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Mit langem Atem gegen Entmietung

Die Mieter in der Jahnallee trinken Sekt, weil der Eigentümer das Haus verkauft hat

Jahnallee 14, Foto: Henry W. Laurisch Größeres Bild

Mit einem Sektempfang feiern die Mieter der Jahnallee am Samstag einen Etappenerfolg in ihrem Kampf um würdiges Wohnen: Trotz zwei Jahren Mietstreit hatte es die in Berlin ansässige Erste BSL Projektentwicklung GmbH & Co. KG nicht geschafft, alle Bewohner aus dem Haus zu verdrängen. Am Ende verkauften die Eigentümer die Immobilie. Der Fall zeigt, dass es sich lohnen kann, politisch und juristisch gegen Entmietungen vorzugehen.

Einen Liebesbrief hat Norma Brecht vom Netzwerk »Stadt für Alle« den Mietern der Jahnallee 14 mitgebracht. »Jede Kündigung, jede Mieterhöhung ist erstmal ein Einzelfall – aber das Problem betrifft viele« heißt es darin. Diesen verlas sie am Samstag auf einer Kundgebung, die die Mieter vor ihrem Haus organisiert hatten, um den Weiterverkauf der Gründerzeitimmobilie zu feiern. Über zwei Jahre hatten sich Mieter und Eigentümer in einem heftigen Mietstreit befunden. Ein Liebesbrief ist es geworden, weil sie es selten erlebt hat, dass Mieter mit solcher Leidenschaft und Ausdauer gegen das ihnen widerfahrene Unrecht ankämpfen.

Wie jeder gute Liebesbrief fängt auch der von Brecht beim ersten Rendezvous an. Vor über zwei Jahren trafen sich die Aktivistin und die Mieter zum ersten Mal. Letztere suchten damals Rat. Denn das Paul-Möbius Haus im Leipziger Waldstraßenviertel, in welchem manche von ihnen seit über fünfundzwanzig Jahren wohnten, wurde verkauft. Für viele Bewohner war es nicht der erste Eigentümerwechsel. Doch schon bei den ersten Kontakten mit den neuen Vermietern wurde klar, dass es diesmal kein friedliches Miteinander geben wird. »Sie können mich googlen, ich bin professioneller Entmieter«, stellte sich einer der beiden neuen Eigentümer süffisant vor.

Entmietungen sind eine besonders brutale Form der Verdrängung. Eigentlich könnten sich Immobilienbesitzer in der »Boomtown Leipzig«, wie die tageszeitung die Stadt nennt, bequem zurücklehnen. Denn die Mietpreise steigen im Durchschnitt jährlich um sechs Prozent -Tendenz steigend. Manchen Vermietern ist das aber nicht genug und sie versuchen unliebsame Altmieter mit kostengünstigen Mietverträgen loszuwerden. Dabei werden die sonst nicht für ihren Ideenreichtum berühmten Immobilienmakler kreativ – und greifen zu drastischen Methoden. Da wird dann schon mal der Strom im Haus abgestellt oder Hausdächer ohne Ersatz abgetragen. »Solche Entmietungspraxen nehmen zu«, sagt Hannah Schreiber von der linksradikalen Gruppe Prisma , die die Bewohnerinnen und Bewohner unterstützt hatte. »Sie sind Ausdruck davon, dass der Wohnungsmarkt in Leipzig immer angespannter wird«.

Die Befürchtung, dass die neuen Eigentümer die bisherigen Bewohner aus dem Haus schmeißen wollten, bestätigte sich. Die Bewohner sollten einer Luxussanierung Platz machen. Damit sie schnellstmöglich ausziehen, wurde ihnen das Leben so ungemütlich wie möglich gemacht. Mitten im Winter fiel die Heizung aus. Von den Vermietern beauftragte Bauarbeiter verwüsteten bewohnte Wohnungen. Die Mieter erzählen von alltäglichen Schikanen bis hin zu massiven Eingriffen in ihre Privatsphäre. Doch sie wehrten sich. Eine große und kraftvolle Demo sollte Druck auf die Vermieter ausüben.

Es sei für sie eine politische Auseinandersetzung, sagte eine der Bewohnerinnen damals im Interview mit dem kreuzer. Zu viele ihrer Freunde seien bereits entmietet worden. Die mit dem Protest einhergehende Öffentlichkeit setzte eine Lawine in Gang. Immer mehr Häuser in Leipzig berichten von ähnlichen Vorfällen, von Vermieterterror, kaputten Heizungen und abgestelltem Strom. Die Häuservernetzung bildete sich, ein Zusammenschluss verschiedener von Entmietung bedrohter Häuser. Ob es die schlechte Presse war oder der politische Druck, der die Vermieter dazu bewegte das Haus in der Jahnallee weiterzuverkaufen, Fakt ist: Die Erste BSL-Projektentwicklung hat das Haus am Ende abgestoßen. »Ein großer Erfolg für die Mieter und Mieterinnen zeigt doch, dass wir nicht alles hinnehmen müssen«, konstatiert Schreiber.

Als »Etappensieg« bezeichnet eine Bewohnerin der Jahnallee den Verkauf des Hauses. Denn bislang hat sich der neue Eigentümer noch nicht dazu geäußert, was mit dem Haus geschehen soll und ob die verbleibenden Mieterinnen bleiben können. Aber: »schlimmer als BSL kann es gar nicht werden«, frohlockt eine andere Mieterin.

Der Widerstand gegen Verdrängungspraxen in Leipzig wird immer größer. Dieser kann viel von der Jahnallee 14 lernen.

Zum Beispiel, dass es zwar Mut und Ausdauer fordert, der Kampf um guten und bezahlbaren Wohnraum in Leipzig aber nicht vergeblich ist. Oder dass der Widerstand gegen Entmietung Erfolg haben kann. Vor allem aber, dass es sich lohnt, sich zusammenzuschließen. Mit Menschen wie Schreiber und Brecht, um sich gegenseitig zu beraten, zu bestärken und voneinander zu lernen. Und nicht zuletzt, dass der Kampf gegen Entmietung einen langen Atem braucht. Die Mieter der Jahnallee 14 können nach einem anstrengenden Kampf um ihren Wohnraum fürs Erste jedoch durchatmen.

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Dein Kommentar

2 Kommentare

  1. Hubert K. | 1. Februar 2017 | um 18:29 Uhr

    Sicher nur ein Pyrrhussieg, aber besser als nichts. Ich möchte mir nicht vorstellen, wie das Haus nach weiteren 25 Jahren Verwahrlosung durch unterlassene Instandsetzung wegen niedriger Mieten aussieht.