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Schneller, höher, stärker

»Lebe deine Leidenschaft« – befehlen die Olympischen Spiele in Rio. Einige Empfehlungen für den Sportkonsum

Nunja: Symbolbild (Foto: Tobias Prüwer) Größeres Bild

Heute beginnen die Sommerspiele im fernen Brasilien. Bis zum 21. August kann fast pausenlos anderen Menschen beim Sport zugeschaut werden. Ob der Slogan »Lebe deine Leidenschaft« allein im Hinblick auf den weltweit passiven Telekonsum gerechtfertigt ist oder gar ganz allgemein für Vergabepraxen von Großereignissen, Altherrennetzwerken und Verabreichungspraktiken schlau gewählt ist, wird sich mit großer Sicherheit erst in ein paar Jahren zeigen.

In Leipzig ist die olympische Bewegung längst gut platziert. Großformatige Plakate werben für »Leipzig de Janeiro«. Sie sollen die Leipziger Bevölkerung auf die Spiele aufmerksam machen und insbesondere auf die Leipziger Athleten bei diesen Wettkämpfen der Nationen. Denn die Stadt ist stolz auf die 16 Teilnehmenden – so war es bei deren Verabschiedung im Neuen Rathaus zu hören. Deshalb durften sie sich bereits vor den Wettkämpfen in das Goldene Buch der Stadt eintragen. Eine eigene Briefmarke haben sie auch schon seit Mitte Juli.

Und wer sie im Wettkampf verfolgen möchte, kann fast die gesamte Olympiazeit durchgucken. Bereits gestern startete der Fußballwettbewerb mit Lukas Klostermann und Davie Selke. Die Vorläufe im Rudern beginnen am Samstag, bei denen Philipp Wende, Tim Grohmann und Annekatrin Thiele vertreten sind, Am Sonntag zeigt sich Radsportlerin Romy Kasper im Straßenrennen. Einen Tag später treten Franz Anton und Jan Benzien im Kanuslalom auf. Die Wettbewerbe im Turmspringen mit Stephan Feck beginnen am Mittwoch. In einer Woche gehen dann die Leichtathletik-Wettkämpfe los, bei denen Sara Ganbetta (Kugelstoßen), Alexander John (110m Hürden), Cindy Roleder (100m Hürden), David Storl (Kugelstoßen), Robert Hering und Roy Schmidt (4x 100 m-Staffellauf) teilnehmen. Und dabei soll Tina Dietze bei den parallel stattfindenden Kanuwettbewerben nicht vergessen werden. Wenn für alle alles gut läuft, kann der leipzigfixierte Zuschauer bis zum vorletzten Tag an der Mattscheibe mitfiebern, denn dann fallen die Entscheidungen im Fußball, Kanu und beim Staffellauf.

Wer die nächsten Wochen dafür nutzen möchte – endlich einmal Sportarten zu sehen, die es nicht ins Einmaleins der Sportsendungen schaffen, dem seien folgende Termine empfohlen: Etwa Bogenschießen – am morgigen Samstag findet nach 22 Uhr das Mannschafts-Finale der Männer statt. Einen Tag später das der Frauen. Die Entscheidungen im 7er-Ruby fallen am 8. und 11.8. und im Trampolinturnen am 10. und 11.8.

Bei aller Euphorie sollte jedoch nicht vergessen werden, dass Leipzig zu Beginn der modernen Olympischen Spiele 1896 dieses Ereignis boykottierte. Ferdinand Goetz, der allmächtige Vorsitzende der Deutschen Turnerschaft, rief dazu auf. Warum? Nun, er hegte nicht nur Groll gegenüber Arbeitersportlern, sondern sah den von Pierre de Coubertin vertretenen Sport als böses Übel – ganz im Gegensatz zum deutschen Turnen. »Sport ist eine mit äußerster Leidenschaft betriebene Leibesübung und germanischem Tun fremd wie sein Name, für den es überhaupt kein deutsches Wort gibt.« Zuvor war er bereits mehr als skeptisch dem Internationalen Gymnastikverband entgegengetreten, denn auch dieser verkörpere ein »buntes Gemisch«, in das Deutschland nicht hineinpasst. In der Rheinisch-Westfälischen Zeitung war Ende 1895 zu lesen: »Ein deutscher Verein oder ein Deutscher, welcher seinem Volke die Schmach antut, diese Spiele zu fördern oder zu besuchen, verdient aus seinem Kreise oder seinem Volke ausgestoßen zu werden.«

Das wandelte sich einige Jahrzehnte in eine ganz andere Richtung. Goebbels wies den Staffellauf mit der olympischen Flamme an, um das Ansehen von Hitlerdeutschland in der Welt für die Spiele 1936 aufzupolieren. Wie das gelingen sollte, zeigt bis Oktober die Ausstellung »Technik für Hitlers Olympiade – Die Spiele von 1936 als Testfeld neuer Medien« im Berliner Technikmuseum.

Vielleicht findet sich während der nächsten Wochen endlich mal die Zeit, um das ewig vorgetragene olympische Motto »Dabei sein ist alles« zu korrigieren. Der Erfinder Pierre de Coubertin stellte die Wettkämpfe wohlbekannt unter den Slogan »Citius, altius, fortius – Schneller, höher, stärker.« Und dann muss sich niemand mehr wundern, was bei den und um die Spiele drum herum passiert.

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