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Rezensionen

Andreas Dorau

Andreas Dorau

Im Gebüsch

Im Gebüsch

Alle werden alt. Nur wir nicht. Andreas Dorau zum Beispiel wird dieser Tage sechzig. Wobei, warte mal, waren wir nicht kürzlich erst im Knust zu Hamburg bei der Anti-Gala anlässlich seines 50. Geburtstages? Wenn der Mann seitdem zehn Jahre älter geworden ist, dann sind wir ja … minus sieben … zwei im Sinn … auf jeden Fall immer noch jung! Scheinbar ewig jung ist das Stimmchen von Andreas Dorau, das ihn auch auf seinem neuen Album, dem 13., klingen lässt wie damals, als er vom Jupiter kommend die Erde betrat. Nun also »Im Gebüsch« mit 13 Songs, denen man rein gar nichts vorwerfen kann: Das ist grandiose Popmusik, hittig, ohne echte Hits zu liefern, was sie in unseren erlauchten Kreisen natürlich noch angesehener macht. Als da wären: »Die Konstante«, »Das ist nur Musik«, »Das Glück«, »Die Welt ist ein seltsamer Planet«, »Storchengesang«, »Was nimmst du mit«, »Rainy Days in Moscow«, »Ich bin nicht ich«, sprich: 8 von 13, was für eine Quote. Die größtenteils elektronische Musik ist phänomenal. Beats, Synthies, alles. Dazu Zeilen wie »Klapp, klapp, klapp, ein Klapperton / Monoton ist auch ein Ton« oder »Hamster Rudi darf nicht sterben / Der soll ja später alles erben«. Konzert gibt’s erst mal nur eins, am 19. Januar, Doraus Geburtstag, im Knust in Hamburg. Da fahren wir aber nicht extra hin. Aus dem Alter sind wir raus. Benjamin Heine

Jaakko Eino Kalevi

Jaakko Eino Kalevi

Chaos Magic

Chaos Magic

Die deutsche Sprache offenbart uns eine einfache Wahrheit, die in der Kunst immer wieder Bestätigung findet: Die spinnen, die Finnen! Seien es die Filme von Aki Kaurismäki (»Leningrad Cowboys«), der Humppa-Pop von Eläkeläiset oder die Spiele von Remedy (»Alan Wake 2« – siehe S. 41) – die Finnen haben ein Faible für das Abseitige. So auch Jaakko Eino Kalevi Savolainen, der die Welt seit seinem Debüt »Dragon Quest« von 2007 mit Synth-Pop bereichert. Halb Crooner, halb Tüftler erschien er auf der Bildfläche unserer Stadt erstmals 2015 mit seinem selbstbetitelten Album und einem denkwürdigen Auftritt in der Nato. Seitdem hat er die Welt bereist, lebte zeitweise in Berlin, bevor er nach Griechenland zog. Dort nahm er auch sein aktuelles Album »Chaos Magic« auf und dem ersten Eindruck nach ist alles beim Alten: Auch das siebte Album watet knietief durch die elektronischen Achtziger, ist sich dabei für keine Referenz zu schade und reißt alle Kitschgrenzen nieder. Aber am Saxofon ist hier Jimi Tenor zu hören, der mit »Take Me Baby« Mitte der Neunziger selbst zur Rave-Legende in Berliner Clubs wurde. Zu zwei Tracks steuert Alma Jodorowsky Stimme und Synths bei, die Enkelin des Regie-Exzentrikers Alejandro Jodorowsky (»Montagna Sacra«). Darüber hinaus sind John Moods und Faux Real zu hören und Yu-Ching Huang singt auf Mandarin zu einer Georgio-Moroder-Disco-Hymne. Das ist alles wunderbar weird und verdammt catchy. Lars Tunçay

Zweilaster

Zweilaster

Scheiblettenkäse & Sehnsucht

Scheiblettenkäse & Sehnsucht

Zweilaster wachen verratzt auf und haben taube Backen, sie wissen nicht weiter und ihre Bettkante auch nicht, dennoch holen Zweilaster dich aus dem Bett. Zweilaster müssen konsequent pissen, Zweilaster sind Marie (Schlagzeug und Gesang) und Arno (Gitarre und Gesang) aus Stuttgart. Mit »Scheiblettenkäse & Sehnsucht« hat das Duo nun sein zweites Album veröffentlicht. Es erscheint über Tomatenplatten, das Label des Beatsteaks-Schlagzeugers Thomas Götz, und ist auch auf Vinyl erhältlich. Produziert hat es Julian Knoth, seines Zeichens Bassist bei Die Nerven. Durch sechzehn Titel trägt sich ein stringenter inhaltlicher Minimalismus. Bei Norma ist was im Angebot und wo hast du dir die roten Haare machen lassen? Zweilaster selber sagen: »Es geht um Pain und Joy – echte Kunsttherapie halt.« Die im DIY-Stil aufgenommenen Stücke liefern Lofi-Spaßpunk, aber erlauben auch Assoziationen zu Antifolk. Ein bereits gefallener Begriff, um die musikalischen Ergüsse von Zweilaster zu beschreiben, ist Flat Wave. In einer gerechten Welt wären Songs wie »Norma« und »Alte Leute« Hits, sagt Labelbetreiber Thomas Götz. Das sehe ich auch so. Es macht Spaß, Zweilaster beim Deprimiertsein zuzuhören. Mein neues Laster ist Zweilaster-Hören. Fiona Lehmann

Casper

Casper

Nur Liebe, immer

Nur Liebe, immer

Filmisch schwirren die Melodien vom »Intro« ins Heilsversprechen, mit dem Casper seine neue Platte schmückt: »Nur Liebe, immer«. Filmisch ist auch die Produktion der Platte, mit der der Musiker die Größe von Pop fühlt und füllt – ganz entgegen den ausschließlich kleinen Buchstaben, die er für Album- und Songtitel wählt. Die Platte folgt nicht wie die vorangegangene einem Konzept, gleicht dadurch mehr einem Episodenfilm als einem Drama. Zum Albumtitel erklärt der Künstler via Instagram, dass bedingungslose Liebe, Offenheit und Vergebung in unseren Zeiten die größte Provokation seien. Obgleich dieses Punkversprechen, das man hinter der Koketterie vermuten mag, nicht in der Musik anklingt, tut es das sehr wohl in der Umwertung von großen Themen wie Männlichkeit und Mental Health. Die satten Beats bewegen, die Synthies glühen und Gitarrenakzente flirren eindringlich für die Musik gewordene Zeitreise in das Leben des Künstlers im Song »Echt von unten/Zoé freestyle«. So ziert auch das Cover eine scheinbar spontane Aufnahme des in Deutschland geborenen und teilweise in den USA aufgewachsenen Musikers im Alter von elf Jahren. Casper zeigt sich selbstreferenziell und nahbar – so ist die Brücke zum Genre Straßenrap flink gebaut: »Ist es Rap oder Straßencosplay, das ihr spielt? Ist es echt oder bloß gerade auf Beats?«, hinterfragt er. Deutlich eingängiger beschwingt »Sommer«, für den er gemeinsam mit Cro die Worte »doch alles fine and dandy, denn die Mansion ist gebaut« sprudelt. Unverwechselbar seit eh und je klingt Caspers Stimme, die sich an die wohlproduzierten Melodien schmiegt. So zeitgeistert der Künstler durch den Track »Luft holen« und rappt »unsere Terminkalender werden zu Tetris«. Er zeigt sich schwelgerisch »verliebt in der Stadt, die es nicht gibt« und so vielseitig, wie das Leben eben so spielt. Claudia Helmert

Mamoré

Mamoré

Mamoré

Mamoré

»Wenn du Falco auf Wish bestellst«, heißt es in einem Instagram-Kommentar zu Mamoré. Dabei klingen die Thüringer eher nach DAF. In einer Interpretation, in der Gabi Delgado Heinz Rudolf Kunzes Stimme ausleiht, seine ureigene flamboyant-punkige Energie aber behält. Mit dem Jahr 2023 entsprechenden Synth-Sounds, versteht sich. Kurzum, hier wurde nix auf Wish bestellt. Mamoré gesellen sich mit dem gleichnamigen Album zu den großen New-Wave-Dark-Pop-Acts der neueren deutschen Musikgeschichte, wie Mia Morgan oder Drangsal. Der Sound der Band ist sehr kohärent und raffiniert – obwohl die erste gemeinsame Probe der aktuellen Besetzung gerade ein Jahr zurückliegt. Vorher waren Paul, Eric, Mike, Alex und Jona in anderen Thüringer Musikprojekten aktiv, vornehmlich im Hardcore-, Punk-, und Stonerbereich. Mamoré ist anfänglich einfach eine Spielerei für sie. Paul entwirft an der Drum-Machine ein paar Loops mit 80s-Vibe, Eric schreibt dazu Texte und interpretiert sie voller Theatralik. Obwohl die beiden nur unregelmäßig an ihrem Repertoire feilen können, beginnt das Konzept Mamoré sich seine Bahn zu brechen. Die erste Soundcloud-Veröffentlichung – »Meine Liebe nicht« – wird fünfstellig geklickt, 2021 veröffentlichen sie die erste EP beim Jenaer Label Aroma plus. Drei weitere Musiker komplettieren das Ensemble – Mamoré ist geboren. Kürzlich war NNDW-Komet Gwen Dolyn auf Mamorés Track »Melancholie« zu Gast. Die Zukunft, sie funkelt für die Jungs. Laura Gerlach

Caroozer

Caroozer

The Brewtal Truth

The Brewtal Truth

Caroozer? Was wie eine Mischung aus Caruso (Enrico) und Cruising klingt, ist seit 15 Jahren feste Größe in der Metalszene. Vielleicht steckt auch etwas anderes hinter dem Namen, der sich dann einfach im Suff vernuschelt hat. Völlig egal, die Leipziger, die Fans mit so malzig-walzigen Brettern wie »Baptized in Beer« in die Abhängigkeit stürzten, haben sich überall Freunde gemacht. Frisch gezapft reichen sie nun ihren nächsten Langspieler mit acht kurzweiligen Stücken über den Tresen. Dass sich diese Kritik krampfhaft um Bier- und Schluckmetaphern bemüht, hat seinen Grund: Das ist Caroozers Thema. Entsprechend heißt der Neuling »The Brewtal Truth«. Das Inhaltliche spielt keine große Rolle. Auch Abstinenzlern wird das Ding runtergehen wie Leinöl, sofern sie saftig-satte wie tiefhängende Gitarrenschwingungen mögen. Harter Rock’n’Roll walzt thrashig voran, klarer Shoutgesang legt sich übers meist im Metal-Midtempo gehaltene Saitengesäge. Mini-Instrumentals setzen kurze Päuschen, ganz kurze. Die Songs fügen sich zu einem Rutsch, dem es nicht um Nuancierung, sondern um zum Mitwippen ansteckende Überwältigung geht. Cruising halt. Im Fahrwasser dieser Groovemaschine werden die meisten Hard’n’Heavy-Liebhaber gern mitsuppen. Der Release-Abend verspricht aller Erfahrung nach Kopfrotieren in allen Geschwindigkeiten. Tobias Prüwer

All diese Gewalt

All diese Gewalt

Alles ist nur Übergang

All diese Gewalt

Schwellen, Passagen, Zwischenwelten – allesamt eint die Abkehr, Abweichung, das Unterwandern der Norm. Der Ethnologe Victor Turner, der sich einer Theorie des Rituals verschreibt, prägt dafür den Begriff »Liminalität«. Dieser klingt auch in der aktuellen Platte von All diese Gewalt an. Keines der zehn Stücke der neuen Veröffentlichung – »Alles ist nur Übergang« – schreit, zumindest nicht mit einer offensichtlichen Aufmüpfigkeit oder Wut. Nachdenklich, bisweilen wirr klingen und flirren Lagen von Melodien, denen sicher allerhand spannende Übergänge möglich wären. So kompakt und geclustert jedoch, wie sie ertönen, wirken sie wie wuchtige Soundwände, mehr noch, Klangräume, in denen der Gesang schwebt. Die Stimme ist selten diffus, vielmehr erhaben, denn in starker Klarheit tönen die Worte: »Ich bin transluzent« und »Ich bin das Licht«, ehe sie wieder verhallen. Mit Pathos führen sie in das Album ein und reiben sich am aufkommenden Tonnebel. Beeindruckend bedrängen die Dissonanzen, die den Song »Etwas fehlt« akzentuieren. Im Anschluss verliert sich das schnell, im Song »So leicht«: Die Melodien plätschern, darauf schillern und glitzern die Gitarrentöne. Diese schön verträumten Weiten werden von fulminantem Chorgesang komplettiert. So bleibt dieses Album im Dazwischen, insbesondere dann, wenn man nach der richtigen Genre-Schublade für All diese Gewalt sucht. Ach ja, All diese Gewalt ist Max Rieger, der längst als Teil von Die Nerven bekannt ist und auch mit Jauche und Obstler beeindruckende musikalische Gefilde schafft. Claudia Helmert

Emerson String Quartet

Emerson String Quartet

Infinite Voyage

Infinite Voyage

So wie es Debütalben gibt, gibt es auch manchmal »das« letzte Album, wie hier vom amerikanischen Emerson String Quartet, das zum Ende seiner über 45-jährigen Weltkarriere seinen Abschied mit Kompositionen von Hindemith, Chausson, Berg und Schönberg zelebriert. »Melancholie« ist Hindemiths Liederzyklus opus 13 überschrieben. Die Sopranistin Barbara Hannigan singt die Lieder nach Texten von Christian Morgenstern mit größtmöglichem Ausdruck. Ihre Stimme verschmilzt mit dem Streichquartett, betörend ihr Legato, das dieses kompositorische Juwel Hindemiths zu einem sinnlichen Ereignis werden lässt. Alban Bergs zweisätziges »Streichquartett opus 3« ist sein letztes Werk als Student von Schönberg. Das Emerson String Quartet ist in dieser Welt zu Hause. Bemerkenswert die außerordentliche Homogenität seines Quartett-Klangs. Der emotionalen Intensität und den von Berg trotz Atonalität geforderten Wohlklang und Süße werden sie voll gerecht. Sehr zart und poetisch kommt Ernest Chaussons »Chanson perpétuelle opus 37« daher, als einziges Werk dieses Albums, das deutlich noch dem 19. Jahrhundert zuzuordnen ist. Sehr anrührend der Gesang von Barbara Hannigan, die das »Ewige Lied« mit Streichquartett und Klavier schwerelos darbietet. 1907/08 schrieb Arnold Schönberg sein zweites »Streichquartett opus 10«, das als Besonderheit die Sopranstimme hinzunimmt. Die Vertonung der beiden Gedichte »Litanei« und »Entrückung« von Stefan George bildet den dritten und vierten Satz dieser hochexpressiven Aufnahme. Ein Höhepunkt ist der Urschrei des Soprans am Ende des dritten Satzes, der darum bettelt, von der Liebe erlöst zu werden. Es bleibt Hochachtung vor der Leistung dieses Streichquartetts und Freude über das in vielerlei Hinsicht überaus gelungene Abschiedsalbum. Silke Peterson

The Other Others

The Other Others

The Other Others

The Other Others

Altern in oder mit oder sogar als Popkultur bringt wohl irgendwann den Moment der Eigenreferenzentdeckung mit sich. Wenn die Spiralen der Erinnerung sich an Ausgangspunkte drehen, kann es jedoch peinlich werden in der Illusion ewiger Jugend – aber auch dialektisch cool in der wissenden Anwendung ehemals junger Methoden, Geräte, Klangkontexte. Das Leipziger Label Jahtari, seit 20 Jahren international in Dub-Erweiterung zugange und dabei schon länger stilistisch extrem offen, schafft den Bogen allerdings erwartet elegant und offeriert mit The Other Others die Ur-Zelle, das Duo Disrupt und Rootah. Das nicht zuletzt durch Berlin-Sound-Spektren um den Plattenladen Hardwax geschult war, also Kingston (auch) über Detroit wahrnahm. Zudem wirkt beim zitierenden »Zurück/Vor« die afro-karibisch-germanische Poetin und Künstlerin Jasmine Tutum mit, deren Wortwellen auf entspannt-energetischen House-Riddims über tiefer gelegte Horizonte voll »fluffy clouds« gleiten. Alexander Pehlemann

Teichmann+Soehne

Teichmann+Soehne

Flows

Flows

Die Töne schlieren langsam, hell flirrt und surrt die Musik der »Warteschleife«. So bahnt sich der Track den klangvollen Weg in die Platte »Flows« von Teichmann+Soehne. Hinter dem Familiennamen verbergen sich Uli Teichmann, der mit dem Erscheinen der Platte seinen 80. Geburtstag feiert, und seine beiden Söhne Andi und Hannes. Gemeinsam stapeln, schichten, wuchten sie Klänge zu einer beeindruckenden akustischen Assemblage aufeinander. In diesem Klangkörper verschieben sich die Melodien, reiben sich bisweilen und machen die Platte so besonders interessant. Während sich der Ältere auf Saxofon, Klarinette, Flöte, Mandoline, Glockenspiel und Percussion profiliert, loopen die Söhne den Vater – also seine Musik – und schrauben und spulen Electronics in das Klangkunstwerk, konturieren jenes mit Live-Sampling und Effekten. Die drei sammelten über zehn Jahre allerhand zumeist improvisiertes musikalisches Material. So tönen Ausschnitte und Klangfolgen, die von Anekdoten, Reisefreuden und Ereignissen zu berichten vermögen und in den vielfältigen Instrumenten und bewegenden Rhythmen resonieren. Zusammengehalten vom Kitt aus Freude am Zusammenspiel und davon, immer wieder neue Klanglandschaften durchschreiten zu wollen, ist »Flows« eine kaum zu vergleichende Hörerfahrung. Treffend ziert »Flows« eine Collage der Mutter von Hannes und Andi Teichmann, die gleich der Musik verschiedene Eindrücke und Materialien verarbeitete. Claudia Helmert

Karo Nero

Karo Nero

Zugvögel & Korallen

Zugvögel & Korallen

Das Leben schlägt mitunter verrückte Kapriolen. Etwa dann, wenn eine Band nach 25 Jahren ihr Debütalbum veröffentlicht. So geschehen vor drei Jahren im Falle des Leipziger Quartetts Karo Nero um Sänger, Gitarrist und Songschreiber Gunter Schwarz. In den Nachwendejahren war die Formation schon mal aktiv, schrieb erste Songs über die Liebe und das Leben, bevor man wieder getrennte Wege ging. Jahre später traf man sich wieder und bemerkte: Die Glut von damals lodert noch. Es folgten erste Auftritte und schließlich im Jahr 2020 jenes angesprochene Debüt, »Schwerter aus Papier«. Die jugendliche Drangsal von einst war inzwischen einer angenehm milden Lebensweisheit gewichen, die sich im chansonesken Indie-Pop spiegelte. Nun folgte vor Kurzem nach einer (im Vergleich zu einem Vierteljahrhundert) relativ kurzen Wartezeit von drei Jahren mit »Zugvögel & Korallen« der Nachfolger, der die Qualität dieser Band einmal mehr unterstreicht. Die gleichermaßen lyrischen wie melodisch-eingängigen Songs erwecken Erinnerungen an Bands wie Keimzeit, Erdmöbel oder auch Element of Crime. Das Album überzeugt in Gänze, doch ganz besonders in Erinnerung bleiben dabei balladeske Songs wie »Fast schon ein Tag«, »Keine Steine« oder das fantastische »Katapult«, die vom unnachahmlichen musikalischen Feingefühl Karo Neros zeugen. Luca Glenzer

The Rolling Stones

The Rolling Stones

Hackney Diamonds

Hackney Diamonds

Nachdem sich der Nebel des medialen Overkills, mit dem das Erscheinen der neuesten Stones-LP begleitet wurde, gelichtet hat, wird es Zeit für eine kleine Nachlese. Ja, doch, sie können es noch: Rock’n’Roll spielen. Und klar, sie haben das Fahrrad nicht neu erfunden, aber dank tatkräftiger Unterstützung durch ein prominentes All-Star-Ensemble ist ihnen noch einmal ein Werk gelungen, das mit einem Bein im vergangenen Jahrtausend und mit dem anderen in den 2020er Jahren steht. Zuallererst natürlich: Mick Jagger! Er drückt dem Album mit seiner Stimme, die unverwüstlich scheint, den entscheidenden Stempel auf. Das zeigt sich ganz deutlich in »Whole Wide World«, in dem er entgegen seiner Gewohnheit einen großartigen Text in British English singt, oder auch in »Live By The Sword«, in dem die kompletten Stones mit Elton John zu hören sind. In »Bite My Hands Off« lässt sich Paul McCartney am Bass nicht lumpen und macht ordentlich Dampf, während Charlie Watts dem Song »Mess It Up« den bekannt lässigen Stones-Swing verleiht. Höhepunkt ist zweifelsohne »Sweet Sounds Of Heaven«, in dem sich Mick Jagger ein Gesangsduell mit Lady Gaga liefert und Stevie Wonder einen erstklassigen Pianopart spielt. Und das Ganze über sieben Minuten lang. Derlei Nummern findet man im doch recht umfangreichen Stones-Katalog nicht so häufig. Einen würdigen Abschluss bildet »Rolling Stone Blues«, das doch tatsächlich nur von Mick Jagger und Keith Richards performt wird. Wirklich nur auf das Allernötigste beschränkt, spielen sie hier noch mal DEN Song von Muddy Waters, der ihrer Karriere den wichtigsten Schub gegeben hat. Einfach nur großartig! Alles in allem ist den Stones eine wunderbare und erstaunlich kompakte Platte gelungen, die das Zeug zum späten Klassiker hat. Christian Geschke

Bernadette La Hengst

Bernadette La Hengst

Visionäre Leere

Visionäre Leere

Aktuell gibt es genügend Gründe, Angst vor der Zukunft zu haben. Deshalb wäre es gerade so naheliegend wie nie, die Flinte ins Korn zu werfen und dystopische Weltuntergangsalben zu produzieren, oder aber gleich zu verstummen. Für Bernadette La Hengst kommt beides nicht in Frage. »Gib mir meine Zukunft zurück« (Mark Fisher lässt grüßen!), singt sie bereits im Opener des neuen Albums, und das mit einer Verve, wie sie nicht vielen Künstlerinnen in Deutschland gegeben ist. Es folgen fantastische Songs wie das tanzbare, von Chören gerahmte »Łužyca Du visionäre Leere«, die rührende Piano-Ballade »Sie ist wie eine Utopie« oder das aufrührerische »Allée de la Liberté«. Auffällig dabei ist, dass La Hengst im Vergleich zu ihrem bisherigen Solo-OEuvre relativ sparsam mit elektronischen Elementen hantiert. Dafür rücken mit Orgeln, Gitarren und Bläsern analoge Instrumente in den Vordergrund. Das weckt mitunter Erinnerungen an ihre einstige Stammband Die Braut haut ins Auge, mit der sie in den neunziger Jahren ihre ersten musikalischen Schritte ging und drei Alben aufnahm, die bis heute ihresgleichen suchen. Passenderweise endet »Visionäre Leere« dann auch mit dem Braut-Evergreen »Was nehm ich mit, wenn es Krieg gibt?«. Das bereits intime Original von 1995 wird hier weiter reduziert. Was bleibt, ist: ein Piano, entfernte Streicher, Bernadettes Stimme. Und natürlich ganz viel Gänsehaut. Luca Glenzer

Shirley Hurt

Shirley Hurt

Shirley Hurt

Shirley Hurt

Shirley Hurt heißt im echten Leben Sophia Ruby Katz. Fraglos würde auch ihr bürgerlicher Name bestens als Künstlername funktionieren. Leider sind zumindest Sophia und Ruby schon anderweitig in der Musikwelt vergeben. Hurt war bereits im zarten Alter von achtzehn Jahren eine rastlose Reisende. Zu dieser Zeit hatte sie schon in etwa zwanzig verschiedenen Wohnungen und Häusern gelebt, sich aber nirgends richtig zu Hause gefühlt. Inzwischen ist Toronto so etwas wie ihre Home-Base. Ihr zauberhaftes Debüt entstand gemeinsam mit dem Gitarristen Harrison Forman. Mit diesem fuhr sie sechs Monate lang im Wohnwagen durch Nordamerika. Im Anschluss nahm Kollege Joseph Shabason, der schon als Saxofonist für The War on Drugs tätig war, die Platte in seinem Studio in Toronto auf. Das Album ist ein gleichermaßen hypnotisches wie verspieltes Meisterwerk. Hurt nimmt sich das Beste aus Folk, Jazz und Americana, um ihren entschleunigten und warmen Sound zu schaffen. Sowohl ihre Stimme als auch ihre Art zu singen erinnern angenehm-auffallend an Aldous Harding, was definitiv kein Verbrechen ist, sondern durchaus als Kompliment verstanden werden darf. Kay Engelhardt

Juliette Journaux

Juliette Journaux

Wanderer without words

Wanderer without words

»Piano Stories« nennt Alpha Classics seine Reihe, in der junge, noch weitgehend unbekannte Pianistinnen und Pianisten ein interessantes, ausgefallenes Programm vorstellen können. Die 1996 geborene Französin Juliette Journaux hat diese Chance genutzt und Musik von Schubert, Liszt, Mahler und Wagner zusammengestellt, die das archetypische Thema des Wanderers verarbeitet. Den Anfang macht die Liszt-Bearbeitung des Motto-gebenden Schubert-Liedes »Der Wanderer«, das (auch ohne Text) von Einsamkeit, Fremdheit, Suchen und (Ent-)Täuschung erzählt. Durchaus überzeugend sind Journaux’ eigene Transkriptionen, so die Wagner-Arie »Mein Schlaf ist Träumen« aus der Oper »Siegfried« (in der Wotan zum Wanderer wird) und die beiden Mahler-Lieder »Ich bin der Welt abhanden gekommen« sowie am Schluss »Der Abschied« aus dem »Lied von der Erde«. Hier gelingt es ihr am besten, am Klavier zu »sprechen«. Beherzt geht die Pianistin die 3 Klavierstücke D946 von Franz Schubert an, den unerbittlich getriebenen Rhythmus als Charakteristikum des Wanderers herausstellend. »Wanderers Nachtlied« von Schubert, wiederum von Liszt bearbeitet, erscheint fast am Ende des Rezitals. Die Transformation des Wanderers, der dem Tod entgegensieht, ist offensichtlich. Wahrlich kein leichtes Programm! Durch den inhaltlichen Zusammenhalt und die kluge Anordnung der Stücke wird der Spannungsbogen aber (fast immer) gehalten. Silke Peterson

Human Prey

Human Prey

Tombs of the Blind Dead

Tombs of the Blind Dead

Click, click, tamm, tamm, rumms. Allein dem Schlagzeug auf der neuesten Veröffentlichung von Human Prey zuzuhören, ist eine Freude. Aber auch Gitarren und Gesang machen am Grab der blinden Toten keine Gefangenen, sondern graben tief und stapeln noch tiefer. Musikalisch sind die Leipziger gereifter. Auch wenn man das bei Songtiteln wie »Blood Sucking Undead Zombie Knight Templar from Hell Slaying Victims at Midnight« kaum glauben mag. Dabei geht die 2010 gegründete Combo den vor ein paar Jahren eingeschlagenen Weg zu etwas mehr Verfrickeltheit weiter. Ihrem satten Brutal-Death mit Grind-Drive sind Nuancen von Technical-Death beigemischt. Melodiöse Gitarrenausbrüche, Aus- und Neueinsetzer etwa im Opener können nicht nur Spuren von Dying Fetus enthalten, sondern erinnern in ihrem Blues-Ton sogar daran. Das soll einfach zeigen: Wir können das auch. Um dann wieder ohne Umwege zu ballern. Andere Songs sind typisch kreisende Nackenbrecher für den nächsten Circlepit. Stets treibt der hochpitchende Kreischgesang die Songs voran, aus denen man trotz aller Brutalität heraushört, wie viel Spaß die fünf Musiker beim Spielen haben. Das steckt an. Und ist der beste Soundtrack für eine Runde um den See; natürlich bei Vollmond. Oder einer Wall of Death im Soltmann zur Releaseparty. Tobias Prüwer

Die Zärtlichkeit

Die Zärtlichkeit

Heimweh Meisterwerke

Heimweh Meisterwerke

»Heimweh Meisterwerke« heißt das kürzlich vom Hamburger Label Tapete veröffentlichte Debüt des Kölner Quartetts um Sänger Andreas Fischer und Gitarrist und Songschreiber Tobias Emmerich. Und wie bei den offensichtlichen Vorbildern wie The Smiths oder The Go-Betweens janglen auch hier die Gitarren – als hätte Emmerich sein Gitarrendiplom bei Johnny Marr höchstpersönlich erworben. So bestechen die neun Songs durch komplexe, hochmelodische Gitarrenpickings, die einen – einmal gehört – pfeifend durch den Tag spazieren lassen. Und auch Fischers Hang zu elegischen Gesangsmelodien erinnert an das schmidtsche Vorbild aus Manchester – wenngleich man einschränken muss, dass Morrisseys Stimmgewalt bei aller Emphase (natürlich) nicht erreicht wird. So überzeugen die etwas nüchterner, weniger pathetisch vorgetragenen Passagen dann auch mehr als die langgezogenen Lines, die gelegentlich etwas arg bemüht erscheinen – etwa in dem ansonsten sehr schönen »Ein kurzer Weg«: »Es war ein kurzer Weg vom Abgrund in mein Herz.« Andererseits ist der Mut zur Emphase und Hingabe in einer überwiegend zwischen Coolness und Depression Pingpong spielenden Indie-Szene ausdrücklich zu goutieren. Auch deshalb ist dieses Debüt so bemerkenswert. Luca Glenzer

Lol Tolhurst x Budgie x Jacknife Lee

Lol Tolhurst x Budgie x Jacknife Lee

Los Angeles

Los Angeles

Schlagzeug- und Synthie-Fans Leipzigs, lest weiter, fokussiert euch, die Zeit ist gekommen für den nächsten Road-Trip ins Nirgendwo. Ziel eurer künftigen Reise darf nur der obsessive Konsum des Debütalbums der Supergruppe Lol Tolhurst x Budgie x Jacknife Lee sein. »Los Angeles« ist das Ergebnis der vierjährigen Arbeit der Ex-Drummer von The Cure (Lol Tolhurst) und von Siouxsie & The Banshees (Budgie) sowie des Musikproduzenten Garret »Jacknife« Lee (von Neil Diamond über Bloc Party bis Taylor Swift). Im Album sind so viele Kollaborationen mit brillanten Musikerinnen und Musikern, dass ihre Aufzählung nun obszön wirkt. Zu hören sind in den 13 Songs des 55-minütigen elektronischen Power-Projekts unter anderem die Sänger James Murphy (LCD Soundsystem), Bobby Gillespie (Primal Scream), der Gitarrist Mark Bowen (IDLES) und die Harfenistin Mary Lattimore. Die Produktion des Albums ist so tadellos, dass sich das ganze Ding einfach im Kopf einnistet. Die Songs gehen sanft ineinander über, sind vieltönig, gehen von Post-Punk zu Avantgarde-Hiphop, lassen sich einfach nicht klassifizieren und bilden komplexe Klangatmosphären in der Mischung von multiplen Schlagzeugen, verzerrten Gitarren, Vibrafonen, Synthesizern, Keyboards, Trompeten, Marimbas, Geigen, Bässen … Und die Protagonisten der ganzen Geschichte bleiben doch die guten Drums, die nun für Kohäsion und frenetische Energie sorgen. Genau das, was man braucht, um den Winter tanzend zu erschlagen. Libia Caballero Bastidas

Cloud Management

Cloud Management

V.A.

V.A.

Es knistert, vereinzelt schlieren Töne, deftiges Dröhnen löst das subtile Rauschen ab. Die aufblitzenden Synthesizer-Akzente ziehen die Geräusche an, wie magnetisiert ordnet sich die anfängliche Wirrnis allmählich, die krispelnden Klänge schmiegen sich an den Beat. Nahtlos schließt sich der Track »PST« an die geglaubte Ordnung der Klänge an. Und mit der Kraft des Dub marmorieren die triefenden Klänge und strömen die Melodien in den Song. Gesprochene Worte überlagern sich im Hall und treiben durch die suggerierte Weite der Musik von Cloud Management. Der Song »Halbtransparentes« schwirrt als vereinnahmendes, hypnotisches Repetitiv. Die neueste Veröffentlichung des Hamburger Trios Thomas Korf, Sebastian Kokus (Love-Songs) und Ulf Schütte (u. a. Phantom Horse) deutet es mit dem Titel »V.A.« bereits an: Es ist mehr als ein Album, denn gleichwohl sind die neun Songs auch eine Kompilation mit den Künstlern Emma Mbeki Nzioka, Coco Em, No UFOs und Seekers International. Jene unterstützen Cloud Management dabei, die Sounds in triefende Bässe zu tauchen, mit synergetischen Tönen zu färben oder einfach zu bewegen. Wie auch für das Debüt von 2022 übernahm der Leipziger Fritz Brückner (Modus Pitch) das Mastering. Mit vereinter Kraft pumpen sie alle diesen Sound in die Welt. Das Trio verschmilzt auch mit der aktuellen Platte Trip-Hop und Krautrock, um die Genres zu ganz eigenen Klangflüssen zu synthetisieren. Claudia Helmert

Hotel Rimini

Hotel Rimini

Allein unter Möbeln

Allein unter Möbeln

Eine Zeile funnyvandannenesken Ausmaßes hat Julius Forster da im Song »Schwedische Gardinen« geschaffen, will sagen: eine aus dem Alltag nicht mehr wegzukriegende. Praktisch überall, wo man ist, und egal, wohin man sieht: »Kompromisse, Kompromisse, Kompromisse«. Und überhaupt, was für ein erstaunliches Debütalbum die Leipziger Band Hotel Rimini da eingespielt hat! Geige, Cello und Kontrabass streichen durch diesen so zeit- wie kompromisslosen Kammer-Pop, der dennoch den Zeitgeist nicht aus den Augen verliert. Da reden junge Menschen über Serien und aneinander vorbei, da hängen die Peugeot-Räder nicht nur an der Wand, sondern werden bei zwei Tassen Espresso gleich noch durch den Kakao gezogen, dass es eine Freude ist. Gut, es könnte manchmal ein bisschen weniger getragen zugehen, aber der Wille zur Kunst ist ja nun nicht das Schlechteste (in Instrumentalstücken, aber auch textlich, wie »Gespenster«). Zumal es der Platte nicht an Groove mangelt. Und »Arbeit und Struktur« ist eins der besten Gute-Laune-Lieder der letzten, sagen wir mal, sechshundert Jahre: Selbst wenn es einem an Arbeit und Struktur wahrlich nicht mangelt im Leben (ich frage für einen Freund), kann man sich nicht wehren, im Refrain inbrünstig »Gib mir Aaarbeit! Gib mir Arbeit und Struktur!« mitzusingen. Vom Video ganz zu schweigen, das vom Ringcafé-Springbrunnen bis zum Luru-Kino zig hübsche kleine Leipziger Orte versammelt, durch die man von nun an mit dem Gedanken, durch ein Musikvideo zu stolpern, geht. Wenn das mal alles nicht mindestens ins Vorprogramm von Element of Crime führt. Benjamin Heine