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Winter im Zelt

Geflüchtete protestieren gegen die kommunale Unterbringung in Zelten an der DB

Demo im Regen, Foto: A.S.M. Größeres Bild

Temperaturen zwischen Eiseskälte und bulliger Heizlüfterhitze, kranke Kinder und unerträgliche Massen in einem Raum: Geflüchtete protestierten erneut gegen die Zustände in den Leichtbauhallen, die die Stadt Leipzig seit Dezember am Deutschen Platz eingerichtet hat.

Es regnet in Strömen, als der Demonstrationszug von Geflüchteten und Unterstützern am Dienstagabend vor dem Neuen Rathaus ankommt. Der Protest richtet sich einmal mehr gegen die Zustände in der kommunalen Zeltstadt am Deutschen Platz. Betroffene schildern, wie sie sich mit ihren Kindern in der Kälte um Essen anstellen müssen, obwohl ihre Kinder krank sind. Die ärztliche Versorgung sei schwierig und das Zusammenleben mit den vielen anderen Menschen in den zwei riesigen Zelten auf Dauer unerträglich, zur Schule gehen dürften die Kinder auch nicht.

Seit Dezember wohnen in der Unterkunft auf dem Parkplatz direkt neben dem Max-Planck-Institut knapp 500 Menschen, darunter 200 Kinder. Schon bei einer ersten Demonstration am 18. Januar berichteten die Untergebrachten von unerträglichen Schwankungen der Temperatur, die mal ein, mal 25 Grad betragen habe, je nachdem wo der Heizlüfter hinpustete. Warmes Wasser sei viel zu knapp gewesen, immer wieder wurden Kinder deshalb krank.

An den Zuständen hat sich in den vergangenen Wochen nicht viel gebessert, nur das Wetter ist wärmer geworden. Ammar G., ein Nachbar, der selbst vor einem Jahr aus Syrien geflohen ist, unterstützt die Bewohner der Zeltstadt dabei, ihr Anliegen in die Öffentlichkeit zu bringen. Er erzählt, dass nach der letzten Kundgebung viele Versprechen vom Sozialamt gemacht wurden, und alle einen Apfel bekommen haben. Diesmal trauen sich einige mehr, sich dem Protest anzuschließen, obwohl es eine Ansage in den Zelten gegeben habe, die Demo könnte gefährlich für Kinder sein.

Die Polizei hat mit großem Aufgebot gegenüber dem Eingang der Zelte Stellung bezogen und begleitet den Aufzug mit einem Spalier und viel Blaulicht. Am Neuen Rathaus angelangt, wird schnell das Tor verschlossen, ein persönliches Gespräch ist heute unerwünscht.

Bis vor Kurzem hing an dem Gebäude ein großes Wandbild, dass die Situation einer durch den Zweiten Weltkrieg zur Flucht gedrängten deutschen Frau mit Kind mit der einer Syrerin verglich. Ein ziemlicher Unsinn, nicht nur, weil es sich bei dem einen um einen nationalistischen Angriffskrieg und bei dem anderen ursprünglich um den Aufstand gegen eine Diktatur handelt. Auch die Unterbringung war grundverschieden. Die deutschen Flüchtlinge (Leipzig nahm fast eine Million auf) kamen unabhängig von ihrer Vergangenheit vielfach in Privaträumen unter, die ihnen zugeteilt wurden, oft gegen den Willen der Bewohner. Damals war der Wohnraum zum Großteil zerbombt und extrem knapp, anders als heute im blühenden Leipzig, der hippen Metropole im Osten.

Die Geflüchteten erzählen bei der Zwischenkundgebung am Rathaus von ihren persönlichen Erfahrungen. »Mein dreizehnjähriger Sohn ist seit zwei Jahren in Dortmund«, erzählt ein Mann. »Doch ich werde daran gehindert, ihn endlich wiederzusehen.« Ein anderer beschwert sich über die Security der Unterkunft, die sie schlecht behandelt. »Es ist kein Problem mit der Polizei. Es ist kein Problem mit den Amt. Es ist ein Problem mit den privaten Sicherheitsunternehmen.« Eine Frau erzählt dagegen, dass sie mit ihren vier Kindern drei Monate hier ist und schon in sechs verschiedene Heime geschickt wurde.

Eine offizielle Ansage der Verwaltung dazu gibt es nicht, es machen aber Gerüchte die Runde, dass Familien mit kranken Kindern in den nächsten Tagen dezentral untergebracht werden, bei einigen von ihnen haben die Ärzte schon zu Beginn der Unterbringung festgestellt, dass sie etwa wegen Asthma, Allergien oder schwerer Krankheiten nicht in Zelten leben können.

Auch die Nachbarschaft kümmert sich inzwischen um die Bewohner der beiden Leichtbauhallen. Petra Jahn und Maria Mammen, die am benachbarten Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropolgie arbeiten, erzählen: »Wir wollten nicht diese Hilfe von oben herab, sondern einfach Nachbarschaftshilfe leisten, wie es eben normal ist. Deswegen heißt unsere private Mailingliste ›neighbours‹. Da sind inzwischen über 100 Leute aus dem Institut hier drauf.« Über die Liste werden Angebote koordiniert, geführte Touren durch den Zoo, Gitarrenunterricht oder ein gemeinsames Fußballspiel mit Mitarbeitern des Instituts. »Was wir tun, ist die Situation erträglicher zu machen. Aber eigentlich ist die unhaltbar, im Sommer wird das ja nicht besser, wenn die Sonne draufknallt. Das Ziel sollte sein, Wohnungen zu vermitteln.«

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