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Rezensionen

Grodock + Carsten Vollmer

Grodock + Carsten Vollmer

Sekunde

Höchste Töne schlägt Grodock, der Fantasiesprachen-Alias von David Leutkart, an, um den Glanz des »Stahlbad[s]« hörbar zu machen. Man lauscht der bedrohlichen Weite, dem Grau, der Kühle in dem gerade mal 36-sekündigen Stück. Eines von vielen auratischen Nummern des Mitbegründers vom Leipziger Noise Label Grubenwehr Freiburg. Dessen Titel verweist auch auf sein ambitioniertes Ziel, nämlich experimentelle Musik aus dem Untergrund zu retten beziehungsweise zu bergen, zu bewahren. Daran schließen sich mehrere Stücke Carsten Vollmers an, deren roher, brachialer Sound anfangs bedrängt und alsbald in eine geräuschvolle, tragende Trance lockt. Er bezeichnet sich selbst als Noise-Aktivist, ist Begründer des Labels Cat Killer und erkundet mit selbst gebauten Instrumenten bisher ungehörte Klanglandschaften. Und zwischen der bemerkenswert langen Songliste des Albums »Sekunde« entladen sich die Kräfte der verschieden gepolten Klänge hörbar: Die sphärische Weite Grodocks leuchtet, während sie auf Vollmers lärmende Unruhe trifft. Der Zusammenklang kulminiert in den Stücken »Die Tanzende Sekunde« und »Die Sekunde«, bei denen so eine Art hohe, hektische Frequenzeinstellungen einen ungehörten Sog in den Suchlauf aufwirbeln. Ebenda formt sich im Flirren und Rauschen, im Quietschen und Knistern ein hypnotischer Rhythmus – ungeheuerlich! Was für eine elektrisierende Kollaboration. Claudia Helmert

Glen Hansard

Glen Hansard

Don+t Settle: Transmission East & West

Rund zehn Jahre ist es her, da betrat Glen Hansard die Bühne im Gewandhaus. Leonard Cohen war wenige Tage zuvor verstorben und es wurde ein bewegender Abend mit vielen Coverversionen von Cohen und Van Morrison, Hansards ewigem Helden. Als finalen Höhepunkt sang und spielte das 16-köpfige Ensemble ein 20-minütiges Medley, zunächst »So long, Marianne« und schließlich als Spielmannszug die Treppen rauf und runter »Passing Through«. Glückstrunken torkelten wir aus dem Saal, die pure Essenz des Glücks, die nur Musikmachen möglich macht, hatten wir in uns aufgesogen. Am 29. Juli 2026 erreichte die Welt die Nachricht, dass Glen Hansard bei einem Motorradunfall ums Leben kam. Gerade erst hatte er einen Querschnitt seiner Karriere auf Platte veröffentlicht. Von den Anfängen mit The Frames über die Zusammenarbeit mit Markéta Irglová als Swell Season bis hin zu seinen Soloalben und natürlich der einen oder anderen Interpretation der Songs, die ihn prägten. Natürlich ist »Don+t Settle« kein schlichtes Best-of, sondern eine Feier der Songs in ihrem natürlichen Umfeld: der Bühne. An zwei Abenden spielte er sie im Funkhaus Berlin ein, sang seine Lieder gemeinsam mit dem Publikum, so wie er es am liebsten tat, roh, natürlich, einzigartig, ohne zweite Takes oder Overdubs. »I’m grateful every day for this good life of singing.« So ist es in den Liner Notes zu lesen. Und wir sind dankbar, dass er es uns bei jeder Gelegenheit hat spüren lassen. Lars Tunçay

The Strokes

The Strokes

Reality Awaits

Seit »Comedown Machine« von 2013, auf dem die Strokes sich vor lauter Ideenlosigkeit selbst fast begraben hätten, sind bisher nur zwei neue Alben des Quintetts erschienen. Mit »The New Abnormal« schien sich 2020 ein zweiter Frühling in der Karriere der Strokes anzubahnen. Kritik wie Fans feierten das Album, das sich durch die Mischung aus altbekannten Stärken und Experimentierfreudigkeit auch heute noch knackig und frisch anhört. Mit »Reality Awaits« legen sie dafür jetzt einen waschechten Spalter vor, der entweder als verkanntes Meisterwerk gefeiert oder als Enttäuschung des Jahres verschrien wird. Das große Corpus Delicti der Debatte: die Liebe zum Autotune, der Sänger Julian Casablancas bisher vor allem in seiner zweiten Band The Voidz zügellos gefrönt hat. Diese lebt er jetzt auch auf »Reality Awaits« voll und ganz aus. Auf dem umwerfenden und für die Strokes ungewohnt düsteren Opener »Psycho Shit« geht das wunderbar auf und verleiht dem Song durch die digitalen Brüche im Gesang Dramatik. »Falling Out Of Love« gewinnt an Spannung, weil die Stimme in ihrer unmenschlichen Modulation einer rührseligen und zuckersüßen Ballade entgegengesetzt wird. »Dine N’Dash« und »Going to Babble On« treiben dagegen seltsam in Struktur und Melodie formlos und eindimensional dahin, und mit dem Closer »Tyrants of the Mellow Moon« schleicht sich das Album schließlich langsam und unauffällig aus dem Raum. Ein großer Wurf ist das Album nicht geworden, aber ein gescheitertes Experiment ist bei einer Band vom Kaliber der Strokes immer noch sehr viel wünschenswerter als bequemer Stillstand. Jakob Semmer

The Rolling Stones

The Rolling Stones

Foreign Tongues

Niemand hat wohl damit gerechnet, dass die Stones nach ihrem Vorgänger »Hackney Diamonds« noch mal so eine Platte hinlegen werden. Und das in noch nicht mal drei Jahren. Und es ist ihnen doch recht gut gelungen. Mit dem Opener »Rough And Twisted« lassen sie es gleich richtig krachen, um dann mit »In The Stars« in Richtung Stadionhymne abzubiegen. Insgesamt ist die Platte wieder etwas Jagger-lastig und auch der Produzent Andy Watt durfte sich erneut verstärkt einbringen, was der Platte einen frischen, aber auch etwas glatten Sound beschert. Trotzdem: Ausfälle gibt es keine, tanzbar ist alles und klingt nach einer gelungenen Mischung aus 1978 und 2026. Das erneute All-Star-Ensemble (u. a. Robert Smith, Steve Winwood) hält sich dieses Mal etwas mehr im Hintergrund, lediglich Paul McCartney ist bei »Covered In You« deutlicher herauszuhören, was die Platte aber noch farbenfroher macht. Ordentliche Kracher (»Hit Me In The Head«) stehen wieder gelungenen Balladen (»Back In Your Life«) gegenüber. Auch der obligate Richards-Song (»Some Of Us«) fehlt nicht. Hier hätte es etwas mehr Gitarre im Vordergrund sein können. Eine schöne Idee ist die Verneigung vor Amy Winehouse (»You Know I’m No Good«), und als Ausklang einen Song von ihrem Idol Chuck Berry (»Beautiful Delilah«) zu wählen, ist schon sehr stilvoll! Christian Geschke

Lee »Scratch« Perry & Mouse on Mars

Lee »Scratch« Perry & Mouse on Mars

Spatial, No Problem

Welch Kombination! Der Upsetter, Don Dada des Dub und seit den 1980ern vor allem Lieferant kryptischer Vocals als wandelndes Ego-Kunstwerk, trifft auf die experimentellen Frickel-Freaks in Groove-Laune. Wie zu frühen Too Pure-Tagen. In direkter Zusammenarbeit, drei Tage 2019 in Berlin, mit wunderbar pulsierenden Gastmusiker:innen. Was, wie sich herausstellen sollte, zudem die finale Studio-Produktion von Perry war, der 2021 endgültig den Planeten verließ. Eine Platte, die bewusst kein Reggae ist, aber viel Dub atmet, eklektisch cool verbunden mit Jazz, Kraut oder Ambient sowie beim grandiosen Abgangsstück »State Of Emergency«, geradezu den eigenen Trauermarsch trommelnd, sogar New Orleans Brass. Für Lee »Scratch« Perry bildet das einen würdigen Abschluss, der sich mit dem letzten On-U Sound-Album einreiht. Für Mouse on Mars ist das ein weiterer Kooperationsclash-Triumph nach »Tromatic Reflexxions«, dem als Von Südenfed veröffentlichten Album mit einem anderen nun toten Krypto-Vokalisten: Mark E. Smith von The Fall. Kommt mit gutem Booklet-Text und online in passender Visualisierung. Alexander Pehlemann

Nichtseattle

Nichtseattle

Große Liebe

Es braucht Mut, ein Album »Große Liebe« zu nennen. Kaum ein anderes Wort ist so groß, so aufgeladen und gleichzeitig so schwer zu fassen. Katharina Kollmann, die unter dem Namen Nichtseattle seit einigen Jahren zur deutschsprachigen Indie-Szene gehört, nimmt diese Herausforderung an – nicht mit Pathos, sondern mit einer Musik, die leise beginnt und lange nachhallt. Schon mit ihrem Debüt »Wendekid« verarbeitete die in Berlin aufgewachsene Musikerin Biografisches. Nach »Kommunistenlibido« und dem Doppelalbum »Haus« legt sie mit »Große Liebe« ein Album vor, das persönlicher kaum sein könnte und doch weit über das Private hinausweist. Liebe erscheint hier nicht als romantisches Ideal, sondern als Kraft, die trägt, verletzt, verbindet und herausfordert. Musikalisch bewegt sich Nichtseattle zwischen fragilen Folk-Momenten, Indie-Rock und der Tradition des deutschsprachigen Liedes. Die Arrangements der zehn Songs wirken oft bewusst ungeschliffen, irgendwie roh, und gerade darin liegt ihre Stärke. Wo andere Produktionen Emotionen glätten, lässt Katharina Kollmann Brüche stehen. Ihre Stimme tastet sich vorsichtig voran, gewinnt aber gerade aus dieser Zerbrechlichkeit eine eindringliche Kraft. In der deutschen Musiklandschaft nimmt Nichtseattle damit eine besondere Stellung ein. Wie Masha Qrella oder Stella Sommer von Die Heiterkeit verbindet sie literarische Sprachbilder mit einer unverwechselbaren musikalischen Handschrift. Gleichzeitig erinnert ihre Fähigkeit, Intimes und Gesellschaftliches miteinander zu verweben, an Künstlerinnen, die Pop als Kunstform verstehen und nicht nur als Unterhaltung. Dennoch bleibt Nichtseattle unverwechselbar: weniger distanziert, unmittelbarer, verletzlicher. Kerstin Petermann

Pokey LaFarge

Pokey LaFarge

Rent Money

LaFarge hat in seiner zwanzigjährigen Laufbahn viele Genres, die prägend für die 1950er bis 1970er waren, interpretiert, miteinander verschmolzen und neu erfunden. Jazz, Blues, Reggae und Rock’n’Roll mögen als grobe Koordinaten genügen. Für »Rent Money« lag ihm insbesondere der frühe Rock’n’Roll der Chicago-Szene am Herzen. Aus dem Munde des Künstlers klingt das wie folgt: »Ich wollte mich auf meine Essenz zurückbesinnen. Simple Strukturen, weniger Akkorde, weniger Bewegung. Zurück zur kindlichen Einfachheit meiner frühen Platten.« Howlin’ Wolf und Chuck Berry sind in diesem Kontext nennenswerte Einflüsse. Produziert wurde das vorliegende Album von Elliot Bergman. Dieser hat selbst ein paar Instrumente eingespielt. Seine Schwester Natalie Bergman war mit von der Partie. Gemeinsam mit LaFarges Ehefrau Addie Hamilton hat sie die warmen Background Vocals beigesteuert, die den lässigen Gesang des Lead-Sängers perfekt ergänzen. Neben dem ewigen Thema der Liebe kreisen viele Songs um etwas, das nur wenige von uns kalt lässt: den schnöden Mammon. Oder genauer gesagt – um den ökonomischen Druck des Alltags: »Als ich an dem Album arbeitete, war ein beherrschendes Thema, dass gerade alles immer teurer wird. Und dass Eltern kaum noch ihre Kinder sehen, da alle in zwei Jobs gleichzeitig arbeiten müssen.« Glücklicherweise macht der positive Drive von »Rent Money« diese unangenehme Wirklichkeit ein ganzes Stück erträglicher. Kay Engelhardt

Jon Batiste

Jon Batiste

Black Mozart (Batiste Piano Series Vol. 2)

Black Mozart (Batiste Piano Series Vol. 2)

So einflussreich die Hochphase der klassischen Musik bis heute ist, so weiß ist sie doch viel zu oft in ihrer äußeren Repräsentation geblieben. Höchste Zeit also, das zu ändern – dachte sich wohl auch Jon Batiste, der sein neues Album nicht ganz zufällig »Black Mozart« getauft hat. Der US-amerikanische Pianist setzt damit seine preisgekrönte »Batiste Piano Series« fort, die zuletzt vor zwei Jahren mit »Beethoven Blues« ein großes mediales Echo hervorgerufen hat. Nun könnte man getrost einwenden, dass es Beethoven- und Mozart-Interpretationen wie Sand am Meer und Swifties in den sozialen Medien gibt. Und in der Tat könnte man das Gros der darauf versammelten Melodien von »Alla Turc« bis »Gospel Andante« potenziell von einschlägigen »Klassik für Kinder«-Compilations kennen. Interessant sind daher vielmehr die musikalischen Zwischenräume, die Batiste wie bereits auf seinem Vorgänger mit großem Mut zur (unbedingt notwendigen!) Majestätsbeleidigung neu belebt. So wimmelt es von Blue Notes und kleinen dissonanten Spannungen, die sich aber zumeist nach kurzer Zeit wieder im harmonischen Wohlgefallen auflösen. Zwar besticht die Platte an vielen Stellen mit einem im oft doch eher steifen Klassikkosmos nur selten zu hörenden spielerischen Feingefühl. Doch eins mit Langzeitwirkung, wie Batiste es etwa mit seinem hochgelobten Album »We are« (2021) bereits kreiert hat, wird »Black Mozart« eher nicht werden. Wer nun aber im Jahr 2026 unbedingt das Gefühl haben sollte, Mozart entdecken zu wollen, der sollte am besten mit dieser Platte anfangen. Luca Glenzer

Papperlapapp

Papperlapapp

Live at Aquarium

Live at Aquarium

Lautgedichte formt sie, bringt die Melodie, die Silben und Worten innewohnt, zum Klingen. Die Leipziger Sängerin Nora Benamara reiht dadaistische Versatzstücke aneinander, die um die geräuschvollen, zumeist dunklen Synthesizer-Impulse irrlichtern. Was für eine eindrucksvolle Onomatopoesie, ein starkes Stück! Dieser zweite Song ohne Namen, der gemeinsamen Improvisation der Leipziger Sängerin mit dem Klangkünstler Leon Goltermann zeigt, wie die beiden ihre vermeintlichen Gegensätze gegeneinander ausspielen: Der organische, leibliche Gesang, Helligkeit und Verletzlichkeit, stehen den brachialen, elektronischen Maschinensounds, Dunkelheit und Unumstößlichkeit nicht gegenüber – vielmehr schaffen sich die beiden ihre eigene Klangkulisse, deren Aufbau durch die Echtzeitmusik hörbar wird. Der Einstieg klingt noch fragil, doch bereits mit der dritten Improvisation sind die beiden umtriebig, man bekommt den Eindruck, als würden sie einen gemeinsamen Film imaginieren, den sie mit Geräuschen konturieren, mit Melodiefragmenten vorantreiben und mit ihrer Präsenz ausmalen. Wie der Albumtitel schon vorgibt, lauschen wir dem Konzert des Duos Papperlapapp im Leipziger Osten im Herbst 2025. Darauf ist übrigens auch die mitreißende Wirkung gebannt, die hier als kleine Zusammenfassung noch erwähnt sei: Am Ende der Stücke träumt das Publikum die Songs noch einige Augenblicke weiter, bis schließlich der lautstarke Applaus einsetzt. Claudia Helmert

Warning

Warning

Rituals of Shame

Rituals of Shame

Wer dachte, Boards of Canada würden sich 2026 mit ihrem neuen Album »Inferno« (s. kreuzer 7/2026) und den 13 Jahren, die seit dem Vorgänger vergangen sind, den Preis für die längste Zeit zwischen zwei Alben sichern, wird hiermit enttäuscht: Warning legen noch mal ganze sieben Jahre drauf und kehren nach ihrem herzzerreißenden Doom-Metal-Meilenstein »Watching from a Distance« mit »Rituals of Shame« zurück. Wer sich nicht bereits nach den ersten paar Akkorden des Titelstücks sicher ist, dass hier eine Warning-Platte läuft, weiß es spätestens, wenn der unverkennbar melodische und emotional gewichtige Gesang von Band- leader Patrick Walker einsetzt. »Rituals of Shame« könnte fast in derselben Session wie »Watching from a Distance« aufgenommen worden sein, so stark ist die klangliche Identität des Projektes, wäre da nicht eine deutliche Unterscheidung im Mixing festzustellen. Der Sound der neuen Platte ist wärmer und runder, büßt dadurch aber im direkten Vergleich mit dem kälteren und verhallten Vorgänger, ein wenig an Mystik und Charakter ein. Auch musikalisch wagen Warning vorsichtige Neuerungen: Die Arrangements fallen etwa auf dem Titeltrack und »Teacher« verspielter und weniger uniform aus als bisher. Auf der anderen Seite fallen die rohe Emotionalität von Walkers Stimme und den Texten aber auch hin und wieder seinem neu gefundenen Hang zu ausufernd verschlungenen Gesangsmelodien zum Opfer. »Rituals of Shame« ist trotzdem ein nahezu makelloser Nachfolger, der das Pech hat, mit einem perfekten Meilenstein verglichen zu werden. Jakob Semmer

Ed O’Brien

Ed O’Brien

Blue Morpho

Blue Morpho

Natürlich muss hier der Name Radiohead fallen. Schließlich ist die Band aus Oxford absolut einzigartig in der Musikindustrie, veröffentlicht nur noch einmal pro Dekade ein neues Album, ohne sich um Erwartungen zu scheren, und existiert so weitgehend krisenfrei in gleicher Besetzung seit mehr als dreißig Jahren. Der kommerzielle und künstlerische Erfolg bringt aber auch einen gewissen Druck mit sich. Der Kahn ist schwerfällig geworden. Thom Yorke und Johnny Greenwood haben sich davon bereits solo und in ihrem Seitenprojekt The Smile freigespielt. Nun legt Gitarrist Ed O’Brien den Nachfolger zu »Earth« vor. Auf seinem 2020er Solo-Debüt probierte er noch recht frei diverse Stile aus und ließ dabei einen roten Faden vermissen. Das ist jetzt anders. »Blue Morpho« ist ein kohärenter Trip ins Unterbewusstsein. Der Titel beschreibt die Phase der Entstehung. O’Brien verarbeitet mit dieser Musik eine langwierige Depression. Die Musik, die in seinem Haus in Wales entstand, eröffnete ihm einen Ausweg. Die sieben Stücke klingen dennoch alles andere als dunkel und deprimierend. Vielmehr schimmert immer die Hoffnung durch die rund 40 Minuten Singer/Songwriter-Pop, mal reduziert mit der Akustikgitarre, mal groß arrangiert mit Orchester, produziert von Paul Epworth (Adele). Ein selbstbewusstes, eigenständiges Werk, das einem auch wieder O’Briens Einfluss auf den Sound seiner Band vor Ohren führt. Lars Tunçay

Julia Holter

Julia Holter

Materia

Materia

Julia Holter hat sich nie für den geradlinigen Popsong interessiert. Stattdessen erschafft die kalifornische Sängerin Klanggebilde, in denen sich Kammermusik, Avantgarde, Jazz und Art Pop zu etwas Eigenständigem verbinden. Mit »Materia« setzt sie diesen Weg fort – allerdings weniger als klassisches neues Kapitel, sondern eher als Reflexion über das Material ihrer jüngeren Arbeiten. »Materia« versteht sich als Schwesterwerk zum Vorgänger »Something in the Room she moves«. Die sieben Tracks kreisen um dieselben Fragen nach Bewegung, Erinnerung und Wahrnehmung, ohne sich dabei zu wiederholen. Schon die Vorabsingle »Fantasy« deutet an, wohin die Reise geht: Schwebende Harmonien treffen auf fragile Rhythmen, Melodien tauchen auf und lösen sich wieder auf, während Holters unverwechselbare Stimme den Kompositionen einen beinahe körperlichen Ausdruck verleiht. Vieles wirkt improvisiert, doch hinter der scheinbaren Schwerelosigkeit steht eine beeindruckende kompositorische Präzision. Vor allem in den offenen Passagen entsteht die Spannung, die Julia Holters Musik seit Jahren auszeichnet. »Materia« verlangt Aufmerksamkeit und Geduld. Es ist kein Album fürs schnelle Durchspielen, sondern eins, das mit jeder Begegnung neue Details entdecken lässt. Wiederkehrende Motive entfalten ihre Wirkung eher als Erinnerungsfragmente, denn als klassische Leitmelodien. So entsteht ein Werk, das weniger Geschichten erzählt als Räume öffnet – für Assoziationen, Stimmungen und Zwischentöne. Julia Holter bestätigt damit einmal mehr ihren Ruf als eine der eigenständigsten Künstlerinnen der Gegenwart. Wer bereit ist, sich auf ihre vielschichtigen Klanglandschaften einzulassen, wird belohnt. Kerstin Petermann

Brutalismus 3000

Brutalismus 3000

Harmony

Harmony

In einem der dämlichsten musikjournalistischen Artikel des letzten Jahres wurde extra ein Kriminologe engagiert, um sich mit den Texten des Berliner Rave-Pop-Duos Brutalismus 3000 auseinanderzusetzen. Der kam zu dem Schluss, dass die beiden aufgrund ihrer drastischen Sprache und Gewaltdarstellungen zwar »lästig und abstoßend« seien, aber zumindest nicht verboten werden müssten. Na, Gott sei Dank, sonst wäre uns nämlich eines der aktuell interessantesten deutschen Pop-Phänomene verloren gegangen – interessant gerade wegen der Drastik in Sprache und Sound. Mit ihrem übersteigerten Mix aus Hardcore-Techno, Gabber und Punk (quasi Blümchen in dystopisch) traf das Duo einen Nerv, wie man so sagt, und avancierte kurzerhand zu einem der international angesagtesten deutschen Pop-Acts der letzten Jahre. Diese Internationalisierung hört man dem zweiten Album »Harmony« deutlich an. Statt auf Deutsch und Slowakisch wie noch auf dem Debüt »Ultrakunst«, singt Victoria Daldas diesmal vor allem auf Englisch. Auch der Sound löst sich von seinen Berliner-Techno-Bunker-Ursprüngen und wird durch verschiedene Einflüsse wie Metal-Gitarren, Trap-Beats und Hyperpop-Eskapaden erweitert. Ansonsten machen Brutalismus 3000 halt das, was sie gut können: hart eskalieren! Übersteuerte Bässe, hämmernde Kicks, aggressiv verzerrte Vocals – das Ganze ist mal wieder ein Fest für Freundinnen und Freunde überreizten Geballers. Stellenweise hat man es mit der Übertreibung dann aber doch etwas übertrieben. Vor allem die erste Hälfte des Albums ächzt unter der Last der Eskalation und man atmet auf, wenn mit dem Track »Morning is for the Happy« eine dringend nötige Spoken-Word-Verschnaufpause eingelegt wird. Aber gut, das ist Meckern auf hohem Niveau, besser als die meisten anderen deutschen Pop-Exporte (Was gibt’s da? Scorpions, Modern Talking, Rammstein?) ist das Ganze allemal! Yannic Köhler

Scorn

Scorn

Anamnesis +

Anamnesis +

Dunkler kann keine Klanglava glimmen! Scorn, gegründet 1991 von zwei Ex-Mitgliedern der Grindcore-Pioniere Napalm Death und bald nur noch verkörpert vom Blast-Trommelmonster Mick Harris, sind zwar mehrfach für tot erklärt worden und krochen untot zurück aufs Soundschlachtfeld, aber die letzte Verkündung fühlt sich offiziell an. Zeit also, das Erbe angemessen in die Zirkulation zu schieben. »Anamnesis: 1994–97« versammelte 1999 bereits Teile des Frühwerks auf einer CD, darunter die erste Peel-Session und einen Remix der Psycho-Elektroniker Coil. Die nun als 4er-LP auftrumpfende Plus-Version erweitert das beträchtlich, wobei der Zeitstrahl von 1992 bis 2000 gedehnt wird, und bringt auch zwei Stücke, die unter Klarnamen erschienen. Was am grimmigen Charakter nichts ändert: Über finstere Landschaft schaben minimalistische Dub-Konstrukte auf Schwerst-Beats und verbreiten auf Höchstniveau gute schlechte Laune. Dass Harris, der quasi Illbient und Dark Dubstep vorwegnahm, jene auch heute noch zur erschütternden Wirkung bringt, kann zudem mit den aktuellen »Culvert Dub Sessions 7« auf L.I.E.S. Records nachvollzogen werden. Alexander Pehlemann

Jungstötter

Jungstötter

Jungstötter

Jungstötter

Der warme Trommelklang schreitet voran, er wird umschmeichelt von aufblitzenden jungen Stimmen, vom rüstenden Aufatmen der Holzbläser. Sie ebnen den Pfad, den Jungstötters (Fabian Altstötter) tiefes Timbre verfolgt. Und jener bleibt unvorhersehbar, führt bisweilen in dunkle Abgründe, etwa mit dem Song »Tell this Lover«. Die Blasinstrumente (gespielt von Ralph Heidel) hauchen und säuseln Nebelschwaden zwischen die tastenden Melodien. Wie außerweltliche Tränen tropfen die Töne der Harfe (Andy Aquarius) und beschweren die Klanglandschaft zusätzlich. Die Trübsal lichtet sich allmählich, sobald der Rhythmus von »Loud Fingers« aufklart und erst Klavier, dann die Mundharmonika vorleuchtet. Das sind nur einige Eindrücke vom dritten Album »Sustained«, für das der ehemalige Sizarrsänger ein herrlich experimentierfreudiges Ensemble um sich schart. Die eigenwilligen Impulse jener Musikerinnen und Musiker gehen wie selbstverständlich in den Klangwelten Altstötters auf. Besonders schön sind dabei die ungeschliffenen Momente, etwa das Ende, dem wie dem Anfang eine Improvisation innewohnt. Im gemeinsamen Spiel sprengt Jungstötter die vorher schon gedehnten Vorstellungen von Popsongs auf. Zurück bleibt eine umarmende Geräuschkulisse aus anfangs kriechenden und sich allmählich aufbrausenden Pulsen, suchenden Klaviermelodien. Es flirrt, es raunt und rauscht und Altstötters Stimme glüht fortwährend. Claudia Helmert

Weird & Eerie

Weird & Eerie

Folksongs from the www

Folksongs from the www

Folk ist als musikalischer Bezugspunkt ähnlich flüchtig wie Jazz. Glaubt man, ihn auf einen Punkt gebracht zu haben, ist er im nächsten Moment schon wieder in Auflösung begriffen. Doch gerade inmitten dieser begrifflichen Konfusion kann auch ein besonderer Reiz stecken, wie das Debütalbum »Folksongs from the www« von Weird & Eerie unterstreicht. Hinter dem Namen verbirgt sich mit Ja,-Panik-Frontmann Andreas Spechtl, dem Autor und Dramatiker Thomas Köck, der Jazzschlagzeugerin Katharina Ernst sowie der Keyboarderin und Saxofonistin Annea Lounatvori eine so vielversprechende wie zugleich erstaunliche Besetzung. Als erstaunlich erweist sich auch das klangliche Ergebnis des Quartetts, das – wie der an ein Buch des britischen Kulturtheoretikers Mark Fisher angelehnte Projektname bereits andeutet – einigermaßen unheimlich daherkommt. Das hat seinen Grund, setzen sich Weird & Eerie auf dem Werk inhaltlich doch mit den längst verlorenen Potenzialen des Internets auseinander: Was 1998 noch Emanzipation versprach, hat sich nicht erst mit Chat-GPT & Co. ins komplette Gegenteil verkehrt. So erweisen sich die Versprechen von einst als die Gespenster von heute. Dementsprechend schichtet das Quartett hier düstere Synthesizer-Klänge übereinander, die von der vertrackten Rhythmik Katharina Ernsts zusammengehalten werden. Im Zentrum stehen jedoch Spechtls mehr gesprochene als gesungene Lyrics, die keine Geschichten erzählen wollen, sondern in ihrer Wechselseitigkeit lange, mitunter kryptische Assoziationsketten bilden. Wohin sie tragen, ist ungewiss. In einer Welt der vollständigen Berechenbarkeit ein kleiner Hoffnungsschimmer. Luca Glenzer

Fink

Fink

The City is coming to erase it all

The City is coming to erase it all

Fink ist zur Band gereift. Was als Elektro-Soloprojekt von Fin Greenall begann, hat sich vom Blues hin zum Folk entwickelt, den der Brite auf seinem aktuellen Album noch ausufernder im Kollektiv zelebriert. Der Rhythmus-geprägte Sound ist die unverkennbare musikalische Handschrift. Die Worte liegen bluestypisch auf dem Fingerpicking, der Gesang windet sich um den Takt, schwillt auf und ab. Konzeptuell hat die Band sich diesmal am englischen Singer/Songwriter Michael Chapman orientiert, der in den sechziger Jahren in der Cornwall-Folkszene auftauchte und vor allem bei Musikern der Insel bis heute hohes Ansehen genießt. Um seinen Sound zu rekreieren, legte Fink sich eine Maxime auf: Wenn es 1974 nicht existierte, darfst du es nicht benutzen. Der englische Grammy-Preisträger und Musiknerd Sam Okell begleitete den Prozess. Herausgekommen ist ein herrlich analoges Album mit hypnotischem Sound, der sich in den ausufernden acht Stücken frei entfaltet. Das ist alles hochgradig meisterhaft arrangiert und spannend. Eine Verehrung des Albums als Form. Finks neuntes Studioalbum folgt dem vor zwei Jahren erschienenen »Beauty in your Wake«. Der anhaltende Flow kommt vom steten Touren, der Neugier, die Songs auf die Bühne zu bringen und ihnen neues Leben einzuhauchen. Die an Perfektion grenzende Symbiose der Bandmitglieder wird bei ihren Konzerten deutlich. Das kann man im Oktober an zwei besonderen Abenden in Leipzig erleben, mit denen Fink ihre Tour eröffnen. Lars Tunçay

Iceage

Iceage

For Love of Grace & the Hereafter

For Love of Grace & the Hereafter

Aktuell gibt es wohl kaum eine Rockband, die über die Zeit ihres Bestehens einen derartigen musikalischen Wandel hingelegt hat wie Iceage aus Dänemark. Ihr Weg führt von klassischem, brachialem Postpunk auf ihrem 2011er Debüt über einen eigenwilligen Postpunk-Goth-Mix auf »Plowing into the Field of Love« bis hin zu Americana-Rock auf »Seek Shelter« inklusive der Stadion-Hymne »Shelter Song«. Auf der neuen LP ziehen sich Iceage nun wieder ein neues Sound-Gewand an: Ist »The Weak« eher eine schmissige Rock’n’Roll-Nummer, wird auf »Ember«, »Salve for every Sore« und »Lifetime« mit voller Wucht der Indie-Sound der 2000er heraufbeschworen. Die Band weiß, wie man knackige Rocksongs schreibt, und bringt auch auf Album Nummer sechs eine Menge Spielfreude mit. Trotz der Texte, die ernste Themen voller Herz- und Gesellschaftsschmerz verhandeln, klingt die Musik wie schon auf dem Vorgänger »Seek Shelter« insgesamt zuversichtlicher und weniger finster als auf den früheren Alben – mit eingängigen Melodien in den Refrains. Man kann sich bildhaft vorstellen, wie das Publikum verdrossene Hooks wie »Get ready for a Lifetime of Beatings, Child« mitgrölt – da geht eine interessante Schere zwischen schmerzbehafteten Texten und eingängiger musikalischer Untermalung auf. Die Eingängigkeit stellt sich nach dem Hören aber als Pferdefuß heraus: Als Hommage an die Nuller- und Zehnerjahre funktioniert das Album, anders als auf »Seek Shelter« schaffen Iceage es aber nicht, die Hommage abseits der Texte durch ihre Handschrift auf spannende Weise aufzubrechen und zu bereichern. Jakob Semmer

Pretty Average

Pretty Average

The Highs and Lows of Being Pretty Average

The Highs and Lows of Being Pretty Average

Frontfrau Candy, Gitarre in der Hand, singt mit ihrer verhallten Stimme über soziale Ablehnung im Frauendasein hinter ihrer coolen Sport-Sonnenbrille. Die Drums sind schlicht und langsam, mit schön verzerrten Gitarren und repetitiven Akkordfolgen – das reicht aus, um das Publikum zum Record-Release von »The Highs and Lows of Being Pretty Average« in Berlin weich und wach zu kriegen. Der Sound des zwischen Shoegaze und Indie-Rock schwankenden Albums entspricht der Live-Performance der vierköpfigen Band aus Madrid: rau, ohne Ansagen, mal wild, mal traurig, aber vor allem intim und atmosphärisch. Viel davon hat mit den Unmengen an Hall zu tun, mit denen sie ihre Songs überspielen. Nicht nur darin ist dieses Album als Kontrast zu überproduzierter kommerzieller Musik gedacht, sondern auch in der Entscheidung von Pretty Average, es nicht auf allen Musikplattformen kostenlos anzubieten und nur als Kassette mit Download-Code zugänglich zu machen. Online sind lediglich zwei Singles des obskuren Albums zu hören, da die Songs laut Band zu »precious« seien, um sie kostenlos herzugeben. Wer die Band live erleben will, kann das am 21. Mai 2027 (!) im Noch Besser Leben tun. Wer es bis dahin nicht aushält, bekommt hier einen kleinen Vorgeschmack: Das Album besteht aus sechs Songs, die irgendwie an My Bloody Valentine, The Velvet Underground und die Siebziger-Harmonien von The Brian Jonestown Massacre erinnern. Das Rad hat die Band damit nicht neu erfunden – aber es dreht sich trotzdem in ihrem eigenen Pretty-Average-Way. Libia Caballero Bastidas

Widowspeak

Widowspeak

Roses

Roses

Widowspeak gehören nach 16 Jahren Bandgeschichte längst zu den verlässlichen Größen des zeitgenössischen Indie-Folks. Auch auf ihrem neuesten Werk bleiben Molly Hamilton und Robert Earl Thomas ihrem bewährten Stil treu: verträumt, grazil und aus der Ruhe heraus rockend. Wo andere Bands auf (über-)große Gesten setzen, genügen Widowspeak wenige, präzise Akzente. Hamiltons schwelgerischer Gesang, der an Hope Sandoval von Mazzy Star erinnert, und die erdigen Gitarrenlinien von Thomas sind einfach das perfekte Match. Die beiden sind nicht nur musikalisch, sondern auch privat Partner und inzwischen verheiratet. Da heutzutage Indie-Folk die wenigsten Bands vollständig ernährt, arbeitet Thomas im echten Leben als Tischler, Hamilton als Kellnerin in einem Diner. Aufgenommen haben sie die Platte mit ihren Tourmusikern Willy Muse, John Andrews und Noah Bond auf der griechischen Insel Hydra – in der winterlichen und touristenarmen Nebensaison. Die Ruhe und Schönheit der Umgebung fließen direkt in den ohnehin schon entschleunigten Sound ein. Widowspeak sind schon seit ihrem selbstbetitelten Debüt spannend. Seit ihrem fünften Album »Plum« aus dem Jahr 2020 bewegt sich die Band allerdings auf atemberaubend hohem Niveau. Artverwandte wie Yo La Tengo oder Speck Mountain klingen auch auf »Roses« wieder durch. Wir freuen uns auf Nachschlag. Kay Engelhardt