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Nichtseattle

Nichtseattle

Große Liebe

Es braucht Mut, ein Album »Große Liebe« zu nennen. Kaum ein anderes Wort ist so groß, so aufgeladen und gleichzeitig so schwer zu fassen. Katharina Kollmann, die unter dem Namen Nichtseattle seit einigen Jahren zur deutschsprachigen Indie-Szene gehört, nimmt diese Herausforderung an – nicht mit Pathos, sondern mit einer Musik, die leise beginnt und lange nachhallt. Schon mit ihrem Debüt »Wendekid« verarbeitete die in Berlin aufgewachsene Musikerin Biografisches. Nach »Kommunistenlibido« und dem Doppelalbum »Haus« legt sie mit »Große Liebe« ein Album vor, das persönlicher kaum sein könnte und doch weit über das Private hinausweist. Liebe erscheint hier nicht als romantisches Ideal, sondern als Kraft, die trägt, verletzt, verbindet und herausfordert. Musikalisch bewegt sich Nichtseattle zwischen fragilen Folk-Momenten, Indie-Rock und der Tradition des deutschsprachigen Liedes. Die Arrangements der zehn Songs wirken oft bewusst ungeschliffen, irgendwie roh, und gerade darin liegt ihre Stärke. Wo andere Produktionen Emotionen glätten, lässt Katharina Kollmann Brüche stehen. Ihre Stimme tastet sich vorsichtig voran, gewinnt aber gerade aus dieser Zerbrechlichkeit eine eindringliche Kraft. In der deutschen Musiklandschaft nimmt Nichtseattle damit eine besondere Stellung ein. Wie Masha Qrella oder Stella Sommer von Die Heiterkeit verbindet sie literarische Sprachbilder mit einer unverwechselbaren musikalischen Handschrift. Gleichzeitig erinnert ihre Fähigkeit, Intimes und Gesellschaftliches miteinander zu verweben, an Künstlerinnen, die Pop als Kunstform verstehen und nicht nur als Unterhaltung. Dennoch bleibt Nichtseattle unverwechselbar: weniger distanziert, unmittelbarer, verletzlicher. Kerstin Petermann


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