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»Er rief zum Mord auf«

Publizistin Jutta Ditfurth über Luthers Judenhass und den Umgang der Kirche damit

Jutta Ditfurth, Foto: Philipp von Ditfurth Größeres Bild

Vor vier Jahren stritt Jutta Ditfurth in der Thomaskirche mit Margot Käßmann bei einer Neuauflage der Leipziger Disputation um die Verbindung von Religion und Intoleranz. Im kreuzer-Gespäch erklärt sie Luthers autoritären Charakter und warum sein Judenhass nicht als zeitgeisttypisch vom Tisch zu wischen ist.

kreuzer: Warum hat sich lange niemand um Luthers Antisemitismus gekümmert?

JUTTA DITFURTH: In Martin Luthers Schmähschriften »Über die Lügen der Juden« und »Vom Schem Hamphoras und vom Geschlechte Christi« ließ sich sein Judenhass immer nachlesen. Als ihm die Missionierung der Juden misslungen war, konzentrierte er allen Judenhass seiner Zeit in seinem Kopf und spuckte ihn als hochkonzentriertes, tödliches Gift wieder aus.

kreuzer: Was sah sein Programm gegen Juden vor?

DITFURTH: Luther empfahl, ihre Bücher zu beschlagnahmen, Synagogen abzubrennen, jüdischen Gelehrten die Zunge herauszuschneiden, sie zur Arbeit zu zwingen und sie aus deutschen Ländern zu vertreiben.

kreuzer: Luther wollte von der Theorie der Judenbekehrung zur blutigen Praxis?

DITFURTH: Vor Luther führten die Kreuzzüge zu Pogromen. Zu Luthers Zeit jedoch verlangten die Sprecher des Katholizismus von den Juden zwar die Unterwerfung unter die kanonischen Gesetze, erlaubten ihnen aber, zu bleiben. Er hingegen rief zum Mord auf. Wobei auch katholische Orden wie die Dominikaner, unter ihnen fanatische Verfechter der Inquisition, den Hass gegen die Juden aufstachelten. Der katholische Theologe Johannes Eck schrieb Texte, aus denen sich im NS-Faschismus Julius Streicher für seinen Stürmer bediente.

kreuzer: Die Ausrede, das sei damaliger Zeitgeist gewesen, lassen Sie nicht gelten?

DITFURTH: Jeder Mensch ist ein Kind seiner Zeit, das ist eine Binse. Mit diesem törichten Spruch soll fast immer eine inhumane Mehrheitstendenz in einer Gesellschaft gerechtfertigt werden, zu dem Preis, dass andersdenkende gesellschaftliche Minderheiten erneut ignoriert werden. Und Luther widerlegt sich ja auch selbst. In seinen frühen Jahren hatte er noch bemängelt, dass man von den so »viehisch traktierten« Juden nicht erwarten könne, dass sie sich zum Christentum bekannten.

kreuzer: Unter den Humanisten – Luther sah sich von ihrem Denken bewegt – gab es auch mondänere, tolerante Denker. Warum Luther nicht?

DITFURTH: Tja, fragen Sie mich was Leichteres. Warum hat die Aufklärung zwei Gesichter? Warum ist heute einer Rassist? Luther interessierte sich nicht für andere Weltanschauungen. Er war ein christlicher Fanatiker. Er war von keinerlei Weltläufigkeit angehaucht, wie sie manch klügeren Kopf in den Großstädten Europas beeinflusste. Er veröffentlichte wahnwitzige Fantasien über die Zauberkünste der Juden, über die Verwandlung ihres Kotes und ihres Urins in Scharfsinnigkeit, hier blüht der Intellektuellenhass. Seine Hetzbilder leben in der deutschen Romantik wieder auf.

kreuzer: Was unterscheidet Antjudaismus von Antisemitismus?

DITFURTH: Der christliche Antijudaismus ist die zentrale Wurzel des im 19. Jahrhundert aufkommenden modernen Antisemitismus. Er verbindet sich mit dem Rassismus auf Basis von Werken Kants, Gobineaus und Chamberlains, die Menschen in Rassen einteilen. Konnte früher ein Jude durch die Taufe seinen Glauben »ablegen«, erfreuen sich Judenhasser jetzt an dem Gedanken, dass Jude-Sein etwas Biologisches ist. Die Juden werden zu »den Anderen« gemacht, einer fremdartigen, dem »deutschen Volk« feindlich gesinnten »Rasse«.

kreuzer: Warum tut sich der Protestantismus so schwer im Umgang damit?

DITFURTH: Angst vor dem Verlust von Macht, Einfluss und Geld und vor der Beförderung atheistischer, emanzipatorischer Überzeugungen.

kreuzer: Nach oben buckeln, nach unten treten: Steht Luther für den autoritären Charakter?

DITFURTH: Ja. Luther wurde zum Ideologen und Agitator der Obrigkeit, er war Gegner der Freiheitssehnsucht der Bauern. Luther verlangt den Tod der aufständischen Bauern, weil sie sich der gottgewollten Obrigkeit widersetzten. Aus dem »Erzengel des Aufruhrs«, schreibt Léon Poliakov, wurde »ein verbitterter und despotischer Spießbürger«, der sich, ganz Realpolitiker, am Ende auf die Seite der Sieger, der Fürsten schlägt, die seiner Reformation zum Sieg verhelfen sollen.

kreuzer: Welchen öffentlichen Umgang würden Sie sich wünschen als Ausgang aus der »Luther-Dekade«?

DITFURTH: Eine Auseinandersetzung mit Luthers Judenhass. Eine Auseinandersetzung mit den »Deutschen Christen«. Und was lässt die EKD zögern, sich klar gegen moderne Formen des Judenhasses wie den antizionistischen Antisemitismus zu positionieren? Zum Beispiel gegen die internationale BDS-Kampagne (Boykott/Divestment/Sanctions), deren oft verheimlichtes Ziel die Vernichtung Israels ist? Auch an ihr beteiligen sich wieder viele Christen.

Die gesamte Titelgeschichte zu Martin Luther, seinem Verhältnis zu Leipzig und seinem Judenhass finden Sie in der aktuellen Ausgabe des kreuzer.

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Ein Kommentar

  1. Gerd Weghorn | 14. Januar 2017 | um 22:42 Uhr

    Frau Ditfurth lässt Luther nicht als „Kind seiner Zeit“ gelten, hätte sie sich dann doch eingestehen müssen, dass der Hass auf Andersgläubige im 16. Jhdt. das Normalste von der Welt gewesen ist, und zwar auch der jüdische Hass auf die Christen.

    Hätte Ditfurth Luthers Pamphlet „Von den Lügen der Juden“ gelesen und gar verstanden, dann wäre ihr aufgefallen, dass es sich hier um eine politisch-ökonomische Abrechnung mit denjenigen Landesfürsten gehandelt hat, die bestimmte Juden für ihre pekuniären Interessen eingespannt hatten.

    Des Weiteren hat Luther ausschließlich gegen die Talmud-Juden gewettert, und dies ebenso, wie gegen die Papisten, hielt er doch beide Religionen als das, was später dann auch aus dem Protestantismus geworden ist, als er sich institutionalisierte: eine für die Herrschenden und ihre Funktionseliten einträgliche Geschäftsidee (Kirchensteuer und andere Privilegien): „cuius regio eius religio.

    Dass Luther keine Antisemit gewesen sein konnte, erschließt sich jedem, der ein Semester Geschichte studiert hat, ist doch der Rassismus nachweislich eine Erfindung des 19. Jahrhunderts gewesen; und dass ein Nazi sich auf Luther berufen hat macht Luther genau so wenig zum Wegbereiter des Antisemitismus, wie die Berufung der Hexenverbrenner auf Jesus Christus oder der Stalinisten auf Karl Marx.

    Dass Jutta Ditfurth nur ein Interesse hat, nämlich das, den Antisemitismusbegriff, der durch die Nazis staatspolitisiert worden ist (blueprinttheorie.de), wieder zu einer Frage von persönlicher Gesinnung zu machen – also den „normalen“ Judenhass eines Individuums, für den es biographische Gründe gibt, zum Politikum namens Antisemitismus aufzublasen – liegt darin begründet, dass sie unbedingt ihre Fake News vom „oft verheimlichten Ziel die Vernichtung Israels“ verkaufen möchte , an dem sich „wieder“ (also wie zu Luthers Zeiten) „viele Christen“ beteiligt haben sollen.

    Jeder weiß doch, wenn er auch sonst nichts weiß, dass sich im Dreißigjährigen Krieg und in den Hugenottenkriegen Millionen von Christen gegenseitig umgebracht haben, dass also nicht nur Juden, sondern eben auch Christen wegen ihres Glaubens – in Wirklichkeit kultürlich aus politisch-ökonomischen Gründen – vorzeitig getötet und nachhaltig ruiniert worden sind, dass es also in punkto Verfolgung und Vertreibung keine Sonderrolle der Juden gegeben hat.