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Applaus und Jawoll

Thilo Sarrazin kam zum Gespräch mit dem LVZ-Chefredakteur

Thilo Sarrazin, Foto: Tanja Schnitzler Größeres Bild

Sind die afrikanischen Bananen, die wir für schlappe 2,20 Euro das Kilo im Supermarkt kaufen, nicht schon wieder so billig, dass wir hier nicht vielleicht doch ein bisschen Schuld tragen an der Misere Afrikas? Das ist die erste Frage von LVZ- Chefredakteur Jan Emendörfer an Thilo Sarrazin. Der Bestseller-Autor hatte am Donnerstag gerade 30 Minuten lang sein neues Buch in der Alten Handelsbörse vorgestellt. »Wunschdenken: Europa, Währung, Bildung, Einwanderung – warum Politik so häufig scheitert«, heißt es.

Wunschdenken – das sei so was, wie zu glauben, dass in den Flüchtlingsheimen lauter »tüchtige Lehrlinge« sitzen, sagt Sarrazin. Schallendes Gelächter. Auf Einladung der CDU-Mittelstandsvereinigung sitzen vor ihm sächsische Kleinunternehmer in kurzärmeligen kleinkarierten Hemden mit Fachkräftemangel. Niemand oder nur die, die laut Mittelstand dann doch zu dumm sind, wollen sich die schlecht bezahlten Jobs noch geben. Darüber wird viel gejammert beim Mittelstand, über das Bildungssystem und die miesen, besser bezahlenden Konzerne. Aber heute gönnt man sich, für 15 Euro Eintritt immerhin, mal einen Lacher über die Nutzlosigkeit dieser Flüchtlinge.

Bananen jedenfalls kommen aus Mittelamerika, erklärt der Bestsellerautor dem Chefredakteur. Zwischenapplaus, Sarrazin überlegt indes. Außer Feigen vielleicht, sagt er dann, würde ihm kein einziges Produkt aus Afrika einfallen, das er jemals konsumiert hätte. »Rüschtüsch!«, plärrt irgendwer aus dem Publikum und wieder Applaus. Emendörfer versucht es noch mal mit dem Kolonialismus. Ob man nicht deswegen doch ein bisschen schuld sei, oder ob es nun so sei, dass alle Länder ihres eigenen Glückes Schmied wären. Schuld sei eine moralische Frage, er rede über Wirtschaft, betont Sarrazin, Schuld sei nichts, wovon man leben könne. Joa, joa, joa genau, rüschtüsch! Das Thema globale Verantwortung ist damit abgehakt.

Emendörfers nächste Frage: Muss, wenn es nach Sarrazin geht, das Grundgesetz geändert werden? Zum Schutz einer »kulturellen Identität der Deutschen« soll niemand mehr rein, der nicht überdurchschnittlich nützlich ist, so will es Sarrazin. Eine heikle Frage für diejenigen, die irgendwie am Herzstück der Bundesrepublik hängen, nicht für den sächsischen Mittelstand. Sarrazin sagt, das Grundgesetz sei »völlig egal, wir müssen wissen, was wir wollen!«. Begeisterung im Saal: Rüschtüsch! Jawoll!

Ab jetzt stellt Sarrazin die Fragen – und beantwortet sie auch: Ob wir jährlich drei bis vier Millionen Südafrikaner wollen? Also er will das nicht. Applaus. Er weiß ja, wie viel allein unsere türkischen und arabischen Mitbürger schon kosten. Frau aus dem Publikum: »Das weiß jede Hausfrau!« Auch die sächsischen Mittelständler wissen das offenbar schon. Sarrazins ermüdende, mühsam zusammengeklaubte Zahlenkolonnen interessieren deshalb auch kaum noch: 20.000 Euro, fünf Millionen Euro, plus Familiennachzug, so teuer sei ein Einwanderer! Die Zwischengespräche nehmen zu, über Wirtschaft natürlich: »Produktiv ist doch nur, wer auch was produziert«, sagt die Expertin für Hausfrauenwissen. »Ja, genau!« und »Rüschtüsch«, sagen die anderen. Sarrazin: »Es wächst eine riesige parasitäre …« Applaus!

Die Stimmung ist Bombe, einhellig, wäre da nicht der »Herr Chefredakteur«. Das Publikum knöpft ihn sich bei der Fragerunde vor: »Herr Chefredakteur, kann es sein, dass Sie hier Merkel verteidigen und die Realität ausblenden?« Applaus. »Herr Chefredakteur, die Kriminalität, die mir ja große Sorgen macht, dazu kam jetzt so gar nichts!« »Die Zahlen werden unter der Decke gehalten«, sagt Sarrazin, aber er wisse, dass in Frankreich und England 80 Prozent der Straftaten auf das Konto von Muslimen gingen, in Moabit seien 80 Prozent der Knastinsassen Türken und Araber. »Jawoll!«

Emendörfer, dessen Ansehen binnen einer Stunde auf das eines Geduldeten abgesunken ist, erzählt von seinem aufgebrochenen Auto, dem geklauten TomTom und fragt: »Soll ich jetzt alle Ausländer doof finden?« Dass er jetzt menschelt, macht es für alle noch schlimmer. Hier sitzen nur Realisten, sie wollen sich nicht von Moral und Werten zu Grunde richten lassen. Glücklich, endlich jemanden vor sich sitzen zu haben, der ganz offensichtlich so richtig scheißt auf Menschenrechte, Grundgesetz, Genfer Flüchtlingskonvention und so weiter. Homo homini lupus est, damit das mal klar ist. Und vielleicht sollte sich auch Emendörfer, wenn es hart auf hart kommt, in Sarrazins Welt einen warmen Pulli anziehen.

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Ein Kommentar

  1. Pirat | 20. Mai 2016 | um 19:26 Uhr

    „überdurchschnittlich nützlich ist, so will es Sarrazin.“
    Na der hat gut Reden, als Berliner Finanzsenator hat er sich ja besonders für die deutschen Steuerzahler nützlich gemacht.
    http://www.berliner-zeitung.de/projekt-grossflughafen—finanzsenator-sarrazin-will-der-bvg-geld-wegnehmen–um-den-neuen-airport-errichten-zu-koennen–die-pds-will-aber-vorher-noch-einmal-pruefen–ob-dieser-bau-ueberhaupt-notwendig-ist—ein-flughafen-ist-besser-als-drei–16677790