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»Froh, dass der Quälgeist weg war«

Regisseur Lars Kraume über Fritz Bauer und die Auschwitz-Prozesse

Lars Kraume, Foto: Lena Kiessler Größeres Bild

Mit »Der Staat gegen Fritz Bauer« erzählt Lars Kraume die unfassbare Geschichte einer der wichtigsten Figuren der Nachkriegszeit. Der kreuzer sprach mit dem 42-jährigen Autor und Regisseur über seinen Politthriller.

kreuzer: Im Oktober sind Sie auch mit »Familienfieber« (ab 15.10., Passage Kinos) in den Kinos zu sehen, ein Familiendrama, das stilistisch an Filme wie »Keine Lieder über Liebe« oder »Meine Schwestern« anschließt. Wie kamen Sie zu Fritz Bauer?

LARS KRAUME: Ich bin dazu gekommen, weil mein Co-Autor Olivier Guez vor fünf Jahren ein Buch veröffentlicht hat, das heißt »Heimkehr der Unerwünschten« und ist eine Beschreibung, wie sich jüdisches Leben nach 1945 überhaupt in Deutschland entwickeln konnte. Und da tauchen in einem Kapitel in den 60ern die Auschwitz-Prozesse ganz zentral auf, weil das die Diskussion in Deutschland angeregt hat und natürlich für die jüdische Gemeinschaft wahnsinnig wichtig war. Ich kannte den Bauer nicht, obwohl ich in Frankfurt aufgewachsen bin, und habe mich dann mehr mit ihm beschäftigt. Ich bin dann zu Olivier gegangen und hab gesagt, ich finde, wir sollten über den einen Film machen. Dann haben wir gemeinsam weiter recherchiert und drei Jahre lang an dem Drehbuch geschrieben.

kreuzer: Fritz Bauer ist maßgeblich dafür verantwortlich, dass es in Deutschland überhaupt eine Auseinandersetzung mit der Nazi-Diktatur gab. Trotzdem ist er den meisten heute eher unbekannt. Wie kam es, dass er in Vergessenheit geriet?

KRAUME: Nachdem er 1968 gestorben ist, schien die schweigende Mehrheit, die so viel gewusst hatte, aber nicht darüber reden wollte, ganz froh gewesen zu sein, dass der Quälgeist weg war und man hat ihn in Vergessenheit geraten lassen.

kreuzer: Mit Giulio Ricciarellis »Im Labyrinth des Schweigens« entstand im vergangenen Jahr bereits ein Film, der die Auschwitz-Prozesse beleuchtete, anhand der Investigation eines fiktiven Staatsanwalts. Dort tauchte Fritz Bauer bereits als Figur am Rande auf. Wussten Sie von dem anderen Projekt und hatten Sie jemals darüber nachgedacht, die Arbeit einzustellen?

KRAUME: Als wir voneinander erfahren hatten, waren wir mit unserem Film in der zweiten Drehbuchfassung. Für einen Moment habe ich gedacht, wir müssen unser Projekt einstellen. Dann erfuhr ich, dass sie Bauer nicht ins Zentrum stellen und auch einen anderen Ausschnitt – nämlich die Vorbereitung der Auschwitz-Prozesse – behandeln, und dachte, das ist nicht unsere Geschichte. Ich wollte die unbekannte Geschichte erzählen, die zur Ergreifung Eichmanns geführt hat. Man weiß, dass Eichmann vom Mossad gefasst wurde, aber kaum einer weiß, dass eben Fritz Bauer aus seiner isolierten Position diese Aktion lanciert hat. Es ist jetzt 50 Jahre her, dass die Auschwitz-Prozesse stattgefunden haben und das ganze Kapitel und die Person Fritz Bauer sind besser repräsentiert mit zwei Filmen, als mit keinem. Und ich sage jetzt immer: Wir machen das wie George Lucas bei Star Wars – wir machen das Prequel zum »Labyrinth«.
INTERVIEW: LARS TUNÇAY

REZENSION
Der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer (eindrucksvoll: Burghart Klaußner) erhält 1957 von einem Deutschen in Argentinien Informationen über den Aufenthaltsort des NS-Verbrechers Eichmann. Trotzdem gestaltet es sich als überaus schwierig, diesen vor Ort zu stellen. Die meisten deutschen Behörden und sogar die Bundesregierung sind von Alt-Nazis durchsetzt, die sämtliche Bemühungen Bauers zu torpedieren versuchen. Einen letzten Ausweg sieht er in einer Kooperation mit dem israelischen Geheimdienst Mossad, was Bauer selbst allerdings zum Landesverräter machen würde. Weitere Brisanz kommt durch Bauers Homosexualität ins Spiel, die in den späten 50er Jahren noch Straftatbestand war und den Generalstaatsanwalt erpressbar machte. Gerade jener zusätzliche Aspekt hebt Lars Kraumes Film deutlich von Giulio Ricciarellis »Im Labyrinth des Schweigens« ab, in dem Bauer bereits als Nebenfigur vorkam, und kann der sorgfältig ausgestatteten und mit viel Gespür für die Zeit und die damaligen Lebensgewohnheiten erzählten Geschichte einige weitere spannende Perspektiven hinzufügen. Bauer selbst wird dabei gar nicht zum Spielball dieser Denunziationen, sondern sein junger Untergebener, Staatsanwalt Karl Angermann (ungewohnt bartfrei: Ronald Zehrfeld), der ideologisch auf gleicher Wellenlänge mit dem »General« liegt und die Restriktionen der Zeit schließlich am eigenen Leib erfahren muss. Diese im verruchten Halbweltmilieu angesiedelten Szenen mögen auf den ersten Blick unnötig und klischeehaft wirken, entfalten aber schließlich ihre gesamte Sprengkraft und werden sogar zu einer der narrativen Antriebsfedern dieser intelligent aufgebauten historischen Nacherzählung. Gerade weil es Fritz Bauer zu seinen Lebzeiten nicht vergönnt war, Ruhm und Ehre für seine ehrgeizigen Nachforschungen zu empfangen, ist es nun umso wichtiger, dass man sich mit Filmen wie diesem seiner Bedeutung erinnert. FRANK BRENNER

»Der Staat gegen Fritz Bauer«: ab 1.10., Passage Kinos

kreuzer verlost Freikarten und Poster zu »Der Staat gegen Fritz Bauer«. eMail an film@kreuzer-leipzig.de (Betreff: Nazijäger)

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