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Mit Schnurrbart im fremden Wohnzimmer

Das Chemnitzer Kinderfilmfestival Schlingel besuchte auch Leipzig

Ulises Größeres Bild

Das größte internationale Filmfestival für Kinder und Jugendliche im deutschsprachigen Raum endete am Wochenende im Chemnitz. Es zeigte jungen Schülern trotz fehlender Synchronisation, dass Altersgenossen auf der ganzen Welt ähnliche Probleme haben. Und krönte am Ende »Die Sendung mit der Maus«.

Schüler, die sich Schnurrbärte ins Gesicht geklebt haben, sitzen gebannt im Kinosaal und verfolgen kichernd einen mexikanischen Kinderfilm. Ein Junge, dem über Nacht ein Schnurrbart wächst, wird darin erst zum Außenseiter und dann zum Star.

Dieser und weitere 156 Filme aus 46 Ländern liefen vergangene Woche beim Chemnitzer Filmfest Schlingel, das kurz vor den sächsischen Herbstferien den Schülern selten gezeigte Filme präsentierte. Da viele internationale Produktionen noch nicht synchronisiert wurden, tragen Einleser im Kino die Dialoge laut auf Deutsch vor. Dieser Sprachenmix verwirrt die Kinder in der popcornschwangeren Luft des Kinokomplexes an der Galerie Roter Turm weit weniger als die Erwachsenen. Als die jungen Zuschauer dem Hauptdarsteller von »Ulises und die 10.000 Schnurrbärte« nach der deutschen Erstaufführung Fragen stellen dürfen, gibt es keine Verständigungsschwierigkeiten. Im Unterricht haben sie Mexiko noch auf der Weltkarte gesucht, im Kinosaal erfahren sie von dem elfjährigen Santiago Torres, wie er seine Rolle bekommen hat.

Eine weniger heitere, dafür aber sehr eindrückliche Produktion ist der afghanisch-kanadische Film »Mina Walking«, der den etwas älteren Schülern Eindrücke aus der afghanischen Stadt Kabul vermittelt. Durch die Geschichte des Mädchens Mina, das ihren drogensüchtigen Vater und ihren kranken Großvater allein versorgt, erleben die jungen Zuschauer, wie Mina sich täglich durchsetzen muss, und nähern sich danach durch Fragen an den Regisseur Yosef Baraki dem Land an, aus dem in den letzten Monaten viele Flüchtlinge auch Sachsen erreichen.

Kinderfilme verbinden die jungen Zuschauer, die sich mit ihren Altersgenossen auf der ganzen Welt identifizieren. Sie würden förmlich im Wohnzimmer der anderen sitzen, sagt die kanadische Filmfestleiterin aus Montreal, Jo-Anne Bouldin, die seit Jahren beim Chemnitzer Festival Gast ist. Durch die Filme erkannten die jungen Zuschauer, dass Kinder auf anderen Kontinenten auch Schwierigkeiten mit geschiedenen Eltern haben oder gemobbt werden.

Auch der Leipziger Ableger von Schlingel zeigte letzte Woche im Passage Kino einige der Filmpremieren. Denn nach dem Motto »Kurze Wege für kurze Beine« möchte das Filmfestival seinen Wirkungskreis neben Chemnitz auf Leipzig und Freiberg ausdehnen. Die diesjährigen 700 Besucher in Leipzig sollen übertroffen werden, indem man die hiesigen Schulen noch mehr einbindet.

In Chemnitz kamen 17.500 Besucher zum dem Festival, bei dem der ungarische Film »Pfote« (Regie: Róbert Adrian Pejó ) den mit 12.500 Euro dotierten Kinderfilmpreis der europäischen Kinderjury erhielt. Insgesamt 14 Filmpreise mit einem Gesamtwert von €57.000 wurden vergeben. Den »Ehrenschlingel« allerdings bekam in diesem Jahr Gert K. Müntefering, der Erfinder von der »Sendung mit der Maus«.

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