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Kino Latino

Die Kinostarts im Überblick und was sonst Filmisches in der Stadt geschieht

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Bereits seit elf Jahren bringt die Berliner Initiative »cinema negro« brasilianisches Kino auf hiesige Leinwände, gemeinsam mit dem Leipziger Verein Sudaca seit einigen Jahren auch in unserer Stadt. Zwischen irrwitziger Komödie, Musikerporträt, Drama und eindringlicher Dokumentation bekommt man an den vier Tagen einen Einblick in ein ungebrochen spannendes Kinoland. Das Leipziger Publikum hat übrigens Vorrang: in Berlin findet das Cinebrasil erst Mitte März statt. Auch unser Filmstart der Woche kommt aus Lateinamerika: der Venedig-Gewinner »El Clan«.

Cinebrasil
3.–6.3., Schaubühne Lindenfels

Film der Woche: Buenos Aires in den Achtzigern: die Familie Puccio genießt hohes Ansehen in der Nachbarschaft. Ihnen gehören mehrere florierende Lokalitäten in der Stadt, der älteste Sohn Alejandro ist ein gefeierter Rugby-Spieler, die Puccios werden respektiert und geliebt. Doch hinter der gutbürgerlichen Fassade zieht Vater Arquímedes seine sinistren Fäden. Nebenher hat er einen florierenden Geschäftszweig aus Entführung und Schutzgelderpressung etabliert, dem der Rest der Familie billigend zusieht. Als das Familienoberhaupt jedoch die letzte moralische Grenze überschreitet, will Alejandro aussteigen. Doch Arquímedes schreckt auch nicht davor zurück, seinen Sohn mit Gewalt zur Mitarbeit zu zwingen.

Immer enger schnürt Regisseur Pablo Trapero (»Löwenkäfig«) sein Geflecht aus Macht und Hörigkeit, das mit zunehmender Laufzeit immer extremere Ausmaße nimmt. Korruption und Mittäterschaft gehen Hand in Hand bis in höchste Regierungsebenen in einer politisch unruhigen Zeit. Basierend auf einem landesweit bekannten Fall, avancierte »El Clan« in seiner Heimat zum erfolgreichsten Film des Jahres. Beim Filmfestival in Venedig erhielt Pablo Trapero für seinen hochspannenden Thriller den Silbernen Löwen. Ein starkes Ensemble und viel Zeitkolorit liefern einen beängstigenden Einblick in eine gesellschaftliche Ära, in der Menschen zur eigenen Bereicherung über Leichen gingen. Ausführliche Kritik im aktuellen kreuzer.

»El Clan«: ab 3.3., Passage Kinos

»Während die Hauptmänner die Revolution auf die Straße tragen, suchen die Einwohner von Fontainhas nach Ventura, der sich im Wald verlaufen hat.« So beschrieb Regisseur Pedro Costa auf ironische, aber auch programmatische Weise den Inhalt seines Films »Horse Money«. Ironisch, weil der Film selbst bei großzügigem Interpretationsspielraum eine solche Ereignisrekonstruktion nicht wirklich erlaubt. Programmatisch, weil sich keine bessere Synopsis schreiben ließe. »Horse Money« sperrt sich gegen jeden Versuch der rationalen Aufgliederung. Der Film ist eine grandios bebilderte Reise durch die Erinnerungslandschaft des schon aus früheren Filmen Costas bekannten Protagonisten Ventura. Seine eher zufällige Teilnahme an der portugiesischen Nelkenrevolution 1974, sein früheres Leben auf den Kapverden, die prekäre finanzielle Existenz als Einwanderer in Portugal, die für die Fremden wohl noch langsamer mahlenden Mühlen der Bürokratie. Die meiste Zeit befinden wir uns im dunklen Labyrinth eines Krankenhauses, in dem Ventura sich wegen einer Nervenkrankheit behandeln lässt. Zu Beginn läuft er über Treppen und Gänge immer abwärts, tiefer hinab in die Katakomben, was diesen Ort auch als eine Art Totenreich plausibel macht. Es begegnen uns Freunde und Verwandte, Lebende und schon Verstorbene, die meisten wie Ventura Einwanderer von den Kapverden. Es bleibt viel im Unklaren, vor allem ohne Rückgriff auf den historischen Kontext der jüngeren portugiesischen Geschichte, der für Costas politischen Diskurs zentral ist und der seit einigen Jahren in cineastischen Kreisen hohe Wellen schlägt. Eine fünfminütige Wikipedia-Recherche hilft. Und es lohnt sich! Die visuelle Poesie Costas ist exquisit und macht schon für sich genommen einen gelungenen Film. Beleuchtung, Farben, Framing: manchmal stockt einem bei diesen Bildkompositionen förmlich der Atem. Man könnte auch das als eine Desorientierung begreifen, die uns letztlich so verloren macht wie Ventura im Wald.

»Horse Money«: ab 3.3., Luru Kino in der Spinnerei

Der Weg von Trevor folgt strikt dem Einklang zwischen Geist und Körper. Mit seinem Programm »Power4Live« hat er ein recht florierendes Fitness-Unternehmen aufgebaut und denkt daran, zu expandieren. Seine erfolgreichste Trainerin Kat leistet ihm gelegentlich im Bett Gesellschaft, zwischen den beiden ist allerdings nichts Ernstes – glauben sie. Als der neureiche Multimillionär Danny in ihr Leben tritt, kommen die wahren Gefühle zutage. Der Australier Guy Pearce und die aus der Serie »How I Met Your Mother« bekannte Cobie Smulders entwickeln auf der Leinwand eine wunderbare Chemie. Die Dialoge sind treffsicher und ehrlich. Alldem zuzusehen macht eine Menge Spaß, der Plot wirkt niemals platt und vorhersehbar. Vielmehr werden nebenbei noch Themen wie Depression und Bindungsunfähigkeit verarbeitet. Ein Film über das Leben eben, mit all seinen Facetten. Ausführliche Kritik im aktuellen kreuzer.

»Results«: ab 3.3., Cineding

Anne Frank ist ein ganz normales 12jähriges Mädchen. Sie hat Freundinnen, schwärmt für Bücher und beginnt sich für Jungs zu interessieren. Aber Anne ist Jüdin und das Jahr 1942. Gerade ist die Familie aus Frankfurt am Main nach Amsterdam immigriert. Vater Otto (Ulrich Noethen) ist ein angesehener Händler, der Familie geht es finanziell gut. Doch der Nationalsozialismus ist ihnen auf den Fersen, und als die Deutschen die Niederlande besetzen, wird das Leben mit jedem Tag schwerer für die Familie. Schließlich bleibt ihnen nichts anderes übrig, als sich vor den Nazis in einem geheimen Verschlag eines Wohnhauses zu verstecken. Auf engstem Raum leben sie dort über zwei Jahre lang gemeinsam mit dem Ehepaar van Pels und dem Zahnarzt Fritz Pfeffer. Hunderte Tage, unzählige Stunden, in denen Anne Frank erwachsen wird und ihre Gedanken und Gefühle in einem Tagebuch festhält.

Vielfach wurde das wohl bekannteste Schicksal aus der Zeit der Judenverfolgung bereits für die Leinwand adaptiert. Jedoch noch nie unter deutscher Produktion. Drehbuchautor Fred Breinersdorfer (»Sophie Scholl«) konzentriert sich in seiner Adaption auf die Gefühlswelt des jungen Mädchens und zeigt, dass es für sie ein Leben vor und neben der Angst gab – das Leben eines Teenagers. Mit der 16jährigen Lea von Acken (»Kreuzweg«) kann er auf eine starke Hauptdarstellerin bauen. Insgesamt hätte man sich aber eine mutigere, weniger formelhafte Inszenierung gewünscht, um die Beklemmung der Behausung fühlbar werden zu lassen.

»Das Tagebuch der Anne Frank«: ab 3.3., Passage Kinos, Schauburg, Cineplex, Regina Palast, CineStar

kreuzer verlost »Das Tagebuch der Anne Frank« (Fischer Verlag). eMail an film@kreuzer-leipzig.de (Betreff: Amsterdam)

Die Gesellschaft der Tiere ist reichlich unflexibel. Büffel werden Cops, Löwen und Nashörner vielleicht. Aber eine Häsin? Trotzdem will sich Judy Hopps nicht mit der familiären Tradition des Karottenanbaus zufrieden geben und strebt nach Höherem. So zieht es sie in die Metropole Zootopia, doch der Weg zu ihrem Traum ist ein turbulenter. Die Grundprämisse, dass man mit Beharrlichkeit seine Träume verwirklichen kann, steht ganz in der Tradition Disneys und wird den jungen Zuschauern auf sanfte Weise eingetrichtert. Nebenbei werden auch noch Stereotype in Frage gestellt und Vorurteile abgelegt. Trotzdem steht der Anspruch zur Unterhaltung im Mittelpunkt. Mit viel Liebe und reichlich Charme versehen ist „Zootopia“ ein actionreicher, höchst vergnüglicher Ausflug in die Welt der allzu menschlichen Tiere.

»Zoomania«: ab 3.3., Cineplex, CineStar, Regina Palast

Flimmerzeit_Februar 2016.

 

Weitere Filmtermine der Woche

Schumanns Salon

Edgar Allan Poes »Der Untergang des Hauses Usher« von Jean Epstein (Frankreich 1928), Stummfilm mit Live-Musik

5.3. 18 Uhr, Schumann-Haus Leipzig

Dringende Heirat

Die Journalistin Zhenja möchte gerne Chefredakteurin werden, doch dafür erwarten die Aktionäre der Familienzeitschrift, für die sie arbeitet, dass sie verheiratet ist. – Russisches Kino

5.3., 17.30 Uhr, Cineplex (OF)

Mafia – Survival Game (3D) 

In einer fernen Zukunft hält die Live-Action TV-Gameshow Mafia die Fernsehzuschauer in Atem. Denn wer dieses Spiel verliert, verliert auch sein Leben. – Russisches Kino.

6.3., 17.30 Uhr, Cineplex (OF)

Große Weite Welt 

Der fünfte Film des Leipzig-Zyklus von Andreas Voigt kehrt zurück zu einigen Protagonisten aus den früheren Filmen, um zu sehen, was aus ihnen geworden ist.

7.3., 19 Uhr, Zeitgeschichtliches Forum

Der Staat gegen Fritz Bauer

Deutschland 1957. Während die junge Bundesrepublik die NS-Zeit hinter sich lassen will, kämpft ein Staatsanwalt unermüdlich dafür, die Täter im eigenen Land vor Gericht zu stellen. Spannende Geschichtsstunde.

7./8.3., 21 Uhr, UT Connewitz

Herbert

Einst war er der »Stolz von Leipzig«. Heute verdingt sich Herbert mehr schlecht als recht als Türsteher und Geldeintreiber. Bis die erschütternde Diagnose ALS in sein Leben tritt. Fortan versucht er sein Leben auf die Reihe zu bekommen. Deutschland-Premiere in Anwesenheit des Regisseurs Thomas Stube, des Hauptdarstellers Peter Kurth und der Crew-

8.3., 19.30 Uhr, Passage Kinos

Sexarbeiterin

Der Dokumentarfilm begleitet Lena Morgenroth, die freiwillig sexuelle Dienstleistungen anbietet, bei ihrer täglichen Arbeit. Anschließend Diskussion mit Franziska Hartung (Beraterin für Sexarbeiter/innen beim Gesundheitsamt Leipzig)

8.3., 19.30 Uhr, Cinémathèque in der naTo (OmeU)

Kein Zickenfox 

Einmal pro Woche treffen in Berlin-Kreuzberg 66 Frauen zwischen Anfang 20 und Mitte 70, 21 verschiedene Instrumente und die unterschiedlichsten weiblichen Biografien und Lebensentwürfe aufeinander. Ihr Ziel: gemeinsam musizieren.

8.3., 17 Uhr, Kinobar Prager Frühling

Kairo 678 – Les Femmes du bus 678 

Fayza wird regelmäßig in den öffentlichen Verkehrsmitteln befummelt, Nelly konnte knapp dem sexuellen Missbrauch entgehen und Seba war vor Jahren Opfer einer Massenvergewaltigung. Diese drei ägyptischen Frauen und ihre jeweilige Form des Umgangs damit bzw. der Vergeltung stehen im Mittelpunkt. – Film und Sekt zum Internationalen Frauentag

8.3., 18 Uhr, Frauenkultur

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