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Der Kreis schließt sich

Die Kinostarts im Überblick und was sonst Filmisches in der Stadt geschieht

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Vor sechs Jahren drehten Autor Clemens Meyer und Regisseur Thomas Stuber ihren Kurzfilm »Von Hunden und Pferden« auf der Rennbahn. Der brachte ihnen einen Studentenoscar ein. Am Dienstag sind sie im Gespräch ebendort und bringen auch ihr dreifach mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnetes Boxerdrama »Herbert« mit. Vielleicht gibt es ja auch schon Neuigkeiten zum dritten Projekt der beiden.

»Herbert« mit Vorfilm »Von Hunden und Pferden« – Gespräch mit Clemens Meyer (Drehbuch) und Thomas Stuber (Regie): 2.8., 21 Uhr, Sommerkino im Scheibenholz

Film der Woche: Indie-Veteran Todd Solondz (»Happiness«, »Welcome to the Dollhouse«) erzählt in »Wiener Dog« die skurrile Lebensgeschichte einer Dackelhündin, die im Laufe des Films fünf Mal den Besitzer wechselt. Ein reicher Vater erwirbt den Hund für seinen an Krebs erkrankten Sohn. Dieser füttert das Tier mit Müsliriegeln, was sich katastrophal auf die Verdauung auswirkt. Eine schüchterne Veterinärtechnikerin stiehlt Wiener Dog direkt von der Euthanasie-Bank und nimmt ihn zusammen mit dem einstigen Schlägertypen ihrer Highschool auf einen Roadtrip. Auf dunklen Wegen landet der Dackel bei einem New Yorker Drehbuch-Professor, der von seinen Studenten verachtet wird und im Dschungel der Hollywood-Agenten eine Demütigung nach der anderen erleidet. Des Dackels letzte Lebensstation ist die Seniorenresidenz einer alten Künstlerin, deren Enkeltochter mit ihrem neuen Freund, der herrlichen Karikatur eines unreflektierten Installationskünstlers (»Fuck Damien Hirst!«), zu Besuch kommt.
Solondz’ Stärke ist der Blick für die destruktiven Folgen mangelnder Empathie, allerdings öffnet sich in »Wiener Dog«, stärker als in seinen durchweg bissigen Meisterwerken aus den neunziger Jahren, bisweilen ein Fenster zum gegenseitigen Verständnis. Ausführliche Kritik von Johannes Schade im aktuellen kreuzer.

»Wiener Dog«: ab 28.7., Passage Kinos

Ein Dibbuk ist nach jüdischem Aberglauben ein Totengeist, der von einem Lebenden Besitz ergreift. Ausgerechnet der Bräutigam Piotr wird bei seiner Hochzeit mit der schönen Zaneta von einem solchen Dämon heimgesucht, nachdem er auf dem frisch geerbten Grundstück ein menschliches Skelett entdeckt hat. Stündlich fühlt sich Piotr eigenartiger, blutet aus der Nase, sieht Leute, die gar nicht da sind, und bald schwant auch Braut und Hochzeitsgästen, dass hier etwas so gar nicht stimmt.
Definitiv die trostloseste Hochzeit seit Lars von Triers »Melancholia« – nein, hier möchte man wahrlich nicht unter den zunehmend verstörten Gästen sein: ein unwirtliches Anwesen auf dem Land, andauernder Regen, der alles aufweicht und Grausiges zutage fördert, dazu exzessiver Wodkakonsum, der die Zeugen immer mehr an ihrer Wahrnehmung zweifeln lässt. Hat man es hier wirklich mit einem Fall von Besessenheit zu tun, oder handelt es sich bei den unheimlichen Vorkommnissen um eine kollektive Halluzination? Zum Glück lässt Marcin Wrona am (ziemlich starken) Ende vieles im Halbdunkeln, so dass sein ungewöhnliches Schauerstück auch über den Abspann hinaus nachwirkt, wie es sich für guten Horror gehört. Ausführliche Kritik von Karin Jirsak im aktuellen kreuzer.

»Dibbuk – Eine Hochzeit in Polen«: ab 28.7., Cinémathèque in der naTo

Die Flüchtlingskrise beherrscht weiterhin die Nachrichten. Da war es wenig überraschend, dass sich die Jury der Berlinale in diesem Jahr entschied, den Hauptpreis des Festivals an »Seefeuer« zu verleihen. Der Dokumentarfilm von Gianfranco Rosi (»Das andere Rom«) wirft einen Blick auf die italienische Insel vor den Toren Europas, die durch die Nachrichten zu unverhoffter Bekanntheit gekommen war: Lampedusa. Einst Ort der Sehnsucht für viele Europäer wird sie nun zum Sehnsuchtsort vor allem der Menschen aus dem Nahen Osten und Afrika, die vor Krieg und Hunger fliehen. Tausende von ihnen erreichen die kleine Insel im Mittelmeer Monat für Monat, viele schaffen es nicht bis zum rettenden Ufer. Sie alle – die Geretteten und die Toten – sind Alltag geworden für die Bewohner Lampedusas. Rosi beobachtet sie beim Leben mit der Flüchtlingskrise und stellt den Helfern die Opfer entgegen, die auf brüchigen Booten zu Hunderten eingepfercht mit dem Versprechen auf eine bessere Zukunft den Fluten überlassen wurden. Als Hauptprotagonisten wählt Rosi den 12-jährigen Einheimischen Samuele. Unbeschwert streift er durch die Gegend, während nebenan die Küstenwache ihr Bestes tut, um Menschenleben zu retten. Die Balance zwischen dem Alltag der Inselbewohner und dem Schicksal der Flüchtenden gelingt Rosi nicht ganz, die Opfer bleiben auch bei ihm namenlos, aber nicht ohne Gesicht und Geschichten. In kommentarlosen, kunstvollen Bildern fängt er ihr Schicksal ein. Sein Anspruch, den Schlagzeilen ein Gesicht zu verleihen, ist lobens-, sein Film unbedingt sehenswert. Ausführliche Kritik im aktuellen kreuzer.

»Seefeuer«: ab 28.7., Passage Kinos

»Race« – Rasse und Rennen, die beiden Kernelemente, beschreibt der englische Originaltitel treffend. Doch der deutsche, »Zeit für Legenden«, trifft dafür den Ton des Films von Regisseur Stephen Hopkins. Dessen Herkunft vom Fernsehen merkt man dem Sportfilm »nach wahren Begebenheiten« allzu offensichtlich an. Es ist eine dieser typisch amerikanischen, inspirierenden Heldengeschichten, die hier in rund zwei Stunden erzählt wird. Es ist die Geschichte von Jesse Owens (Stephan James), einem einfachen Jungen aus Alabama, in den von Rassentrennung beherrschten Vereinigten Staaten der dreißiger Jahre. Als Afroamerikaner hat er keine Chance in der von Weißen dominierten Gesellschaft. Doch Jesse hat ein Talent: Er ist schnell. So schnell, dass er kurz nach seiner Aufnahme an der Ohio State University einen Weltrekord nach dem anderen aufstellt und schließlich 1936 zu den Olympischen Spielen nach Berlin reist. Dort – inmitten des Naziregimes – kämpft er gegen Hass und Selbstzweifel. Es ist auch die Geschichte der Freundschaft zwischen Owens und seinem Coach Larry Snyder (Jason Sudeikis), der als Einziger an ihn glaubt. Eine klar definierte Heldengeschichte also, die, geradeaus erzählt, sehr altbacken wirkt. Einen gewissen Reiz kann man dem nicht abschlagen und schauspielerisch überzeugt »Zeit für Legenden«. Doch das Zuviel an Pathos und der heroische Soundtrackteppich lassen ihn so künstlich wirken wie die Zuschauertapete im digitalen Stadionnachbau.

»Zeit für Legenden«: ab 28.7., Passage Kinos

Flimmerzeit Juli 2016

 

Weitere Filmtermine der Woche

No Country for Old Men
Ein einfacher, mehr oder minder glückloser Mann stolpert beim Jagen in der Prärie über ein Massaker – offensichtlich ein schiefgelaufener Drogendeal. Den Pick-up-Truck voller Drogen lässt er links liegen, aber den Koffer mit mehreren Millionen Dollar nimmt er an sich. Fortan wird er gnadenlos von einem unglaublich kaltblütigen Killer gejagt. Brillanter Mix aus Thriller, Drama und Gangsterfilm von den Coen-Brüdern. – Wired Friday
29.7., 21 Uhr, Kinobar Prager Frühling (OmU)

Stop Styling
Dokumentarfilm über den wichtigsten Produktdesigner der DDR, Karl Clauss Dietel, und seine Design-Konzepte. In Anwesenheit des Filmteams und des Protagonisten.
29.7., 18 Uhr, Passage Kinos

 

GlobaLE
Globalisierungskritische Filmreihe an unterschiedlichen Orten. Anschließend Diskussion mit Gästen.

Virunga
Der Dokumentarfilm zeigt eine Gruppe von Park-Rangern, die im Virunga-Nationalpark, der außerdem der letzte Lebensraum der vom Aussterben bedrohten Berggorillas ist, versuchen, das UNESCO-Weltnaturerbe zu schützen. Das Team besteht aus einem ehemaligen Kindersoldaten, einem Betreuer von Gorillas und einem belgischen Naturschützer. Die Ranger müssen das Weltkulturerbe vor bewaffneten Wilderern und Milizen beschützen. Außerdem beginnt die britische Firma Soco International hier nach Öl zu bohren und Natur und Lebensraum zu bedrohen. Im Mai 2012 droht dann eine neue kriegerische Auseinandersetzung, als die Rebellengruppe M23 den Krieg erklärt. Dabei droht alles, was sich die Ranger aufgebaut haben, zu zerbrechen.
3.8., 20 Uhr, Clara-Zetkin-Park (Wiese zwischen Glashaus und Sachsenbrücke)

The True Cost – Der Preis der Mode
Dies ist eine Geschichte über Kleidung. Über die Kleidung, die wir tragen, die Menschen, die sie machen, und die weltweiten Auswirkungen der Industrie, welche sie herstellt. Die Preise für Kleidung sinken seit Jahrzehnten, während die Kosten für Mensch und Umwelt dramatisch steigen. Wo wird die Kleidung hergestellt, welche Arbeitsbedingungen herrschen dort, was passiert in den Ländern, in denen riesige Wassermengen für die Baumwolle benötigt werden, während die Menschen verdursten? Die Ausbeutung von Mensch und Natur, die hinter den Preisen steckt, ist erschreckend. Ebenso erschreckend ist die Verdrängung dieser Tatsache in der westlichen Welt. »The True Cost« ist daher eine dringend notwendige Dokumentation, die den Schleier von einer unsichtbaren Industrie lüftet und uns fragt, wer den Preis für unsere Kleidung zahlt. Rund um die Erde, vom schillernden Laufsteg bis zum düsteren Slum, besucht der Regisseur Menschen, die wir hinter der Entstehung unserer Bekleidung üblicherweise nicht sehen.
4.8., 20 Uhr, Clara-Zetkin-Park (Wiese zwischen Glashaus und Sachsenbrücke)

 

Insel der Schwäne
DEFA-Klassiker von 1983 mit Einführung – im Rahmen von Raster : Beton
30.7., 20.30 Uhr, Garten, Frankenheimer Weg 28

Der große Diktator
Die USA waren noch nicht in den Zweiten Weltkrieg eingetreten, als Chaplin sich bereits auf den Führer einschoss: In einer Doppelrolle spielt er sowohl den an Hitler angelegten Adenoid Hynkel als auch einen jüdischen Friseur, der dem irren Tyrannen wie ein Zwilling gleicht. Chaplins erster Dialogfilm ist der Versuch, mit eigenen Mitteln eine Aussage zu den Geschehnissen im faschistischen Europa zu machen. Ein bewegendes, zutiefst menschliches Zeitdokument. – Sommerkino
31.7., 21.45 Uhr, Moritzbastei

Das Filmriss Filmquiz
Denn sie quizzen nicht, was sie tun … Wenn Bruce Willis auf alles außer Tiernahrung Prozente gibt, klingeln euch die Ohren? Ihr pfeift »Spiel mir das Lied vom Tod« unter der Dusche? Das einzige Gebet, das ihr auswendig vorbeten könnt, ist Ezekiel 25:17? Dann seid ihr hier zu Hause. Hier dürft ihr Kinonerd sein und werdet belohnt: Tonnenweise Merchandise aktueller Kinoproduktionen wartet auf euch, wenn André Thätz und Lars Tunçay durch die Filmgeschichte quizzen.
1.8., 20.30 Uhr, Conne Island

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