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Klassentreffen im Isolationstank

Disillusion reisen zur Überdosis Endorphin – Totl Xs. Ctrl kommen mit

Disillusion, Foto: Christian Rosenau Größeres Bild

»Im März wird’s rauskommen«: Lakonisch lässt Sänger Andy die Bombe platzen und vermeldet, dass Disillusion im Frühjahr eine neue Platte veröffentlichen werden. Da sind gerade die letzten Klänge von »Alea« verklungen, der frischsten Komposition, die dem Publikum die Sinne raubt. Manchmal reichen ein paar Worte, um Menschen zum Ausflippen zu bewegen. Aber was heißt schon frisch bei einer Band, die seit neun Jahren nichts mehr veröffentlich hat?

Länger nichts zu hören war auch von Think About Mutation (TAM). Unterm neuen Namen besorgen zuerst Totl Xs. Ctrl im total ausverkauften Werk II/Halle D die Disillusion-Startrampe. Wie in einer Art Klassentreffen sind hier die Leute zusammengekommen, die man so nur selten auf einem Haufen sieht, einige waren extra angereist. Es fühlt sich etwas an wie eine Zeitreise, denn natürlich ist Totl Xs. Ctrl nicht TAM, wie Sänger Stewa on stage betont, und natürlich sind sie es (fast) doch. Der Elekto-Metal-Mix – am Konzept hätte sich nüscht geändert und man eben wieder Bock auf die Bühne, meint der Saiten-Adler Joey Vaising im Dezember-kreuzer – groovt die Leute anständig ein und kann sich hören lassen. Zwischen Bämm-Bämm-Beats erklingt viel Melodiöses, bevor’s dann wieder derber nach vorne prescht. Schicker Shice, der schon im Februar wieder von einer Leipziger Bühne, dieses Mal als Headliner in der MB, herunterbrechen wird. Dass die Jungs die Hosen voll hatten vorm Auftritt, merkt man dem kunterbunten Treiben nicht an. Fett hingeklotzt!

Mindestens ein bisschen aufgeregt sind Disillusion nach Eigenaussage auch, als sie nach »überlanger Pause« (O-Ton Andy im aktuellen kreuzer) wieder in die Öffentlichkeit finden. Der Abend sei das »Ende vom Anfang« (Andy) und die Band will es wieder wissen. Schon die ersten Töne werden gefeiert, als das Frickel-Quartett den Spiegel zerspringen lässt: Sie spielen das komplette Album »Back To Times of Splendor«. Ich kann mich an keinen Gig erinnern – vielleicht ist das auch zu lang her –, an dem sie so herrlich-prächtig life an die Albumqualität rankamen. Meine unrepräsentative Umfrage unter Mithörern ergibt das gleiche Ergebnis.

Disillusion spielen alle in den Rausch. Die Halle wird zum Isolationstank, in dem die Menge abgeschottet von der Außenwelt wogend floated. Zugaben vom »Splendor«-Nachfolger »Gloria« bilden das Finale dieser Reise zur Überdosis Endorphin. Und »Alea«? Wenn ich Noten schreiben könnte … hätte ich dieses grandiose Stück auch nicht einfangen können. Über knapp elf Minuten schwillt die Intensität des Songs ganz allmählich an. Anfangs sehr melodiöse Gitarren, langsam angetippte Saiten, geraten zwischenzeitlich ins Schwirren, die Drums drehen auf, um sich im Wechselspiel völlig zu verlieren. Plötzlich taucht eine Trompeterin auf und, ja: bläst zum Gipfelsturm des energetischen Stroms auf. Episch umnächtig bleibt die Menge zurück – und zeigt sich völlig unenttäuscht.

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