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Flosse

Flosse

Lotterleben

Lotterleben

Ein »Lotterleben« zu führen, war in der Generation meiner Großeltern der denkbar schwerwiegendste aller Vorwürfe. Denn die damit assoziierte Zügel- und Ordnungslosigkeit stand in deutlichem Kontrast zu den vielbeschworenen »deutschen Tugenden«, die damals noch ungleich höher im Kurs standen als heute. Einige Dekaden und moralische Umwälzungen später ist all das für die in Leipzig und Dresden beheimatete Band Flosse scheinbar Grund genug, ihr neues Album genau so zu nennen: »Lotterleben«. Und in der Tat zelebriert das Quartett darauf einmal mehr die ausschweifende Haltlosigkeit des jungen, urbanen Schlendrians, der nicht so recht weiß, wohin er will, sich damit aber eigentlich auch ganz wohl fühlt. So blinken Flosse mal rechts, um dann links zu fahren, und spielen im nächsten Moment eingängige Pop-Melodien, obwohl sie laut Waschzettel doch eigentlich eine »Modern Jazz«-Band sind. Es stimmt, Flosse sind nicht auf einen Punkt zu bringen. Dazu passt, dass sie ganz auf Harmonieinstrumente verzichten. Umso mehr Entfaltungsspielraum bleibt dabei für die Bläserfraktion um Trompeter Max Diller, der allein fünf der hier vorliegenden neun Kompositionen beitrug. Nicht selten geht es dabei rhythmisch hart und atonal zu, wie im Opener »Vitamin B12«, das von Saxofonist Hannes Kemper komponiert wurde und gleich das dynamische Potenzial der Band und insbesondere des Drummers Tim Gerwien unterstreicht. Doch immer wieder nimmt die Band sich im Verlauf des Albums zurück und schlägt auch harmonische, gar balladeske Töne an, wie im so schönen wie schlichten »Dionysos«. Eine Wonne, dass die Band auf »Lotterleben« auch den Gott der Freude und des Weins grüßt. Prost! Luca Glenzer


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