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Warum stinkt die Hölle nach Schwefel?

Und was hat das mit Metal zu tun? Zwei höllische Lektüren und eine Schallnachtempfehlung für die Zeit zwischen den Jahren

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»Das ist die perfekte Hölle!« Silbertod dudelt und also begab sich die Zeit, die alle Welt schätzen würde. Endlich, Kinder, lässt es Heavy Celeste Euch wissen, was es mit dem Gestank der Hölle so auf sich hat. Zweimal verschieben ist schließlich genug.

Das geht auf mangelnde Sachkenntnis zurück – immerhin war trotz anderslautender Berichte noch niemand an jenem Ort, an dem Luzifer seine drei goldenen Haare zählt. Zwar behauptet Dante in seiner »Göttlichen Komödie«, das Reich Satans erkundet und durchschritten zu haben, bei genauem Hinsehen aber entpuppt sich sein Werk als geschickte Kompilation anderer Texte und durch viele Quellen inspiriertes Stück Literatur. Auch seine Vorlagen sind klar als Erdachtes auszumachen; Mohamed soll mal nach darunten gefahren sein (ob er seine Lieblingskatze dabei hatte? Man denke nur an Lividity: »It’s not about Satan, it’s about pussy«), eine Höllenfahrt Jesu hat es hingegen nicht einmal in die Bibel geschafft. Die schweigt sich sowieso weitestgehend über the Hottest Place on Earth aus und erst ab dem Mittelalter haben die Christen den Gehörnen hübsch düster an die Wand gemalt. Da sind die heidnischen Autoren der Antike schon fantasievoller gewesen. Beim Fabulieren übers Unterweltreich Hades und dessen Tal der Qualen Tartaros ist auch vom schwefeligen Todeshauch die Rede. Insbesondere römische Autoren haben sich wohl von vulkanischen Seen Italiens und deren zeitweise tödlichen Dämpfen, die Vögel aus dem Himmel holen konnten, zu ihren Beschreibungen anstecken lasse. Da Schwefel hübsch brennt und auch in späteren Jahrhunderten noch als Foltermedium benutzt wurde, hat sich der Schwefelwahn wohl ins kulturelle Gedächtnis gebrannt. Das und noch viel mehr kann man bei Salomon Kroonenberg nachlesen. »Warum die Hölle nach Schwefel stinkt« steigt hinab bis zum Mittelpunkt der Erde. Es verbindet Literatur und Mythen über das Erdinnere mit geologischen Fakten und ist wunderbar persönlich geschrieben. Bestens geeignet für eine Styx-Flussfahrt oder Fegefeuerpartie, kann man auch über die und nach den Feiertagen mal die Nase reinstecken. Ich jedenfalls wusste vorher nicht, dass Kobalt und Nickel nach Berggeistern, unterirdischen Plagen, die die Bergleute narrten, benannt sind. Und allein Kroonenbergs Vergleich der Erde mit einem Gobstopper – hierzulande sind die harten Süßigkeiten auch als »Monster Bälle« bekannt – ist groß.

Kiefer- und Nackenbrecher serviert das Four Rooms zwischen den Jahren. Vier Black-Metal-Kappellen (Drengskapur, Apathie, Zeit, Hoaxbane), für jeden Raum eine, hauchen die Wintertrauer ein. Schwarze Weihenacht? Wenn das Leipziger Knalltheater in Bild und Focus deutschlandweit gegeißelt wird und ein »Verko(r)kstes Krippenspiel« schon die Boulevardgemüter erregt, was soll dann der Thrashflegel ernten? Mit Schwefel werden die Inquisitoren werfen, wenn ihnen die Stopfgans nicht im Halse stecken bleibt oder sie nach dem Verdauungslikörchen auf Karpfen blau machen. Bis dahin genießen wir doch den »Schattenwurf alter Götzen«, den die Oberlausitzer mit dem sympathischen Namen Apathie in Position bringen.

Metal als Kontroverse. So richtig vom Ofen weg lockt die schrammelnde IG Metal ja keine Kritiker mehr. Da müssen schon deutschtümelnde Tirolrocker oder beim Pop-Metal von Dimmu Borgir klauende Dummrapper kommen. Naja. Im Sammelband »Heavy Metal. Controversies an Countercultures« gibt’s dann über unsere Breiten auch eher Historisches zu lesen. Aber hübsch ist es zu erfahren, wie die ehemals in den 1980ern als Teufelsanbeter medial angeprangerten Ikonen Alice Cooper, Ozzy Osborne oder KISS als TV-Mainstreamhelden zurückkamen, um genau jenem Mittelmaß-Publikum zu zeigen: Sagten wir doch, dass wir ganz harmlos sind. Da wurde der Kapitalismus mal richtig gut verstanden und mit der richtigen, weil herrschenden Religion klappt’s dann plötzlich auch. Dass wohlverstandener Satanismus eher davon abhält, sich dem NSBM zuzuwenden, ist eine weitere Erkenntnisperle, die aus dem Buch springt. Totaler Individualismus passt dann doch nicht so sehr zu unterwürfigem Führerkult. Jetzt wissen wir das und haben’s amtlich. Porngrind ist – auch eine Neuigkeit – nicht einfach eine antifeministische Veranstaltung, sondern auch ein Spiel mit den Erwartungen. Das sind alles keine Hot News, aber für Unbeleckte ist das Buch sicherlich einen Blick wert, um sich ein Bild von der Terra inkognita Schwermetall zu machen. Dort erfährt er dann auch, warum »Wieso hörst du Metal?« die dümmste aller Fragen ist. Immerhin wird Metal hier angemessen und nicht verzerrt dargestellt und seine Essenz einmal mehr aufs Transgressive, das Grenzüberschreitende oder wenigstens das Limit suchende Agieren fixiert. (Ein weitaus besseres Metalbuch ist und bleibt aber Keith Kahn-Harris »Extrem Metal«.) Das könnte man nun kritisieren als Essenzialismus etc., aber lassen wir das und freuen uns auf den Pfeffi am Stil. Der wurde vom Trashflegel dem ersten Dutzend Gästen versprochen. Noch werkelt Mitveranstalter Herr M. am richtigen Rezept und den Mixer hat er auch noch nicht abgeholt. Aber es wird. Muss ja, schon der Besinnlichkeit wegen. Slainte!

> Salomon Kroonenberg: »Warum die Hölle nach Schwefel stinkt«, Primus Verlag: Darmstadt 2013, 272 S., 29,90 €

> Titus Hjelm, Keith Kahn-Harris & Mark LeVine: »Heavy Metal. Controversies and Countercultures«, Equinox: Sheffield 2013, 250 S., 19,99 £, http://www.equinoxpub.com

> »Thrashflegel On Ice«, 27.12., 19.30, Four Rooms, http://fourooms.net

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