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Mörder und Gendarm

Die Kinostarts im Überblick und was sonst Filmisches in der Stadt geschieht

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Während in Karlovy Vary noch das Filmfestival läuft, auf dem sich auch der Filmredakteur Film nach Film anschaut, schreibt er uns aus Tschechien, was in Leipzig in dieser Woche Sehenswertes läuft.

Film der Woche: Algerien 1954 – das Land steht vor einem blutigen Unabhängigkeitskrieg, in dem die Bevölkerung sich nach über einem Jahrhundert von der französischen Kolonialmacht lossagen wird. Selbst in das dünn besiedelte, winterlich bitterkalte Tal im Atlasgebirge, in dem der Lehrer Daru (Viggo Mortensen) Dorfkinder unterrichtet, dringen die Umwälzungen allmählich vor. Daru selbst ist gebürtiger Spanier, dessen Eltern einst nach Algerien auswanderten, dort aber Franzosen werden mussten, um geduldet zu werden. In der Abgeschiedenheit möchte der unpolitische Einsiedler eigentlich nur seine Ruhe haben. Damit ist es jedoch vorbei, als ein Gendarm ihm den Bauern Mohamed (Reda Kateb) übergibt. Daru soll den Mann, der seinen eigenen Cousin getötet haben soll, zur Gerichtsverhandlung in die nächste Stadt bringen. Was den Lehrer buchstäblich nicht nur in die Schusslinie der auf Blutrache sinnenden Familie Mohameds, sondern auch der Armee und der Partisanen bringt. Das hervorragend fotografierte Drama basiert lose auf der existenzialistischen Kurzgeschichte »Der Gast« von Albert Camus. Zur zurückhaltend geschriebenen Filmmusik von Nick Cave und dessen Bad Seeds«-Bandkollegen Warren Ellis begeben sich die beiden Männer durch ein unwirtliches, ihnen feindlich gesinntes Land in eine unewisse Zukunft. Über das Seelenleben des wortkargen, unfreiwillig zusammenwachsenden Duos erfährt man unmittelbar nicht viel. Sicher ist nur, dass für beide das Leben, das sie bisher kannten, vorüber ist. Erst allmählich entfaltet sich durch Blicke und wenige Hinweise auf ihre Vergangenheit ein vages Bild, auf dem sich Themen wie Traditionen, moralische Werte und die Probleme von Minderheiten distanziert, aber dennoch differenziert entdecken lassen. Ausführliche Kritik von Peter Hoch im aktuellen kreuzer.

»Den Menschen so fern«: ab 8.7., Schauburg (OmU)

Zunächst wirkt alles wie ein Kindheitsidyll. Die Zwillingsbrüder Lukas und Elias toben durch Maisfelder, es gibt Mutproben im See und Abenteuer im Wald. Als sie nach Hause zurückkehren, steht ihre Mutter vor ihnen, doch die Jungs erkennen sie kaum wieder. Nach einem Krankenhausaufenthalt ist ihr Kopf dick bandagiert und auch sonst wirkt die unterkühlte Person nicht wie ihre warmherzige Mama, die ihnen vor der Abreise ihr liebstes Schlaflied auf eine Kassette gesungen hatte. Mit strengen Maßnahmen versucht die Mutter den Zweifeln Einhalt zu gebieten, aber Lukas und Elias machen sich daran, herauszufinden, wer da wirklich vor ihnen steht. Dabei setzt das Regieduo Veronika Franz und Severin Fiala auf den Schrecken aus kindlicher Perspektive und komponierte aus kunstvoll arrangierten Bildern einen außergewöhnlichen Vertreter des Genres. »Ich seh, ich seh« zieht seinen Nervenkitzel aus der Realität und lässt viele Deutungen offen. Kindliches Urvertrauen und Mutterliebe werden hier pervertiert. Ist die Mutter vielleicht wirklich eine andere oder ist all das nur Illusion in den Köpfen der Zehnjährigen? Es überrascht nicht, dass Ulrich Seidl Gefallen an der Idee seiner Lebensgefährtin und Autorin vieler seiner Filme, Veronika Franz, und ihres Co-Regisseurs fand und den Film produzierte. Zurück bleibt ein Schauer, der einen bis weit nach dem Abspann begleitet und wahrlich nichts für zartbesaitete Naturen ist. Ausfürliche Kritik im aktuellen kreuzer.

»Ich seh, ich seh«: ab 8.7., Cineding

Für Adaline ist die Zeit bei einem Autounfall stehen geblieben. Praktischerweise genau im Alter von 29 Jahren, was sicher nicht das schlechteste Alter für ein Zeitparadoxon ist. Denn Adaline, gespielt von Blake Lively, sieht in jeder Einstellung aus wie das blühende Leben. Doch das tadellose Aussehen wird ihr auch schnell zum Verhängnis: Das Alter in ihrem Ausweis und ihr Gesicht passen nicht mehr zusammen. Die Polizei – und schließlich sogar das FBI – verfolgen sie als Betrügerin. Und so beginnt für Adaline ein Leben auf Reisen, mit gefälschten Pässen und immer neuen Freunden, in der Gewissheit, dass sie all ihre liebgewonnenen Gefährten, und am Ende auch ihre Tochter, überleben wird. Was der rastlosen Adaline letztendlich in die Quere kommt, ist – wie könnte es anders sein? – natürlich die große Liebe. Diese aber gleich zweifach in Gestalt von Vater und Sohn. »Für immer Adaline« könnte damit zu großem Kitsch verkommen, aber Regisseur Lee Toland Krieger manövriert seinen Film immer wieder haarscharf an zu viel Rührseligkeit vorbei. Das ist wunderbar anzuschauen, Blake Lively wirkt in jeder Epoche zeitlos, und spätestens der Auftritt von Harrison Ford beschert dem Film nochmal einen besonderen Höhepunkt. Ausführliche Kritik von Hanne Biermann im aktuellen kreuzer.

»Für immer Adaline«: ab 8.7., Cineplex, CineStar

 

Weitere Filmtermine

Fokus Marokko
Die Kinobar präsentiert Filme aus dem afrikanischen Norden, darunter auch der Hollywood-Klassiker „Casablanca“.
9.-13.7., Kinobar Prager Frühling

 

Ostpunk – Too much Future
Heute arbeiten sie als Sozialarbeiter, Künstlerin, Gerüstbauer oder Türsteher – der Colonel, Mike Göde, Daniel Kaiser, Mita Schamal, Cornelia Schleime und Bernd Stracke, die Interviewten dieser Doku über ein unbekanntes Kapitel ostdeutscher Jugend. In den 1980er Jahren lebten sie in der DDR, waren Punks und machten Punkmusik. Ist Punk an sich schon nihilistisch, aggressiv, von Elementen der Subkultur, Anti-Kultur, des Anarchismus und Anti-Establishment getränkt, so war Punksein in der DDR ein letzter Akt der Rebellion.
R: Carsten Fiebeler, Michael Boehlke, D 2006, 92 min, Dok
2cl – Sommerkino auf Conne Island Freitag 10.07., um 21:30 Uhr

 

Scheherazade’s Diary
Insassinnen eines Gefängnisses in Beirut bringen »Scheherazade in Baabda« auf die Bühne. Die Regisseurin Zeina Daccache begleitete sie dabei und portätiert die einzelnen Schauspieler und ihre Geschichte.
R: Zeina Daccache, Libanon 2014, Dok, OmeU
Cineding Freitag 10.07., um 20:00 Uhr

 

Triple: Terminator + Terminator 2 – Tag der Abrechnung + Terminator: Genisys 3D
He is back. Zu Ehren des einzig wahren T-800 zeigt das Cineplex ein futuristisches Triple Feature mit jeder Menge Action und großen Gefühlen. Nach dem eher enttäuschenden vierten Teil der Terminator-Reihe kehrt Arnold Schwarzenegger zurück in die umkämpfte Welt um Skynet und dem ungebrochenen Widerstand. Als besonderes Highlight zum Start des fünften Teils zeigen wir die legendären Anfänge mit James Camerons Terminator und Terminator 2 – Tag der Abrechnung zusammen mit dem dreidimensionalen.
ca. 360 Min., FSK 18!
10.7., 21.30 Uhr, Cineplex

 

From Dusk till Dawn
Zwei Bankräuber und ungleiche Brüder nehmen auf der Flucht einen Priester und dessen Familie als Geiseln. Ihr Fluchtort, die »Titty Twister Bar«, entpuppt sich jedoch als übles Vampirnest. Ein beispielloses Gemetzel beginnt …
R: Robert Rodriguez; D: Harvey Keitel, Quentin Tarantino, George Clooney, USA 1996; OmU, 108 min
Sommerkino auf der Feinkost Sonntag 12.07., 21:30 Uhr

 

Children 404
In anonymen Interviews und Videotagebüchern berichten russische Jugendliche von ihren Diskriminierungserfahrungen und ihrem Kampf gegen die sexuelle Steinzeit in Russland. Die Teampremiere des Films in Moskau wurde von der Polizei aufgelöst. Im Anschluss Podiumsdiskussion mit Mischa Badasyan (Performance-Künstler und Bürgeraktivist aus Russland) und Peter Thürer (Sozialarbeiter AIDS-Hilfe Leipzig). Im Rahmen des CSD Leipzig.
R: Askold Kurov, Pavel Loparev, RUS 2014, Dok, 76 min, OmeU
Cinémathèque in der naTo Montag 13.07., um 19:30 Uhr

 

Hiroshima, mon amour
Ein erstaunlicher Film über die Liebe, das Vergessen, den Krieg, die Erinnerung, das Leben und den Tod. Eine Französin und ein Japaner entdecken in einer Nacht ihre Liebe zueinander. Sehr komplex und vielschichtig erzählt der Film von dem Tag, den sie miteinander verbringen, wobei sie sich an ihre erste Liebe zu erinnern beginnt, den Krieg in Europa. Er wiederum verlor damals seine ganze Familie in Hiroshima. Ein großer Film gegen das Vergessen und eine Hommage an die Liebe.
R: Alain Resnais, D: Emmanuelle Riva, Bernard Fresson, Eiji Okada, F/J 1959, 90 min
Zeitgeschichtliches Forum Montag 13.07., 19 Uhr

 

Der Spalt – Gedankenkontrolle
Alex weicht von der herrschenden heteronormativen geschlechtlichen Norm ab. In der ideologisch-quadratischen Beton-Welt, in der sie lebt, wird sie von den meisten nicht als Mensch angesehen. Fotoreporter Christian scheint das anders zu sehen. Mit seiner Hilfe startet sie ihre persönliche wie gesellschaftliche Revolution gegen den Widerspruch zwischen Oberfläche und Inhalt. Ob es Sinn hat, dass sie sich wehrt? Im Anschluss Filmgespräch mit der Regisseurin Kim Schicklang. Im Rahmen des CSD Leipzig.
R: Kim Schicklang, D: Marie Fischer, Folkert Dücker, Dorothea Baltzer , D 2014, 101 min
Cinémathèque in der naTo: 14.07., 14 Uhr

 

Die Völkerverständigung, die klappt ganz gut
Die Tour International Danubien führt über 2.500 Kilometer die Donau entlang. Der Leipziger Historiker Daniel Weißbrodt ist mitgefahren und hat einen Dokumentarfilm daraus gemacht.
R: Daniel Weißbrodt, D 2014, 90 min, Dok
Cineding 14./15.07., 22 Uhr

 

Papusza – Die Poetin der Roma
Das entbehrungsreiche Leben der Roma im Polen der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Eindrucksvolle Innenansicht nach den Aufzeichnungen von Bronislawa Wajs. Mit einer Einführung zu Leben und Werk von Bronislawa Wajs (»Papusza«) von Dr. Hans-Christian Trepte
R: Joanna Kos-Krauze, Krzysztof Krauze, D: Jowita Budnik, Zbigniew Walerys, Antoni Pawlicki , PL 2013, 131 min, OmU
Cinémathèque in der naTo, 15.07., 19:30 Uhr

 

»Der Unfertige« und »Haftanlage 4614«
Der junge Chemnitzer Filmemacher Jan Soldat lotet in seinen kurzen Filmen immer wieder die menschliche Natur aus, zeigt BDSM-Praktiken und Rollenspiele, vornehmlich mit älteren Protagonisten. Zu sehen sind seine beiden aktuellen Arbeiten »Der Unfertige« (16./17.7.) und »Haftanlage 4614« (17.7.), der seine Premiere im Panorama der diesjährigen Berlinale feierte. Am 17.7. mit Filmgespräch mit Regisseur Jan Soldat. Im Rahmen des CSD.
R: Jan Soldat, D 2015, 2013
Cinémathèque in der naTo Donnerstag 16.07. und 17.7., 22 Uhr

 

Die lange queere Filmnacht zum CSD
Die Poetin (BR 2013), Pride (GB 2014)
Mit dem brasilianischen Spielfilm »Die Poetin« über die Liebe der Lyrikerin Elizabeth Bishop und der genialen britischen Komödie »Pride«.
Frauenkultur Donnerstag 16.07., 19 Uhr

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