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Leipzig singt, springt und trinkt

Bericht vom Rosensonntag in der Innenstadt

Rosensonntag mit Klobrille, Foto: SAWI Größeres Bild

Um zu zeigen, dass Lehrjahre auch beim kreuzer keine Herrenjahre sind, und natürlich um Sie, liebe Leser, zu amüsieren, haben wir unseren Praktikanten Sascha Winkelbauer zum Faschingsumzug geschickt. Hier sein Bericht von steinhartem Karamell, vom Lieblingstier Zapfhahn und vom erfolglosen Kampf um Freibier.

Konfettibomben explodieren über mir. Massen an Süßigkeiten prasseln auf mich hinab. Schützend halte ich mir die Hände vor das Gesicht. Um mich herum geduckte Kinder, die im Bonbonhagel nach verwertbaren Überresten suchen. Dazu trällern aus zwei überdimensionierten Lautsprechern Gute-Laune-Hits wie: »Nüchtern bin ich zu schüchtern« und »Biba Bobbicar, ich fahr mit meinen Bobbicar«. Was sich wie ein Kriegsszenario aus einem verkoksten Glücksbärchen-Trickfilm anhört, fand gestern im Rahmen des Rosensonntagsumzuges in der Leipziger Innenstadt statt.

Ich bin ja noch nie zuvor auf einem Faschingsumzug gewesen. Stets habe ich mich geweigert, nur einen Fuß auf eine solche Veranstaltung zu setzen. Schließlich ist so was abseits von Köln bekanntermaßen nicht sonderlich cool. Das letzte Mal, als ich mit dem Begriff Fasching in Berührung gekommen bin, muss zu meiner Grundschulzeit gewesen sein, als ich als Ninja verkleidet den damaligen Jugendclub zerlegt habe. Dennoch wage ich mich nun, mit Presse-Helm und Schutzweste bewaffnet, für den kreuzer in das diesjährige Karnevalsgetümmel.

Vor dem Brühler Kasten geht das Karnevalsspektakel am Sonntagnachmittag mit rund dreißig verschiedenen Wagen los. Doch vor Ort ist alles schon voll und kein Durchkommen mehr zu verzeichnen. So suche ich mir schließlich am Markt einen ordentlichen Platz zum Glotzen.

In zweiter Reihe angekommen, sehe ich dort gerade noch, wie Leila, das biestige Karnevalsmaskottchen, eine Ladung Bonbons in meine Richtung schleudert. Steinhartes Karamell. Ich fange eines aus der Luft, sonst bleibe ich verschont. Neben mir höre ich die schmerzverzerrten Schreie der Getroffenen. Leila, warum hast du uns das angetan?, rufe ich ihr im Stillen hinterher, doch sie ist schon fast außer Sicht. Ihr Wagen wird abgelöst durch die Vertreter der regionalen Karnevalsgarden und Fachgeschäfte. Kreative Slogans wie »Beim Handwerk ist es wie beim Bier, Qualität liefern nur wir« und »Mein Lieblingstier ist der Zapfhahn« prangen auf den Transparenten. Nebenbei schallt das bekannte »Viva Colonia« aus den Boxen. Hinter den Wagen folgen die Gardemitglieder in ihren Uniformen, die die Zuschauer zum Mitmachen und Mitsingen zu motivieren versuchen. Doch stellt sich das als ein außerordentlich schwieriges Unterfangen dar. Die Zuschauer bleiben still. Nur hin und wieder sieht man den einen oder anderen im Takt mit den Füßen wippen.

Die Zeit verstreicht und immer wieder prasseln Süßigkeiten herab. Ich schaue mich um. Vor mir sammeln die Kinder. Hinter mir horten die Eltern ihre Beute. Hier wird der Jahresvorrat an Bonbons aufgefrischt. Eine bärtige Putzfrau schwenkt vor mir eine Klobürste herum und putzt damit ihren armen Begleitern die Ohren aus. In der anderen Hand hält sie eine Pulle Bier. Grölend folgt sie den Wagen vor ihr. Plötzlich verdunkelt eine neue Ladung Konfetti den Himmel. Ich freue mich schon auf den Dreck in meiner Wohnung, wenn ich meine Jacke ausschüttle. Der Bass dröhnt hart. Wagen 22 bringt endlich den ersehnten Durstlöscher für die Massen. Freibier! Doch in der zweiten Reihe bekomme ich keinen der hart umkämpften Becher zu fassen.

Ja, der Karneval. Langsam komme ich auch ein wenig in Stimmung. Doch so schnell wie er gekommen ist, zieht der Umzug auch schon an mir vorbei. Ein letzter Aufschrei eines Garde-Generals motiviert die Massen mit den Worten: »Leipzig, lasst uns alle springen!« Ich springe kurzerhand mit.

Zurück in der Redaktion treffe ich unseren Exil-Kölner Max im Cowboy-Kostüm. Seinen Revolver lustlos in die Ecke knallend, erzählt er mir, wie deprimierend er den Umzug fand und unterstreicht seinen Ausblick auf das Geschehen mit den Worten: »Will man einem Rheinländer Heimweh bereiten, so sollte man ihn auf den Rosensonntagszug nach Leipzig strafversetzen.« SASCHA WINKLEBAUER

Anmerkung der Redaktion: Nächstes Mal schicken wir unseren Praktikanten nach Braunschweig. Da ist scheinbar richtig Stimmung. Während des Umzugs brüllten Fans von Eintracht Braunschweig, die zur selben Zeit gegen RB verloren, auf ihrem Wagen immer wieder: »Scheiß Bullen.« Woraufhin der Wagen samt Fans von der Polizei, die sich scheinbar angesprochen fühlte, herausgezogen wurde und alle Personalien kontrolliert wurden.

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