Startseite / Politik / »Wo wart ihr in Heidenau?«

»Wo wart ihr in Heidenau?«

Erlebnisse und Eindrücke von der No Legida-Demo

Sitzblockade Foto: Tim Wagner Größeres Bild

Angeblich 3.000 Leute gingen gestern gegen einige hundert Legida-Anhänger auf die Straße. Das dürfte allerdings schwer zu zählen sein, weil sich der Protest auf viele Stellen verteilte und die geplante Legida-Strecke wegen erfolgreicher Blockaden verkürzt wurde. Ein paar Anekdoten von verschiedenen Ecken.

 

Schildbürger

An der Hainspitze ist es ruhig. Bürgermeister, Ministerin und Abgeordnete haben gesprochen, Hunderte Menschen kamen von der Nikolaikirche rüber, ihr Protest war eher verhalten, auch die Mikros reichten nicht weit. Legida ist losgelaufen. An der runden Ecke vorbei, wo sich jetzt alle zum lauten Protest versammelt haben. »Leipzig zeigt Courage«, lautet das Motto, das viele in die Höhe halten. Danach ist Schluss. Ein Mensch sagt durchs Mikrofon: »Die Veranstaltung ist jetzt beendet. Schilder abgeben, bitte.« An anderer Stelle geht es jetzt erst los.

 

Sport bei 30 Grad

Von der Legida-Bühne schallen Verschwörungstheorien und islamfeindlicher Unsinn zum Naturkundemuseum herüber. Zum Glück haben der Kollege und ich keine Zeit, dem Geschwafel länger zuzuhören. Wir sind spät dran und niemand kann uns sagen, welche Route die Ausländerfeinde heute nun genau laufen wollen. Also kundschaften wir die Lage mit unseren Fahrrädern aus. In der schwülheißen Spätsommerluft sprinten wir durch Seitenstraßen zum Waldplatz, von da aus weiter durch Elster- und Thomasius- bis zur Gottschedstraße. Erfreut stellen wir fest: Die ursprünglich genehmigte Legida-Route wurde massiv verkürzt, überall sind zahlreiche Gegendemonstranten zu Fuß oder zu Rad unterwegs. Als sich die Asylfeinde endlich in Bewegung setzen, begleiten wir sie lautstark von Einmündung zu Einmündung. Nach mehreren weiteren raschen Ortswechseln kommen wir wieder vor dem Naturkundemuseum an, wo Legida mal wieder niedergepfiffen und -gebrüllt wird. Der Schweiß läuft mir in Bächen über das Gesicht, meine Kleidung klebt an meiner Haut. Aber das fühlt sich gut an: An diesem Abend hat der Protest den Legidisten die Tour gehörig vermasselt. Dafür macht man doch gerne auch bei tropischem Klima Sport.

 

Twitterverwirrungen

Als Legida losläuft, weiß keiner recht, wohin. Auf Twitter fallen immer wieder Straßennamen, wo es Blockaden gibt. Keiner kennt die Route. Es gibt viele Vermutungen und viele Verirrte auf allen Wegen. Und man fragt sich, was genau es heißt, wenn »eine Straße dicht ist«, »zu« oder »frei«. Blockade oder Polizeiabsperrung? Jemand twittert, dass ihn der Heli nervt. Der Hashtag #nolegida trendet in den Charts (noch vor »Sommertag«).

 

Lutz

Lutz Bachmann hat eine Panne.

 

Die Mauer

Als die Legidisten bei ihrem »Spaziergang« wieder am Naturkundemuseum vorbeilaufen, werden sie lauthals mit Pfeifen und »Nationalismus – raus aus den Köpfen«-Rufen begrüßt. Danach wollen die Gegendemonstranten weiter zur Straßenbahnhaltestelle, wo andere Gegendemonstranten auch schon ihren Protest in Hörweite kundtun. Doch plötzlich stehen da Polizisten und lassen niemanden mehr durch. Die, die es rennend versuchen, werden teilweise rabiat aufgehalten. Szenen wie auf der Flucht. Leute von der Straßenbahnhaltestelle kommen jetzt dazu. Die Polizisten trennen – ohne erkennbaren Grund – Gegendemonstranten von Gegendemonstranten, die jetzt von beiden Seiten wütend alle das gleiche brüllen: »Wo, wo, wo wart ihr in Heidenau?« Durchs Mikro sagt die Stimme der Veranstaltungsanmelderin, sie habe keine Ahnung, wieso der Zugang jetzt zu sei. »Ich übernehme hier keine Verantwortung mehr.« Kurz darauf zieht sich die Polizei zurück. Die Mauer ist weg. Alle konzentrieren sich wieder gemeinsam darauf, zu rufen: »Refugees are welcome here.«

 

»Ich war da – wo wart ihr?«

Aus hunderten Kehlen erschallt auch am Bahnhof der Ruf »Wo, wo, wo wart ihr in Heidenau?« – angelehnt an den auch schon 23 Jahre alten Slogan »Wo wart ihr in Rostock?«. Ein offensichtlich verärgerter und in seiner persönlichen Empörung – weil Betroffenheit – gewiss ernst zu nehmender Polizist schnauft den Rufern entgegen: »Ich war da, wo wart ihr denn?« Worauf es neben Lachen auch eine kurze Diskussion ums staatliche Gewaltmonopol und adäquate Einsatzkräftezahlen gibt.

 

Falsche Seite

Bei Legida auf der Bühne gehört diesmal auch ein Kameruner namens Ferdinand zu den Rednern. Als sicheres Zeichen dafür, dass die Legidisten ja nun wirklich keine Nazis sein können. »wenn wir nazis wären hätten wir ferdinand gar nicht akzeptiert weil er eine andere hautfarbe hat, da kann mann mal sehen wie doof die linken sind«, kann man auf der Legida-Faecebook-Seite lesen. Als die Legida-Demo beendet ist, läuft Ferdinand mit den anderen Legida-Anhängern Richtung Bahnhof. Begleitet und angeschrien von Tausenden Legida.Gegnern. Unter ihnen auch eine dunkelhäutige Brasilianerin. Sie brüllt: »Du bist auf der falschen Seite!« Er winkt nur kurz und geht weiter. Sie kann es nicht fassen, sie ruft weiter. »Komm rüber zu uns. Du bist dumm, du bist so dumm, wenn du bei denen mitläufst.« Er bleibt auf der falschen Seite.

 

Entschlossenheit und Überforderung

Kein Einhorn nirgends. Kein Konfetti, keine Superhelden. Nach Ironie steht den meisten Protestierenden nicht der Sinn, klare Parolen geben den Ton an und insgesamt zeigt die Menge ein Bild größerer Entschlossenheit als bei früheren Legida-Protesten. Das kulminiert gen Ende in einer Art Triumphzug von mehr als tausend Leuten zum Bahnhof. Legida hat sich gerade aufgelöst, die Polizei beginnt, die Deutsch-Demonstranten zum Bahnhof zu eskortieren, da schwappen die Gegenprotestierenden wie ein Meer wellenartig in Massen über den Ring und verdeutlichen Legida optisch – vielleicht zum ersten Mal –, was für ein armseliges Häufchen sie auch in quantitativer Hinsicht sind. So kommt wieder eine Leipziger Anti-Nazi-Spezialität zum Vorschein, die jahrzehntebewährt ist: Auch den Abzug noch verhindern, eine Veranstaltung für Nazis und Polizei so aufwendig wie möglich zu machen. Auf dass sie es sich beim nächsten Mal merken – bzw. die Polizei den Zeitaufwand für den Abzug beim nächsten Mal mit einberechnet. (Man denke an die Worch-Aufmärsche.) Die Cops sind beim Geschehen am Bahnhof planlos, können keinen Rückzug der Legida-Leute komplett gesichert ermöglichen. Gegendemonstranten laufen in den Bahnhof, bevor die Portale durch Polizisten versperrt werden. Auf der Ostseite hinter dem Busparkplatz führt die Überforderung – ich höre eine Gruppe Polizisten in eine Richtung rennen und sagen »Mal schauen, was ob wir da benötigt werden.« – zu unnötigen Übergriffen durch die Polizei. Ohne ersichtlichen Grund treibt sie Menschen ohne vorherige Aufforderung von der Straße, zerrt einige in die Gewahrsamnahme.

 

Volk in Panik

Bei ihrer Mini-Minimi-Demo gibt sich das Legida-Völkchen noch recht fröhlich und winkte mit mitunter auch ohne Stinkefinger-Zeigen. Natürlich gibt es auch die auf dicke Hose machenden Macker, die nach Hooligan-Art Gegendemonstranten an sich heranwinken und als feige beschimpfen – wahrscheinlich träufelte ihnen die Wahrheit erst später ins Hirn, dass die Polizei sie genau davor beschützte. Auf dem Rückweg nach ihrer Veranstaltung zum Bahnhof sieht man dann doch einige, zwar weiterhin von der Polizei geschützte, aber sich sichtbar unwohl fühlende Legidas. Einige begeben sich auch sogleich mit panisch verzerrten Gesichtern in den Laufschritt. Das ist in der Dimension neu.

 

Alleingelassen unter Barbaren

Am krassesten empfand ich einen Umstand: Nachdem Legida abgezogen ist und nur Gegendemonstranten unterwegs sind, steht ein als Legida-Sympathisant bekannter Rollstuhlfahrer ganz allein auf dem Straßenbahn-Steig 1 vorm Hauptbahnhof. Mit seinem massigen Elektrorollstuhl hat er schon öfter vor dem Fronttransparent von Legida mitfahrend demonstriert. Seine zwei hinter dem Rücken am Rollstuhl angebrachten Transparente sind notdürftig mit blauen Müllbeuteln kaschiert. So viel Zeit hatten seine Kameraden oder Mit-Volker noch, bevor sie ihn allein ließen. Die Legida-Leute werden nicht müde, alle Gegendemonstranten als kindermordende Bürgerschläger hinzustellen. Wie können sie dann einen der ihren, noch dazu mit Beeinträchtigung, so im Stich lassen? So viel zum Thema »Volksgemeinschaft«. Übrigens ist ihm natürlich nichts geschehen. Es diskutierte lediglich ein Anti-Legida-Demonstrant mit ihm.

Anzeige

Kommentieren

Dein Kommentar

5 Kommentare

  1. Ella | 1. September 2015 | um 14:57 Uhr

    Guter Artikel, allerdings finde ich den bevormundenden Absatz über den Rollstuhlfahrer überflüssig. Habt ihr die Info von ihm, dass er „allein gelassen“ wurde (und sich nicht etwa aus eigener Initiative abgesetzt hat)? Und kann man von „im Stich gelassen“ sprechen, wenn er sich in keiner Notlage befand, sondern super zurecht gekommen ist?

  2. Tobias Prüwer | 1. September 2015 | um 17:36 Uhr

    Hallo Ella,

    es ging hier nicht darum, den Rollstuhlfahrer zu bevormunden. Aber wenn »die Antifa« – also alle Gegendemonstranten – in den Augen von Legida so bös sind, warum hat er sich dann allein dorthin begeben bzw. ließ man ihn dorthin (wenn ich in den Augen meiner Freunde eine dumme Ideee habe, dann verhindern sie das)?

  3. Ella | 2. September 2015 | um 12:52 Uhr

    Tobias Prüwer, wenn es um die dumme Idee geht, hätten alle Legidisten davon abgehalten werden müssen, diese Demo zu besuchen. ;)

    Es geht mir darum, dass der Mann im Artikel und auch jetzt mit der Formulierung „warum ließ man ihn dahin“ als hilfloses Objekt dargestellt wird, um das sich jemand kümmern müsse. Das finde ich bevormundend. Wenn mein/e Freund/in aus meiner Sicht eine Dummheit begeht, dann kann ich versuchen, ihn oder sie davon abzuhalten – aber letztenendes muss ich vielleicht auch akzeptieren, dass er/sie mündig ist und (möglicherweise besser als ich) weiß, was er/sie tut.

    Wie Raul Krauthausen schreibt: „Ich selbst betrachte mich nicht als jemanden, um den man sich „Sorgen“ machen sollte.“ Der Text, aus dem das stammt ist recht lesenswert: http://raul.de/wortsport/wenn-sprache-behindert/

    Zudem finde ich die (implizite) Argumentation schwierig „er müsste mit Übergriffen rechnen, also sollte er sich dort nicht allein aufhalten“. Auch, wenn hier die Legida-Weltsicht aufs Korn genommen werden sollte: Das geht schon in Richtung Opferbeschuldigung und läuft dem Grundsatz zuwider „behindert ist man nicht, behindert wird man“. Wenn ein Ort für Rollstuhlfahrer nicht geeignet ist, dann ist das ein Missstand, den es zu beheben gilt. Ich empfinde es als falsch, solche Missstände als Argumente gegen Legida zu instrumentalisieren. Es gibt genug echte – bessere – Gründe, Legida abzulehnen.

  4. Tobias Prüwer | 4. September 2015 | um 00:48 Uhr

    Hallo Ella,

    ich verstehe Deine Argumentation und habe auch schon öfter auf Raul Krauthausens Blog Erhellendes gelesen. Opferbeschuldigung kann ich aber nicht erkennen, denn es ging in dem Absatz ja um die innere Legida-Logik. Darum finde ich den Einwand – »Man wird behindert« – hier auch nicht angemessen. Der Ort wäre für jeden erkennbaren Legida-Sympathisant in der Situation nicht geeignet gewesen und Legida sieht z.B. in Rollstuhlfahrern offenbar Schwächere, die umsorgt werden müssen, oder warum fahren sie immer vor dem Fronttransparent? Und darum sind sie es doch, die instrumentalisieren (und dann eben nicht mal halbherzig). Mehr sollte das nicht aussagen, wenn’s missverständlich war, tut es mir leid.

  5. Andrea | 7. September 2015 | um 11:18 Uhr

    Guter Journalismus zeichnet sich für mich dadurch aus, dass er auch die Gegenseite darstellt, also beispielsweise ergründet, gegen was der dunkle Ferdinand in seiner Rede anging. Antwort: Gegen unser elitäres System, dass mit Bombardements (Koordination über Ramstein), Waffenlieferungen und Plünderungen den afrikanischen Kontinent ins Chaos stürzt.
    Aber leider wird heutzutage jeder, dem die Ursachen des jetzigen Flüchtlingszustroms nicht egal sind, ganz undifferenziert als Neurechter, Verschwörungstheoretiker oder Rassist hingestellt.
    Meine persönliche Meinung dazu ist: Ob Ferdinand wirklich auf der falschen Seite steht, das müsste über diametral entgegengesetzte Positionen kommuniziert werden. Sonst fehlt es Artikeln wie diesem an Neutralität.