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Feuer frei!

Festivaltagebuch: Nasenbruch, Schweiß, Blut, Tränen beim In Flammen

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Da muss ich 37 werden, um mich beim Pogo mal zu verletzen – immerhin brach meine Nase zünftig auf dem In-Flammen-Open-Air. Zur zehnjährigen Festivalausgabe (3.-5.7.2015), das lässt sich mit aller Objektivität sagen, schaute die Sonne nicht nur vorbei, sondern wollte ordentlich mitmischen. Der Glutball nahm den Festivalnamen und den Feuerdämon im Logo absolut ernst und besorgte grausamen Blickes ein fortwährend über den Entenfang hinweg wogendes Hitzemeer.

Zum Glück ist dieses Stückchen Erde am Rande Torgaus mit Bäumen gesegnet, wird selbst die Bühne vom Blätterdach beschattet – was bei gefühlten 35 Grad im Schatten nur mäßig für Kühlung sorgte. Angekündigter Regen zog vorbei, Donnerstag und Freitag kam manchmal noch ein Lüftchen auf, Samstag stand die Luft ganz und bildete bis in den Sonntagmorgen hinein eine drückende Dunstglocke, für die sich die Froschkotze-Bar als einziges Entlastungsventil anbot. So viel zu den äußeren Umständen, von denen sich die meisten Besucher sowieso nicht abschrecken ließen. Metalfans sind offensichtlich treu bis über den Hitzeschlag hinaus. Nur wenige reisten früher ab. Oder verbrachten die Tage im Stadtbad, um sich nur abends noch eine Lieblingsband reinzuziehen und dann in klimatisierter Pension zu übernachten. Kann man machen, ist halt nur nicht Metal-Festival. Stellvertretend für das unermüdliche Umherstreifen musikalischer Neugierde und Entdeckerlust sei hier auf die Kollegen von Metal Impetus und Bloodchamber verwiesen, deren Eloquenz in Wort und Bild auch übers In Flammen bald nachzuverfolgen und schon jetzt in völliger Übereinstimmung beizupflichten ist.

Eis, Eis, Baby

Eis, Eis, Baby

Apropos Schlag. Es machte »Knack!«, als mich das fliegende Armteil traf und mir war sofort klar: Das gibt mehr als eine blutige Nase. Terrorizer LA drehten gerade hübsch auf, ich hatte ein paar Songs zuvor vom Bangen zum Pogo gewechselt und dann kam der Arm heran … Ein Gespräch mit netten Sanis auf dem Gelände – danke! –, ein Taxitrip zur Notaufnahme und die Absolution nach dem Röntgen – »Gehen Sie feiern!« – später, groovte ich hübsch bei Vader weiter – nur das Bangen versagte ich mir. Dabei hatte ich ohnehin »nur« Darkened Nocturn Slaughtercult verpasst; jetzt musste ich aufpassen, nicht den nächsten Schuss vor den Gesichtserker einzufangen. Vor Jahren mal für ungut befunden, standen die Black’n’Truer nicht ganz oben auf meiner Favoritenliste, die Meinungen über ihren In-Flammen-Auftritt gingen weit auseinander. Nur mittelmäßig fand sie keiner. Das ist ja auch schon mal ein Lob. Aber wie gesagt, den Gig habe ich verpasst, um einen Rot-Kreuz-Zug zu machen. In der Notaufnahme waren eigentlich mehr Kinder als typische Geschichten wie Getränkeunfälle. Für Schlägereibetroffene war es wohl noch ein bisschen früh (22 Uhr)?

Als mir das Blut aus der Nase fiel, war so ziemlich Festivalhalbzeit. Nicht wenige waren schon Mittwoch oder wie wir Donnerstag angereist, wo auf der Zeltbühne das In Flammen quasi zum Vorglühen eingeleitet wurde. (Das Zelt sollte sich in den nächsten Tagen zum höllischen Hotspot stehender Hitze entwickeln.) Das nahm ich auch musikalisch so wahr, überzeugt hat mich keine der Bands; und ja: die Skanners sind als eine aus der Zeit gefallene Heavy-Metal-Band ganz lustig. Jedes Jahr muss ich sie aber auch nicht sehen. Für Theaterkritiker und gewiss nicht nur solche war der angekündigte »Weltenbrand« ein Eyecatcher. Der Torgauer Feuerkünstler packte etliche brennende Poi-Varianten aus und entfachte unter anderem einen Glühwürmchensturm, wobei er die Flammenzungen in einer selten gesehenen Geschwindigkeit kreisen ließ. Danach ging’s gepflegt an die Froschkotzen-Bar, um beim Bier abzuhängen; auch wenn man in diesem Jahr länger als sonst anstehen musste (was sich besonders am letzten Abend als ärgerlich erwies).

Wandar

Wandar

Von Skelethal und Deathrite zu Tode geschüttelt, also ordentlich auf den Freitag eingestimmt, erlebte ich eines meiner Highlights recht früh mit Wandar. Die Combo aus Halle konnte 15 Uhr in brütender Zelthitze, plus zerlaufendem Corpse-Paint, einen intensiven Black-Metal-Spaziergang absolvieren, der auch nüchterne Anwesende in andere Sphären katapultierte. Sie waren recht kurzzeitig eingesprungen, was schade ist. Denn die große Bühne hätten die Verschmiergesichter absolut verdient gehabt. Wie auch andere Bands mein körperliches Engagement verdient hätten, aber irgendwie musste man an diesem Wochenende haushalten und Kräfte aufsparen. Die entfesselten dann besagte Terrorizer LA mit – Achtung schlechter Witz – Grind auf die Fresse. Eine Stunde Bier- und Kippenabstinenz später lullten mich dann wieder Vader hübsch ein, so ein kraftvolles Altherrengedeck hätte ich mir gar nicht vorgestellt. Bömbers hielt ich vorher schon für überschätzt und so präsentierten sie sich auch: als nicht schlechte Motörhead-Coverband, mehr aber auch nicht; egal, dass da Abbath den Lemmy mimt.

Ein Gebinde Gute-Nacht-Bier später drückte die Sonne mich auch schon wieder am Samstag aus dem Zelt. Ums abzukürzen: Bis Carnation zum munteren Einschunkeln riefen (kein schlechter Start), schwitzte ich im Schatten, die zum Kult gewordene Kaffee-und-Kuchen-Tafel ließ ich aus Hitzegründen aus und wurde auf der Zeltbühne von mehreren Black-Metal-Versuchen (Ausnahme: Grabak) schwer enttäuscht. »Glück auf, wir sind Tempel of Oblivion aus dem Erzgebirge!«: Das trug musikalisch nicht und das (gern auch mal asynchrone) Fahnengeschwenke zur – vielleicht wirklich kritischen – Auseinandersetzung mit dem Ersten Weltkrieg verpuffte hier zur leeren und damit missverständlichen Symbolik. Vielleicht war auch die frühe Uhrzeit nicht glücklich für sie. Besser als im vergangenen Jahr im Leipziger K3 schnitten Humanitas Error Est ab, es war kein peinliches Über-die-Bühne-Gestelze mehr – wohl auch, weil der Sklave fehlte. Aber so richtig an den monotonen Doppelgesang mochte ich mich nicht gewöhnen. Auch Gateway to Self Destruction waren mir stimmlich zu einsilbig, für die obertourig hinten raus flirrenden Gitarren und den Epictouch war ich wohl einfach zu ungeduldig. Vielleicht lag’s auch an der Nase. Der jedenfalls gefielen an diesem Tag noch besonders das mit einem orientalischen Hauch versetzte Gedröhne von Maat, optisch der Zirkus von Iron Thor (Feuerspucken, Eisenbiegen, Wrestlermove), wegen dem teilweise von Bademantel-Rumrungsern angetriebenen Circle-Pit (wie schon tags zuvor bei Rektal Smega) bei Cliteater, der Old-School-Klassiker Entomed A.D. und das Drumgewitter bei Anaal Nathrakh. Das soll an dieser Stelle genügen. Warum diese Kapellen so herausragend waren, der Sound bei Dark Funeral solch grausige Ausmaße annahm und was ich hier vergessen habe, ist wie erwähnt bei Bloodchamber und Metal Impetus nachzulesen, denen ich in jeder Ergänzung gewiss zustimmen würde. Und die dem Veranstalter Thomas mindestens genauso herzlich danken für seinen Schweiß, Blut und Tränen, wie ich.

Offenlegung: Dieser Text wurde produziert mit einem Nasenbeinbruch, einem nicht auszuschließenden knappen Vorbeischrammen am Hitzeschlag und nicht zu unterschätzender Eisunterzuckerung.

http://www.in-flammen.com

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