Rezensionen

Spydergum Ensemble

Spydergum Ensemble

Nodding

Das warme Timbre stimmt an, der innige Gesang verhallt ganz klar, bis im Tutti das wohlig runde Treiben der Gruppe Spydergum sich verspult: »Day 3, Take 4« ist die Notiz auf der gehörten Aufnahme, sie ist nur ein Ausschnitt aus den zahlreichen Improvisationen von Spydergum. In Berlin fand das elektroakustische Ensemble um Unguarded-Labelbetreiber Philipp Hülsenbeck, Agnes Magnuzzato, Diane Esnault und Andrea Bambini im Jahr 2024 zueinander. Gemeinsam mit 16 weiteren Künstlerinnen und Künstlern – unter ihnen Jungstötter, Luka Aron, Ah! Kosmos und Abigail Toll – ist ihnen ein großer Wurf gelungen: Denn weit reicht die Experimentierlust über Genregrenzen – von Drone, Ambient, Jazz, Pop und Rock – hinaus. Was übermütige Willkür vermuten lässt, entpuppt sich als großer Klangkörper, der über die bisweilen nur sekunden-, sonst minutenlangen Stücke Stimmungen durchdringt und genau dadurch so tiefgreifend zu berühren vermag. Die hörenswerten Positionen der ganz unterschiedlichen Künstlerinnen und Künstler lösen sich herrlich ineinander auf, um in etwas weitaus Größerem zu kulminieren. »Nodding« ist bereits die vierte EP, der vierte Monat, in dem die Gruppe Einblicke in ihre vielgestaltigen Klangwelten erlaubt. Claudia Helmert

LA Priest

LA Priest

Into the Sky

Als Samuel Eastgate 2004 die Indie-Elektroband Late of the Pier gründete, schrieb er parallel bereits an eigenen Songs. Die Band löste sich auf, Eastgate zog nach Grönland und kooperierte eine Zeit lang mit Connan Mockasin als Soft Hair. 2015 veröffentlichte er schließlich sein erstes Soloalbum »Inji« unter dem Namen LA Priest – obwohl er zwischenzeitlich in Wales lebt. Aber der Synthesizer-Sound, den er auch auf seinem nun vierten Album »Into the Sky« zelebriert, lässt durchaus neongetränkte Achtziger-Jahre-LA-Vibes aufkommen. Geschrieben, produziert und abgemischt hat er die aktuelle Platte gemeinsam mit seinem langjährigen Freund Alex Ridha, alias Boys Noize. Trotzdem klingt das Album weiterhin nach Bedroom-Produktion. Der introvertierte Synthpop-Sound ist geblieben und in zehn Pop-Miniaturen gegossen. Er habe dieses Album zum Tanzen gemacht, sagt Eastgate. Aber bewegen wird man sich dazu vermutlich weniger in langen Clubnächten, sondern eher auf der Afterparty im eigenen Schlafzimmer. Die Tracks sind zu quer und eigenwillig, um den Mainstream zu erobern. Geprägt ist der Sound auf dem Album vor allem durch einen Vintage-Synthesizer vom Typ Korg 800 DV, aber auch von Eastgates Eigenbau, dem »Polygene«. Das versetzt »Into the Sky« einen wunderbar eigenwilligen, experimentellen Sound, der den melancholischen Synthpop der Achtziger absorbiert und als etwas völlig Neues ausschwitzt. Lars Tunçay

Hermanos Gutiérrez

Hermanos Gutiérrez

Los Ojos del Cóndor

Hinter Hermanos Gutiérrez verbergen sich die Brüder Alejandro und Estevan Gutiérrez. Ihr Vater stammt aus der Schweiz, die Mutter aus Ecuador und der Urgroßvater aus Peru. Die Verbindung zu Südamerika ist also tief in ihrer Familiengeschichte verankert. »Los Ojos del Cóndor« soll ein »Liebesbrief an Südamerika« sein. Diese Liebe schwingt neben dem Faible der beiden für Western-Soundtracks und Blues auf den bisherigen sechs Alben immer mit. Diesmal ist sie explizit. Alejandro hat das ganze Album auf jener Gitarre mit Nylonsaiten eingespielt, die er mit acht Jahren von seinem Vater geschenkt bekam. Estevan griff erstmals zur Charango, einem für die Andenregion typischen Saiteninstrument. Das Resultat ist gewohnt hypnotisch und entschleunigend. Hermanos Gutiérrez sind mittlerweile eine angenehme Konstante in der wunderbaren Welt der Instrumentalmusik, die Khruangbin vor gut einer Dekade sanft revolutioniert haben. Produziert hat das Album wieder einmal Dan Auerbach von den Black Keys. Er ist so etwas wie der Entdecker von Hermanos Gutiérrez und Freund aus den Anfangstagen. Er hat sie einem breiteren Publikum zugänglich gemacht. Auerbach, der sogar mal eine Platte von Lana Del Rey produzierte, ist ausgewiesener Experte für Soul und Blues und besitzt obendrein mit Easy Eye Sound ein renommiertes Aufnahme-Studio in Nashville. Die perfekte Adresse für den atmosphärischen Sound des neuen Albums. Kay Engelhardt

Interpol

Interpol

This Mirror weighs a Ton

Knapp 25 Jahre sind vergangen, seit Interpol die New Yorker Großstadt-Malaise des damals noch jungen Millenniums auf ihrem Debüt »Turn on the bright Lights« verewigt haben. Sieben Alben später gießt die Band jetzt das großstädtische Lebensgefühl im Jahr 2026 mit »This Mirror weighs a Ton« in akustische Form. Die Kameratechnik auf dem Cover und die thematische Auseinandersetzung mit der technischen Maschinerie, die besonders in der Stadt längst untrennbar mit der menschlichen Existenz verschmolzen ist, erzeugen eine beeindruckende Gesamtwirkung. Darauf zahlt auch die musikalische Gestaltung ein: Die unverwechselbare Stimme von Sänger Paul Banks wird mit unterschiedlich texturierten Halleffekten belegt und erinnert dadurch wie in »Sudden« mitunter sogar an Lautsprecherdurchsagen, die das Geschehen von außen kommentieren. Zusammen mit den dichten Klanglandschaften, durch die sich die Erzählerstimme in den Songs manövriert, fühlt man sich wie auf einem melancholischen Spaziergang durch eine moderne Großstadtsilhouette. Konzentriertes Zuhören mit Kopfhörern lohnt sich, denn die Songs sind so detailreich und mit Experimentierfreude ausgestaltet, dass sie beim ersten Hören nicht vollumfänglich erfassbar sind. Anders als bei den auf Songwriting- und Produktionsebene ermüdenden letzten beiden Alben überzeugt die Produktion hier auf ganzer Linie mit Klarheit und einem guten Gespür für musikalische Akzente. Auch wenn das Album zwei Songs weniger hätte vertragen können, kann der nächste Durchlauf gar nicht schnell genug kommen. Jakob Semmer

King Gizzard and the Lizard Wizard

King Gizzard and the Lizard Wizard

Alien Metal

In der Schaltzentrale der glubschäugigen und schleimig anmutenden Alien-Pfütze lenkt ein putziges Mini-Metallmännchen die Geschicke. Ein Amalgam aus Glibber und Metall. »Alien Metal« also. Aber wer jetzt denkt, hier warte ein Metal-Album: Weit gefehlt! Die umtriebige australische Band hat 2023 nach dem unausgegorenen »Butterfly 3000« mit »The Silver Cord« ihr zweites elektronisches Album vorgelegt. Das seitdem kontinuierlich wachsende Interesse der Band an modularen Synthesizern schlägt sich auch bei ihren Konzerten seit Ende 2024 in ausufernden Elektronik-Interpretationen ihrer Songs nieder. So auch bei »Alien Metal«. Das klingt zu großen Teilen deutlich düsterer als noch »The Silver Cord« und wagt einen vielfältigeren Griff in die elektronische Trickkiste: Von modulierten Gesangsspuren, Breakbeats (»Level 5«), Claps vom Band (»Superheavy, Supercritical«) und Crescendo-Drops bis Psytrance-Sounds (»Sapience«) ist alles dabei. Bewanderte Fans von elektronischer Musik lockt das mit Sicherheit nicht hinterm Ofen hervor. Wegweisendes oder Außergewöhnliches ist auf »Alien Metal« schlicht nicht zu finden. Wie die Band es aber schafft, sich authentisch und handwerklich überzeugend neuen Genres zu widmen und trotzdem klar erkennbar bei sich zu bleiben, ist immer wieder beeindruckend. Die neuesten Mitschnitte vom eigenen Festival der Band zeigen, dass die Songs – wie so oft bei elektronischer Musik – live mehr zu bieten haben als auf Platte. Jakob Semmer

Endless Wellness

Endless Wellness

Domino Days

»Das Meiste beginnt mit einem Knall«, singen Endless Wellness zu Beginn von »Nur das Beste«, dem Opener ihres neuen Albums »Domino Days«. Ob die Aussage in dieser Allgemeingültigkeit haltbar ist? Fest steht jedenfalls: Die Geschichte von Endless Wellness begann mit einem Knall, und zwar konkret vor zwei Jahren mit ihrem Debüt-Album »Was für ein Glück«. Ja, was für ein Glück, dass es diese Band gibt!, dachten sich viele damals, so auch ich. Warum? Vielleicht, weil es schon lange keine Band mehr gegeben hat, die in ihren Songs auf so einnehmende Weise Wut und Zärtlichkeit verbindet, ohne sie dabei zu versöhnen – und damit zu neutralisieren. Genau das gelingt der Band auch auf dem hier vorliegenden Zweitwerk, das klanglich ans Debüt anknüpft, aber auch einige Stellschrauben weiterdreht: So klingt »Domino Days« deutlich ausproduzierter und druckvoller, ohne dass die Wiener Band dabei die liebgewonnene Roughness einbüßt. Im Gegenteil: Die Gitarren quietschen und knartschen so charmant, wie man es vielleicht seit Pixies’ »Surfer Rosa« nicht mehr gehört hat. Dazu schreit Sänger Philipp Auer sich wie gewohnt die Seele aus dem Leib – mal kryptisch, mal konkret, doch immer irgendwie ehrlich und unprätentiös. So wie im abschließenden »So allein sollen wir nie wieder sein«, das man angesichts der politischen Verhältnisse 2026 im besten aller Sinne als Antizeitgeistsong bezeichnen kann. Luca Glenzer

Han Han Huhman Man

Han Han Huhman Man

Anti-Shock

»Schaaaatz. Kannst du mal kommen? Der Han Han ist wieder im Keller!« – Kein Grund zur Sorge, der will nur spielen. So will es zumindest die vorsichtig platzierte Geschichte: Nach acht Jahren der (angeblichen???) Insolvenzverschleppung und einer kreativen Phase im Heizungskeller taucht das scheue Leipziger Musik-Projekt wieder aus dem Untergrund auf. Auf großflächige Werbung und Ankündigung legt Han Han Huhman Man nicht so viel Wert. Auftritte finden eher zusammen mit oder als Vorband von anderen Bands statt (wie Das Publikum mit einem ehemaligen und einem aktuellen kreuzer-Musikredakteur an Gitarre und Bass). Insgesamt lässt Han Han Huhman Man lieber die Kunst für sich sprechen als Social Media. Drum wollen wir uns hier auch darauf konzentrieren. Die Musik auf »Anti-Shock« hat durchaus etwas Fragiles und atmet die Atmosphäre des Heizungskellers: Lo-Fi-Post-Pop vom Feinsten, zwischen reduzierten, minimalistischen Melodien – wie in »Klavier« – und verzerrten, explosiven Gitarren – wie in »Bitterfeld« – wechselnd. Dessen Titel-Zusatz »(live im Keller)« ist auf »Anti-Shock« absolut Programm. Han Han gräbt textlich in dem, was die Gesellschaft gerne vergräbt, abstellt und aus dem Blick haben will: Stress und Leistungsdruck (»Motivationshymne«), Einsamkeit und Eintönigkeit (»Sonntag und Gestern«) oder auch Verlust und Abschied (»600 Kreuze«). Das ist all das, was nicht so zu Selbstoptimierung und Hochglanzpräsentation passt, aber trotzdem überall in der Gesellschaft zu finden ist. Han Han Huhman Man holt diese Themen vorsichtig aus dem Keller in unsere Wohnzimmer und Clubs. Wichtig und kein Grund zur Sorge. Kerstin Petermann

Grodock + Carsten Vollmer

Grodock + Carsten Vollmer

Sekunde

Höchste Töne schlägt Grodock, der Fantasiesprachen-Alias von David Leutkart, an, um den Glanz des »Stahlbad[s]« hörbar zu machen. Man lauscht der bedrohlichen Weite, dem Grau, der Kühle in dem gerade mal 36-sekündigen Stück. Eines von vielen auratischen Nummern des Mitbegründers vom Leipziger Noise Label Grubenwehr Freiburg. Dessen Titel verweist auch auf sein ambitioniertes Ziel, nämlich experimentelle Musik aus dem Untergrund zu retten beziehungsweise zu bergen, zu bewahren. Daran schließen sich mehrere Stücke Carsten Vollmers an, deren roher, brachialer Sound anfangs bedrängt und alsbald in eine geräuschvolle, tragende Trance lockt. Er bezeichnet sich selbst als Noise-Aktivist, ist Begründer des Labels Cat Killer und erkundet mit selbst gebauten Instrumenten bisher ungehörte Klanglandschaften. Und zwischen der bemerkenswert langen Songliste des Albums »Sekunde« entladen sich die Kräfte der verschieden gepolten Klänge hörbar: Die sphärische Weite Grodocks leuchtet, während sie auf Vollmers lärmende Unruhe trifft. Der Zusammenklang kulminiert in den Stücken »Die Tanzende Sekunde« und »Die Sekunde«, bei denen so eine Art hohe, hektische Frequenzeinstellungen einen ungehörten Sog in den Suchlauf aufwirbeln. Ebenda formt sich im Flirren und Rauschen, im Quietschen und Knistern ein hypnotischer Rhythmus – ungeheuerlich! Was für eine elektrisierende Kollaboration. Claudia Helmert

Glen Hansard

Glen Hansard

Don+t Settle: Transmission East & West

Rund zehn Jahre ist es her, da betrat Glen Hansard die Bühne im Gewandhaus. Leonard Cohen war wenige Tage zuvor verstorben und es wurde ein bewegender Abend mit vielen Coverversionen von Cohen und Van Morrison, Hansards ewigem Helden. Als finalen Höhepunkt sang und spielte das 16-köpfige Ensemble ein 20-minütiges Medley, zunächst »So long, Marianne« und schließlich als Spielmannszug die Treppen rauf und runter »Passing Through«. Glückstrunken torkelten wir aus dem Saal, die pure Essenz des Glücks, die nur Musikmachen möglich macht, hatten wir in uns aufgesogen. Am 29. Juli 2026 erreichte die Welt die Nachricht, dass Glen Hansard bei einem Motorradunfall ums Leben kam. Gerade erst hatte er einen Querschnitt seiner Karriere auf Platte veröffentlicht. Von den Anfängen mit The Frames über die Zusammenarbeit mit Markéta Irglová als Swell Season bis hin zu seinen Soloalben und natürlich der einen oder anderen Interpretation der Songs, die ihn prägten. Natürlich ist »Don+t Settle« kein schlichtes Best-of, sondern eine Feier der Songs in ihrem natürlichen Umfeld: der Bühne. An zwei Abenden spielte er sie im Funkhaus Berlin ein, sang seine Lieder gemeinsam mit dem Publikum, so wie er es am liebsten tat, roh, natürlich, einzigartig, ohne zweite Takes oder Overdubs. »I’m grateful every day for this good life of singing.« So ist es in den Liner Notes zu lesen. Und wir sind dankbar, dass er es uns bei jeder Gelegenheit hat spüren lassen. Lars Tunçay

The Strokes

The Strokes

Reality Awaits

Seit »Comedown Machine« von 2013, auf dem die Strokes sich vor lauter Ideenlosigkeit selbst fast begraben hätten, sind bisher nur zwei neue Alben des Quintetts erschienen. Mit »The New Abnormal« schien sich 2020 ein zweiter Frühling in der Karriere der Strokes anzubahnen. Kritik wie Fans feierten das Album, das sich durch die Mischung aus altbekannten Stärken und Experimentierfreudigkeit auch heute noch knackig und frisch anhört. Mit »Reality Awaits« legen sie dafür jetzt einen waschechten Spalter vor, der entweder als verkanntes Meisterwerk gefeiert oder als Enttäuschung des Jahres verschrien wird. Das große Corpus Delicti der Debatte: die Liebe zum Autotune, der Sänger Julian Casablancas bisher vor allem in seiner zweiten Band The Voidz zügellos gefrönt hat. Diese lebt er jetzt auch auf »Reality Awaits« voll und ganz aus. Auf dem umwerfenden und für die Strokes ungewohnt düsteren Opener »Psycho Shit« geht das wunderbar auf und verleiht dem Song durch die digitalen Brüche im Gesang Dramatik. »Falling Out Of Love« gewinnt an Spannung, weil die Stimme in ihrer unmenschlichen Modulation einer rührseligen und zuckersüßen Ballade entgegengesetzt wird. »Dine N’Dash« und »Going to Babble On« treiben dagegen seltsam in Struktur und Melodie formlos und eindimensional dahin, und mit dem Closer »Tyrants of the Mellow Moon« schleicht sich das Album schließlich langsam und unauffällig aus dem Raum. Ein großer Wurf ist das Album nicht geworden, aber ein gescheitertes Experiment ist bei einer Band vom Kaliber der Strokes immer noch sehr viel wünschenswerter als bequemer Stillstand. Jakob Semmer

The Rolling Stones

The Rolling Stones

Foreign Tongues

Niemand hat wohl damit gerechnet, dass die Stones nach ihrem Vorgänger »Hackney Diamonds« noch mal so eine Platte hinlegen werden. Und das in noch nicht mal drei Jahren. Und es ist ihnen doch recht gut gelungen. Mit dem Opener »Rough And Twisted« lassen sie es gleich richtig krachen, um dann mit »In The Stars« in Richtung Stadionhymne abzubiegen. Insgesamt ist die Platte wieder etwas Jagger-lastig und auch der Produzent Andy Watt durfte sich erneut verstärkt einbringen, was der Platte einen frischen, aber auch etwas glatten Sound beschert. Trotzdem: Ausfälle gibt es keine, tanzbar ist alles und klingt nach einer gelungenen Mischung aus 1978 und 2026. Das erneute All-Star-Ensemble (u. a. Robert Smith, Steve Winwood) hält sich dieses Mal etwas mehr im Hintergrund, lediglich Paul McCartney ist bei »Covered In You« deutlicher herauszuhören, was die Platte aber noch farbenfroher macht. Ordentliche Kracher (»Hit Me In The Head«) stehen wieder gelungenen Balladen (»Back In Your Life«) gegenüber. Auch der obligate Richards-Song (»Some Of Us«) fehlt nicht. Hier hätte es etwas mehr Gitarre im Vordergrund sein können. Eine schöne Idee ist die Verneigung vor Amy Winehouse (»You Know I’m No Good«), und als Ausklang einen Song von ihrem Idol Chuck Berry (»Beautiful Delilah«) zu wählen, ist schon sehr stilvoll! Christian Geschke

Lee »Scratch« Perry & Mouse on Mars

Lee »Scratch« Perry & Mouse on Mars

Spatial, No Problem

Welch Kombination! Der Upsetter, Don Dada des Dub und seit den 1980ern vor allem Lieferant kryptischer Vocals als wandelndes Ego-Kunstwerk, trifft auf die experimentellen Frickel-Freaks in Groove-Laune. Wie zu frühen Too Pure-Tagen. In direkter Zusammenarbeit, drei Tage 2019 in Berlin, mit wunderbar pulsierenden Gastmusiker:innen. Was, wie sich herausstellen sollte, zudem die finale Studio-Produktion von Perry war, der 2021 endgültig den Planeten verließ. Eine Platte, die bewusst kein Reggae ist, aber viel Dub atmet, eklektisch cool verbunden mit Jazz, Kraut oder Ambient sowie beim grandiosen Abgangsstück »State Of Emergency«, geradezu den eigenen Trauermarsch trommelnd, sogar New Orleans Brass. Für Lee »Scratch« Perry bildet das einen würdigen Abschluss, der sich mit dem letzten On-U Sound-Album einreiht. Für Mouse on Mars ist das ein weiterer Kooperationsclash-Triumph nach »Tromatic Reflexxions«, dem als Von Südenfed veröffentlichten Album mit einem anderen nun toten Krypto-Vokalisten: Mark E. Smith von The Fall. Kommt mit gutem Booklet-Text und online in passender Visualisierung. Alexander Pehlemann

Nichtseattle

Nichtseattle

Große Liebe

Es braucht Mut, ein Album »Große Liebe« zu nennen. Kaum ein anderes Wort ist so groß, so aufgeladen und gleichzeitig so schwer zu fassen. Katharina Kollmann, die unter dem Namen Nichtseattle seit einigen Jahren zur deutschsprachigen Indie-Szene gehört, nimmt diese Herausforderung an – nicht mit Pathos, sondern mit einer Musik, die leise beginnt und lange nachhallt. Schon mit ihrem Debüt »Wendekid« verarbeitete die in Berlin aufgewachsene Musikerin Biografisches. Nach »Kommunistenlibido« und dem Doppelalbum »Haus« legt sie mit »Große Liebe« ein Album vor, das persönlicher kaum sein könnte und doch weit über das Private hinausweist. Liebe erscheint hier nicht als romantisches Ideal, sondern als Kraft, die trägt, verletzt, verbindet und herausfordert. Musikalisch bewegt sich Nichtseattle zwischen fragilen Folk-Momenten, Indie-Rock und der Tradition des deutschsprachigen Liedes. Die Arrangements der zehn Songs wirken oft bewusst ungeschliffen, irgendwie roh, und gerade darin liegt ihre Stärke. Wo andere Produktionen Emotionen glätten, lässt Katharina Kollmann Brüche stehen. Ihre Stimme tastet sich vorsichtig voran, gewinnt aber gerade aus dieser Zerbrechlichkeit eine eindringliche Kraft. In der deutschen Musiklandschaft nimmt Nichtseattle damit eine besondere Stellung ein. Wie Masha Qrella oder Stella Sommer von Die Heiterkeit verbindet sie literarische Sprachbilder mit einer unverwechselbaren musikalischen Handschrift. Gleichzeitig erinnert ihre Fähigkeit, Intimes und Gesellschaftliches miteinander zu verweben, an Künstlerinnen, die Pop als Kunstform verstehen und nicht nur als Unterhaltung. Dennoch bleibt Nichtseattle unverwechselbar: weniger distanziert, unmittelbarer, verletzlicher. Kerstin Petermann

Pokey LaFarge

Pokey LaFarge

Rent Money

LaFarge hat in seiner zwanzigjährigen Laufbahn viele Genres, die prägend für die 1950er bis 1970er waren, interpretiert, miteinander verschmolzen und neu erfunden. Jazz, Blues, Reggae und Rock’n’Roll mögen als grobe Koordinaten genügen. Für »Rent Money« lag ihm insbesondere der frühe Rock’n’Roll der Chicago-Szene am Herzen. Aus dem Munde des Künstlers klingt das wie folgt: »Ich wollte mich auf meine Essenz zurückbesinnen. Simple Strukturen, weniger Akkorde, weniger Bewegung. Zurück zur kindlichen Einfachheit meiner frühen Platten.« Howlin’ Wolf und Chuck Berry sind in diesem Kontext nennenswerte Einflüsse. Produziert wurde das vorliegende Album von Elliot Bergman. Dieser hat selbst ein paar Instrumente eingespielt. Seine Schwester Natalie Bergman war mit von der Partie. Gemeinsam mit LaFarges Ehefrau Addie Hamilton hat sie die warmen Background Vocals beigesteuert, die den lässigen Gesang des Lead-Sängers perfekt ergänzen. Neben dem ewigen Thema der Liebe kreisen viele Songs um etwas, das nur wenige von uns kalt lässt: den schnöden Mammon. Oder genauer gesagt – um den ökonomischen Druck des Alltags: »Als ich an dem Album arbeitete, war ein beherrschendes Thema, dass gerade alles immer teurer wird. Und dass Eltern kaum noch ihre Kinder sehen, da alle in zwei Jobs gleichzeitig arbeiten müssen.« Glücklicherweise macht der positive Drive von »Rent Money« diese unangenehme Wirklichkeit ein ganzes Stück erträglicher. Kay Engelhardt

Jon Batiste

Jon Batiste

Black Mozart (Batiste Piano Series Vol. 2)

Black Mozart (Batiste Piano Series Vol. 2)

So einflussreich die Hochphase der klassischen Musik bis heute ist, so weiß ist sie doch viel zu oft in ihrer äußeren Repräsentation geblieben. Höchste Zeit also, das zu ändern – dachte sich wohl auch Jon Batiste, der sein neues Album nicht ganz zufällig »Black Mozart« getauft hat. Der US-amerikanische Pianist setzt damit seine preisgekrönte »Batiste Piano Series« fort, die zuletzt vor zwei Jahren mit »Beethoven Blues« ein großes mediales Echo hervorgerufen hat. Nun könnte man getrost einwenden, dass es Beethoven- und Mozart-Interpretationen wie Sand am Meer und Swifties in den sozialen Medien gibt. Und in der Tat könnte man das Gros der darauf versammelten Melodien von »Alla Turc« bis »Gospel Andante« potenziell von einschlägigen »Klassik für Kinder«-Compilations kennen. Interessant sind daher vielmehr die musikalischen Zwischenräume, die Batiste wie bereits auf seinem Vorgänger mit großem Mut zur (unbedingt notwendigen!) Majestätsbeleidigung neu belebt. So wimmelt es von Blue Notes und kleinen dissonanten Spannungen, die sich aber zumeist nach kurzer Zeit wieder im harmonischen Wohlgefallen auflösen. Zwar besticht die Platte an vielen Stellen mit einem im oft doch eher steifen Klassikkosmos nur selten zu hörenden spielerischen Feingefühl. Doch eins mit Langzeitwirkung, wie Batiste es etwa mit seinem hochgelobten Album »We are« (2021) bereits kreiert hat, wird »Black Mozart« eher nicht werden. Wer nun aber im Jahr 2026 unbedingt das Gefühl haben sollte, Mozart entdecken zu wollen, der sollte am besten mit dieser Platte anfangen. Luca Glenzer

Papperlapapp

Papperlapapp

Live at Aquarium

Live at Aquarium

Lautgedichte formt sie, bringt die Melodie, die Silben und Worten innewohnt, zum Klingen. Die Leipziger Sängerin Nora Benamara reiht dadaistische Versatzstücke aneinander, die um die geräuschvollen, zumeist dunklen Synthesizer-Impulse irrlichtern. Was für eine eindrucksvolle Onomatopoesie, ein starkes Stück! Dieser zweite Song ohne Namen, der gemeinsamen Improvisation der Leipziger Sängerin mit dem Klangkünstler Leon Goltermann zeigt, wie die beiden ihre vermeintlichen Gegensätze gegeneinander ausspielen: Der organische, leibliche Gesang, Helligkeit und Verletzlichkeit, stehen den brachialen, elektronischen Maschinensounds, Dunkelheit und Unumstößlichkeit nicht gegenüber – vielmehr schaffen sich die beiden ihre eigene Klangkulisse, deren Aufbau durch die Echtzeitmusik hörbar wird. Der Einstieg klingt noch fragil, doch bereits mit der dritten Improvisation sind die beiden umtriebig, man bekommt den Eindruck, als würden sie einen gemeinsamen Film imaginieren, den sie mit Geräuschen konturieren, mit Melodiefragmenten vorantreiben und mit ihrer Präsenz ausmalen. Wie der Albumtitel schon vorgibt, lauschen wir dem Konzert des Duos Papperlapapp im Leipziger Osten im Herbst 2025. Darauf ist übrigens auch die mitreißende Wirkung gebannt, die hier als kleine Zusammenfassung noch erwähnt sei: Am Ende der Stücke träumt das Publikum die Songs noch einige Augenblicke weiter, bis schließlich der lautstarke Applaus einsetzt. Claudia Helmert

Warning

Warning

Rituals of Shame

Rituals of Shame

Wer dachte, Boards of Canada würden sich 2026 mit ihrem neuen Album »Inferno« (s. kreuzer 7/2026) und den 13 Jahren, die seit dem Vorgänger vergangen sind, den Preis für die längste Zeit zwischen zwei Alben sichern, wird hiermit enttäuscht: Warning legen noch mal ganze sieben Jahre drauf und kehren nach ihrem herzzerreißenden Doom-Metal-Meilenstein »Watching from a Distance« mit »Rituals of Shame« zurück. Wer sich nicht bereits nach den ersten paar Akkorden des Titelstücks sicher ist, dass hier eine Warning-Platte läuft, weiß es spätestens, wenn der unverkennbar melodische und emotional gewichtige Gesang von Band- leader Patrick Walker einsetzt. »Rituals of Shame« könnte fast in derselben Session wie »Watching from a Distance« aufgenommen worden sein, so stark ist die klangliche Identität des Projektes, wäre da nicht eine deutliche Unterscheidung im Mixing festzustellen. Der Sound der neuen Platte ist wärmer und runder, büßt dadurch aber im direkten Vergleich mit dem kälteren und verhallten Vorgänger, ein wenig an Mystik und Charakter ein. Auch musikalisch wagen Warning vorsichtige Neuerungen: Die Arrangements fallen etwa auf dem Titeltrack und »Teacher« verspielter und weniger uniform aus als bisher. Auf der anderen Seite fallen die rohe Emotionalität von Walkers Stimme und den Texten aber auch hin und wieder seinem neu gefundenen Hang zu ausufernd verschlungenen Gesangsmelodien zum Opfer. »Rituals of Shame« ist trotzdem ein nahezu makelloser Nachfolger, der das Pech hat, mit einem perfekten Meilenstein verglichen zu werden. Jakob Semmer

Ed O’Brien

Ed O’Brien

Blue Morpho

Blue Morpho

Natürlich muss hier der Name Radiohead fallen. Schließlich ist die Band aus Oxford absolut einzigartig in der Musikindustrie, veröffentlicht nur noch einmal pro Dekade ein neues Album, ohne sich um Erwartungen zu scheren, und existiert so weitgehend krisenfrei in gleicher Besetzung seit mehr als dreißig Jahren. Der kommerzielle und künstlerische Erfolg bringt aber auch einen gewissen Druck mit sich. Der Kahn ist schwerfällig geworden. Thom Yorke und Johnny Greenwood haben sich davon bereits solo und in ihrem Seitenprojekt The Smile freigespielt. Nun legt Gitarrist Ed O’Brien den Nachfolger zu »Earth« vor. Auf seinem 2020er Solo-Debüt probierte er noch recht frei diverse Stile aus und ließ dabei einen roten Faden vermissen. Das ist jetzt anders. »Blue Morpho« ist ein kohärenter Trip ins Unterbewusstsein. Der Titel beschreibt die Phase der Entstehung. O’Brien verarbeitet mit dieser Musik eine langwierige Depression. Die Musik, die in seinem Haus in Wales entstand, eröffnete ihm einen Ausweg. Die sieben Stücke klingen dennoch alles andere als dunkel und deprimierend. Vielmehr schimmert immer die Hoffnung durch die rund 40 Minuten Singer/Songwriter-Pop, mal reduziert mit der Akustikgitarre, mal groß arrangiert mit Orchester, produziert von Paul Epworth (Adele). Ein selbstbewusstes, eigenständiges Werk, das einem auch wieder O’Briens Einfluss auf den Sound seiner Band vor Ohren führt. Lars Tunçay

Julia Holter

Julia Holter

Materia

Materia

Julia Holter hat sich nie für den geradlinigen Popsong interessiert. Stattdessen erschafft die kalifornische Sängerin Klanggebilde, in denen sich Kammermusik, Avantgarde, Jazz und Art Pop zu etwas Eigenständigem verbinden. Mit »Materia« setzt sie diesen Weg fort – allerdings weniger als klassisches neues Kapitel, sondern eher als Reflexion über das Material ihrer jüngeren Arbeiten. »Materia« versteht sich als Schwesterwerk zum Vorgänger »Something in the Room she moves«. Die sieben Tracks kreisen um dieselben Fragen nach Bewegung, Erinnerung und Wahrnehmung, ohne sich dabei zu wiederholen. Schon die Vorabsingle »Fantasy« deutet an, wohin die Reise geht: Schwebende Harmonien treffen auf fragile Rhythmen, Melodien tauchen auf und lösen sich wieder auf, während Holters unverwechselbare Stimme den Kompositionen einen beinahe körperlichen Ausdruck verleiht. Vieles wirkt improvisiert, doch hinter der scheinbaren Schwerelosigkeit steht eine beeindruckende kompositorische Präzision. Vor allem in den offenen Passagen entsteht die Spannung, die Julia Holters Musik seit Jahren auszeichnet. »Materia« verlangt Aufmerksamkeit und Geduld. Es ist kein Album fürs schnelle Durchspielen, sondern eins, das mit jeder Begegnung neue Details entdecken lässt. Wiederkehrende Motive entfalten ihre Wirkung eher als Erinnerungsfragmente, denn als klassische Leitmelodien. So entsteht ein Werk, das weniger Geschichten erzählt als Räume öffnet – für Assoziationen, Stimmungen und Zwischentöne. Julia Holter bestätigt damit einmal mehr ihren Ruf als eine der eigenständigsten Künstlerinnen der Gegenwart. Wer bereit ist, sich auf ihre vielschichtigen Klanglandschaften einzulassen, wird belohnt. Kerstin Petermann

Brutalismus 3000

Brutalismus 3000

Harmony

Harmony

In einem der dämlichsten musikjournalistischen Artikel des letzten Jahres wurde extra ein Kriminologe engagiert, um sich mit den Texten des Berliner Rave-Pop-Duos Brutalismus 3000 auseinanderzusetzen. Der kam zu dem Schluss, dass die beiden aufgrund ihrer drastischen Sprache und Gewaltdarstellungen zwar »lästig und abstoßend« seien, aber zumindest nicht verboten werden müssten. Na, Gott sei Dank, sonst wäre uns nämlich eines der aktuell interessantesten deutschen Pop-Phänomene verloren gegangen – interessant gerade wegen der Drastik in Sprache und Sound. Mit ihrem übersteigerten Mix aus Hardcore-Techno, Gabber und Punk (quasi Blümchen in dystopisch) traf das Duo einen Nerv, wie man so sagt, und avancierte kurzerhand zu einem der international angesagtesten deutschen Pop-Acts der letzten Jahre. Diese Internationalisierung hört man dem zweiten Album »Harmony« deutlich an. Statt auf Deutsch und Slowakisch wie noch auf dem Debüt »Ultrakunst«, singt Victoria Daldas diesmal vor allem auf Englisch. Auch der Sound löst sich von seinen Berliner-Techno-Bunker-Ursprüngen und wird durch verschiedene Einflüsse wie Metal-Gitarren, Trap-Beats und Hyperpop-Eskapaden erweitert. Ansonsten machen Brutalismus 3000 halt das, was sie gut können: hart eskalieren! Übersteuerte Bässe, hämmernde Kicks, aggressiv verzerrte Vocals – das Ganze ist mal wieder ein Fest für Freundinnen und Freunde überreizten Geballers. Stellenweise hat man es mit der Übertreibung dann aber doch etwas übertrieben. Vor allem die erste Hälfte des Albums ächzt unter der Last der Eskalation und man atmet auf, wenn mit dem Track »Morning is for the Happy« eine dringend nötige Spoken-Word-Verschnaufpause eingelegt wird. Aber gut, das ist Meckern auf hohem Niveau, besser als die meisten anderen deutschen Pop-Exporte (Was gibt’s da? Scorpions, Modern Talking, Rammstein?) ist das Ganze allemal! Yannic Köhler