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Rezensionen

Doctor Strange in the Multiverse of Madness

Doctor Strange in the Multiverse of Madness

USA 2022, R: Sam Raimi, D: Benedict Cumberbatch, Rachel McAdams, Elizabeth Olsen, 126 min

Als eines Tages mitten in New York ein Monster auftaucht und die junge America verfolgt, beschließt Doctor Strange (Benedict Cumberbatch), das Mädchen fortan zu beschützen. Das ist auch nötig, denn America verfügt über die Kraft, zwischen den unzähligen Universen umherzureisen. Wer verfolgt sie und wer möchte die Möglichkeiten des Multiversums für sich nutzen? Mit »Doctor Strange in the Multiverse of Madness« wird das »Marvel Cinematic Universe« zum Plural. Wo bisher immer nur ein Universum bedroht war, sind es jetzt alle. Das eröffnet zwar unbegrenzte Möglichkeiten, bringt aber auch klare Schwächen mit sich. Wenn es unendlich viele Versionen von Doctor Strange gibt und unendlich viele Rettungsversuche, dann wirken die Handlungen der Figuren konsequenzlos. Das, was den Comicverfilmungen so oft vorgeworfen wird, kann man hier besonders deutlich sehen. Eine wirkliche Fallhöhe fehlt und so ist die Geschichte und die Tiefe der Figuren nur genau das, was man auch erwartet. Das wirkt kalkuliert, denn Fans der Reihe wird das nicht abschrecken und auf neue Zuschauerinnen und Zuschauer wird eh nicht gesetzt, muss man doch die vorherigen Filme und vor allem die Disney+ Serie »WandaVision« gesehen haben, um hier mitzukommen. Dem gegenüber stehen jedoch immer wieder Höhepunkte in der Inszenierung. Sam Raimi verantwortet nicht nur die Spider-Man-Filme mit Tobey Maguire, er ist vor allem als Regisseur der Horrorreihe »Tanz der Teufel« bekannt. Gemeinsam mit der Musik von Danny Elfman heben seine Jumpscares, gekippten Kameraeinstellungen und düsteren Elemente den Streifen von vielen anderen Marvelfilmen ab. Es ist schade und bezeichnend, dass diese Momente aber nur ein Teil zwischen den ansonsten klassischen Superheldenmotiven, viel Fanservice und banalen Dialogen sind. So unterhält die Fortsetzung von »Doctor Strange« über kurzweilige zwei Stunden, wichtig oder gar vielschichtig und wirklich wahnsinnig ist die Geschichte aber nicht. KAI REMEN

Blutsauger

Blutsauger

D 2022, R: Julian Radlmaier, D: Aleksandre Koberidze, Lilith Stangenberg, Alexander Herbst, 128 min

Marx am Ostseestrand: Allein die Verbindung von Thema und Setting lässt eine Spur der Eigenwilligkeit ausmachen, die den neuen Film von Julian Radlmaier (»Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes«) durchzieht. »Das Kapital ist verstorbne Arbeit, die sich nur vampirmäßig belebt durch Einsaugung lebendiger Arbeit« – aus dieser Metapher, dem »Kapital« entnommen, entspinnt sich Radlmaiers marxistisch-marxkritisches Schelmenstück: Rund um das Ostsee-Anwesen der Fabrikbesitzerin Flambow-Jansen (hinreißend flamboyant: Lilith Stangenberg) dreht ein Haufen exzentrischer Gestalten im Jahre 1928 einen Vampirfilm. Beteiligt sind neben Flambow-Jansen selbst auch ein sowjetischer Baron sowie Madames »persönlicher Assistent« Jacob. Die Dreharbeiten interferieren mit amourösen Absichten, auch mehren sich die Zeichen, dass auf dem Anwesen echte Vampire ihr Unwesen treiben … Den irren Mehrfachspagat zwischen ernsthaftem Marx-Close-Reading und sommerlicher Vampirkomödie entfaltet Radlmaier ganz entspannt im Zwischenreich der Groteske. Das macht besonders viel Spaß, wenn es in manchen Szenen so hemmungslos ins Alberne gleitet, dass es an den frühen Helge Schneider grenzt. Von der Coca-Cola-Dose am Dinnertisch bis zum Schneckenschleim am Sakko-Ärmel – hier thront jedes (anachronistische) Detail am rechten Platz, und eine frivole Moral gibt es auch: Kapitalismus kostet Leben, aber wir lieben ihn trotzdem, denn er ist sexy und alternativlos. Karin Jirsak

Das Licht, aus dem die Träume sind

Das Licht, aus dem die Träume sind

F/USA/IND 2021, R: Pan Nalin, D: Bhavin Rabari, Bhavesh Shrimali, Richa Meena, 110 min

Als sein Vater die Familie ins »Galaxy« ausführt, ist es um Samay geschehen: Der Neunjährige erlebt zum ersten Mal die Magie des Kinos. Fortan nutzt er jede freie Gelegenheit, um sich in dem Saal herumzutreiben. Er belügt seine Eltern, schwänzt die Schule und schleicht sich heimlich in die Reihen – bis er unsanft vor die Tür gesetzt wird. Doch die Kochkünste seiner Mutter öffnen Samay das Tor ins Paradies, denn der Filmvorführer Fazal lässt ihn für den Preis einer täglichen Mahlzeit bei der Arbeit zusehen. Bald werden aus Samay und Fazal Freunde. Der Junge lernt, wie die Magie des Kinos entsteht. Die Faszination für den Film überträgt er nicht nur auf seine Mitschüler. Auch den Kinogänger weiß Regisseur Pan Nalin (»Samsara«) zu begeistern. Das Spiel mit Farben, Licht und Schatten auf der einen und die Leidenschaft für Film auf der anderen Seite, ist der hierzulande etwas schwülstig betitelte »Das Licht, aus dem die Träume sind« eine pure Liebeserklärung an das Kino und an Legenden wie Hitchcock, Buñuel und Méliès. Die märchenhafte Erzählung wiederum ist fest verwurzelt im Kino Bollywoods, dem Nalin gleichermaßen Tribut zollt. In der gradlinig erzählten Geschichte findet sich aber auch Kritik am Kastensystem und an patriarchalischen Strukturen. So steckt Samays Begeisterung für die Magie des Kinos Erwachsene ebenso wie Kinder mühelos an. Lars Tunçay

Everything everywhere all at once

Everything everywhere all at once

USA 2022, R: Daniel Scheinert, Daniel Kwan, D: Michelle Yeoh, Ke Huy Quan, Jamie Lee Curtis, 140 min

Evelyn und Waymond Wang betreiben in den USA einen Waschsalon – und es läuft nicht rund für die Einwanderfamilie aus China. Es gibt Probleme mit dem Finanzamt, Evelyn kann den Lebensentwurf von Tochter Joy nur schwer akzeptieren und vor allem steht ihre Ehe auf der Kippe. Doch dann geschieht es: Vor einem Behördentermin spricht im Fahrstuhl ein völlig gewandelter Waymond zu ihr und macht ihr klar, dass er gerade eine andere Version ihres Mannes aus einer Paralleldimension sei und sie allein es in der Hand habe, das gesamte Multiversum zu retten. Das Duo Daniels, das 2016 schon bei seinem Debüt mit der Survival-Groteske »Swiss Army Man« für große Augen sorgte, hat hier eine cineastische Wundertüte erschaffen, die sogar Marvels Doctor Strange in seinem »Multiverse of Madness« vor Neid erblassen lassen dürfte. Voller Liebe zum Kino werfen die Regisseure so ziemlich jedes Genre in die Waagschale und zitieren sich dabei lust- und humorvoll und absurd einfallsreich durch die Filmgeschichte, von Science-Fiction über das Liebesdrama und die Animationskomödie bis hin zur Martial-Arts-Action. Allerdings vergessen sie bei alledem nie die emotional geerdete Basis, so dass ihr Werk unterm Strich eigentlich eine mit Michelle Yeoh, Ke Huy Quan und Stephanie Hsu famos besetzte, absolut einzigartige Familientragikomödie ist, die völlig kitschfrei berührt. Peter Hoch

Maixabel

Maixabel

E 2021, R: Icíar Bollaín, D: Blanca Portillo, Luis Tosar, María Cerezuela, 115 min

Im Jahr 2000 wird Juan María Jáuregui von Mitgliedern der ETA erschossen. Der Politiker hatte sich als Vermittler zwischen Spanien und den Separatisten des Baskenlandes versucht. Rund zehn Jahre später sind die Täter inhaftiert. Einer von ihnen wendet sich anonym an die Gefängnisverwaltung, denn er möchte Hinterbliebene seiner Opfer treffen und sich bei ihnen entschuldigen. Maixabel Lasa, die Witwe Jáureguis, erklärt sich einverstanden und tauscht sich tatsächlich im Gefängnis mit Luis Carrasco aus. Und schließlich willigt auch Ibon Etxezarreta einem Treffen ein, der Mann, der damals tatsächlich die tödliche Kugel auf Jáuregui abfeuerte. Ohne lange Vorerklärungen wirft uns Icíar Bollaín (»Yuli«) hier mitten hinein in das Geschehen, das über Jahrzehnte hinweg die spanische Historie bestimmte. Doch man muss nicht allzu detailliert in der Materie drinstecken, um in die Ereignisse und das Schicksal der Figuren hineinzufinden. Nachdem Bollaín zunächst den Anschlag und die Flucht der ETA-Mitglieder spannungsreich rekonstruiert hat, wird ihr Film zusehends zu einem ruhigen Charakterdrama. Mit äußerst präzisen und intelligenten Dialogen kommen beide Seiten angemessen zu Wort. Die durchweg mit herausragenden Darstellern und Darstellerinnen (drei von ihnen erhielten einen Goya, den spanischen Oscar) besetzten Rollen machen deutlich, dass Gewalt niemals eine Lösung sein kann und dass Reue und Vergebung viel mehr bewirken als Hass und Rache. Frank Brenner

Memoria

Memoria

KOL/THAI/GB/MEX/D 2021, R: Apichatpong Weerasethakul, D: Tilda Swinton, Elkin Díaz, Jeanne Balibar, 136 min

Früh am Morgen wacht Jessica auf, weil sie ein Geräusch gehört hat. Ein dumpfes Scheppern, wie wenn eine Betonkugel in einen Blechschacht fällt, der von Wasser umgeben ist, so wird sie es später beschreiben. Denn was sie hört, lässt sie nicht wieder los. Plötzlich kann sie nicht mehr schlafen, irrt durch Bogotá, auf der Suche nach Antworten. 
Um herauszufinden, woher das Geräusch kommt, besucht sie ihre Schwester am Krankenbett, begegnet einem Sounddesigner, der den mysteriösen Klang am Computer für sie nachstellt, und einer Archäologin, die gerade dabei ist, menschliche Überreste zu untersuchen, welche beim Bau eines Tunnels entdeckt wurden. Mysteriös ist das, auch weil in den knappen Dialogen Hinweise darauf schlummern, dass Jessica sich ihre Begegnungen möglicherweise nur einbildet. Und so wird man als Zuschauer immer weiter hineingesogen in eine Traumwelt, irgendwo zwischen Wachen und Schlafen. Mithilfe eines aufwendigen Sounddesigns, einer guten Auswahl an Schauplätzen, mal in beeindruckender Architektur, dann in der kolumbianischen Natur, sowie relativ sparsamer Schnitte, macht der thailändische Regisseur Apichatpong Weerasethakul die Welt seiner Protagonistin sinnlich erlebbar. Tilda Swinton liefert eine eindringliche Performance, wie keine andere Schauspielerin kann sie abwesend und zugleich total präsent sein. Es braucht Geduld, sich auf diesen Film einzulassen, doch wer es tut, wird definitiv belohnt. Josef Braun

One of these days

One of these days

USA/D 2020, R: Bastian Günther, D: Carrie Preston, Joe Cole, Callie Hernandez, 121 min

Ein texanischer Autohändler hat sich eine ganz besondere Werbeaktion einfallen lassen, eine Art Gewinnspiel mit Durchhaltekomponente. Zwanzig Kandidaten legen Hand an einen blauen Pick-up-Truck, der Letzte, der loslässt, darf den Neuwagen mit nach Hause nehmen. Die Aktion dauert Tage und wird als Spektakel inszeniert; außer zu regelmäßigen Ess- und Pinkelpausen dürfen sich die Anwärter nicht von der Stelle rühren. Was als Reklamegag beginnt, bekommt durch Schlafentzug und Erschöpfung bald den Charakter einer öffentlich inszenierten Tortur. Horror-Autor Stephen King machte aus einem ganz ähnlichen Thema seinen Roman »Todesmarsch«, und auch Bastian Günthers Film streift das Genre mit geradezu soziologischer Neugier. Dabei wird schnell augenfällig, dass hier der Kapitalismus selbst auf der Anklagebank sitzt. Im Kampf um den exklusiven Hauptgewinn kommt es unter den tendenziell eher armen Kandidaten nämlich bald zu unschönen Szenen; um nicht zu den 19 Verlierern zu gehören, muss man erst an die eigenen Grenzen gehen und dann die der anderen übertreten. Besonders beklemmend ist »One Of These Days« auch deshalb, weil der Regisseur seinen Film weder als beißende Satire noch als sadistischen Spaß konzipiert hat. Seine warmen Farben und der behutsame Blick auf die hoffnungsvollen Hauptfiguren zeugen einerseits von großer Empathie, andererseits von erfrischender Distanz und Klarsichtigkeit. Markus Hockenbrink

Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush

Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush

D 2022, R: Andreas Dresen, D: Meltem Kaptan, Alexander Scheer, Charly Hübner, 100 min

Murat Kurnaz – dieser Name ist im Gedächtnis der meisten Deutschen gespeichert. Jeder, der Anfang des neuen Jahrtausends die Nachrichten wahrgenommen hat, wird ihn schon mal gehört haben. Seine Autobiografie wurde in über zwölf Sprachen übersetzt und 2013 unter dem Titel »5 Jahre Leben« von Stefan Schaller verfilmt. Aber der Skandal, der sich hinter den Kulissen abgespielt hat, dürfte nur wenigen bekannt sein, wohl auch, weil es ein alles andere als gutes Licht auf die Regierung Schröder wirft. Vier Jahre lang saß Murat Kurnaz unschuldig und ohne Anklage in Guantanamo. Ein beispielloses Unrecht. Regisseur Andreas Dresen wurde auf die Geschichte aufmerksam gemacht, aber eine filmische Umsetzung erschien ihm unmöglich – bis er auf Rabiye traf. Der langwierige Kampf der Mutter und ihres Anwalts Bernhard Docke um Murats Leben bildet die Basis für das Drehbuch von Laila Stieler, mit der Dresen bereits »Gundermann« inszenierte. Daraus entstand ein bewegender, aufrüttelnder Film, durchzogen von Rabiyes eigenwilligem Humor, der sich mit Dresens humanistischer Erzählweise gut verträgt. Das nimmt der aufwühlenden Geschichte manchmal die Durchschlagskraft, macht den Film aber für ein breites Publikum zugänglich. Im Herzen steht das leidenschaftliche Spiel von Meltem Kaptan, die bei der Berlinale in diesem Jahr den Silbernen Bären als beste Hauptdarstellerin erhielt. Lars Tunçay

Vortex

Vortex

F/B/MCO 2021, R: Gaspar Noé, D: Dario Argento, Françoise Lebrun, Alex Lutz, 140 min

Die Filme von Gaspar Noé fordern den Zuschauer. Sei es seine rückwärts erzählte Geschichte einer Vergewaltigung und ihrer Folgen in »Irreversibel«, der Trip ins Unterbewusstsein »Enter the Void« oder der Drogenhorror »Climax« – es fällt ebenso schwer, die Augen von der Leinwand zu lösen, wie das Gesehene zu verarbeiten. Noés Filme arbeiten noch lange in einem weiter. Zunächst mag man meinen, »Vortex« stelle da eine Ausnahme im filmischen Kosmos des Franzosen dar. Schließlich begleiten wir hier das ältere Paar Elle und Lui im Alltag, beim Einkauf, dem gelegentlichen Besuch des drogenabhängigen Sohnes. Doch Elle leidet an fortgeschrittener Demenz und so werden die Tage und Nächte in der verwinkelten Pariser Wohnung zunehmend zum Albtraum. Dafür sorgt vor allem das intensive Spiel seiner Hauptdarsteller Françoise Lebrun (»Die Mama und die Hure«) als Elle und Horror-Papst Dario Argento (»Suspiria«), kongenial besetzt als alternder Filmemacher Lui. Hinzu kommt die filmische Handschrift des Auteurs und seines Kameramagiers Benoît Debie. »Vortex« zeigt 140 Minuten lang zwei Handlungsstränge parallel. Die schmerzhaft langen Einstellungen und der konsequente Einsatz des Split-Screens sorgen zunehmend für ein klaustrophobisches Gefühl der Hilflosigkeit. »Vortex« ist Noés schlüssigstes Werk und erinnert nicht zuletzt an Michael Hanekes »Liebe«. Die strikte Formalität des Österreichers weicht hier allerdings der wilden Virtuosität des Franzosen. Ein Film, der unter die Haut geht. Lars Tunçay

Ambulance

Ambulance

USA 2022, R: Michael Bay, D: Jake Gyllenhaal, Eiza González, Devan Chandler Long

Michael Bay, Regisseur von »Bad Boys«, »Armageddon« und der »Transformers«-Reihe erzählt in seinem neuen Film die Geschichte zweier Bankräuber, deren Coup schief geht. Auf ihrer Flucht schießen sie erst einen Polizisten an, müssen dann improvisieren und landen schließlich in genau dem Rettungswagen, in dem der Polizist liegt und ins Krankenhaus gebracht werden soll. Kurzum nehmen sie die Sanitäterin und den Verwundeten in Geiselhaft und liefern sich mit der Polizei eine Verfolgungsjagd. Wer den Regisseur und seine Werke kennt, weiß, dass dieser kein Filmemacher der leisen Töne ist. Style über Story – das war schon immer sein Motto. Zugegeben: das macht es dem Publikum leicht, sich für oder gegen den Film zu entscheiden. Wen zwei Stunden Explosionen, Kugelhagel und Pathos unterhalten, dem sei auch dieser Actionstreifen ans Herz gelegt. Wirkliches Drama, plausible Motive, eine Figurenentwicklung oder gar einen kohärenten Spannungsbogen sucht man hier jedoch vergeblich. Da ist es fast bezeichnend, dass das Sounddesign ordentlich knallt, die von Jake Gyllenhaal gespielte Hauptfigur und dessen Versuche, Humor einzubauen, hingegen zu keinem Zeitpunkt funktionieren. Zwar liefern Eiza Gonzáles als Rettungssanitäterin und Yahya Abdul-Mateen II als Verbrecher mit Gewissensbissen ein besseres Bild ab, wirklich im Gedächtnis bleiben aber auch sie nicht. Wer fälschlicherweise inszenatorische Finesse erwartet, der kann sich nach über zwei Stunden zumindest darüber freuen, dass Michael Bay seine Markenzeichen wie Slow-Motion, Gegenlicht, auffällige Produktplatzierungen und wehende Amerikaflaggen jetzt auch noch um wilde Drohnenfahrten erweitert hat. Als Vollangriff auf die Netzhaut und Trommelfelle hält »Ambulance« keine Überraschungen parat, aber zumindest hält er, was der Regisseur mit seinen Filmen seit Jahren verspricht. KAI REMEN

Das Ereignis

Das Ereignis

F 2021, R: Audrey Diwan, D: Anamaria Vartolomei, Kacey Mottet Klein, Luàna Bajrami, 100 min

Frankreich, 1963: Anne bereitet sich auf ihre Abschlussprüfungen vor, nach deren Bestehen sie Literatur studieren will. Die Zwanzigjährige stammt aus einfachen Verhältnissen und hat es mit Intelligenz, Fleiß und Talent schon jetzt weit gebracht. Als ihre Periode ausbleibt, bestätigt ihr Arzt, dass sie schwanger ist. Eine höchst brisante Situation, denn für eine Mutterschaft, die ihre Zukunftspläne zerstören würde, ist die Studentin noch nicht bereit. In Frankreich besteht allerdings, wie in den meisten Ländern jener Zeit, ein umfängliches Abtreibungsverbot mit harten Strafen. Anne wählt schließlich verzweifelt einen lebensgefährlichen Weg, den viele Frauen auch heute noch immer weltweit beschreiten. Regisseurin Audrey Diwan hat den autobiografischen Roman von Annie Ernaux in einen intimen, außergewöhnlichen Film verwandelt. Dabei lässt sie das Publikum ihrer Protagonistin durch entsprechende Kameraeinstellungen und das beengende 4:3-Bildformat stets ganz nahe sein und blendet auch dann nicht weg, wenn es schlimm wird – Annes Orientierungslosigkeit, Angst und physische Schmerzen werden so immersiv spürbar. Maßgeblichen Anteil an der maximalen Wirkung des Gewinners der letztjährigen Filmfestspiele von Venedig hat bei alledem Hauptdarstellerin Anamaria Vartolomei, die ihrer ebenso verletzlichen wie starken Figur durch minimalistische Blicke und Gesten alle notwendigen Nuancen verleiht. Peter Hoch

Abteil Nr. 6

Abteil Nr. 6

FIN/RUS/EST/D 2021, R: Juho Kuosmanen, D: Yuriy Borisov, Seidi Haarla, Yuliya Aug, 107 min

Laura fühlt sich fehl am Platz, unter all den Intellektuellen, die die Moskauer Wohnung mit ihren Gesprächen beleben. Ihr einziger Anker ist Irina. Wenn die Professorin sie anblickt, hat Laura das Gefühl, es gäbe niemanden sonst in ihrem Leben. Aber Irinas Leben ist ebenso voll von anderen Menschen wie ihre Wohnung. Daher hat sie auch keine Zeit, mit Laura die Petroglyphen zu besichtigen. Also fährt die finnische Archäologiestudentin kurzerhand alleine mit dem Zug nach Murmansk, um die prähistorischen Zeichnungen zu sehen. Zumindest wünscht sie sich bald, allein zu sein, denn sie teilt ihr Abteil mit dem unflätigen Russen Ljoha, der säuft und raucht und übergriffig wird. Frustriert verlässt sie das Abteil, doch es ist eine lange Reise bis ans Ende des Landes und sie muss sich notgedrungen mit ihrem Mitreisenden arrangieren. Während die Landschaft an ihnen vorbeizieht, stellt sie fest, dass Ljoha ebenso unsicher ist wie sie und unter der rauen Oberfläche ein entwaffnend ehrlicher Typ steckt. Wer hier allerdings die große Liebesgeschichte wittert, der wird sie in der Adaption des Romans »Hytti nro 6« von Rosa Liksom nicht finden. Der finnische Regisseur Juho Kuosmanen erzählt mit viel Charme und trockenem Humor von zwei unterschiedlichen Menschen, die gemeinsam einsam durch die Nacht fahren. Die Reise wert ist vor allem Hauptdarstellerin Seidi Haarla, die Laura vielschichtig und grundsympathisch verkörpert. Lars Tunçay

Alles ist gutgegangen

Alles ist gutgegangen

F 2021, R: François Ozon, D: Sophie Marceau, André Dussollier, Géraldine Pailhas, 113 min

Nachdem der 85-jährige André einen Schlaganfall erlitten hat, der ihn linksseitig gelähmt zurücklässt, verliert der zweifache Vater jeglichen Lebensmut. Zu seiner Ehefrau, die ebenfalls krank ist, hat er keinen engen Kontakt mehr, seitdem sie von seiner Beziehung zu einem anderen Mann erfahren hat. Doch auch mit Gérard hat André mittlerweile Schluss gemacht. Deswegen wendet er sich mit seiner Bitte an Emmanuèle, seine ältere Tochter. André möchte, dass sie ihm dabei hilft, sein Leben zu beenden. Obwohl sie in ihren Teenager-Jahren kein gutes Verhältnis zu ihrem Vater hatte, will Emmanuèle nun alles Menschenmögliche tun, um André diesen letzten Wunsch nach humanem Sterben zu erfüllen. »Alles ist gutgegangen« steht in der Tradition der neueren Filme François Ozons (»Gelobt sei Gott«), in denen sich der französische Starregisseur schwieriger Themenfelder mit inszenatorischem Feingefühl angenommen hat. Das zugrundeliegende Buch von Emmanuèle Bernheim, mit der Ozon seit »Unter dem Sand« mehrfach zusammengearbeitet hat, basiert auf autobiografischen Ereignissen und beleuchtet in erster Linie die bürokratischen Fallstricke, die sich hier vor allem den Angehörigen in den Weg legen. Ozon ist erneut ein wichtiger Film zu einem gesellschaftlichen Tabuthema geglückt, das es längst zu reformieren gilt, um unheilbar Kranken oder unter unmenschlichen Bedingungen Lebenden einen würdigen und legalen Tod zu ermöglichen. Frank Brenner

In den besten Händen

In den besten Händen

F 2021, R: Catherine Corsini, D: Valeria Bruni Tedeschi, Marina Foïs, Pio Marmaï, 109 min

Die Liebesbeziehung zwischen der Comic-Zeichnerin Raf und der Verlegerin Julie geht gleich zu Beginn in die Brüche – so wie der Knochen in Julies Arm, die stürzt, als sie ihre Partnerin davon überzeugen möchte, bei ihr zu bleiben. Julie wird ins Krankenhaus eingeliefert, gleichzeitig treffen dort nach gewaltvollen Auseinandersetzungen mit der Polizei immer mehr Teilnehmer an den Gelbwesten-Protesten ein. Lange Wartezeiten, eine überlastete Notaufnahme – das Krankenhaus dient als Schauplatz, an dem Raf und Julie aus der behäbigen Bourgeoisie auf den Demonstranten Yann treffen, von Beruf Lastwagenfahrer, der am Existenzminimum und immer noch bei seiner Mutter lebt. Die kriselnde Ehe, der Knochenbruch, die Splitter in Yanns Bein, Figuren, die sich gegenseitig ins Wort fallen und damit symptomatisch für eine gespaltene Gesellschaft stehen – denn vor allem durch diese zieht sich der Bruch (Originaltitel: »La fracture«). Der Film dreht sich um die große Frage: Emmanuel Macron oder Marine Le Pen? In Anbetracht der anstehenden Präsidentschaftswahlen in Frankreich ist er somit wahnsinnig aktuell. Leider scheitert »In besten Händen« an der Umsetzung: Der Film scheint nervenaufreibend ohne größere Botschaft, es fehlt eine geschickt ineinander verwobene Motivik, die humoristischen Elemente wirken deplatziert und das Gesamtwerk überladen von der Metapher des Bruchs. Michelle Schreiber

The Innocents

The Innocents

N/S/DK 2021, R: Eskil Vogt, D: Rakel Lenora Fløttum, Alva Brynsmo Ramstad, Sam Ashraf, 117 min

»The Innocents« gehört zum Horror-Untergenre der Unheimlichen Kinder und ist bei aller Traditionsverbundenheit sehr modern. Der Film kreist um ein Geschwisterpaar – die neunjährige Ida und die elfjährige, stark autistische Anna, die nach dem Umzug in eine Hochhaussiedlung neue Bekanntschaften schließen müssen. Eine davon ist der kleine Ben, der über telekinetische Fähigkeiten zu verfügen scheint, moralisch aber nicht besonders gefestigt ist. Je unschuldiger man dem Film begegnet, desto mehr ist man gefangen in der unvorhersehbaren Story, die mit bedächtigem Tempo und langen Einstellungen erzählt wird und sehr behutsam eskaliert. Damit reiht sich »The Innocents« in die Riege jener psychologischen Horrorfilme ein, die in den Genre-Konventionen vor allem einen Tarnmantel sehen, um weiterführende Themen aufzugreifen. Hier geht es ganz offensichtlich um die kindlichen Innenwelten, in denen sich Empathie und Grausamkeit mit einer märchenhaften Albtraumlogik begegnen können. Erwachsene treten dort nur als eher ohnmächtige Randfiguren auf, ganz so, als könnte sich das Erwachsenwerden insgesamt als Mythos herausstellen. Der Horror von »The Innocents« hat dann auch wenig mit Blut, Monstern oder Schockmomenten zu tun, sondern eher mit dem schleichenden Unbehagen, dass man als Kind einmal eine intuitive Vorstellung vom Bösen gehabt haben könnte, die man seitdem unbedingt zu verdrängen versucht. Markus Hockenbrink

Trümmermädchen – Die Geschichte der Charlotte Schumann

Trümmermädchen – Die Geschichte der Charlotte Schumann

D 2021, R: Oliver Kracht, D: Laura Balzer, Valery Tscheplanowa, Anna Gesa-Raija Lappe, 122 min

»Nur langsam kehren die Männer von der Front zurück und in den Städten sind es die Frauen, die zwischen den Trümmern räumen. Zum Kochen gibt es sowieso nicht viel …« Deutschland, 1946. Das Nazi-Regime ist gestürzt, doch die Befreiung hat Spuren hinterlassen. Die Trümmer liegen auf den Straßen und in den Seelen. Wie kann es weitergehen? Das fragt sich auch Charlotte Schumann. Die junge Frau ist schwanger von einem Kriegsheimkehrer, doch der will weder sie noch das Kind. In ihrer Verzweiflung meldet sich Charlotte für einen »Fräuleinkurs« an. Die Schauspielerin Gloria Deven soll ihre Schülerinnen lehren, wie sie einen Mann für sich gewinnen. Doch der ehemalige Filmstar verfolgt andere Pläne. Trauma, Schuld und sexueller Aufbruch – Regisseur und Drehbuchautor Oliver Kracht will vieles ansprechen und nimmt sich dafür gute zwei Stunden Zeit. In starken Momenten wirkt seine Auseinandersetzung wie ein flirrendes Gewebe von Assoziationen rund um das Thema Macht und Weiblichkeit. Das stilisierte Nachkriegsszenario wird durchmischt mit historischem Bildmaterial von Hitlers Machtergreifung bis zum NSU. Diese Montagen entwickeln eine brodelnde Kraft, Hirsch gelingt es aber nicht, sie konsequent zu kanalisieren. In die Mitte seines Themengeflechts pflanzt er lieber eine Story um Freundschaft, Verführung und Verrat in den eigenen Reihen, die aber zu konstruiert und vage bleibt, um vor dem gezeigten Hintergrund einen wirklichen Erkenntniswert zu bieten. Karin Jirsak

Wo in Paris die Sonne aufgeht

Wo in Paris die Sonne aufgeht

F 2021, R: Jacques Audiard, D: Lucie Zhang, Makita Samba, Noémie Merlant, 105 min

»Les Olympiades«, das 13. Arrondissement von Paris: Das ehemalige Arbeiterviertel ist heute vor allem geprägt von asiatischen Einwanderern und Einwanderinnen wie Émilie Wong. Mit ihrem verhassten Job als Telefonistin kommt sie nicht über die Runden. Eine Mitbewohnerin muss her für die geräumige Wohnung, die ihrer Großmutter gehört. Doch als Camille vor der Tür steht, stellt er sich als männlicher Bewerber heraus. Nach der ersten Enttäuschung landen die beiden im Bett. Daraus entwickelt sich eine Beziehung, die bald schon nicht mehr nur körperlicher Natur ist, was natürlich auch Probleme mit sich bringt. Währenddessen beginnt Nora voller Idealismus ihr Studium und wird jäh gebremst, als sie von Mitschülern gemobbt wird. Ebenso wie Émilie und Camille muss sie sich über ihre Gefühle und Ziele im Leben klar werden. Die Probleme der Singles sind vielleicht denen an einem anderen Ort in Paris oder überall auf der Welt nicht unähnlich, doch das Viertel gibt der Dreiecksgeschichte eine ganz eigene Note. In wunderschönen Schwarz-Weiß-Bildern fängt Paul Guilhaume (»Ava«) das bunte Viertel ein. Die Musik von Rone treibt die Geschichte voran. Jacques Audiard (»Ein Prophet«) und Drehbuchautorin Céline Sciamma (»Porträt einer jungen Frau in Flammen«) fassten vier Kurzgeschichten des japanisch-amerikanischen Autors Adrian Tomine zu einem Drehbuch zusammen und verlegten den Handlungsort von New York an die Seine. Die Geschichten sind universell und werden von dem spielfreudigen Cast hervorragend in Szene gesetzt. Lars Tunçay

Die wundersame Welt des Louis Wain

Die wundersame Welt des Louis Wain

GB 2021, R: Will Sharpe, D: Benedict Cumberbatch, Claire Foy, Taika Waititi, 111 min

Louis Wain ist ein komischer Kauz. Hochbegabt zeichnet er originalgetreu Mensch und Tier nur aus seiner Erinnerung, schreibt Opern und geht danach boxen –, beides eher schlecht als recht – doch wenn es um soziale Interaktion geht, ist er verloren. Die ist aber überlebenswichtig im viktorianischen London um die Jahrhundertwende und als er sich Hals über Kopf in die Gouvernante des Hauses, Emily Richardson, verliebt, wird dies von seinen fünf Schwestern argwöhnisch betrachtet und von der ältesten, Caroline, grundsätzlich abgelehnt. Gegen alle Widerstände heiraten Emily und Louis und seine Zeichnungen von Katzen ermöglichen ihnen ein Auskommen. Doch das Schicksal meint es nicht gut mit ihnen. Das Leben des Louis Wain ist der Stoff für eine Tragikomödie par excellence. Wain gehörte zu seiner Zeit zu den populärsten Malern Großbritanniens, aber reich wurde er davon nicht. Seine Psyche setzte ihm zeitlebens zu und er starb einsam in einer Nervenheilanstalt. Regisseur Will Sharpe lässt uns die Welt durch Wains Augen betrachten. Die Bilder vibrieren, elektrische Spannungen, die Wain in allen lebenden Dingen entdeckte, flirren im klassischen Format 4:3 über die Leinwand, die Benedict Cumberbatch mit Spielfreude zum Leben erweckt. In satten Farben schuf Sharpe einen einzigartigen Film, der an die expressionistische Frühzeit des Kinos erinnert und gleichermaßen zum Lachen wie zum Heulen animiert. Lars Tunçay

Cyrano

Cyrano

GB/USA/CDN 2021, R: Joe Wright, D: Peter Dinklage, Haley Bennett, Kelvin Harrison Jr., 124 min

Cyrano de Bergerac ist im Frankreich des 17. Jahrhunderts ein begnadeter Dichter. Doch er ist kleinwüchsig und deshalb davon überzeugt, dass die wunderschöne Roxanne seine unsterbliche Liebe niemals erwidern würde. Während er vor Publikum immer die elegantesten Worte findet, bringt er es nicht übers Herz, der Angebeteten seine Liebe zu gestehen. Als die ihm erzählt, sich in den jungen Kadetten Christian verliebt zu haben, verspricht Cyrano trotz seiner eigenen Gefühle, ihr zu helfen. Fortan schreibt er im Namen von Christian Briefe an Roxanne. Joe Wrights »Cyrano« ist die Adaption des gleichnamigen Bühnenmusicals, das wiederum auf dem Klassiker von Edmund Rostand basiert. Peter Dinklage schlüpft erneut mit großer Spielfreude in die Hauptrolle und trägt gemeinsam mit dem Gesangstalent von Haley Bennett den Film. Ihre Duette sind die Höhepunkte der ansonsten oftmals austauschbaren Lieder. Die sind nicht zuletzt deshalb austauschbar, weil es auch die Choreografie ist. Große Kulissen, farbenfrohe Kostüme, viele Figuren im Bild – viel mehr kann sich ein Musical eigentlich nicht wünschen. Doch zu oft beschränken sich die Tänzerinnen und Tänzer auf die immergleichen Drehungen und das taktvolle in-die-Luft-Werfen der Arme. Zu selten werden die Möglichkeiten von Kostüm und Setting genutzt und selbst bei den Duetten sieht man kaum mehr als Nahaufnahmen des Gesichts, schmachtende Blicke und ein leidendes Ansingen der ans Herz gepressten Briefe. »Cyrano« ist somit ein ständiges Auf und Ab. Es gibt zwar vereinzelt Neuinterpretationen des klassischen Versdramas, doch gegeben der Vorlage erwartet das Publikum hier eine große Portion Pathos, geradlinige Figuren, viel Geschmachte, Herzschmerz und eine tragische Hauptfigur. Wer genau das sucht oder sich daran erfreuen kann, wird aber mit »Cyrano« und einem hervorragend aufgelegten Peter Dinklage seine Freude haben. KAI REMEN

Belfast

Belfast

GB 2021, R: Kenneth Branagh, D: Caitriona Balfe, Jamie Dornan, Ciarán Hinds, 99 min

Es sind verwirrende Zeiten für den kleinen Buddy. Der Junge wächst im Belfast der späten sechziger Jahre auf. Unbeschwert spielt er mit seinen Freunden in der Straße. Zu Hause kümmern sich die Großeltern liebevoll um den Kleinen. Die Mutter muss sich derweil mit den Rechnungen auseinandersetzen, während sein Vater die meiste Zeit in London arbeitet und nur an den Wochenenden heimkehrt. Buddys Welt ändert sich dramatisch, als die Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und Protestanten eskalieren und die britische Polizei hart durchgreift. Plötzlich wird von allen verlangt, eine Position zu beziehen und in den eigenen Reihen zu stehen. Für Buddys Familie stellt sich die Frage, ob sie das Land verlassen sollten. Doch der Schritt, das vertraute Umfeld hinter sich zu lassen und irgendwo neu anzufangen, ist für alle schwer. Kenneth Branagh verarbeitet mit »Belfast« seine eigene Familiengeschichte. Über den Nordirland-Konflikt ist bereits viel gedreht worden, Branagh wählt einen sehr persönlichen Zugang und kann sich auf eine starke Besetzung verlassen, die den Film emotional trägt. In ausdrucksstarken Schwarz-Weiß-Bildern und mit dem Soundtrack jener Zeit schafft er ein gutes Gefühl für die stürmischen Jahre, als das Land unter einer schweren Wirtschaftskrise litt und die Fronten sich verhärteten. Ein mitreißendes Werk, das mit sieben Oscarnominierungen Favorit der diesjährigen Verleihung ist. Lars Tunçay