern. Vielleicht liegt es an den kleinen Spielereien: ein Wettbüro, wer denn geheimer Headliner wird, Pappraketen zum Draufrumschmieren und die Gastgeber Kraftklub spielen Flunkyball auf dem Zeltplatz.

Und obwohl das Bier hier vier Euro kostet und Benson&Hedges Zigarettenwerbung macht, schwirrt doch einiges an subversiver Proteststimung durch die Luft. Schuld daran sind die Bands, von denen viele eine politische Botschaft verbreiten: Die Hamburger  Trümmer wollen Straßen voller Schmutz statt teure Luxuswohnungen und sich später auf den Barrikaden treffen, die beiden Rapper von Zugezogen Maskulin fordern wieder Krieg, Egotronic ravet selbstverständlich gegen Deutschland, K.I.Z. freuen sich, dass die Welt untergeht und die Antilopen Gang erzählt von Freital. Da waren sie nämlich am Tag vorher zu einem Spontan-Konzert und zeigen sich immer noch fassungslos, wie nur wenige Kilometer von hier ein brauner Mob vor einem Flüchtlingsheim Stimmung macht. Spontane »Refugees Welcome«-Rufe aus dem Publikum. Und auch die Jungs von Kraftklub schießen dreimal in die Luft, damit mehr Leute auf die Straße gehen anstatt ironisch »Bauer sucht Frau« zu schauen. Bang Bang Bang.

Es ist ihr Heimspiel hier, das ist klar. Sie sind der Headliner, alle springen und singen »Ich komm aus Karl-Marx-Stadt«, auch die aus Westdeutschland. Kraftklub zünden ein Feuerwerk, aber so richtig. Die ganze Bühne voller Pyrotechnik und Sänger Felix Brummer sagt, es hätte ihm in die Augen geregnet. »In beide.« Dann sagt er noch, dass er wohl noch nie so schlechte Ansagen gemacht hat wie auf diesem Konzert. Was wahrscheinlich sogar stimmt, aber auch keinen mehr stört.

Genauso wenig, dass es wirklich den halben Tag geregnet hat. Auf dem Zeltplatz sind die Wege voller Schlamm. Jemand funktioniert ein Planschbecken zum Schlauchboot um. Es herrschen Zustände wie auf einer Wasserrutsche.

Beim Konzert von Annenmaykantereit, dessen Sänger so klingt wie der Großvater von Rio Reiser und Herbert Grönemeyer, nur noch tiefer, treffen wir den Jungen mit dem Knieverband. Hinten drin versteckt: zwei Dosen Bier. Zu irgendwas ist selbst ein Kreuzbandriss noch gut. Auch der Beatsteaks-Sänger ist verletzt, tanzt dann später aber doch. Marteria, der nicht mehr geheime Headliner, wird mitten im Konzert zu Marsimoto, und taucht scheinbar auch noch beim parallel rappenden Haftbefehl auf. »Ich rolle mit meim besten.« Hier sind alle miteinander befreundet (treten deswegen so wenige Frauen auf, weil Jungscliquentreffen?). Und am schönsten tanzt der Sänger von Future Islands.

Nachhauseweg im Shuttlebus, der fast eine Stunde auf sich warten lässt. Ein 17-Jähriger erzählt stolz, wie er die ganze letzte Woche die Schule geschwänzt und beim Konzert gestern drei Moshpits gestartet hat. In Leipzig dann strahlender Sonnenschein. Das hört ja gut auf.

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