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Rezensionen

Alle reden übers Wetter

Alle reden übers Wetter

D 2022, R: Annika Pinske, D: Anne Schäfer, Judith Hofmann, Marcel Kohler, 89 min

Clara, 39, promoviert in Berlin am philosophischen Seminar zum Freiheitsbegriff bei Hegel. Eingangs sehen wir eine durchgehend verspannte Protagonistin, die scheinbar nicht in der Lage ist, Emotionen zu zeigen. Weder gegenüber ihrer autoritären Professorin Margot, mit der sie eine eigenwillige Freundschaft pflegt, noch gegenüber ihrem Studenten Max, mit dem sie eine Affäre hat. Clara kommt aus einfachen Verhältnissen in einem Dorf in Mecklenburg-Vorpommern. Der Spagat zwischen den beiden Welten wird ihr zunehmend unmöglich. Auf einer philosophischen Dinnerparty findet sie sich zwischen abgehobenen und zynischen Akademikerinnen und Akademikern wieder. Beim Wochenendbesuch auf dem Land mit ihrer eigenen Tochter Emma, fremdelt sie mit dem Dorfleben. Um ihren Punkt zu machen, wühlt Regisseurin Annika Pinske in »Alle reden übers Wetter« ganz schön tief in der Klischee-Kiste. Auf dem Land unterhält man sich über Schnittchen, während man am Kreuzberger Küchentisch über strukturellen Rassismus diskutiert. In Meck-Pomm säuft man aus Plastikbechern und tanzt zu den Toten Hosen, während man auf der philosophischen Dinnerparty in Berlin mit hochgezogener Augenbraue aus den Goldrandgläsern nippt. Die akademische Selbstbeobachtung und die Versöhnung mit der eigenen ostdeutschen Identität hätten auch klischeeärmer funktioniert. Umgekehrt zeigt der Film ein sicheres Gespür für Situationskomik. Am gelungensten ist Pinskes Debüt da, wo sich diese ungezwungen entfalten darf und all die scheinbaren Gegensätze ausradiert. Sarah Nägele

Das Leben ein Tanz

Das Leben ein Tanz

F 2022, R: Cédric Klapisch, D: Denis Podalydès, Muriel Robin, Pio Marmaï, 118 min

Als Elise bei einem Auftritt stürzt, bricht der Boden unter ihren Füßen weg. Die professionelle Balletttänzerin ist auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Seit sie klein war, kannte sie nichts anderes als die Vorbereitung für diesen Moment. Das Tanzen half ihr über den Tod der Mutter hinweg. Doch nun ist sie 26 und steht vor der Gabelung ihres Lebens. Soll sie weiter tanzen und ihre Zukunft aufs Spiel setzen oder ist es Zeit, einen neuen Abschnitt zu beginnen? Um den Kopf frei zu bekommen und den Körper zu heilen, reist Elise aufs Land, wo sie Freunden bei der Bewirtung einer Künstlergruppe hilft. Dabei findet sie eine neue Hoffnung und die Liebe. Die Filme von Cédric Klapisch drehen sich stets um die großen Themen des Lebens. Das war schon vor zwanzig Jahren bei »L’auberge Espagnole« so. Auch »Das Leben ein Tanz«, der im Original den weit weniger großspurigen Namen »En Corps« trägt – ein Wortspiel zwischen Körper (corps) und Zugabe (encore) – , gibt sich mit nicht weniger als den grundsätzlichen Fragen des Lebens zufrieden. Am Ende obsiegt stets die Kunst über die Probleme. Der Körper muss sich bewegen, um zu leben. Das geschieht hier in den eindrucksvollen Choreografien des israelischen Komponisten Hofesh Shechter, dessen Musik Daft-Punk-Mitglied Thomas Bangalter kongenial remixte. Shechter selbst übernahm eine wichtige Rolle als Leiter der Tanzkompanie in Klapischs Film. Die Bühne gehört jedoch Marion Barbeau, einer professionellen Tänzerin, die auch die schauspielerische Kür bravourös meistert. Lars Tunçay

Das Glücksrad

Das Glücksrad

J 2021, R: Ryūsuke Hamaguchi, D: Kotone Furukawa, Ayumu Nakajima, Hyunri, 121 min

Mit »Drive My Car« konnte der japanische Regisseur Ryûsuke Hamaguchi Ende März den Oscar für den besten internationalen Film gewinnen. Etwas verspätet kommt nun auch sein bereits auf der Berlinale 2021 mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnetes Werk »Das Glücksrad« in die deutschen Kinos – und stellt mit seinen drei vor allem von ihren Frauenfiguren geprägten Episoden beinahe so etwas wie ein zugänglicheres Komplementärwerk in Häppchenform zum eher männlich geprägten, etwas spröden und überlangen Erfolgsnachfolger dar. In der ersten Story berichtet die scheue Tsugumi ihrer Freundin Meiko mit Schmetterlingen im Bauch vom wundervollen ersten Treffen mit ihrem letzten Date. In der zweiten Anekdote wird die Studentin Nao von ihrem auf Rache sinnenden Liebhaber dazu angestachelt, ihrem früheren Literaturprofessor eine Venusfalle zu stellen und den aktuell gefeierten Autor zu denunzieren. Der letzte und beste Teil handelt von Nana, die am Bahnhof zufällig eine frühere Schulfreundin trifft und mit ihr ins Gespräch über alte und aktuelle Zeiten kommt. Wie so viele Kurzgeschichten warten auch Ryûsuke Hamaguchis Miniatur-Dramen jeweils mit einer überraschenden Wendung auf. Zum reinen Selbstzweck lässt der Regisseur diese aber nicht verkommen, sondern bewirkt bei seinen Protagonistinnen wahrhaftige, schonungslose Erkenntnisgewinne, die auch beim Kinopublikum nachhallen werden. Peter Hoch

Hive

Hive

KOS/CH/MKD/ALB 2021, R: Blerta Basholli, D: Yllka Gashi, Çun Lajçi, Aurita Agushi, 84 min

Der Bienenstock (engl. »hive«) ist alles, was Fahrije von ihrem Ehemann geblieben ist. Abgesehen von ihren Kindern und dem Schwiegervater, doch die machen allesamt eher Arbeit und kosten Geld, das sie nicht hat. Denn sie darf nicht arbeiten und ihr eigenes Auskommen verdienen – das ist nicht gern gesehen in ihrem kleinen Dorf im Kosovo. Tut sie es doch, reden die Leute hinter ihrem Rücken, beschimpfen sie und werfen gar mit Steinen. Doch Fahrije will nicht mehr stillsitzen und sich wehrlos ihrem Schicksal ergeben. Sieben Jahre lang hat sie ausgeharrt, darauf gewartet, dass ihr Mann zurückkehrt. Doch nachdem er von den feindlichen Truppen verschleppt wurde, kehrte er nie zurück und die Identifizierung der Leichen in den immer neuen Massengräbern gestaltet sich schwierig. Es ist Fahrije und ihrer Familie unmöglich, Abschied zu nehmen und weiterzuleben. Als sie dennoch beschließt, den Führerschein zu machen und mit den Frauen im Dorf Ajvar herzustellen, setzt das einen Stein ins Rollen. Meist sieht man Fahrije mit verkniffenem Gesicht. Die Rolle der Anführerin gefällt ihr nicht, das ist ersichtlich. Sie baut eine Mauer um sich und nur hin und wieder scheint etwas Licht hindurch. Yllka Gashi spielt sie mit einer stoischen Stärke, beeindruckend und bereits bei vielen Festivals ausgezeichnet. Ebenso wie der kraftvolle Film von Blerta Basholli, der unter anderem den Regiepreis und den Jurypreis in Sundance erhielt. Lars Tunçay

Die Küchenbrigade

Die Küchenbrigade

F 2021, R: Louis-Julien Petit, D: Audrey Lamy, François Cluzet, Chantal Neuwirth, 97 min

Cathy ist Küchenchefin und Teil des Teams einer erfolgreichen Fernseh-Kochshow. Eines Tages stößt sie jedoch an die Grenzen ihrer Toleranz, da der Star der Sendung, Lyna Deletto, Cathys Kreationen regelmäßig für sich beansprucht. Die resolute Köchin schmeißt alles hin und verlässt die Show. Allerdings stellt sich die Suche nach einer neuen Stelle schwieriger dar als gedacht. Cathy übernimmt die Leitung einer Kantine in einem Heim für minderjährige Migranten mit dem Hintergedanken, so bald wie möglich ihr eigenes Restaurant zu eröffnen. Doch die Jugendlichen wachsen ihr ans Herz und die Ungerechtigkeit des französischen Einwanderungssystems schlägt ihr auf den Magen. Louis-Julien Petit wagte bereits mit »Der Glanz der Unsichtbaren« den Spagat zwischen sozialem Engagement und Unterhaltung. Bei seinem Porträt der obdachlosen Frauen gelang ihm das ganz formidabel, nicht zuletzt dank der Spielfreude seiner Laiendarstellerinnen und seiner Mitstreiterin Audrey Lamy. Die Darstellerin steht ihm auch bei seinem Nachfolgeprojekt »Die Küchenbrigade« zur Seite. Allerdings wollen Plot und Botschaft hier nicht ganz zusammenkommen. An den jungen Hauptdarstellern, allesamt Geflüchtete in ganz ähnlichen Situationen, liegt es nicht. Auch nicht daran, dass Petit das Herz am rechten Fleck hat und mit einem kämpferischen Finale überrascht. Doch die Geschichten der Figuren kratzen nur an der Oberfläche, was auch der recht kurzen Laufzeit geschuldet sein mag. Lars Tunçay

Mittagsstunde

Mittagsstunde

D 2022, R: Lars Jessen, D: Charly Hübner, Lennard Conrad, Peter Franke, 93 min

Universitätsprofessor Ingwer Feddersen hat sich ein Sabbatjahr genommen, um sich um seine Eltern zu kümmern, die noch immer im friesischen Brinkebüll wohnen. Mutter Ella ist aber mittlerweile dement und Vater Sönke zunehmend körperlich beeinträchtigt. Während Ingwer an die Orte seiner Kindheit zurückkehrt, werden Erinnerungen wach an Tage im Schankraum des Wirtshauses der Eltern, ans Spielen in den Feldern oder das Geschwätz der Leute, die sich über die seltsamen Familienverhältnisse der Feddersens den Mund zerrissen. Lars Jessen hat in seinen bisherigen Filmen (wie »Am Tag als Bobby Ewing starb« und »Dorfpunks«) bereits bewiesen, dass er ein überzeugendes Bild von Land und Leuten im hohen Norden zeichnen kann. Hier hat er sich nun eines Romans von Dörte Hansen (»Altes Land«) angenommen, der oftmals von Auslassungen und viel Interpretationsspielraum geprägt ist. Jessen hat die Ereignisse aus den 1970er und 1980er Jahren und des Jahres 2020 virtuos ineinander verschachtelt und lässt sein Publikum erst nach und nach in die komplexe Familienstruktur der Feddersens eintauchen. Die Atmosphäre, die er dabei in »Mittagsstunde« geschaffen hat, ist der aus der Romanvorlage sehr ähnlich. Mit Hilfe von famosen Darstellerleistungen zieht er das Publikum in ein niveauvolles Charakterdrama hinein, das keiner vordergründigen Spannungsmomente bedarf, um fesselnd zu unterhalten. Frank Brenner

Moonage Daydream

Moonage Daydream

USA/D 2022, Dok, R: Brett Morgan, 140 min

David Bowie – Musiker, Schauspieler, Maler: ein wandlungsfähiger Künstler ohnegleichen. Ob als Ziggy Stardust, Major Tom oder Thin White Duke: David Robert Jones beherrschte das Spiel mit den Rollen wie kein Anderer. Er überwand Geschlechter- und Stilgrenzen, war alles gleichzeitig und in einer Person. Identifikationsobjekt für eine ganze Generation. Die Wucht, mit der seine Musik und seine Performance Anfang der Siebziger in die britische Gesellschaft und von dort aus in aller Welt einschlug, war nachhaltig. Über fünf Jahrzehnte hinweg gelang es ihm, sich immer wieder neu zu erfinden. Auch sechs Jahre nach seinem Tod ist der Verlust dieser Stilikone schmerzhaft spürbar. Sein Leben, sein Wirken, sein Genie in einen Film zu fassen, erscheint da eigentlich unmöglich. Regisseur Brett Morgen, der sich in der Vergangenheit bereits mit ungewöhnlichen Dokumentarfilmen zu Kurt Cobain (»Cobain: Montage of Heck«) und Jane Goodall (»Jane«) auszeichnete, nähert sich Bowie durch seine Musik. Fünf Jahre lang wühlte er sich durch das immense Archiv an Bild- und Tonaufnahmen und schuf eine einzigartige 140-minütige Collage, einen Trip durch das Leben des Ausnahmekünstlers. Anhand der unterschiedlichen Phasen seiner Karriere entstand eine absolut einzigartige Werkschau, ein Rausch aus »Sound and Vision«, der auf Augenhöhe mit Bowies Kunst steht. So ist »Moonage Daydream« keine lückenlose Biografie oder umfassende Werkschau des Briten, sondern vielmehr ein gefühlvoller Versuch, seinen künstlerischen Ausdruck in Bilder fassen. Lars Tunçay

Three Thousand Years of Longing

Three Thousand Years of Longing

USA/AUS 2022, R: George Miller, D: Idris Elba, Tilda Swinton, Aamito Lagum, 108 min

30 Jahre hatte es gedauert, bis Oscar-Preisträger George Miller mit »Mad Max: Fury Road« seinen Kult-Hit der Achtziger fortsetzte und die Welt damit erneut in Staunen versetzte. Bevor er nun die Vorgeschichte von »Furiosa« dreht, widmete er sich einem Projekt, das gegensätzlicher kaum sein könnte. Anstatt einer Endzeit-Oper mit Hunderten von Statisten inszenierte er ein Zwei-Personen-Kammerspiel, das von der Kraft der Erzählung lebt. Im Mittelpunkt steht Dr. Alithea Binnie, eine Sammlerin von Geschichten und Mythen aus aller Welt. Eine Konferenz führt sie nach Istanbul, wo sie auf einem Basar eine uralte Glasflasche entdeckt. Zurück im Hotelzimmer entfleucht dieser ein Dschinn, der ihr drei Wünsche offenbart. Da Alithea weiß, dass solche Geschichten meist schlecht für die Wünschenden ausgehen, will das gut überlegt sein. Um sie für sich einzunehmen, erzählt ihr der Dschinn aus seinem Jahrtausende währenden Leben. Ähnlich wie Tarsem Singh in seinem wundervollen »The Fall« lebt auch Millers Film von den Bilderwelten, die das Special-Effects-Team eindrucksvoll auf die Leinwand zaubert. Die Erzählstruktur ist hier deutlich episodischer, der Austausch der beiden im Hotelzimmer nimmt wesentlich mehr Raum ein. Mit Tilda Swinton und Idris Elba fanden sich zwei Schauspielgrößen, die die komplexen Dialoge überzeugend transportieren. Was fehlt, ist vielleicht ein Schuss Magie, der das Konzept zusammenhält. Lars Tunçay

Wettermacher

Wettermacher

D 2021, Dok, R: Stanislaw Mucha, 92 min

Auf der Wetterstation Chodowaricha am russischen Polarmeer beobachten die drei Meteorologen Sascha, Alexander und Wladimir in völliger Isolation das Wetter. Einmal im Jahr kommt ein Versorgungsschiff mit Vorräten vorbei. Der einzige Nachbar der Meteorologen ist der krebskranke Wassili, ein ehemaliger Funker. Selbst der Wetterhund Jack verschwindet eines Tages spurlos. Der Alltag in Chodowaricha ist so unaufgeregt wie der Film selbst: Messungen durchführen, Fischernetze einholen, kochen. In der Einfachheit dieses Lebens liegt eine Faszination, die die Kamera mit ruhigen Aufnahmen und langsamen Schnitten wirkungsvoll einfängt. Die Schönheit der sibirischen Tundra ist eigenwillig, doch gewaltig. Der spärlich dosierte Soundtrack stammt von dem Putin-nahen Musiker Igor Matvienko. Es ist die Lieblingsmusik von Sascha und Alexander, die als Paar auf der Station leben. Das anfangs scheinbar harmonische Zusammenleben wird zunehmend kompliziert. Grund der Spannungen ist der schweigsame Wladimir, über dessen Vergangenheit düstere Andeutungen im Raum stehen. Überhaupt spielt die ruhige Erzählstimme durch den gesamten Film mit Andeutungen, doch die Geschichten dahinter bleiben im Dunkeln. Auf einen roten Faden, eine klassische Handlung wartet man vergeblich. Regisseur Stanislaw Mucha hat vielmehr ein eindrückliches, weil nahezu unkommentiertes Porträt des wohl einsamsten Arbeitsplatzes der Welt gedreht, wo der Wahnsinn an jeder Schwelle lauert. Sarah Nägele

Warten auf Bojangles

Warten auf Bojangles

F/B 2021, R: Régis Roinsard, D: Virginie Efira, Romain Duris, Grégory Gadebois, 124 min

Als Gebrauchtwagenhändler Georges sich auf einer Party an der Côte d’Azur einschleicht, unter die wohlhabenden Gäste mischt und die schöne Camille kennenlernt, ist es um den passionierten Aufschneider geschehen: Kurzerhand brennt er mit seiner Angebeteten durch, nur um tags darauf ohne die flatterhafte junge Frau aufzuwachen. Georges setzt erfolgreich alles daran, sie wiederzugewinnen, und ein knappes Jahr später wird Sohn Gary geboren, aus dessen Sicht die Familiengeschichte von nun an erzählt wird. Und die ist, im starken Kontrast zur überbordenden Optik der Adaption des Romans von Olivier Bourdeaut, ziemlich deprimierend, was sich von Beginn an als roter Faden durch die Handlung zieht. Trotzdem bleibt der Humor nie auf der Strecke, sei es während der rauschenden Feste, die Georges und Camille über ihre Verhältnisse geben oder wenn die beiden alle Hebel in Bewegung setzen, um dem Sohn eine faszinierende Kindheit zu ermöglichen – für die er allerdings in der Schule gehänselt wird und die unaufhaltsam auf ein bitteres Ende zusteuert. »Mademoiselle Populaire«-Regisseur Regis Roinsard hat hier mit prallen, leinwandfüllenden Bildern und dem Ensemble um Virginie Efira, Romain Duris und den kleinen Solan Machado-Graner eine Art Gegenentwurf zur berühmten »fabelhaften Welt der Amélie« kreiert, der gleichermaßen fasziniert wie tragikomisch berührt. Peter Hoch

Nicht ganz koscher

Nicht ganz koscher

D 2022, R: Stefan Sarazin, Peter Keller, D: Luzer Twersky, Haitham Omari, Makram Khoury, 121 min

Alles ist besser, als auf den Heiratsvermittler zu warten: Als Ben in Jerusalem landet, muss er nicht lange nachdenken, als ihm sein Onkel einen Auftrag anbietet. Er soll nach Ägypten reisen, um die letzte jüdische Gemeinde vor ihrem Aussterben zu retten. Doch er ist dort nicht gern gesehen, und so endet seine Busreise vorzeitig mitten im Nirgendwo. Zu Fuß schlägt sich der New Yorker mehr schlecht als recht durch die Wüste, die er in vier Tagen bis zum Pessachfest durchquert haben muss. Da kommt ihm der Araber Adel zur Hilfe, ein Beduine auf der Suche nach seinem Kamel. Doch nicht nur die religiösen Differenzen machen ihre Reise zu einem beschwerlichen Unterfangen. Der umgekehrte Exodus durch die Wüste Sinai nach Alexandria bildet den Aufhänger für eine charmante Geschichte über Freundschaft und die Überwindung religiöser Grenzen. Hauptdarsteller Luzer Twersky lebte selbst in der streng-religiösen Gemeinschaft der chassidischen Juden in New York, bis er seinen Traum, Schauspieler zu werden, verwirklichte. Sein Gegenüber, Haitham Omari, war zuletzt im preisgekrönten Drama »Bethlehem« von Yuval Adler zu sehen. Beide stehen im Mittelpunkt einer klugen Reflexion über das, was uns als Menschen verbindet – produziert, gedreht und geschrieben von Stefan Sarazin (»Nitschewo«) und Peter Keller, die für ihr Drehbuch mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet wurden. Lars Tunçay

Die Känguru-Verschwörung

Die Känguru-Verschwörung

D 2022, R: Marc-Uwe Kling, D: Dimitrij Schaad, Volker Zack, Rosalie Thomass, 101 min

Marc-Uwe wünscht sich nichts sehnlicher, als mit seiner Angebeteten Maria mal ein Date ganz alleine zu verbringen – ohne dass das dauerquatschende Känguru mit dabei ist. Nun stellt Maria ihm tatsächlich ein Abendessen zu zweit in Paris in Aussicht – wenn es Marc-Uwe gelingt, Marias Mutter Lisbeth von deren Querdenker-Ansichten abzubringen. Doch das ist leichter gesagt als getan, denn »Diesel-Liesel« ist auf ihrem Youtube-Kanal nicht nur eine vehemente Leugnerin der Klimakrise, sondern auch als eine der Hauptrednerinnen zu einer Verschwörungs-Convention nach Bielefeld eingeladen. Zusammen mit dem Känguru macht sich Marc-Uwe dennoch daran, das scheinbar Unmögliche Realität werden zu lassen. Die Fortsetzung des Kassenerfolgs »Die Känguru-Chroniken« aus dem Jahr 2020 wurde nun von Marc-Uwe Kling mitinszeniert, dem Schöpfer des Känguru-Kosmos, der sich hier eine gänzlich neue Geschichte einfallen ließ. Diese zerfällt wieder in zahlreiche Einzelepisoden, die mal mit Slapstickhumor, mal mit Albernheiten, mal mit liebevoll gestalteten parodistischen Seitenhieben zu unterhalten verstehen. Die zahlreichen Känguru-Fans werden hier sicherlich am meisten auf ihre Kosten kommen, aber auch der ein oder andere Cineast und Fernsehliebhaber, der unzählige popkulturelle Anspielungen entdecken kann. Frank Brenner

Hatching

Hatching

FIN/S 2022, R: Hanna Bergholm, D: Siiri Solalinna, Sophia Heikkilä, Jani Volanen, 90 min

Die einen nennen es Body-Horror, die anderen schlicht Pubertät. Tinja ist zwölf und latent genervt von ihrer sterilen Spießerfamilie. Ihr Bruder ist eine kleine Petze, ihr Vater ein grinsender Duckmäuser und ihre Mutter eine jener überambitionierten Helikopter-Mamis, die ihre Töchter zu kleinen Wunderkindern dressieren wollen. Die Gymnastikwettkämpfe, für die Tinja so hart trainieren muss, dienen auch nicht der Selbstverwirklichung, sondern dem Prestige-Gewinn. Statt zu rebellieren, kümmert sich die sensible Tochter aber lieber um ihr neues unheimliches Haustier namens Alli. Alli ist einem Vogelei entschlüpft, das Tinja selbst ausgebrütet hat, und lebt nun unter ihrem Bett versteckt – eine monströse Kreatur, die beunruhigend schnell wächst und einen immer größeren Appetit entwickelt. Auch wer seine eigene Jugend schon etwas länger hinter sich hat, findet sich schnell in der Gefühlswelt von Hanna Bergholms Debütfilm zurecht. Steif und unecht wirken die Kulissen der Kindheit darin, wild und bedrohlich der nächste Lebensabschnitt, mit Alli als hässlichem Schutzengel. Auf Eltern kann die Metamorphose ihrer Kinder irritierend wirken, aber »Hatching« schlägt sich mit seiner Perspektive auf die Seite der Pubertierenden. Dort liegen ganz gegensätzliche Empfindungen so nah beieinander wie sonst nur bei gespaltenen Persönlichkeiten. Oder in Horrorfilmen, die eklig und zärtlich zugleich sind. Markus Hockenbrink

Die Zeit, die wir teilen

Die Zeit, die wir teilen

F/D/IRL 2020, R: Laurent Larivière, D: Isabelle Huppert, Lars Eidinger, Swann Arlaud, 101 min

Es ist Nacht. Ein Auto fährt über eine einsame Landstraße. Am Steuer sitzt Joan, die ihren Blick plötzlich direkt in die Kamera wendet und sich vorstellt. Der Film beginnt und damit eine Irrfahrt durch ein Leben, in dem die Protagonistin weiß Gott nicht immer das Steuer in der Hand hat. Erinnerungen führen sie zurück in die Siebziger: Joan ist als Aupair in Irland und verliebt sich in Doug, einen Taschendieb. Fasziniert vom gesetzlosen Leben, verfällt sie ihm und seinem Metier. Als die beiden auffliegen, muss Doug in den Knast und Joan wird nach Hause geschickt. Sie erwartet ein Kind von ihm, wagt es jedoch nicht, ihm davon zu erzählen. Stattdessen zieht sie ihren Sohn Nathan alleine groß. Konflikte mit ihrer Mutter und ihr unerfüllter Drang nach Freiheit prägen die folgenden Jahre. Regisseur Laurent Larivière erzählt dies sprunghaft in Rückblenden, die sich mit der Gegenwart vermischen. In der ist sie als Verlegerin für den impulsiven Tim Ardenne (Lars Eidinger als Karikatur seiner selbst) zuständig, der ihr verfallen ist. Dann tauchen auch Joans mittlerweile erwachsener Sohn Nathan und die verschollen geglaubte Mutter wieder auf – und der Film kulminiert endgültig in einer Selbstkrise seiner Protagonistin. Scheinbar ziellos driftet Larivière immer wieder durch die Zeiten und wie so oft funktionieren Teile der Erzählung besser, andere wiederum wirken befremdlich. Isabelle Huppert bemüht sich redlich, die Fäden zusammenzuhalten. Eigentlich wäre das allerdings die Aufgabe des Regisseurs. Lars Tunçay

Der Engländer, der in den Bus stieg und bis ans Ende der Welt fuhr

Der Engländer, der in den Bus stieg und bis ans Ende der Welt fuhr

GB/VAE 2021, R: Gillies MacKinnon, D: Timothy Spall, Phyllis Logan, Saskia Ashdown, 86 min

Tom ist am Ende des Weges angekommen. Seine Frau ist bereits vorgegangen und auch für den Neunzigjährigen bleibt nicht mehr viel Zeit. Doch eine Aufgabe lastet noch auf ihm – er möchte ein Versprechen, das er seiner Frau gegeben hat, erfüllen: ihre Asche in ihre Heimat am südlichsten Zipfel Großbritanniens zu bringen. Also macht er sich auf den Weg von der Küste Schottlands nach Land’s End – mit Linienbussen. Auf dem Weg trifft er die unterschiedlichsten Menschen. Die Reise führt ihn aber auch in eine schmerzhafte Vergangenheit. Man denkt nicht nur ob des deutschen Titels (Original: »The Last Bus«) an den »Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg und verschwand« – auch der Film des erfahrenen TV-Regisseurs Gilles MacKinnon ist ein sentimentales Roadmovie in die Erinnerung. Getragen wird es von Timothy Spall (»Mr. Turner«), der die rund 30 Jahre ältere Figur glaubwürdig mit den Marotten eines alten Mannes verkörpert. Ihn dabei zu begleiten, wie er unbeirrt seinen Weg zum Ziel verfolgt, tröstet über einige unglaubwürdige Begegnungen auf der Reise hinweg. Lars Tunçay

Alcarràs – Die letzte Ernte

Alcarràs – Die letzte Ernte

E/I 2022, R: Carla Simón, D: Jordi Pujol Dolcet, Anna Otín, Xenia Roset, 120 min

Der Kran schleppt das alte Autowrack, in dem die Kinder immer spielten, von seinem angestammten Platz, an dem es Wurzeln schlug. Ein Sinnbild für die Situation auf der Pfirsichplantage ihrer Eltern. Weil früher die Verträge per Handschlag besiegelt wurden, ohne offizielle Formulare, muss die Familie Solé ihr Land verlassen. Die Bäume sollen Solarzellen weichen. Damit verspricht sich der Sohn des verstorbenen Grundbesitzers Pinyol einen höheren Profit. Für den sturen Quimet und seine Familie bedeutet das, das Land, das die Familie seit Generationen ernährt, hinter sich zu lassen. Mühevoll bringen sie die letzte Ernte ein. Familiäre Konflikte brechen sich Bahn. Erzählt wird »Alcarràs – Die letzte Ernte« aus der Perspektive der Kinder. Während die Kleinsten das Verhalten der Erwachsenen nicht verstehen, wird der Wandel zum Anlass der Auseinandersetzung zwischen Quimet und seinem heranwachsenden Sohn Roger. Ein bewegendes Familiendrama, das viel über die gegenwärtige Situation der Bauern in Katalonien erzählt. Inszeniert hat es die Regisseurin Carla Simón (»Fridas Sommer«), die selbst aus der Gegend stammt und ihren Film gemeinsam mit Arnau Vilaró schrieb und hauptsächlich mit Laiendarstellern und -darstellerinnen aus der Region besetzte. Dies und die genaue Beobachtung des Alltags ihrer Figuren verleihen dem Gewinner des Goldenen Bären bei der diesjährigen Berlinale Wahrhaftigkeit, gefasst in Kinobilder. Lars Tunçay

Willkommen in Siegheilkirchen

Willkommen in Siegheilkirchen

A/D 2021, R: Marcus H. Rosenmüller, Santiago López Jover, 86 min

Manfred Deix war eine Institution gegen das österreichische Spießbürgertum. Vortrefflich hielt er mit farbenprächtigen Karikaturen seinen Landsleuten den Spiegel vor. Markant und unverkennbar, sein Zeichenstil mit den typischen, überproportionierten Figuren in all ihrer glotzäugigen Hässlichkeit. Ausgerechnet Marcus H. Rosenmüller (»Beckenrand Sheriff«), dessen Filme eher für ihr Unterhaltungspotential bekannt sind und stets darauf bedacht scheinen, niemandem weh tun zu wollen – ausgerechnet er verfilmte nun die Kindheit des Deix. Der hatte allerdings vor seinem Tod 2016 noch gemeinsam mit Martin Ambrosch an einem Drehbuch gearbeitet, das nun als Grundlage für Rosenmüllers Film dient. Um den richtigen Ton zu treffen und den Zeichner selbst in seine eigenen Bilderwelten zu verfrachten, holte sich Rosenmüller Unterstützung von Santiago López Jover, einem in Wien beheimateten Animationskünstler, der zuvor unter anderem an dem oscarnominierten irischen Trickfilm »Die Melodie des Meeres« mitarbeitete. Gemeinsam schufen sie den ersten abendfüllenden Animationsfilm aus Österreich – ein würdiges Format für die Bilderwelten des Deix, die der Film detailverliebt auf die Leinwand überträgt. In satten Farben erweckt er den erzkatholischen Ort Siegheilkirchen zum Leben, ein konservatives Nest, in dem der von allen nur »Rotzbub« genannte Spross spießiger Wirtsleute in den Sechzigerjahren aufwächst. Seine Zuflucht ist sein gottgegebenes Zeichentalent, das er allerdings bald für nicht gerade züchtige Zwecke missbraucht, was ihm einerseits ein lukratives Geschäft eröffnet, gleichzeitig aber einen handfesten Skandal heraufbeschwört. Das Treiben erwecken Jover und Rosenmüller hübsch hässlich zum Leben und bleiben dabei dem ätzenden Ton des Provokateurs treu. Für Kinder ist dieser Trickfilm freilich rein gar nicht geeignet. Lars Tunçay

Thor: Love and Thunder

Thor: Love and Thunder

USA/AUS 2022, R: Taika Waititi, D: Chris Hemsworth, Natalie Portman, Christian Bale, 119 min

Thor zieht durch das Universum, rettet heilige Tempel, fremde Völker und lässt sich als Held feiern. Doch es ist nur eine Frage der Zeit, bis eine Gefahr aufzieht, die nicht nur ihn, sondern alle Götter bedroht. Nach dem Erfolg des Vorgängers inszeniert Regisseur Taika Waititi (»Jojo Rabbit«) auch den vierten Teil rund um den Donnergott. Chris Hemsworth schlüpft wieder in das Kostüm und ihm ist die Spielfreude ebenso anzumerken wie seiner zurückgekehrten Flamme Natalie Portman. Das ist erneut gespickt von Fanservice, doch was die Comicverfilmung von anderen ihrer Art abhebt, ist etwas anderes. Christian Bale als rachegetriebener Götterschlächter Gorr stiehlt allen die Show. Maske, Schauspiel, Kostüm – der finstere Gegenspieler, der die Schatten nutzt und ein verfluchtes Schwert mit sich führt, bildet einen interessanten Kontrast zu den ansonsten bunten und schrillen Szenen. Das offenbart aber auch eine Schwäche, die wohl zwangsweise durch das MCU kommen musste. Obwohl die Querverweise zu anderen Filmen nur eine kleine Rolle spielen, wirkt der Streifen überladen. Die Sprünge zwischen den Welten, den vielen Figuren und vor allem den Tonalitäten sind zu groß und abrupt. Im Gegensatz zu seinen vorherigen Werken schafft es Regisseur Waititi nicht immer, den lockeren Humor und die tiefen Emotionen sinnvoll zusammenzuführen. Es muss einfach zu viel in die (zugegeben) kurzweiligen zwei Stunden passen. Das Ergebnis sind mehrere Expositionsblöcke, der Gegensatz von buntem Sci-Fi und Dark Fantasy, eine optisch experimentelle Szene und ein Abschnitt, der wohl kommende Figuren einführen soll, aber so gar nicht funktioniert. »Thor: Love and Thunder« ist somit ein sprunghafter, überladener Film, der wenig Überraschungen und Konsequenzen für die Figuren bereithält und trotzdem unterhält. Sollte dabei am Ende eine eigene Serie oder ein Film über den Antagonisten Gorr herausspringen, war es das allein schon wert. Kai Remen

Eine Sekunde

Eine Sekunde

CHN 2019, R: Zhang Yimou, D: Zhang Yi, Haocun Liu, Wei Fan, 103 min

China inmitten der Kulturrevolution: Ein abgekämpfter Mann durchquert die Wüste. Sein Ziel: das Kino eines kleinen entlegenen Dorfes. Die Menschen strömen aus dem Theater. Die Vorstellung ist vorbei. Draußen steht schon das Motorrad bereit, beladen mit den Filmrollen. Der Mann, Zhang Jiusheng, beobachtet, wie eine Vagabundin, das Waisenmädchen Liu, eine der Rollen stiehlt. Er nimmt die Verfolgung auf, durch die Wüste bis in den nächsten Ort, um dem Vorführer, »Mr. Movie« Fan Dianying, die fehlende Rolle auszuhändigen. Zhang Jiusheng ist allerdings nur wegen des Vorfilms hierher gekommen, einer Nachrichtenrolle, in der seine Tochter als strebsame Arbeiterin zu sehen ist. Es ist die einzige Chance, ihr für eine Sekunde nahe zu sein. Doch Liu hat ihre ganz eigenen Gründe, an das wertvolle Zelluloid zu kommen. Sind die Ziele der Allgemeinheit wirklich wichtiger als das Leid der Armen? Diese Frage stellt sich der Protagonist von Zhang Yimous (»Hero«) neuem Werk im Laufe der Handlung. Dass das Publikum sich eine eigene Antwort bilden kann, ist bemerkenswert für einen Film, der die chinesischen Zensurbehörden passierte. Bei der Berlinale 2019 war die Uraufführung noch kurzfristig abgesagt worden. »Technische Probleme« waren der fadenscheinige Grund. Nun ist der Film auf der Streaming-Plattform Mubi zu sehen und kommt vorher in unsere Kinos. Ein Glück, denn auf der Leinwand entfalten sich die großen Landschaftsporträts am besten. Raum für eine eigene Interpretation der Geschichte bleibt auch in der nun vorliegenden Fassung. Lars Tunçay

Tage am Meer

Tage am Meer

ARG 2016, R: Nadia Benedicto, D: Leticia Mazur, Sofía del Tuffo, Lucía Frittayón, 80 min

Sofia hat zwei Gesichter. Eines ist müde und abgekämpft, wie eine bleiche Maske mit tränenden Augen darin. Das andere setzt sie auf, sobald ihre Töchter den kleinen Bungalow am Strand betreten, dann lächelt sie und ihre starre Haut wird wieder lebendig. Der Bungalow fungiert für Sofia als Zufluchtsort. Nachdem sie von ihrem Mann verlassen wurde, ist sie mit ihren beiden Töchtern hergekommen, um Abstand zu gewinnen und ihre Wunden zu heilen. Hier in einer eher tristen kleinen Stadt, wo der Himmel häufig im Grau des Meeres versinkt, versucht die kleine Familie, einen neuen Umgang miteinander zu finden. Einfühlsam erkundet die argentinische Regisseurin Nadia Benedicto die Gefühlswelten ihrer drei Protagonistinnen und nimmt dabei die jüngste Tochter, die an Aliens glaubt, genauso ernst wie den Schmerz der Mutter oder die Verwirrung und den Zorn der Teenagertochter, die genug davon hat die Verantwortung für ihre kleine Schwester zu übernehmen. Alle drei erhalten im Film ihre ganz eigenen Momente, Zwischenspiele, die die Handlung unterbrechen und an die Arbeiten von Terence Malick oder Xavier Dolan erinnern. Zu Musik tanzt die Mutter unter kahlen Bäumen, rennt die älteste Tochter ins Meer. Auch wenn man Ähnliches schon gesehen hat, gelingt Benedicto doch ein ganz individueller Zugriff auf ihre Figuren, den man im Sinne des Female-Gaze als spezifisch weiblich bezeichnen könnte. Josef Braun