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Rezensionen

Márton Illés

Márton Illés

Bowed Spaces

Bowed Spaces

Geigerin Patricia Kopachinskaja ist hier mit Musik des aus Ungarn stammenden und in Deutschland lebenden Komponisten Márton Illés (geb. 1975) zu erleben, der ihr bereits vier Werke widmete. Sein Konzert »Vont-tér« für Violine und Kammerorchester von 2020 gleicht einer Wanderung durch eine zerklüftete Welt voll psychologisch aufgeladener klanglicher Extreme und ist damit wie geschaffen für Kopachinskaja, die tatsächlich jedes klangliche Abstraktum zu beleben vermag. Denn ein traditionell mit Violine assoziierter, gestrichener klassisch-süßer Geigenton findet sich hier nicht, dafür eine ungeheure Palette alternativer Klangerzeugungsmöglichkeiten im Dialog mit dem virtuos agierenden Münchener Kammerorchester. In »Sketch 1–3« erweitert der Komponist diese Klangwelt noch, indem er die Violine mit Live-Electronics koppelt. Die so entstandene »Hyper«-Geige potenziert die Möglichkeiten des akustischen Instruments. In allen Kompositionen der Aufnahme geht es um klangliche Transformation: um sich bewegende, sich verschiebende, zusammenbrechende energetische Situationen und Felder. Inspiriert fühlt sich der Komponist dabei insbesondere von psychologischen und physiologischen Vorgängen und Zusammenhängen im menschlichen Körper. Ganz direkt verweist darauf seine Komposition »Sirt-tér« für Violoncello und Kammerorchester. Die Idee ist hier, menschliches Weinen räumlich erfahrbar zu machen. Cellist Nicolas Altstaedt realisiert dies in unglaublich vielen klanglichen Facetten. Eine hochintensive, zwingende Aufnahme. Anja Kleinmichel

Various

Various

Informátor OOI / OOII

Informátor OOI / OOII

Experimentelle Musik war in der »normalisierten«, also re-stalinisierten Post-68-Tschechoslowakei stets erstaunlich breit aufgestellt. Ob strikt Underground oder kompromisslerische Alternativa-Szene: von Milan Knizaks »Broken Records«, DG 307s Böhmisch-Kraut-Krach, dem Improv der Kilhets und den Jazz-Punk-Momenten von Zikkurat bis zum Post-Prog-Doom der MCH Band oder Pavel Richters Tee-Session-Ambient … beispielsweise. Sowie eben bis zu diversen Spielarten von Industrial, dem sich das Online-Label programmatisch verschrieben hat, bei dem hier zwei legendäre Kassetten-Compilations jener grauen Zeit zugänglich werden. Wobei jene die Zuschreibung weit überschreiten. Zusammengestellt 1987 bzw. 1989 im Umfeld der Band Veselí Filištínové, gibt es nämlich neben Geräuschballungen perkussiv-eruptiver Art auch strenge Konzept-Struktur, schräge New Wave, Folk-Verdrehung, Elektro-Groove, Klassik-Zitat oder No-Wave-Punk – ebenfalls nur beispielsweise. Eine unterhaltsame Vielfalt, die zur Zeitreise jenseits des Erzgebirges entführt, in den Magnetbanduntergrund ČSSR. Alexander Pehlemann

Urlaub in Polen

Urlaub in Polen

Objects, Beings & Parrots

Objects, Beings & Parrots

Die Koffer sind gepackt. Es geht wieder auf Reisen. Seit ihrem Debüt »Parsec« 2002 nehmen sich Georg Brenner (Ken) und Jan Philipp Janzen (Von Spar) unregelmäßig eine Auszeit von ihren Projekten und machen Urlaub in Polen. Zunächst aus reiner Freude an Kraut und musikalischer Avantgarde im Dunstkreis der Musikmesse Popkomm gegründet, formten sich im Laufe der Jahre und Alben zunehmend klassische Songstrukturen. Obwohl sich die Band 2012 offiziell auflöste, kam man 2017 wieder zusammen und spielte gemeinsame Konzerte, bevor diese neue Inkarnation 2020 ihr Debüt mit »All« gab. So ist »Objects, Beings & Parrots« nun sechs Jahre später praktisch der Nachfolger in einer neuen Ära. So vielfältig wie das Cut-Out-Cover mit Schnipseln von Retro-Inneneinrichtungskatalogen, Spielzeug und archäologischer Wissenschaftslektüre ist auch das Soundgewand von Urlaub in Polen 2026. »Vom Krautrock zum Krautpop«, schrieb die Presse über das letzte Album – aber Pop hat unter all dem Kraut und Experiment immer eine Rolle gespielt im Bandkosmos. Die Band changiert zwischen den Polen Elektronik und Rock, schrullig, eingängig und schmeichelnd. Frickeleien fügen sich in Intensität, Dichte und Zug auf einem motorischen musikalischen Bett. »Loose Lips sink Ships« – Die ironisch-sarkastischen Slogans von Georg Brenner geben den Songs einen ganz eigenen Drive. All das auf den Punkt bringt »Washing Machine«. Das luftige Neu!-Schlagzeug legt den Takt vor, auf dem sich Brenners Worte im Schleudergang drehen. »With every Step across the Border«, heißt es im letzten Track des Albums. Das trifft die Zielrichtung der Band ganz gut. Lars Tunçay

The Notwist

The Notwist

News from Planet Zombie

News from Planet Zombie

Chaos, Krieg, Zerstörung – die Zeiten sind gut für ein neues Notwist-Album. Seit ihrem Debüt vor fast vier Jahrzehnten lärmen die Weilheimer dagegen an und finden in Kaskaden aus elektronischem Noise und Gitarren auch immer wieder Momente des Trosts. In den jüngsten ihrer rund ein Dutzend Alben waren diese Momente präsenter, The Notwist waren zur Studioband gereift, der Sound offen für Experimente und äußere Einflüsse. »News from Planet Zombie« ist nun wieder wütender, dichter. Nachdem der Vorgänger »Vertigo Days« unter Corona-Bedingungen hauptsächlich in der Isolation entstand, war die Lust groß, wieder gemeinsam in einem Raum zu sein und zu sehen, »was passiert«. Deshalb wurde das Album live mit erweiterter Band aufgenommen, über eine Woche hinweg im Münchner »Import Export«. Die Songs entstanden im Kollektiv, im Zusammenspiel zwischen dem Kerntrio Cico Beck, Markus und Micha Acher und den Live-Mitgliedern Theresa Loibl, Max Punktezahl, Karl Ivar Refseth und Andi Haberl. Die kreative Energie auf der Bühne ist spürbar, die Abmischung ist roh und lässt Raum für die einzelnen Instrumente. Die elf Stücke verdichten die Unsicherheit einer Welt, die wie ein unrealistischer B-Movie wirkt. Interpretationen von Neil Youngs »Red Sun« und »How the Story Ends« der Folk-Pop-Band Lovers fügen sich nahtlos in den Erzählfluss des Albums. »News from Planet Zombie« ist ein Ausrufezeichen hinter dem Namen einer der besten (deutschen) Bands. Lars Tunçay

Cut Worms

Cut Worms

Transmitter

Transmitter

Hinter dem Projektnamen Cut Worms steckt Max Clarke. Er stammt aus Cleveland und ist mittlerweile in Brooklyn ansässig. Auf den letzten drei Alben hat er auf grandiose Weise Bob Dylan, die Beatles und Brian Wilson zitiert. Ohne sich anzubiedern, hat er seinen eigenen verspielten Sound aus den großen Referenzen gebastelt. Nach einer gemeinsamen Tour von Cut Worms und Wilco im Sommer 2024 verabredeten sich Wilco-Chef Jeff Tweedy und Clarke zur gemeinsamen Produktion von »Transmitter«. Tweedy hat praktischerweise Gitarren- und Basslinien beigesteuert und sein Studio in Chicago zur Verfügung gestellt. Die zehn Songs auf »Transmitter« sind fraglos gefällig und laufen gut durch. Mit Bedauern stellen wir jedoch fest, dass Cut Worms in dieser Konstellation die Experimentierfreude und Üppigkeit der Vorgängeralben abhandengekommen ist. Das neue Album ist arm an echten Höhepunkten. Mit »Evil Twin« und »Shut in« gibt es immerhin zwei rühmliche Ausnahmen. Und mit Verlaub: Seit dem letzten großen Wurf von Wilco (»Yankee Hotel Foxtrot«) sind leider auch schon ein paar Jahre ins Land gegangen. Kurzum: »Transmitter« ist zwar absolut solide, aber definitiv nicht das »Pet Sounds« von Cut Worms. Kay Engelhardt

Die Sauna

Die Sauna

Tut beni

Tut beni

Gut, dass man nicht immer versucht ist, von der Qualität des Bandnamens auf die der Musik zu schließen. Sonst hätte ich die Songs von Die Sauna womöglich nie kennengelernt. So aber fiebere ich seit der Veröffentlichung des 2019er Debütalbums »So schön wie jetzt war es noch nie« – dessen schöner Titel übrigens für den Bandnamen entschädigt – jedem neuen Lebenszeichen der Band entgegen. Nun folgt mit »Tut beni« Album Nummer drei. Und was soll ich sagen: Ich würde es auch dann rauf und runter hören, wenn es von einer fiktionalen Band namens Die Parzelle oder Die Thermoskanne stammen würde. Dass das jedoch nicht der Fall ist, macht schon der Opener klar: »Ein neuer Strand« schließt an den uniquen Sauna-Sound an – mit verhallten Gitarren, eingängigen und doch immer wieder überraschenden Arrangements und Vocals, die zwischen Überschwang und Überdruss changieren. Im deutschsprachigen Raum passende Referenzen zu finden, fällt schwer. Einzig International Music drängen sich dabei auf – mit dem Unterschied, dass Die Sauna jeder Hang zu Dada-Tendenzen abgeht. Und auch der Sound des Sextetts, das neben zwei Gitarren auch zwei Schlagzeuge umfasst, kommt insgesamt deutlich opulenter daher als der des Essener Trios. Auf internationaler Ebene muss man bei Songs wie »Ich liebe dich« und »Sorry« mitunter an Alben wie »Darklands« von The Jesus & Mary Chain oder »Going blank again« von Ride denken. Und ja, ein ähnlicher Status sei »Tut beni« in vierzig Jahren auch gewünscht. Luca Glenzer

Gorillaz

Gorillaz

The Mountain

The Mountain

Jetzt haben die Gorillaz also auch ihr »Indien-Album« produziert. Ähnliche Erweckungserlebnisse hatten vor ihnen bereits die Beatles und diverse Jazz-Größen. Das subjektive Erlebnis von Damon Albarn und Jamie Hewlett, die seit jeher auf musikalischer und visueller Ebene die Masterminds hinter der Comic-Band darstellen, möchte man ihnen nicht absprechen. Die Umsetzung des Erlebten als Konzeptalbum inklusive neuer, spirituell angehauchter Perspektiven auf Leben, Tod und Vergänglichkeit wirkt aber für Gorillaz-Verhältnisse etwas zu plakativ. Mit dabei sind auch kitschige Erweckungs-Lyrics wie in »The Plastic Guru«, die auf Erstsemester-WG-Partys zu fortgeschrittener Stunde als »echt deep« gefeiert werden könnten. Gleichzeitig beweist Albarn aber auch auf Album Nummer neun noch sein beeindruckendes Gespür für Melodien, den Einsatz von Features und die Verschmelzung von verschiedenen Klangtraditionen, die über die bloße Nutzung von Instrumenten und Mitwirkenden als billiges Schmückwerk hinausgehen. Titel wie »The God of Lying« oder »The Manifesto« mit seiner Drei-Akt-Struktur blähen das Album dabei leider unnötig auf. Mit mehr Mut zur Kürzung wäre es ein stärkeres Gesamtwerk geworden. Stücke wie der Titelsong, »Orange County«, »Delirium« und »The sweet Prince« bieten nämlich Gorillaz in Bestform. Es ist und bleibt die Bürde der Gorillaz, den metaphorischen Gipfel der Popwelt bereits mit ihren drei ersten Alben erklommen zu haben. Mit »The Mountain« kommen sie ihm nach der Formsuche auf den vergangenen Alben aber wieder ein Stück näher. Jakob Semmer

Grund zur Annahme

Grund zur Annahme

III

III

Schmissige, funky Gitarrentöne akzentuieren die eingängige und kaum zu bändigende Melodie des Saxofons. Dazu grooven die Drums, die bisweilen die Hektik, den Verdruss aufgreifen, die der Titel des Stücks zu wecken vermag: »Mein Speicher ist Voll! Deiner Auch?«. Und weiter treibt man durch komponierte und improvisierte Klanggefilde des Modern-Jazz-Trios Grund zur Annahme mit »Verlorene Potenziale im Rouladenkoma«. Dabei ist der Name durch die kleinen zeitlichen Verschiebungen, durch die der Rhythmus fast schon träge und stockend wirkt, und durch die behäbige Tiefe des Blasinstruments Programm. Darauf folgend schlagen Lorenz Bergler an Saxofon und Bassklarinette, Marvin Müller an der E-Gitarre und Felix Kothe am Schlagzeug ruhigere Töne an. Obgleich »III« das Debütalbum der Leipziger ist, sind sie keine Unbekannten mehr: Bergler musiziert unter anderem in dem genreverwandten Quartett Clank oder improvisiert und interpretiert in Gellért Szabós Ideal Orchester, Müller gehört auch zur Band Fuge und Kothe ist Teil der Gruppe Frau Lehmann sowie ebenfalls des Ideal Orchesters. Alle drei eint die Lust am Experimentieren, ohne sich dabei im Zusammenspiel gegenseitig zu übertrumpfen. So ist ihr Debüt mit der hübsch bunten Covercollage eine herrliche Einheit, bei der die Klänge nur so flirren, treiben und manchmal sogar gefällig, ja eingängig schwirren. Es bleibt der Eindruck, dass noch mehr Kraft und Energie in dem Trio sprudeln könnte, wovon sie sicherlich live zu überzeugen wissen. Claudia Helmert

Flosse

Flosse

Lotterleben

Lotterleben

Ein »Lotterleben« zu führen, war in der Generation meiner Großeltern der denkbar schwerwiegendste aller Vorwürfe. Denn die damit assoziierte Zügel- und Ordnungslosigkeit stand in deutlichem Kontrast zu den vielbeschworenen »deutschen Tugenden«, die damals noch ungleich höher im Kurs standen als heute. Einige Dekaden und moralische Umwälzungen später ist all das für die in Leipzig und Dresden beheimatete Band Flosse scheinbar Grund genug, ihr neues Album genau so zu nennen: »Lotterleben«. Und in der Tat zelebriert das Quartett darauf einmal mehr die ausschweifende Haltlosigkeit des jungen, urbanen Schlendrians, der nicht so recht weiß, wohin er will, sich damit aber eigentlich auch ganz wohl fühlt. So blinken Flosse mal rechts, um dann links zu fahren, und spielen im nächsten Moment eingängige Pop-Melodien, obwohl sie laut Waschzettel doch eigentlich eine »Modern Jazz«-Band sind. Es stimmt, Flosse sind nicht auf einen Punkt zu bringen. Dazu passt, dass sie ganz auf Harmonieinstrumente verzichten. Umso mehr Entfaltungsspielraum bleibt dabei für die Bläserfraktion um Trompeter Max Diller, der allein fünf der hier vorliegenden neun Kompositionen beitrug. Nicht selten geht es dabei rhythmisch hart und atonal zu, wie im Opener »Vitamin B12«, das von Saxofonist Hannes Kemper komponiert wurde und gleich das dynamische Potenzial der Band und insbesondere des Drummers Tim Gerwien unterstreicht. Doch immer wieder nimmt die Band sich im Verlauf des Albums zurück und schlägt auch harmonische, gar balladeske Töne an, wie im so schönen wie schlichten »Dionysos«. Eine Wonne, dass die Band auf »Lotterleben« auch den Gott der Freude und des Weins grüßt. Prost! Luca Glenzer

Breaking Rust

Breaking Rust

Unbroken

Unbroken

»I’m gonna be me, and stay busy working hard and being free« – wenn ein Album schon mit solchen Lyrics startet, sollte man am besten gleich ausmachen, da wird nichts Gutes mehr kommen. Die Zeilen stammen vom Country-Soul-ähm-»Künstler« Breaking Rust. Und der einzige Grund, warum man sich damit näher auseinandersetzen sollte, ist, dass es sich hier um ein Phänomen handelt, das die Musikwelt in nächster Zeit noch ausgiebig beschäftigen wird. Hinter Breaking Rust steckt nämlich kein echter Künstler – die Musik ist 100 Prozent KI-generiert. Auch das wäre an sich noch nicht sonderlich interessant, schließlich werden mittlerweile jeden Tag um die 50.000 (!) KI-generierte Songs bei den Streaming-Diensten hochgeladen. Erwähnenswert ist Breaking Rust allerdings, weil dessen Song »Walk my Walk« es im letzten Jahr auf Platz 1 der US-amerikanischen Billboard-Country-Charts schaffte. »Unbroken« ist nun quasi sein Debütalbum und sammelt ebenfalls Streams in Millionenhöhe. Über den Inhalt muss man nicht viele Worte verlieren: Textlich ist das Ganze eine Aneinanderreihung einfallslosester Klischees über Freedom, Whisky und Regrets. Dass der authentische Cowboy, der unbeirrt seinen Weg geht, bloß eine maschinell erzeugte Simulation ist, ist dabei natürlich besonders ironisch. Zugeben muss man leider, dass zumindest die Vocal-Performance Peak ist: rau, soulig, sogar so etwas wie Schmerz in der Stimme. Wer nicht weiß, dass es sich hier um das Werk einer Maschine handelt, hört das nicht. Als Phänomen ist Breaking Rust auch kein Einzelfall. Die KI-Sängerin Xania Monet hat mit einer ähnlich generischen R’n’B-Simulation kürzlich sogar einen millionenschweren Plattenvertrag unterschrieben. Tja, was bleibt nun als Fazit? Ist das jetzt der Untergang der Pop-Musik? Vielleicht ein Trost: Wenn KI in Zukunft die nervige Arbeit des Songschreibens übernimmt, haben Musikschaffende zumindest mehr Zeit für die schönen Dinge im Leben, wie die Steuererklärung oder das Bad putzen. Yannic Köhler

Kim Gordon

Kim Gordon

Play me

Play me

»Play me« ist eine Aufforderung – und Kim Gordon meint sie ernst. Nicht als Bitte um Aufmerksamkeit, sondern als selbstbewusste Setzung: Hör zu, wenn du willst. Ich werde mich nicht erklären. Auf ihrem dritten Soloalbum spielt sie mit Erwartungen, Rollen und Rhythmen – und bleibt dabei vollkommen bei sich. Wer Kim Gordon noch immer vor allem mit Sonic Youth verbindet, hört hier eine Künstlerin, die ihre Vergangenheit kennt, aber nicht verwaltet. »Play me« ist kein nostalgischer Rückblick, sondern ein präziser, gegenwärtiger Entwurf. Die Tracks sind kurz, Beat-fokussiert, trocken produziert und überraschend zugänglich. Kompromisslos, ja – aber nie demonstrativ sperrig. Der Titeltrack eröffnet mit einem motorischen Groove und fragmentierten Sprachfetzen, die wie ein ironischer Kommentar auf Playlist-Kultur und Dauerverfügbarkeit wirken. In Stücken wie »Girl with a Look« oder »Dirty Tech« treffen minimalistische Beats auf Gordons charakteristische, fast gesprochene Vocals: kühl, lässig, kontrolliert. Ihre Stimme steht nicht im Vordergrund, sie behauptet sich – ruhig, bestimmt, ohne Pathos. Dass in »Busy Bees« Dave Grohl Schlagzeug spielt, wirkt dann auch weniger wie ein prominentes Feature als wie ein augenzwinkernder Kommentar auf den Rock-Background. Thematisch kreist das Album um Macht, Körper, Technologie und Autonomie, ohne diese Begriffe je auszuerzählen. Die 72-Jährige performt Haltung, statt sie zu erklären. »Not Today« zeigt eine unerwartet melodische Seite, während andere Tracks mit Hip-Hop-Anleihen, Noise-Texturen und elektronischer Kargheit spielen. Das Album wirkt wie eine Verdichtung von Gordons bisheriger Soloarbeit: fokussierter, direkter, rhythmischer. Gordon klingt hier nicht wie jemand, der sich neu erfinden muss, sondern wie eine Künstlerin, die genau weiß, was sie tut – und warum sie sich nichts mehr beweisen muss. Ein Album, das nicht laut um Aufmerksamkeit buhlt, sondern lange nachhallt. Kerstin Petermann

Lynt

Lynt

Lynt

Lynt

Ist das schon Pop oder kann das noch in den Club? – Eine Frage, die Lynt sicher gar nicht interessiert. Mehr noch: Die Einordnung in irgendwelche Genres ist für das Leipziger Duo wohl eher eines der »favourite problems« anderer. Die Frage würde sich auf ebenjenem ersten Song des selbstbetitelten Albums neben den anderen dort aufgezählten Problemen wie »Zombies und Enten«, oder »das eigene genaue Sterbedatum zu kennen« ganz gut machen. Sie würde auch klarstellen, wo Theresa Elflein aka Elfyn und Marco Pilzecker musikalisch stehen: Alles, was flasht, knallt, pusht und elektrifiziert – kurz: alles, was der Synthesizer hergibt, darf sein. Und darüber kommt immer wieder Theresa Elfleins kräftige, mitunter leicht rauchige Stimme. Aus Ermangelung anderer Beschreibungen werden Lynt dann eben gerne auch mal mit Cindy Lauper verglichen. Wenn’s der Vorstellung dient, gerne. Und definitiv sind die zehn Tracks hier poppiger und tanzbarer als die Musik von Marco Pilzeckers früherer Band Captain Capa. Der Ton der Lyrics ist aber irgendwie ähnlich: In Fragmenten zeichnen die Songs Beobachtungen des Alltags, persönliche Beziehungen oder große Fragen des Mensch-Seins – eben favourite problems. Viel mehr als Fragmente sind es aber eben nicht, die einen mitunter auch etwas ratlos zurücklassen. Vor allem, wenn man gerade im Beat steckt und sich in Synthie-Schleifen dreht. Deshalb sind Lynt im Zweifelsfall am besten auf dem Dancefloor aufgehoben. Kerstin Petermann

Kabeaushé

Kabeaushé

Kabeaushé presents: Iggy Swaggering Ungrateful Incessant Little Peeeaaaaaaa

Kabeaushé presents: Iggy Swaggering Ungrateful Incessant Little Peeeaaaaaaa

Wenn ein Album den Titel »Kabeaushé presents: Iggy Swaggering Ungrateful Incessant Little Peeeaaaaaaa« trägt und die Songs darauf so exorbitante Namen wie »Life’s Waaaaaaay Too Fleeeeeteen« oder »Inevitably Pride Begets A Fall, An Oueveture In The Key Of E Minor« (im Original zudem alles in Großbuchstaben) haben, dann gibt es verschiedene Möglichkeiten: Entweder ist hier ein Blender am Werk, der versucht, mit prätentiösen Titeln den belanglosen musikalischen Inhalt zu kaschieren – oder jemand hat gerade tatsächlich die Platte des Jahres veröffentlicht. Beim neuesten Release des kenianischen Pop-Visionärs Kabeaushé tendiert man bei der Antwort eindeutig zu Letzterem. Die Handlung des Albums spielt im fiktiven Reich The Doerf Kingdom und erzählt die Geschichte vom Aufstieg und Fall seines größenwahnsinnigen Despoten Iggy. Der Größenwahn dieser Kunstfigur korreliert dabei hervorragend mit dem Sound der Platte – und ergibt ein furioses, schrilles, schillerndes Stück Pop-Kunst, das vor Einfallsreichtum nur so überbrodelt. Genregrenzen sind dabei vollkommen obsolet: Industrial-Rap trifft auf Psych-Funk, glitchy Electronica auf französischen Barock und Gospel-Einschübe. Hier wird eine höfische Spinett-Suite von Glam-Rock-Gitarren abgelöst, dort über Orchester-Bombast-Beats gerappt, die dann von hibbeligen 8-Bit-Electro-Einlagen durchbrochen werden. Kabeaushé merkt man den Spaß an der Übertreibung mit jedem Ton an. Bei aller Überfrachtung klingt »KP:ISUILP« (wie wir den Albumtitel hier mal mit Blick aufs Zeichenlimit abkürzen) aber erstaunlich zugänglich, danceable und vor allem kohärent. Wie aus einem, nun ja, etwas megalomanen, aber stimmigen Guss. Yannic Köhler

Satt

Satt

Oh No!!!

Oh No!!!

Rastlos ist der Rhythmus, elektronische Blitze zucken auf. Unaufhaltsam winden sich Gitarrenklänge in den Schallrausch. Joachim »Jo« Wespel aka Beatdenker (u. a. Zur Schönen Aussicht), Christian Weber (u. a. schon Teil des Michael-Wollny-Trios gewesen) und Alfred Vogel (u. a. How Noisy are the Rooms?) wuchten nach ihrer ersten gemeinsamen Improvisation, »Oh Yeah!!!«, nun den gut 43-minütigen Track »Oh No!!!« in die Welt. Das Trio aus Deutschland, Österreich und der Schweiz überzeugt mit einer durchgehenden Strahlkraft, einer nicht zu bändigenden Energie, die (auch) durch die Aufnahme pulsiert. Webers Bass ist unberechenbar, Vogels Schlagzeug ganz ungestüm und dazu rauschen Wespels elektronische Samples – mal Floskeln aus Lauten oder Melodien. Insbesondere Letztere schweben über dem Zusammenspiel, sie wandeln sich von geräuschvoller Wirrnis zur eindringlichen Tonfolge und umgekehrt. Letztlich sind Satt die Summe ihrer drei Einzelteile, die sich immer wieder neu aneinandermorphen. Fasziniert, vielleicht manchmal verdutzt, hört man sich so in das bewegende Klangkaleidoskop ein. Ein besseres Fazit gibt die warme Stimme eines der Samples, das an dieser Stelle fast schon gespenstisch wirkt, zwischen den reibenden und treibenden Tönen: »A-A-Amazing!« Claudia Helmert

Dk.dando

Dk.dando

Tourist

Tourist

Bei einem Auftritt von Dk.dando an einem wunderschönen Spätsommertag in der Kolonnadenstraße bohrte sich die Hook von »Alles Touristen« in mein Gedächtnis. Mittlerweile befinden wir uns im tiefsten Winter, der Ohrwurm ist nach wie vor da – und die Erwartungen an das elfte Release der beiden Leipziger wurden noch übertroffen: Das Album wird mit dem besagten Dancetrack und der titelgebenden Thematik des Tourists im eigenen Leben eröffnet. Von Anfang an sind die verkopften Texte von Dando sowie die Distanz zum geliebten Leipzig auffällig. So wird auf einem dystopischen Lofi-Beat Klein-Paris zu Babylon, dann kopfnickend über bösartige menschliche Wesenszüge »Am besten gelacht« und mal schwermütig, mal beschwingt über die überlastete Leistungsgesellschaft, die Umstände in den neuen Bundesländern, den zerstörerischen Kapitalismus und wie man sich darin wiederfindet, berichtet. Dass das Album mit der Geschichte einer Freundschaft sowie dem einzigen Feature – M der Ninja – endet, gleicht der Befreiung aus dieser belastenden Welt. Musikalisch fehlt es dem ausschließlich von D.K.denz produzierten Album an nichts. Die experimentierfreudigen Beats resultieren mithilfe von tiefen Cello-Melodien, eingesprochenen Nietzsche-Aphorismen, einem Kinderchor und den zum Nachdenken anregenden Lyrics in ein einzigartiges Album, in dem man sich leicht verlieren kann. Christian Boeddener

Yīn Yīn

Yīn Yīn

Yatta!

Yatta!

»There is no Yin without Yang and no Yang without Yin.« – Das niederländische Quartett Yīn Yīn eröffnet sein neues Album mit fernöstlicher Philosophie. Das Sprachsample und die einsetzenden Grooves erinnern an Public Service Broadcasting – und das soll nicht die letzte Referenz des zitatreichen Sounds ihres vierten Albums sein. In gerade mal sechs Jahren hat sich die Formation aus Maastricht einen bemerkenswerten Referenzspielraum erschlossen. Es mag abgegriffen klingen, das Klischee des Angekommenseins, und Yīn Yīn sind sicher nicht die erste Band, die ihr neuestes Werk als ihr bestes bezeichnet. Aber der Name »Yatta!« (japanisch für »Wir haben es geschafft«) passt. Die vier nehmen sich selbst zum ersten Mal als professionelle Band wahr. Als solche gingen sie gemeinsam ins Studio und spielten die elf Stücke live ein. Das Ergebnis ist pure Spielfreude. Gerade bei dem Groovemonster »Spirit Adapter«, das als einziges Stück durch den entrückten Falsettgesang von Bassist Remy Scheren bereichert wird, könnte man fast denken, dass Daft Punk in meinem Haus spielen. »Lecker Song« wiederum dreht die Wahrnehmung dann kurz darauf in Richtung Spaghetti-Western. Dann klingt »Night in Taipei« wieder wie die Musik zu einem chinesischen Technicolor-Film der Goldenen Sechziger. Als Soundtrack für einen Edgar-Wallace-Streifen würde die Musik von Yīn Yīn auch gut taugen. Neben fernöstlicher Psychedelik erinnert das Ganze sehr an Khruangbin. Die Gitarre übernimmt die Lead-Stimme, ist aber nicht so dominant wie bei den Texanern. Das Zusammenspiel ist tight, der Groove sitzt. Lars Tunçay

Atol Atol Atol

Atol Atol Atol

Dron Dron Dron

Dron Dron Dron

Ein hektisch ausschlagender, dabei genauso diszipliniert punk-funky zuckender wie Zeitklangzonen durchschneidender No-Wave-Blitz trifft mich direkt ins vergnügt springende Herz und reißt (zumindest potenziell) den Körper mit. So erlebt zuletzt im Hitness Club und nun nachklingend nachvollziehbar auf Tonträgern, deren Magnetband-Version beim Leipziger Kassettenlabel U-Bac erschien. Atol Atol Atol aus Wrocław sind dabei jedoch nicht die Summe zerhackter und verquirlter Referenzen, sondern ein elektrisierender Eigensoundbastard, der dynamisch drängt und teils sogar dubby den Raum auslotet. Als Favoriten meines Hier und Jetzt können sie aber zudem anregen, Post-Punk-Sedimente aufzuwirbeln, vor Ort von Klaus Mitffoch bis Kurws, wo es personell Bezug gibt, sowie im Keller der Subkultur-Historie: James Chance, Devo, The Ex, Dog Faced Hermans ... Eine Leitlinie der Lieblinge, die hoffentlich verleitet. Alexander Pehlemann

Puma Blue

Puma Blue

Croak Dream

Croak Dream

Jacob Allen aka Puma Blue legt mit »Croak Dream« bereits sein zweites Album innerhalb eines Jahres vor. Bei der neuen Platte sei es ihm ein Anliegen gewesen, ausgetretene Pfade zu verlassen und auszuloten, wie weit er sich von seinem etablierten Sound lösen könne. Abhilfe schaffen sollen dabei Jungle-Drum-Beats und verschleppte, mit warmen Bässen angereicherte Trip-Hop-Grundgerüste. Die Zusammenführung der Stile geht in Anbetracht des einnehmenden Sounds auf, wie beispielsweise auf dem Highlight »Heaven above, Hell below« und im atmosphärisch beeindruckenden Finale von »(Fool)«. Das Saxofon, das sich im letzten Drittel zart an den Gesang anschmiegt, verleiht dem Song mit nur wenigen Tönen emotionale Tiefe. Am deutlichsten sind die elektronischen Einflüsse auf »Jaded« zu hören, das sich voll und ganz auf seinen treibenden Beat konzentriert. Auch hier überzeugt der Sound des Titels, nichts klingt gekünstelt, aber da sich der Song noch mal einen Schritt weiter von Puma Blues warmem Downtempo-Pop entfernt, wirkt er verloren unter den restlichen Songs. Der Titeltrack ist eine ausgewalzte Radiohead-Hommage und völlig überflüssig, weil Puma Blue es gar nicht nötig hat, sich derart offensichtlich anzubiedern. An und für sich bieten fast alle Titel genug Anreize, sich eingehend mit ihnen zu beschäftigen, im Albumkontext sind sie aber gleichzeitig in ihrer Struktur zu uniform und in ihren Klangexperimenten zu uneinheitlich, um ein großes Ganzes zu ergeben. Der Drang zum Experimentieren steht Puma Blue aber gut und lässt auf einen großen Wurf beim nächsten Album hoffen. Jakob Semmer

The Morning Stars

The Morning Stars

A Hymn without a Sound

A Hymn without a Sound

Die Musikgeschichte hat uns schon so manches gelehrt. Etwa, dass sogenannte Supergroups längst nicht immer Supermusik spielen. Das musste das geneigte Publikum in den vergangenen Jahrzehnten anhand der Veröffentlichungen von Bands wie Rock Star Supernova, Asia oder Hollywood Vampires auf mitunter schmerzvolle Weise erfahren. Nun schickt sich anno 2026 mit The Morning Stars eine neue Formation an, den ramponierten Ruf der Supergroup wieder in Ordnung zu bringen. Teil des Quartetts sind neben Sängerin und Keyboarderin Barbara Morgenstern Felix Müller Wrobel (Kante, Sport), Alex Paulick (Kreidler) und Sebastian Vogel (Britta, Kante). Musikalisch bewegen sich The Morning Stars im sphärischen Post-Rock-Bereich. Manchmal werden dabei Erinnerungen wach an die Schotten von Mogwai, in anderen Momenten grüßen Bands wie Stereolab oder The Sea and Cake – beileibe also nicht die schlechtesten Referenzen! Doch anders als den genannten Bands fehlt es der Berliner Band an guten Songs. Dass ihre Mitglieder imstande sind, diese zu schreiben, haben sie mit ihren anderen Projekten zur Genüge bewiesen. So drängt sich der Verdacht auf, dass The Morning Stars als Resterampe annehmbarer, aber eben nicht zwingender Songs herhalten musste. Früher hätte man Stücke wie »Can’t stand up«, »Like this« oder »Chainsaw Fiddle« mutmaßlich als B-Seite einer Single verwurschtet. Aber B-Seiten braucht in Zeiten digitaler Musikfluten nun wirklich keiner mehr. Luca Glenzer

Kapa Tult

Kapa Tult

Immer alles gleichzeitig

Immer alles gleichzeitig

Sie hätten auch eine Platte voller gefälliger Hits schreiben können. Man hört es während des Openers »Es bringt mir nichts«, glasklar wird es spätestens bei Track vier, »Mit mir schläfst du«. Nach dessen bitter-wahren Strophen – die auf simplen, repetitiven Riffs genug Raum kriegen, um wehzutun – möchte man sich in die Katharsis des Refrains fallen lassen: »Du kumpelst ab mit allen, aber mit mir schläfst du!«, wird anklagend und befreiend gerufen, aber dann kommt diese experimentell-jazzige Einlage, kurz vor Schluss. Die Band hat offensichtlich kein Problem damit, ein bisschen sperrig zu werden, und »Immer alles gleichzeitig« klingt, als hätten sie diesbezüglich mit Moses Schneider den idealen Produzenten gefunden. Angeblich galt während der Aufnahmen striktes Hall- und Overdubverbot, weswegen das Album deutlich trockener, nahbarer und organischer klingt als sein Vorgänger »Es schmeckt nicht«. Inhaltlich gibt »Immer alles gleichzeitig« einen soliden Überblick über das, was gerade so los ist. Leistungsdruck im Spätkapitalismus, Klimakrise, Rechtsruck und daneben noch die privaten Baustellen. Alle Bandmitglieder haben eigene Textanteile geschrieben und eingesungen, was zur gefühlten Nähe der Titel beiträgt und gleichzeitig der hart besungenen Realität den Fatalismus nimmt. Deswegen, und wegen der schlagkräftigen Keyboard-Bass-Kombi, kann man trotz allem gut zu »Immer alles gleichzeitig« tanzen. Laura Gerlach