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Migranten hinter Mauern

Eine Uraufführung spürt dem Leben nichtdeutscher DDR-Bürger nach

Das Ensemble. Größeres Bild

Deutschland thront auf hölzernen Beinen. Helmut Kohl parliert vom Opferbringen und den berüchtigten Landschaften. Der Ring sei schließlich montags so voll gewesen, dass der Anfang das Ende überholt hat, meint eine Figur – oder war es andersherum? Beim wiederholten Mauerbau werden der Dramaturgie wegen die Steine vertauscht. Willkommen bei der Probe von »Die sozialistische Nachtigall«, einem Theaterstück über Migranten in der DDR!

Es läuft schon ziemlich rund beim Besuch in der naTo einige Tage vor der Premiere am Freitag. Die fünf Darsteller sind eingespielt und der Gast wohnt ein paar vielstimmigen Szenen bei, die Sprechtheater mit Drive versprechen. Hier vermengen sich Recherchearbeit und improvisierte Spielszenen, so Regisseurin Carla Niewöhner. Seit zwei Jahren treibt sie das Projekt voran, um das Leben von Menschen nichtdeutscher Herkunft in der DDR zu beleuchten. »Das Thema Migration hat mich einfach interessiert. Ich bin selbst schon oft umgezogen, habe in verschiedenen Ländern gelebt.« Sie selbst ist 2000 aus der Nähe von Bremen zum Studium der Theaterwissenschaft nach Leipzig gezogen. »Erst als ich hier gelebt habe, merkte ich, was es für Unterschiede und Gemeinsamkeiten in Ost und West gibt. Wie mag das dann für Migranten gewesen sein, fragte ich mich. Sie waren Andere in einem anderen Land, das sich plötzlich auch noch mit dem Mauerfall stark veränderte. Und plötzlich war ihr Status ein ganz anderer. Wie haben sie das erlebt?«

Also suchte sich Niewöhner geeignete Interviewpartner und fand einen ungarischen Balletttänzer, einen syrischen Studenten, eine bulgarische Zahnärztin, einen griechischen Flüchtling, einen vietnamesischen Vertragsarbeiter. Sie alle waren mit Hoffnung auf eine Zukunftsperspektive in die DDR gekommen, wohnen heute alle in Leipzig. Wie ist es ihnen ergangen, was bewegt sie heute? Kann man etwas von ihnen für das Zusammenleben lernen? Das sind Fragen, die das Stück anhand der Lebensläufe und dem eingestreuten historischen Material stellt. Das soll keine Nacherzählung sein, so Niewöhner, wie es damals war, sondern eher eine anschauliche Einfühlung. Die kann angesichts des Probefragments als gelingend eingestuft werden. Gut, beim Mauerbau hakte es noch etwas. Aber der Funke sprang über die vierte Wand hinweg in den Zuschauersaal. Und was hat es jetzt mit dem kryptischen Stücknamen »Die sozialistische Nachtigall« auf sich? Das soll Überraschung bleiben und eine Antwort würde Sie nur beunruhigen.

»Die sozialistische Nachtigall«: 15.4., 20 Uhr (Premiere), 16.4., 20 Uhr, naTo Leipzig

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