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Drei Tage durchgezockt

Ein Besuch auf der Dreamhack

Foto: René Meyer Größeres Bild

1000 Spieler, 12.000 Besucher, 15 Terrabyte auf zwei Leitungen je zehn Gigabit pro Sekunde, drei Tage wach verbracht mit Bashen, Farmen und Pushen. Soweit die Bilanz der ersten Dreamhack in Leipzig. Tausende Spieler trafen sich hier am Wochenende, um die besten Taktiker und Kämpfer in Counter Strike, Starcraft II und League of Legends zu ermitteln und nebenbei die größte Lan-Party Deutschlands zu schmeißen. Die Gemeinde pilgerte nach Leipzig oder verfolgte millionenfach das Geschehen vom heimischen PC aus. Alle anderen bekamen davon aber nur wenig mit.

Ganz gemächlich begann der Spaß am Freitagmorgen. Während die Lan-Enthusiasten ihre Rechner noch fertig verkabelten und sich schon mal vorausschauend mit lebensbedrohlichen Dosierungen von weitgehend frei verfügbaren Energiedrinks des Sponsors zuschütteten, um so die Tage und Nächte zu überstehen, begannen in Halle 5 des Messegeländes die ersten Besucher die Ausstellerstände zu begutachten. Rund zwei Dutzend Stände präsentierten dort die Neuheiten in der Computer und Spieleentwicklung. Vornehmlich waren allerdings Hersteller von PC-Peripherie und der lokale Elektrogroßmarkt am Start. Spieleentwickler und Publisher, die vor acht Jahren bei der Games Convention noch die Hallen gefüllt haben, waren abwesend.

So verbrachten wir die ersten Stunden zunächst an einem der vielen Ausstellungsrechner. Zockten entweder als gnadenloser Anfänger League of Legends, testeten das total überteuerte Star Wars Battlefront, um danach frustriert festzustellen, dass es zu Recht im Internet zerrissen wurde, oder probierten uns im Wettstreit mit Anderen an Fifa 16, was wirklich lautstark von zwei Fußballfans kommentiert wurde: »Verdammt nochmal! Was für eine wahnsinns-geile Parade!«

Während sich daraufhin die gesamte Halle erschrocken in Richtung Fifa-Bühne umdrehte, gab es eine Person, die davon garantiert nichts mitbekam: Eingepfercht in eine schwarze Box mit VR-Brille auf der Nase und einer T-60 Blasterkanone in der Hand ballerte sie in einer virtuellen Spielwelt alles nieder, was ihr in die Quere kam.

Vor der Box warteten bereits zwanzig weitere Ego-Shooter-Begeisterte, die alle überdimensionierte Taschen mit der phänomenalen Aufschrift »Mehr zocken. Mehr Highscore. Mehr Yeah!« trugen. Glückwunsch für Originalität an dieser Stelle an das PR-Team des Elektrogroßmarkts. Schnell wurden wir jedoch selbst zu einem dieser Taschenträger, nur um dann damit am Eingangsbereich der Lan-Party zu scheitern. Denn dort gaben einem Türsteher zu verstehen, dass man mit diesen Taschen nicht in den Club kam. Was nicht schlimm war, denn für jeden, der sowieso keinen der zwischen 79 € (Klappstuhl) und 149 € (mit Rechner des Sponsors und Gaming Chair) teuren Sitzplätze ergattert hatte, gab es kaum Gründe, sich durch die Reihen zu bewegen, deren geisterhaftes tausendfaches Monitorrauschen in den Pausen über den Stream flimmerte.

Mit einem überteuerten Hot Dog oder einer mickrigen Pizza für achtfuffzich in der Hand, die Taschen des lokalen Elektrogroßmarkts nicht aufgebend, stellten wir uns vor eine weitere Bühne, von der gerade Rocket Beans TV, der Streaming-Sender der ehemaligen GameOne-Spaßvögel, in einer Art Dauerwerbesendung über die Dreamhack berichtete. Zwei Leute fläzten auf der Couch und ließen sich über Gott und die Welt des Gamings aus. Hinter der Couch saßen die YouTube-Stars aufgereiht hinter ihren Rechnern und ließen sich bei der Selbstdarstellung zuschauen, vom Veranstalter etwas hilflos in einer Ecke platziert mit Platz für die Fangemeinde davor. Der skurrilste Anblick einer ohnehin skurrilen Veranstaltung.

Am Samstag kam die Dreamhack dann so richtig in Fahrt. Mehr Menschen, mehr Lärm, mehr alles. Konnte man sich am Freitag noch aussuchen, welche Spiele man in der Messehalle wann und wo spielte, musste man nun regelrecht um einen Platz in den Schlangen kämpfen.

Derweil stand auf der Hauptbühne die langerwartete Wahl zu Mister oder Miss Cosplay der Dreamhack 2016 an. Dort machte Ronald Kellners Rusty-Gear-Outfit den ersten Platz, in dem er so aussah, als käme er direkt vom Set des nächsten Mad-Max-Streifens. Aber auch die anderen Kostüme, in denen oftmals jahrelange Arbeit steckt, konnten sich sehen lassen. Auf dem Großbildschirm dahinter wurde die Illusion dann endgültig perfekt, dass die Gewinner Protagonisten in ihrem eigenen Computerspiel wären.

Doomsday – der letzte Tag. Müde Gesichter und überall leere Energiedosen. Die Augenränder hingen tief, die Dusche wurde dringend. Irgendwo im Kommentarbereich des inoffiziellen Dreamhackforums nörgelte ein Gamer darüber, dass doch bitte mal die Toiletten gesäubert werden sollten. Der Anblick vor Ort bestätigte das und garnierte den Comment mit dem passenden Odeur.

Auf den Hauptbühnen standen die finalen Runden der Turniere an. Bis zuletzt lieferten sich die Teams von Na’Vi und Luminosity ein Kopf-an-Kopf(schuss)-Rennen in CS:GO. Am Ende triumphierten Natus Vincere (lat. »Geboren zum Siegen«) aus der Ukraine über die brasilianischen Kontrahenten nach einem fast dreistündigen, von professionellen Sportkommentatoren begleiteten Showdown, der keinen der Besucher kalt ließ.

Am Ende hatte uns die Dreamhack dann doch gepackt, auch wenn es für außenstehende Besucher zu wenig gab. Das Flair früherer GCs war in Ansätzen zu spüren, der Platz zwischen den Ständen war aber vor allem am ersten und letzten Tag noch sehr luftig. Das Konzept der etwa zu zwei Dritteln gefüllten Halle 5 war nicht ganz ausgereift, die Halle insgesamt zu groß, aber vielleicht hatte das auch mit der Ausnahmesituation auf der Leipziger Messe zu tun. Im Stadtbild bekam man kaum etwas mit vom Leistungssport auf der Messe, bis auf ein paar verschämte DinA4-Plakate und Postkarten. Auch die LVB war nicht besonders hilfreich, wenn man nach den Abendveranstaltungen von der Messe zum Schlafplatz in der Stadt kommen wollte.

Doch die Zielgruppe zeigte sich zum großen Teil begeistert. Kritikpunkt war ein fehlender Public Server, denn meistens spielte man über das Internet und das kann man ja auch von daheim. Überhaupt ist die Zahl der Besucher in Leipzig nur ein Bruchteil dessen, was sich im Netz abspielte, wo der Stream auf Twitch stellenweise vier Millionen Zuschauer zählte, und die Dreamhack somit im deutschsprachigen Raum einen gewissen Stellenwert erlangte. Viele Gamer haben schon angekündigt, nächstes Jahr (13.–15.1.17) wieder dabeizusein. Die Szene freut sich über einen weiteren festen Termin für ein Get Together im Real Life – neben der gamescom im Sommer. Die meisten waren sich einig: Die erste Dreamhack war ein gelungener Auftakt mit viel Luft nach oben.

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