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»Ich habe freiwillig Pointen gestrichen«

Adam McKay über »The Big Short« und wie man mit Humor die Finanzkrise erklärt

AdamMcKay. Foto: Paramount Pictures / Jaap Buitendijk Größeres Bild

So gut wie von Klamauk-Spezialist Adam McKay in »The Big Short« wurde die Bankenkrise im Kino noch nie erklärt. »Anchorman«, »Stiefbrüder«, »Ricky Bobby – König der Rennfahrer: Seine Filmografie weist Adam McKay (47) nun wirklich nicht als Finanzexperten aus. Ausgerechnet dieser Klamauk-Regisseur will die Bankenkrise von 2008 erklären? Das kann doch nur schiefgehen. Mitnichten: McKay schafft es, mit seinem neuen Film »The Big Short« (Kinostart: 14. Januar 2016), in zwei Stunden die Finanzkrise zu erklären. Zugegeben: Man versteht nicht alle Fachbegriffe, mit denen die Hollywood-Stars Steve Carell, Ryan Gosling, Brad Pitt und Christian Bale um sich werfen. Aber eben die Zusammenhänge. Und das, so schimpft ein äußerst aufgeräumter Adam McKay beim Interviewtermin in London, ist etwas, was Politik, Banken und Medien den Menschen vorenthalten.

kreuzer: Mr. McKay, man kennt Sie als Fachmann für Humor. Was hat Sie denn an die Wall Street verschlagen?

ADAM McKAY: Nach der Immobilienkrise und dem Zusammenbruch des Bankensystems 2008 gab es zwar ein paar Reförmchen. Aber relativ schnell redete niemand mehr davon. Mittlerweile sind die Banken noch größer geworden und werden noch viel weniger kontrolliert. Das hat mich sehr gewundert, aber ich kannte die Buchvorlage – und als ich die Gelegenheit bekam, jeden Film zu machen, den ich wollte, sagte ich ohne zu zögern: »The Big Short«.

kreuzer: Sie kannten das Buch also schon?

McKAY: Ich liebte es! Vor »The Big Short« hatte ich noch nie ein Buch gelesen, das so viele verschiedene Elemente verbindet. Das Erzähltempo war rasant, ich konnte das Buch einfach nicht weglegen. Manchmal lachte ich, manchmal war ich verängstigt. Gleichzeitig erklärte es mir diese ganze Finanzesoterik, von der ich absolut keine Ahnung hatte. Aber das Beste: Es ist eine wahre Geschichte, eine Geschichte, die mich auch betraf.

kreuzer: Hatten Sie keine Angst, dass der Film zu witzig wird?

McKAY: Die hatte ich in der Tat. Ich hatte nicht erwartet, dass der Film so lustig sein würde und war von den Reaktionen des Publikums überrascht. Ich machte dann etwas, was ich vorher noch nie getan habe: Ich strich freiwillig Pointen.

kreuzer: Dabei macht der Humor das Thema zugänglich …

McKAY: Ich war ja auch happy, dass die Leute lachten. Weil es bedeutete, dass wir den richtigen Ton getroffen hatten. Aber ich habe keine Witze um der Lacher willen ins Drehbuch geschrieben: Der Humor kam aus den Figuren und den Situationen. Einem Genre lässt sich der Film nicht zuordnen: Ich sah ihn immer als Zweiteiler. In der ersten Hälfte, dem Komödienteil, haben ein paar Leute das System durchschaut und ihm sozusagen »auf die Fresse« gegeben. Da kann man schön mitgehen, das ist witzig und dynamisch. Dann aber, im zweiten Teil, wird der Film zur Tragödie, weil allen plötzlich klar wird, dass die ganze Welt von dem Crash betroffen sein wird, dass Millionen von Menschen Obdach und Arbeit verlieren.

kreuzer: Da wünscht man sich einmal ein Happy End in einem Film, und dann verweigern Sie es …

McKAY: Stimmt. Ich hätte die Typen einfach ihre Kohle abkassieren lassen und dann auf eine Yacht in der Karibik schicken sollen, wo sie ihren neuen Wohlstand zu einem Lionel-Richie-Song genießen. Im Ernst: Ich bin ziemlich stolz auf das Ende. Besonders in Amerika ist es ziemlich schwer, zu erklären, wie man 200 Millionen Dollar machen kann und trotzdem nicht vor Freude in die Luft springt.

kreuzer: Interessant an der Krise ist, dass Einwanderer und ärmere Bevölkerungsschichten den Preis zahlen mussten …

McKAY: Weil ich das explizit erwähnte, wurde mir vorgeworfen, ich würde meine persönliche Meinung in den Film einbringen. Aber das stimmt nicht: Es ist die älteste Gewohnheit der Menschheit, sich Sündenböcke zu suchen. Das geht zurück bis in die Zeit, in der wir Jäger und Sammler waren: Wenn die Apfelbäume verdorrten, wurden irgendwelche Leute als Schuldige niedergemetzelt. Das zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte: weil es gut funktioniert, sich an Sündenböcken abzureagieren, wenn man irgendetwas nicht versteht. Die Wirtschaft zum Beispiel. Denken Sie nur mal an Deutschland nach der Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er-Jahre.

kreuzer: Der Mensch ist also nicht lernfähig?

McKAY: Im Gegenteil. Ich glaube fest daran, dass die Menschen im Grunde smart sind und wissbegierig. Was aber, zumindest in den USA, passiert, ist: Niemand rückt die nötigen Informationen raus. Die Leute werden auch von den Medien dumm gehalten, was ich für sehr gefährlich halte. Darüber wollte ich einen Film machen, und zwar einen, der unterhaltsam ist, der die Leute nicht verschreckt, sondern fesselt und ihnen dabei erklärt, was eigentlich in diesem Land los ist.

kreuzer: Sie lassen in »The Big Short« eine Unmenge Börsenchinesisch sprechen: Hatten Sie keine Angst, dass die Zuschauer den Film nicht verstehen?

McKAY: Ich dachte mir, wenn ich den Film verstehe, verstehen ihn andere auch. Ich bin kein Wirtschaftswissenschaftler, sondern habe englische Literatur studiert – und das nicht mal bis zum Abschluss. Ich bin nur der Typ, der »Stiefbrüder« machte (lacht). Aber ich stellte einfach immer weiter Fragen, bis ich es kapiert hatte. Wirklich schwer war das nicht. Aber wenn man Finanzjournalisten fragte, winkten die nur ab: »Das würde niemand verstehen …« Da wurde mir klar, dass sie gar nicht wollten, dass es irgendjemand versteht.

kreuzer: Wenn die Medien ihren Aufgaben nicht nachkommen, dann bleibt nur die Kunst …

McKAY: Traurig, aber wahr. Mittlerweile braucht man wirklich Unterhaltungsformen wie den Film, um den Menschen solche Informationen zugänglich zu machen. Mein Traum wäre es, wenn wir mit »The Big Short« den Informationsgraben, den die sogenannten Experten gruben, ein wenig zuschütten könnten, so dass die Menschen wieder mündig sind. Ohne diese Mündigkeit wird es keine Veränderungen geben. Wenn niemand weiß, was läuft, kann niemand Kontrolle ausüben.

kreuzer: Wird Ihre Aufklärungsarbeit geschätzt?

McKAY: Natürlich nicht. Sie stößt auf Widerstand – nicht überraschend kommt der vor allem aus der rechten Ecke. Ein paar Murdoch-Zeitungen haben »The Big Short« schon zu diskreditieren versucht. Sollen sie mal machen … Ich erinnere mich, dass ich vehement gegen den Krieg im Irak war: Natürlich wurde ich als Linker beschimpft. Ein paar Jahre später stellte sich heraus, dass der Irakkrieg ein ziemliches Desaster gewesen ist. Man ist in den USA sehr gut darin, Leute zu stigmatisieren, um in aller Ruhe die Wahrheit ignorieren zu können. Dabei sehe ich mich gar nicht als Linken, die Rechten nennen mich nur so. Meine politische Einstellung ist der gesunde Menschenverstand.

»The Big Short«: ab 14.1., Schauburg (auch OmU), Regina, CineStar,

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