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Rezensionen

Der Kommunist

Der Kommunist

D 2026, Dok, R: Lutz Pehnert, 123 min

Die 70.000 Euro Filmförderung für diese Dokumentation sind nicht ohne Ironie. Denn der Film verklärt das Leben des letzten DDR-Staatsratsvorsitzenden Egon Krenz. Ohne Einordnung rahmt Regisseur Lutz Pehnert »Kommunist« mit anekdotischem Zierrat. Ein Niederländer besucht Egon Krenz regelmäßig im Ostsee-Häuschen. Die einst jüngste LPG-Funktionärin spricht warme Worte. Was ein Kommunist ist und warum Krenz einer ist, wird nicht erzählt. Er wächst als Christ auf, die Befreier der Roten Armee schenken ihm Brot. Nachdem er als Schüler für die CDU arbeitete, stellt ihn die SED für Botendienste ein – plötzlich will er in der Partei mitmachen. Mehr erfährt man über seine Motivation nicht. Einige Lebensstationen werden abgerissen, bis er schließlich fünfzig Tage lang die DDR lenkt – und bedauert, Vorgänger Erich Honecker nicht früher kritisiert zu haben für seine »Verkrustung«. Inhaltlich blass klingt das wie eine Krenz-Schutz-Behauptung. Die Panzerkonfrontation 1961 in Berlin nimmt Krenz zum Beweis eines Bürgerkriegs, der Mauerbau wird nicht thematisiert. Dosierte Kritik kommt nur durch alte Talkshow-Schnipsel. Ferdinand von Schirach mildert da Krenz’ Urteil im Mauerschützenprozess ab: Moral habe hier keinen Platz. Daher zeigt der Film auch lieber Krenz im Meer winkender Blauhemden, statt zu fragen, welche Verantwortung man als FDJ-Chef trägt für Gehirnwäsche der Jugend und real existierenden Kasernenhofsozialismus. Tobias Prüwer

Ein Sommer in Paris

Ein Sommer in Paris

F 2025, R: Valentine Cadic, D: Blandine Madec, India Hair, Arcadi Radeff, 77 min

Sommer 2024: Während ganz Paris im Olympiafieber ist, scheinen die Spiele Blandine, einer jungen Frau aus der Normandie, nur wenig Glück zu bringen. Eigentlich wollte sie sich die Schwimmwettbewerbe gemeinsam mit ihrer Freundin ansehen, doch musste sie nicht nur die Reise in die Hauptstadt allein antreten, sondern verpasst dank der strengen Einlassbestimmungen der Wettbewerbe auch noch, ihre Lieblingsathletin Béryl Gastaldello live um die Medaillen antreten zu sehen. Der Besuch bei ihrer Halbschwester Julie verläuft ebenfalls eher chaotisch. Immerhin findet Blandine schnell einen Draht zu ihrer Nichte Alma, deren Vater – Julies Ex-Mann – sie aber direkt in seinen Olympia-Gegenprotest hineinzieht. Blandines Erlebnisse bilden einen entspannten, fast stoischen Kontrast zum Trubel der Spiele, traumwandlerisch bewegt sie sich durch die Stadt. Auch wenn sie ein ruhiger Charakter ist, bringt ihre Neugier und Aufgeschlossenheit sie immer wieder in neue, absurde Situationen. Dabei geht es weniger um die konkreten Erlebnisse, als vielmehr um ein Gefühl der unendlichen Möglichkeiten, die sich Blandine in ihrer Urlaubswoche zu bieten scheinen, und durch die sie sich langsam treiben lässt. »Ein Sommer in Paris« von Regisseurin Valentine Cadic hält exakt, was der Titel verspricht, und eignet sich damit perfekt für laue Sommerkinoabende – hat am Ende aber zu wenige Höhen und Tiefen, um noch lange nachzuwirken. Hanne Biermann

Nulpen

Nulpen

D 2026, R: Sorina Gajewski, D: Bella Lochmann, Pola Geiger, Cedric Eich, 81 min

Ramona und Nico haben gerade ihr Abi geschafft und wissen nichts mit sich anzufangen. Es ist Hochsommer in Berlin. Sie haben kein Geld, um sich beim Späti Chips und Spaßgetränke zu kaufen, in der Nachbarschaft gibt es nur Stress und auf die Klimademos vor ihrer Tür haben sie keine Lust. Dabei gehören sie zur Generation Hoffnung, auf ihren Schultern liegt die Zukunft der Welt. Ramonas Bruder Noah ist wesentlich wütender und bestürzt über die Lethargie seiner großen Schwester. »Die Erde brennt«, denkt er und hält in einer Szene einen brennenden Luftballon in Globusoptik in der Hand, um das Bild zu verdeutlichen. Das Einzige, was Ramona interessiert, ist Magie – und Nico. Ihre teilweise improvisiert wirkenden Gespräche tragen den Film, dessen Handlung im gleißenden Sommerlicht jedoch eher verschwimmt, genauso wie Realität und Eskapismus sowie die Grenzen der Handlung selbst. Der konsequente Schwebezustand der Erzählung kippt schnell in erzählerische Leere, und was als sensibles Porträt einer überforderten Generation anmutet, verliert sich in seiner eigenen Trägheit und lässt das Publikum eher unberührt zurück. Dabei setzt Regisseurin Sorina Gajewski auf Atmosphäre statt Plot. »Nulpen« ist ihr erster Langspielfilm, nachdem sie Regie an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin studierte. Seine Premiere feierte der Film 2025 auf dem Filmfestival Max-Ophüls-Preis. Greta Jebens

Sechswochenamt

Sechswochenamt

D 2025, R: Jacqueline Jansen, D: Magdalena Laubisch, Gerta Gormanns, Lola Klamroth, 98 min

Mit einem letzten Seufzer scheidet Martha im Erkelenzer Hospiz nach langer Krebserkrankung mit nur 55 Jahren aus dem Leben. Nur ihre Tochter Lore, die die geliebte, freigeistige Mutter in ihren letzten Stunden nicht allein gelassen hat, bekommt es mit und nimmt Abschied, sanft ein Schlaflied summend. Sie durchlebt in den Folgetagen all das, was die meisten in ihrer Situation durchmachen: Realisieren, Funktionieren, Organisieren, unterbrochen von Momenten der Verärgerung und Enttäuschung, wenn es ihren Mitmenschen kaum um echte Unterstützung, sondern hauptsächlich um das Erfüllen von Konventionen und ihre eigene Agenda geht. Dass es bei alledem Frühjahr 2020 ist und die Corona-Pandemie gerade die Welt heimsucht, nimmt Lore nur als Grundrauschen wahr. In statischen Bildern, überwiegend mit Laiendarstellern und ohne jede Filmmusik hat die Autodidaktin Jacqueline Jansen ihr autofiktionales, dokumentarisch anmutendes und ohne staatliche Förderung entstandenes leise-tragikomisches Drama inszeniert. Wie die Charaktere, auf die Lore trifft, zwischen hilf-, teilnahms- und pietätlos skizziert werden, verleitet sowohl zum Schmunzeln als auch zum Nachdenken über das »Danach« und vermittelt ein stimmiges Bild einer Kleinstadtgemeinschaft im äußersten Westen Deutschlands. Zusammengehalten wird das von Hauptdarstellerin Magdalena Laubisch, deren Stimmungen während ihrer Trauerarbeit sich auf uns übertragen. Peter Hoch

Truly Naked

Truly Naked

NL/B/F 2026, R: Muriel d‘Ansembourg, D: Caolán O‘Gorman, Andrew Howard, Alessa Savage, 102 min

Alec ist ein schüchterner Teenager. Gerade ist er mit seinem Vater aus London in ein verschlafenes Städtchen an der Küste gezogen. In der neuen Schule hält er lieber den Kopf unten. Niemand soll erfahren, womit sein Vater Geld verdient: Als Dylan Savage ist er Pornodarsteller und Produzent. Seine Filme dreht er in ihrer kleinen Wohnung. Für Alec gehört das zum Alltag. Er dreht und schneidet die Filme. Doch Dylan ist alt geworden und die Nachfrage sinkt. Krampfhaft versucht er, das Geschäft am Laufen zu halten. Als sich Alec in seine Mitschülerin Nina verliebt, beginnt er, sein vertrautes Leben in Frage zu stellen. Nina bringt ihm bei, was es bedeutet, wirklich nackt zu sein und gesehen zu werden. Im Gewand eines Coming-of-Age-Dramas thematisiert die niederländische Filmemacherin Muriel d’Ansembourg die Suche nach Nähe abseits pornografischer Reizüberflutung. Ähnlich wie Ninja Thybergs »Pleasure« spart auch ihr Debüt dabei keine Details aus und liefert einige feministische Kommentare zu den patriarchalen Strukturen der Pornoindustrie. Das ist manchmal arg vordergründig, jedoch insbesondere von den jungen Hauptdarstellern überzeugend verkörpert. Die unbeholfene aufkeimende Liebe zwischen Alec und Nina ist charmant in Szene gesetzt und steht im Kontrast zu den Sexszenen am Set. »Truly Naked«, zum Teil mit professionellen Pornodarstellerinnen gedreht, verdammt die Branche nicht pauschal, sondern bietet einen differenzierten, menschlichen Blick. LARS TUNÇAY

Obsession – Du sollst mich lieben

Obsession – Du sollst mich lieben

USA 2025, R: Curry Barker, D: Michael Johnston, Inde Navarrette, Cooper Tomlinson

Sei vorsichtig, was du dir wünschst – diese alte Weisheit bekommt in »Obsession« einen frischen Twist. Der schüchterne »Bear«, wie er von seinen Freunden genannt wird, liebt insgeheim Nikki. Seine Liebe kann er ihr jedoch nicht gestehen, ohne ihre langjährige Freundschaft zu gefährden. Also wünscht er sich eines Abends, dass sie nichts in der Welt mehr liebt als ihn. Das harmlos erscheinende Spielzeug »Wishing Willow« erfüllt überraschenderweise sein Versprechen und Nikki weicht fortan wie fremdgesteuert nicht mehr von seiner Seite. Doch Bear muss bald begreifen, dass aus Liebe schnell Obsession werden kann, wenn magische Kräfte im Spiel sind, und so wird die Leidenschaft zur Last. Regisseur und Autor Curry Barker, der mit selbst gedrehten Horror-Kurzfilmen auf Youtube virale Hits landete, produzierte seinen ersten Langfilm unabhängig, bevor das Hit-Horrorstudio Blumhouse auf ihn aufmerksam wurde. Das überschaubare Budget sieht man »Obsession« allerdings nicht an. Durch den cleveren Einsatz von Licht und Schatten schafft er eine konstante Bedrohung. Einige Jump-Scares sieht man zwar meilenweit kommen, sie verfehlen aber dennoch nicht ihre Wirkung. Effektiv ist sein Horror, der ein wenig an den ähnlich gelagerten »Together« aus dem vergangenen Jahr erinnert, auch aufgrund des entfesselten Spiels von Hauptdarstellerin Inde Navarrette (»Superman and Lois«) und weil er seine Geschichte mit dem nachvollziehbar handelnden Protagonisten erdet. LARS TUNÇAY

The Love that remains

The Love that remains

IS/DK/S/F 2025, R: Hlynur Pálmason, D: Saga Garðarsdóttir, Sverrir Gudnason, Ída Mekkín Hlynsdóttir, 109 min

Mit nur drei Filmen hat sich der isländische Regisseur Hlynur Pálmason zur festen Größe im europäischen Kino und zum Dauergast im Wettbewerb von Cannes gedreht. Der schmerzhafte Verlust eines geliebten Menschen in »Weißer, weißer Tag«, die Verlorenheit am Ende der Welt in »Godland« – Pálmason erzählt fast schon beiläufig, mit einem tiefen Verständnis für die Natur des Menschen von einschneidenden Ereignissen. So auch in »The Love That Remains«. Die Ehe zwischen Anna und Magnús ist aus. Seine ständige Abwesenheit durch den Job auf einem Fischkutter mag ein Grund für die Trennung gewesen sein. Wann immer er an Land ist, ist er trotzdem Teil der Familie und für ihre drei Kinder da. Der Schlussstrich unter ihre Beziehung ist für Anna sicherlich deutlicher als für Magnús, der immer noch baggert. Aber beide leben längst unterschiedliche Leben. Während Anna um Anerkennung für ihre Kunst kämpft und nebenher den Haushalt führt, ist Magnús unter Deck mit notgeilen Seemännern. Mit trockenem Humor und menschlicher Wärme erzählt Pálmason von einer Trennung und der Liebe, die bleibt. Wir bekommen einen Einblick in das Leben einer Familie inmitten der rauen Natur Islands, die das Leben der Menschen bestimmt. Mit natürlichen Kinderdarstellern und überzeugenden Erwachsenen entsteht ein Ausschnitt, der fühlbar ein Vorher und Nachher hat und auch auf der Leinwand ewig weiterlaufen könnte. Lars Tunçay

Resurrection

Resurrection

CHN/F/USA 2025, R: Bi Gan, D: Jackson Yee, Shu Qi, Mark Chao, 160 min

Eine Traumreise durch das 20. Jahrhundert und hundert Jahre Filmgeschichte – nicht weniger hat sich der chinesische Autorenfilmer Bi Gan (»Long Day’s Journey Into Night«) vorgenommen. Schon die ersten Filmminuten sind ein Versprechen: Die Kamera blickt in ein Diorama, eine Opiumhölle vor hundert Jahren. Eine Hand greift in die Szene und gestaltet sie. Menschen irren durch die Kulisse, die sich für die Protagonistin bald zu einem surrealen Albtraum entwickelt. Sie stößt auf eine entstellte Kreatur, ein Phantasmer, ein Träumer in der Welt jener, die sich vom Träumen entfernt haben, um ewig zu leben. Durch die Jahrzehnte folgt sie ihm in immer wieder neue Inkarnationen. So wird die Handlung in sechs Kapiteln zum Episodenfilm, der mal einem Taschendieb und Betrüger auf den Straßen folgt, dann einem Grabräuber bei einer übernatürlichen Begegnung in einem Kloster und schließlich einem Paar in der Nacht vor dem Ende des Jahrhunderts. Es sind immer wieder Figuren einer Halbwelt, die ziellos durch die Zeit driften. Bi Gan inszeniert sie vor dem Hintergrund des sich wandelnden Reichs der Mitte. Sein cineastischer Trip ist aber auch eine Liebeserklärung ans Kino – vom Stummfilm bis zur Gegenwart, verspielt und visuell berauschend in Szene gesetzt von Jingsong Dong (»Der See der wilden Gänse«). »Resurrection« erzählt mit Traumlogik und entzieht sich einer konventionellen Handlung. Lässt man sich darauf ein, zieht einen der Film über 160 Minuten und weit darüber hinaus in seinen Bann. Lars Tunçay

Gavagai

Gavagai

D/F 2025, R: Ulrich Köhler, D: Jean-Christophe Folly, Maren Eggert, Nathalie Richard, 91 min

Ulrich Köhlers neuer Film »Gavagai« erweist sich als ein subtiles, vielschichtiges Gedankenexperiment, das das Publikum immer wieder dazu herausfordert, die eigenen Denkmuster zu hinterfragen. Gleich die Eröffnungsszene führt mitten hinein in die Dreharbeiten im Senegal, wo ein neuer Medea-Film gedreht wird. Regisseurin Caroline will mit einer Neuinterpretation des Euripides-Dramas auf rassistische Strukturen aufmerksam machen. Doch ausgerechnet bei der Pressekonferenz kurz vor der Premiere wird sie mit dem Vorwurf konfrontiert, als weiße europäische Filmemacherin genau jene Klischees reproduziert zu haben. Hauptdarstellerin Maja und ihr Co-Star Nourou beginnen während des Drehs eine Affäre als sie sich aber in Berlin auf einem großen Filmfestival wiederbegegnen, hat sich ihre Beziehung zueinander durch die neue Umgebung völlig verschoben. Köhler eröffnet so mehrere Ebenen, vom Film-im-Film bis hin zum Titel: »Gavagai« verweist auf ein philosophisches Fantasiewort, anhand dessen – vereinfacht gesagt – gezeigt wird, dass sich die Bedeutung eines Wortes zwischen zwei Sprachen oft nicht problemlos übertragen lässt. Entsprechend kommunizieren die Protagonisten in vielen Situationen aneinander vorbei, und auch der Medea-Mythos verliert durch die Neuverfilmung plötzlich sein zentrales Motiv. Das lässt viel Raum für Interpretationen, die über die reine Kinoerfahrung hinausgehen. Hanne Biermann

Whistle

Whistle

CAN/IRL 2025, R: Corin Hardy, D: Dafne Keen, Sophie Nélisse, Sky Yang, 100 min

Es beginnt mit einem Highschool-Sportler, der plötzlich verbrennt – während er unter einer laufenden Dusche steht. Monate später findet die neue Schülerin Chrys in ihrem Spind eine uralte Pfeife. Die ist aztekischen Ursprungs und verflucht – was sie und ein paar weitere Mitschülerinnen und Mitschüler ungünstigerweise erst herausfinden, nachdem eine von ihnen hineingeblasen hat. Die Mitglieder der Gruppe segnen nun nacheinander auf exakt die Weise das Zeitliche, die das Schicksal schon immer für sie vorherbestimmt hatte – nur eben viele Jahre früher und an Ort und Stelle, ohne dass die eventuellen »Werkzeuge« des Todes wirklich im Raum sind, heimgesucht von ihren nur für sie selbst sichtbaren zukünftigen Ichs. Grauenvolle Flüche mit hoher Sterberate sind dank Filmen wie »Ring«, »It Follows« oder »Talk to Me« nichts Neues und mit dem Motiv des kreativen Todes spielte schon die »Final Destination«-Reihe, wobei sich der Leibhaftige seine entronnenen Opfer dort nachträglich holt. Auch Elemente aus Klassikern wie »Nightmare on Elm Street« und anderen sind im jüngsten Schocker von »The Nun«-Regisseur Corin Hardy deutlich erkennbar. Aber: besser gut geklaut als schlecht neu ersonnen. Unterhaltsam ist der Film für Genreliebhaber allemal und einige der Kills fallen ebenso kreativ wie brutal aus. Bloß echte Spannung stellt sich nur bedingt ein, denn um mit den Figuren mitzufiebern, bleiben sie leider wie so oft zu flach. Peter Hoch

Andor Hirsch

Andor Hirsch

HUN/F/D/GB 2025, R: László Nemes, D: Bojtorján Barabas, Andrea Waskovics, Grégory Gadebois, 132 min

László Nemes hat schon mal von der Shoah erzählt. 2015 löste sein Film »Son of Saul« Begeisterung und Kritik gleichermaßen aus. So nah kam man dem Protagonisten. So tief wurde man in die Welt des Konzentrationslagers verstrickt. »Andor Hirsch« spielt über zehn Jahre nach der Befreiung der Lager. Schauplatz ist Budapest, kurz nach dem blutig niedergeschlagenen Volksaufstand. Auf den Straßen herrschen die Kommunisten, unterstützt durch die Sowjet-Armee. Eine vermeintlich andere Welt, und doch bleibt die Shoah in fast jeder Einstellung präsent. Ein Mann, der mit starren Augen am Küchentisch sitzt. Die leeren Bänke in der jüdischen Gemeinde. Antisemitische Beleidigungen, die über die Straße gebrüllt werden. Der junge Andor Hirsch und seine Mutter schlagen sich mehr schlecht als recht durch. Die Mutter als Verkäuferin. Der Sohn auf den Straßen, inmitten der bombengeschädigten Häuserzüge. Die Geschichte ist schnell zusammengefasst, wird aber von Nemes über gute zwei Stunden erzählt: Andor wartet vergeblich, dass sein Vater aus dem Lager zurückkommt. Stattdessen taucht eines Nachts ein fremder Mann in der Wohnung der Mutter auf. Ein Schock für den Jungen. »Andor Hirsch« ist physisches Kino. Die Kamera lauert stets nur eine Armlänge entfernt, lässt den Zuschauern kaum Gelegenheiten zum Durchatmen. Ein packendes Drama, dem jedoch irgendwann die Luft ausgeht. Josef Braun

Nürnberg

Nürnberg

USA/HUN 2025, R: James Vanderbilt, D: Rami Malek, Russell Crowe, Michael Shannon, 148 min

Filmschaffende haben sich vielfach an den Nachkriegs-Prozessen von Nürnberg abgearbeitet. Schließlich ist das Ende der Nazi-Diktatur gut dokumentiert. Bereits parallel zum Prozess 1948 entstand ein Dokumentarfilm. Die bekannteste Nacherzählung, der starbesetzte Gerichtsfilm »Das Urteil von Nürnberg« von Stanley Kramer, wurde 1962 mit zwei Oscars ausgezeichnet. Zuletzt gab es im vergangenen Jahr einen großen Fernsehfilm zum Thema. Nun also wieder Hollywood mit Russell Crowe als Hermann Göring. Was die Inszenierung von James Vanderbilt (»Der Moment der Wahrheit«) allerdings interessant macht, ist die Perspektive. Basierend auf bisher unveröffentlichten Dokumenten schildert der Journalist Jack El-Hai in seinem 2013 erschienenen Buch »Der Nazi und der Psychiater« die Begegnungen des Armeepsychiaters Douglas M. Kelley (Rami Malek) mit Hermann Göring, dem nach der Kapitulation ranghöchsten noch lebenden Nazi. Die Leinwandadaption ist von Crowe und Malek hervorragend gespielt, bis in die Nebenrollen glänzend besetzt und von Dariusz Wolski (»Napoleon«) stilvoll in Szene gesetzt. Allerdings mit bedeutungsschwangeren Blicken und großen Gesten alles andere als subtil erzählt. Woran auch Brian Tylers (»Avengers«) pathosgeladener Score einen großen Anteil hat. An der nach wie vor aktuellen Lehre des Stoffs ändert das freilich nichts. Lars Tunçay

Niñxs – Das Leben glitzert

Niñxs – Das Leben glitzert

MEX/D 2025, Dok, R: Kani Lapuerta, 96 min

Für seinen ersten Langfilm hat sich der Filmemacher Kani Lapuerta direkt ein äußerst komplexes Sujet ausgesucht: In »Niñxs – Das Leben glitzert« hat er über acht Jahre hinweg das Leben des Trans-Mädchens Karla Bañuelos mit der Kamera begleitet. Kani Lapuerta ist selbst trans und als sich die beiden kennenlernten, war Karla erst sieben Jahre alt, doch auch damals erkannte sie bereits, dass sie lieber als weiblich denn als männlich gelesen werden möchte. In ihrem progressiven Elternhaus hatte sie damit offene Türen eingerannt, aber aufgrund der Asthma-Erkrankung Karlas zieht die Familie von Mexico City in das eher provinzielle Tepoztlán. Nach den Corona-Jahren und dem obligatorischen Fernunterricht kommt Karla auf eine weiterführende Schule und will dort von Anfang an weiblich gelesen und adressiert werden. »Niñxs – Das Leben glitzert« ist kein gewöhnlicher Dokumentarfilm, sondern versprüht auch in seiner Machart den Charme und das Besondere seiner Protagonistin Karla. So gibt Kani Lapuerta vor, wie der Film über sie zu beginnen und wie er zu enden hat. Obwohl er etliche Jahre des Entwicklungsprozesses abdeckt, rückt das Narrative immer wieder zugunsten von Atmosphäre und liebenswerten Details in den Hintergrund. Auch kurze nachgestellte Szenen sind originell und ungewöhnlich. Die Botschaft ist ebenso simpel wie naheliegend: Karla will »einfach glücklich sein«, und dieser Film zeigt, wie das tatsächlich gelingen kann. Frank Brenner

The North

The North

NL 2025, R: Bart Schrijver, D: Bart Harder, Carles Pulido, Olly Bassi, 130 min

Der Niederländer Chris und der Spanier Lluis kennen sich seit Jugendzeiten. Inzwischen sind sie Mitte 30, leben weit voneinander entfernt und haben nur noch wenig Kontakt. Nun haben sie sich aber verabredet, um einen alten Traum wahr zu machen: eine 600 Kilometer lange Wanderung durch die schottischen Highlands. Mit im Gepäck haben sie jedoch nicht nur ein Zelt, Proviant und sonstige Ausrüstung, sondern auch ihre gegenwärtige Lebenssituation – von der der jeweils andere kaum etwas weiß. So freut sich Chris auf seine nahende Vaterschaft, hat aber auch einen stressig-öden Bürojob, der ihn bis in den Urlaub verfolgt. Lluis wirkt dagegen recht freigeistig, hat aber ein eigenes Päckchen zu tragen, das sich Chris erst im Verlauf ihrer Reise erschließt. Die beiden Freunde erfahren grandiose Natureindrücke miteinander, aber auch Unerwartetes über den anderen und sich selbst. Regisseur Bart Schrijver, seine beiden Hauptdarsteller und eine Kerncrew haben den Trail von Milngavie bis zum Cape-Wrath-Leuchtturm im Zuge der Dreharbeiten selbst erwandert und chronologisch gefilmt. Das merkt man ihrem authentisch wirkenden Roadtrip-Drama deutlich an, welches das Publikum nicht nur mit grandiosen Naturaufnahmen belohnt, die Lust aufs Wandern wecken, sondern auch mit einem Schubser, möglichst bald einen lieben Menschen wiederzutreffen, den man viel zu lange nicht gesehen hat. Peter Hoch

Wild Foxes

Wild Foxes

B/F 2026, R: Valery Carnoy, D: Samuel Kircher, Faycal Anaflous, Anna Heckel, 92 min

Camille ist ein junger, erfolgreicher Boxer und sensibler Held seines vor Testosteron strotzenden Multikulti-Teams an einem französischen Sport-Internat. Immer an seiner Seite: Der beste Kumpel Matteo. Nachdem Camille schwer verunglückt, ist bald darauf medizinisch eigentlich alles überstanden – es bleibt jedoch eine Art Phantomschmerz im Arm, der alles ändert. Denn Camille bekommt Panik-Attacken, kann (und will?) nun nicht mehr trainieren, kämpfen und siegen. Seine Teamkollegen sehen darin jedoch nur eine Ego-Show und wenden sich immer mehr ab. Für weitere Gefühlstaumelei bei Camillie sorgt Taekwondo-Schülerin Yas, die die sanfte Seite des Boxers hervorlockt. Als Camille schließlich bei einem sicheren Sieg für sein Team freiwillig aufgibt, wird selbst Matteo zu einem erbitterten Gegner. Das Coming-of-Age-Drama zeigt nicht nur den Kampf mit den Kontrahenten, sondern vor allem mit archetypischen Rollenmustern von Männern: Schmerz verleugnend, erfolgs- und selbstversessen, gewaltgesteuert, dominant. Vor allem Hauptdarsteller Samuel Kircher (»Im letzten Sommer«) zeigt diese inneren Bruchlinien überzeugend. Dass der titelgebende Fuchs immer wieder als Leitmotiv auftaucht, ist zwar ein roter Faden – aufgrund der vielschichtigen Symbolik des Tieres bleibt diese für den Film aber auch etwas nebulös. »Wild Foxes« ist trotzdem sehenswert – auch wenn der letzte dramaturgische Punch fehlt. Markus Gärtner

Verflucht normal

Verflucht normal

GB 2025, R: Kirk Jones, D: Robert Aramayo, Maxine Peake, Somerled Campbell, 120 min

John Davidson geht nervös an den versammelten Menschen vorbei, um seinen Ritterorden in Empfang zu nehmen. Auf dem Weg ruft er ein beherztes »Fuck the Queen!« in den Raum. Davidson leidet an Tourette und hilft anderen in seiner Situation, damit umzugehen. Der Weg hierher war lang und beschwerlich. Im Jahre 1983 war John ein aufgeweckter 14-Jähriger, der von einer Karriere als Profifußballer träumt, als er plötzlich unkontrollierbare Ticks entwickelt. In seiner Heimat Schottland ist Tourette damals noch kein Begriff. Zunächst unterstellen ihm selbst seine Eltern, er würde allen nur etwas vormachen. In der Schule wird er gehänselt, gerät in Schlägereien. Jahre später trifft er auf Dottie, die Mutter seines früheren Schulfreunds und die Erste, bei der er sein kann, wie er ist. Doch der Weg zur gesellschaftlichen Anerkennung seiner Krankheit ist weit und steinig. Regisseur Kirk Jones (»Lang lebe Ned Devine!«) erzählt die Lebensgeschichte von John Davidson als flammendes Plädoyer für mehr Aufklärung und Akzeptanz von Tourette. Die Erforschung steht immer noch am Anfang, Therapien sind chronisch unterfinanziert. Davidsons Geschichte kann da auf der Leinwand für die nötige Aufmerksamkeit sorgen. Robert Aramayo, bekannt aus »Game of Thrones« und der »Herr der Ringe«-Serie, wurde für seine eindrucksvolle Darstellung bereits mit dem BAFTA ausgezeichnet. Er ist das Herz des mitreißenden Films, der es immer wieder schafft, die tragischen Momente mit Situationskomik aufzulockern. Lars Tunçay

Arco

Arco

B 2025, R: Ugo Bienvenu, 88 min

Europäischer Filmpreis, Oscar-Nominierung, Preise bei allen wichtigen Animationsfilm-Festivals und viel Applaus von Künstlerinnen und Künstlern wie Alfonso Cuarón oder Thomas Bangalter: »Arco« ist wirklich etwas Besonderes. Bild für Bild handgemalt und animiert, ist in den Trickfilm des französischen Comic-Autos Ugo Bienvenu enorm viel Liebe geflossen. Ähnlich wie das Katzenabenteuer »Flow«, für das der Lette Gints Zilbalodis im vergangenen Jahr den Oscar erhielt, ist auch »Arco« komplett unabhängig produziert, abseits der großen Studios, und größtenteils handanimiert von einem Team aus Kunststudierenden. Durch seinen kindlichen Stil und eine recht konventionelle Erzählung ist Bienvenus Zeitreiseabenteuer aber deutlich zugänglicher als Zilbalodis’ wortloses Werk. Für seine Geschichte um einen Jungen aus einer fernen Zukunft, der auf dem Regenbogen durch die Zeit reist und mit einem einsamen Mädchen Freundschaft schließt, ließ sich Bienvenu von den Großen des Fachs inspirieren wie Hayao Miyazaki (»Das Schloss im Himmel«) und Steven Spielberg (»E.T. – Der Außerirdische«). Die Welt, die er schafft, ist einzigartig und gegenwärtig, geht es hier doch auch darum, wie wir unsere Zukunft gestalten. Mit viel Liebe zum Detail und zu seinen Figuren erweckte das Team um Bienvenu diese Welt zum Leben. »Arco« verbindet ernste Themen mit viel Witz und visuellen Spielereien – ein Kunstwerk für die ganze Familie, das große und kleine Kinogängerinnen und Kinogänger berühren wird. LARS TUNÇAY

Die reichste Frau der Welt

Die reichste Frau der Welt

F/B 2025, R: Thierry Klifa, D: Isabelle Huppert, Laurent Lafitte, Marina Foïs, 121 min

Basierend auf dem Skandal um die L’Oréal-Erbin Liliane Bettencourt begibt sich Regisseur Thierry Klifa mit »Die reichste Frau der Welt« ins Milieu der französischen Superreichen. Isabelle Huppert verkörpert dabei Marianne Farrère, Erbin eines Kosmetikunternehmens, das sie – ganz in der Tradition ihres Vaters – konservativ führt. Frühstück, Vorstandssitzung, Mittagessen mit ihrer Tochter, Pressetermine – all das ist perfekt durchgetaktet. Doch die Begegnung mit dem berühmt-berüchtigten Fotografen Pierre-Alain Fantin lässt sie ihre Prinzipien über Bord werfen, was von ihrer Familie mit großem Misstrauen beobachtet wird. Denn Pierre-Alain genießt das Luxusleben mit Marianne und lässt sich kaum lange bitten, ihr Geld anzunehmen und in großem Stile zu verprassen. Der Fokus des Films liegt auf dieser Freundschaft, andere Aspekte des Bettencourt-Skandals wie Antisemitismus-, Steuerhinterziehungs- und Bestechungsvorwürfe sind kaum mehr als eine Randnotiz in der Erzählung. Dazu gibt es fiktive Interviewsequenzen mit der Familie, die seltsam fehl am Platz wirken und nicht helfen, dem Film mehr Tiefe zu geben. So ist »Die reichste Frau der Welt« unterhaltsam und kann durch gute Darstellerinnen und Darsteller überzeugen – aber das Bewusstsein, dass der eigentliche Fall noch viel komplexer ist, führt einen nach dem Kinobesuch dann doch zum Streaming, wo es eine dreiteilige Doku zu den realen Hintergründen gibt. Hanne Biermann

Blame

Blame

CH 2025, Dok, R: Christian Frei, 122 min

Seit Beginn der 2000er Jahre forschte ein internationales Wissenschaftsteam am SARS-Virus, an dessen Ursprung und Verbreitung. Das Team sagte bereits 2005 voraus, dass es in Zukunft wieder zu weltweiten Pandemien kommen würde. Als das mit Covid-19, einer SARS-Variante, dann tatsächlich geschah, wurden die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit bekannt. Aber anstatt ihre Forschungen und Warnungen anzuerkennen, konstruierten rechtskonservative Politiker wie Donald Trump um sie herum eine Verschwörungstheorie, die auch viele Medien unreflektiert verbreiteten: ein Laborleck im chinesischen Wuhan sei der Ursprung des Corona-Virus. Diese Fake-News-Narrative passten offensichtlich sehr gut zum geopolitischen Konflikt zwischen dem Westen und China. Christian Frei (»War Photographer«) hat in seinem investigativen Dokumentarfilm »Blame« die drei Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die als Sündenböcke abgestempelt wurden, über mehrere Jahre mit der Kamera begleitet. Mit großer Sorgfalt und voller Empathie hat er dabei die Hintergründe zusammengestellt und kann die Fake-News überzeugend als solche entlarven. Mithilfe der Erkenntnisse des Wissenschaftsteams und durch Dreharbeiten vor Ort in China kann Frei das eigentliche Problem benennen, vor dem sich die Politik nach wie vor verschließt. »Blame« ist ein wichtiger und aufrüttelnder Film, der trotz seiner Komplexität durchweg zu fesseln versteht. Frank Brenner

A Useful Ghost

A Useful Ghost

THA/F/SGP/D 2025, R: Ratchapoom Boonbunchachoke, D: Davika Hoorne, Wisarut Himmarat, Apasiri Nitibhon, 130 min

Wenn die Liebsten gehen, wünscht man sich, dass sie zurückkehren. Für den thailändischen March wird der Wunsch wahr: Seine an Staubverschmutzung gestorbene Frau Nat lebt wieder – allerdings als Staubsauger. Obwohl Geister und Aberglaube in Thailand eine große Rolle spielen, ist vor allem Marchs Mutter von der weltenübergreifenden und körperlich werdenden Liaison zwischen ihrem Sohn und seinem Sauger wenig begeistert. Es ist große Situationskomik, wenn sich ein Polizist dann ganz normal mit einem Vakuumreiniger unterhält. Außerdem wird die Firma von Marchs Familie, die selbst Haushaltsgeräte produziert, nach dem Tod eines Arbeiters von dessen Geist heimgesucht. Dieser fährt in die verschiedenen Geräte und stiftet Unruhe. Zum großen Showdown treten sogar Kühlschrank und Staubsauger gegeneinander an.  Der originelle Film von Ratchapoom Boonbunchachoke verweist in vielen lakonisch-metaphorischen Sequenzen auf den Umgang mit Tod und Vergessen, wird aber auch politisch und klagt am Ende neben konservativen Familien- und Denkstrukturen auch Missstände des südostasiatischen Staates, etwa im Umgang mit Protesten, an. Auffällig ist auch die Dominanz der verschiedenen Frauencharaktere. Die heitere Parabel gerät aber insgesamt etwas zu lang, macht am Ende einen harten Bruch und driftet ins Splatterartige. Trotzdem ist das cineastische Kleinod kein Fall für die Ghostbusters. Markus Gärtner