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Dokblog 2013

Existenz in den Brüchen des 20. Jahrhunderts

Dem Dokumentarfilmer Peter Voigt, der in diesem Jahr seinen 80. Geburtstag feierte, widmet DOK Leipzig eine Hommage

  Existenz in den Brüchen des 20. Jahrhunderts | Dem Dokumentarfilmer Peter Voigt, der in diesem Jahr seinen 80. Geburtstag feierte, widmet DOK Leipzig eine Hommage

DOK Leipzig 2013_Peter Voigt (c) Katharina Behling»Lieber Gott, erspar' mir in einer uninteressanten Zeit zu leben … oder so.« – Diesen Satz spricht eine der Figuren in »Engel aus Eisen«, einem Film von Thomas Brasch. Er drückt mit Witz doch deutlich eine Angst vieler Künstler aus und könnte auch die allabendliche Einleitung eines bescheidenen Bettgebets eines jeden Dokumentarfilmers sein: Alles, ich werde mit allem fertig, nur bitte keine Langeweile in meiner Zeit. Denn eine uninteressante Zeit liefert kaum Material für einen Dokumentarfilm. Peter Voigt nun, der von DOK Leipzig in diesem Jahr mit einer Hommage geehrt wird, ist in diesem Punkt, sofern die Kirchenmetaphorik beibehalten werden soll, gesegnet.

Denn er kann sich keinesfalls beschweren, in einer uninteressanten Zeit gelebt zu haben und zu leben. Seinen Werdegang pflastern große Steine oder besser: Steine mit großen Etiketten drauf. Bertolt Brecht, Deutsches Theater, Hitlerdeutschland, DDR, Ernst Busch, Peter Palitzsch, Heiner Müller, DEFA, Konrad Wolf – diese Liste wäre leicht fortzuführen. Das Epizentrum dieser Liste, die Person, auf die alles immer wieder zu sprechen kommt, ist aber ganz klar Brecht. Nachdem Peter Voigt eine Ausbildung zum Bühnenbildner an den Städtischen Bühnen in Leipzig aufgenommen hat, bewirbt sich der damals 20-Jährige bei Brecht. »Es kam nur Brecht in Frage, wer sonst«, sagt Voigt selbst und nimmt 1954 im Haus am Schiffbauerdamm seine Tätigkeit als Regie- und Dramaturgieassistent auf. Brecht habe bei ihm seine »Klaviatur installiert«, sagt Voigt später und wirkt darüber hinaus als Autor, Darsteller, Sprecher, Zeichner, Bühnenbildner. Bald schon produziert er erste filmische Arbeiten. Heute, 60 Jahre später, blickt er auf ein Œuvre von 44 Filmen zurück. Peter Voigt ist beruflicher Einzelgänger, fühlt sich keiner Schule verpflichtet. Er entwickelt einen eigenen dokumentarisch-essayistischen Stil, durch Brecht hindurch und über Brecht hinaus.

Voigt lebt eine »Existenz in den Brüchen des 20. Jahrhunderts«, ganz so wie es der Untertitel seines Films »Ich bin Ernst Busch« verkündet, einem Auftragswerk zum 100. Geburtstag Buschs im Jahr 1999. Folgerichtig beginnt sich Peter Voigt gegen Ende der DEFA-Zeit, die den größten Block seines Arbeitslebens ausmacht, mit sich selbst und seiner Geschichte zu befassen. Von 1986 an dreht er vorwiegend Filme, die eben mit seiner Lebensgeschichte oder auch mit deutscher (Theater-)Geschichte zu tun haben. Damit macht er, was einem Künstler unter allen Umständen am besten steht: Er erzählt in seinen Filmen von dem, was er versteht, weil er es erlebt hat. Seine Methode ist immer die gleiche: kühne, ehrliche und mitunter schmerzhafte Collagen von Sachverhalten, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben.

Ohne didaktische Erklärungen kombiniert Voigt Kinderreime mit der Besetzung Polens (»Stein schleift Schere«, 1987), Texte von Marx, Fotografien der Arbeiterbewegung und Musik von Bach (»Fotografien. Texte Marx. Musik Bach«, 1983) oder eben Ernst Busch und der Pergamonaltar (»Ich bin Ernst Busch«, 2000). Das Fragment wird zum Prinzip, die ungewöhnliche Montage zum Mittel. Voigt misstraut dem scheinbaren Holismus klassischer Geschichtsschreibung und vor allem dem existenten Bildmaterial klassischer Geschichtsschreibung. Diese verdecke das eigentliche Durcheinander, das Perspektivische, das Konstruierte, ja mitunter Fiktive von Geschichte. Um historische Erkenntnis zu erlangen, verwendet er das, was die Menschen hinterlassen haben. Wie etwa in »Ich bin Ernst Busch«: Vor dem Hintergrund einer sich wiederholenden Sequenz des Pergamonaltars montiert Voigt dessen Berichte, Tagebucheinträge, Lieder, Dokumente und Notenblätter. Alles wird verknüpft und bleibt doch gezielt zerstückelt. Alles bleibt Ellipse. Der Zuschauer muss aufmerksam folgen.

Die Montage seiner Filme setzt darauf, dass der subjektive Blick zum objektiven werden kann. Durch den Verzicht auf den Blick von oben auf das große Ganze wird gerade jenes große Ganze in all seinen Unverständlichkeiten und Verworrenheiten erst sichtbar. Mit Adorno könnte man sagen, dass sich Peter Voigts Filme durch die Versenkung ins Individuelle zum Allgemeinen erheben und so das Menschliche entfesseln. Aussagen werden bei Voigt eben nicht kategorisiert und eingeordnet, sie bleiben stehen und sprechen für sich. Wunderbar findet das in »Knabenjahre« (1986) statt. Dort interviewt Voigt in einem Spiegelsaal Männer, die in der Hitlerjugend waren. Zwischen den Interviews werden die Spiegel gewischt. Voigt ist der erste, der diesen Männern in der DDR eine Stimme verleiht. Im verordneten Antifaschismus werden solche Fakten gerne unter den Teppich gekehrt und man betrachtet sich selbst als Opfer. Einmal mehr sticht die Kombination der Elemente heraus: Goldfische plus Interviews über die Hitlerjugend plus Musik von Carl Orff. Schrifttafeln unterbrechen den narrativen Rhythmus, einzelne Fakten und Anekdoten stehen im kargen Setting für sich. Das Gesagte wird fast plastisch. Anekdoten lösen sich aus einem schon hundertfach gedeuteten Gesamtzusammenhang, treten als Instanzen heraus und fügen sich mit anderen (auch widersprüchlichen) Erzählungen zu einem nicht homogenen Ganzen. Voigt sitzt mit ihnen vor dem Spiegel, bringt seine eigene Biografie in den Film. Auch er war bei der Hitlerjugend.

Eben jene Ästhetik, die man als eine Ästhetik des Widerstands bezeichnen kann, macht seine Filme aus. Sie spielen zwischen den Zeilen der Geschichte. Sie sind der Sand im Getriebe der Geschichtsschreibung. Sie wenden die Not nicht und lösen keine Widersprüche auf. Voigt möchte in seinen Filmen nicht alles verstehen oder nachvollziehbar erklären können. Stattdessen erinnern sie daran, dass es eine Not gibt, die zu wenden wäre, und dass Zusammenhänge nicht so einfach da sind, wie es scheint. Sie sind gemacht. Chapeau!

> BLOCK 1: Di 29.10., 14 Uhr Passage Kinos Wintergarten (»Stein schleift Schere«, 1986, »Knabenjahre«, 1989)

> BLOCK 2: Mi 30.10., 14 Uhr Passage Kinos Wintergarten (»Martha Lehmann«, 1972, »Dämmerung – Ostberliner Bohème der 50er Jahre«, 1993)

> BLOCK 3: Do 31.10., 11 Uhr Passage Kinos Wintergarten (»Der Ort Die Zeit Der Tod – Ein Heimatfilm«, 1994, »Wieland Förster – Protokoll einer Gefangenschaft. Teil 1: Die Begnadigung«, 1991, »Fotografien. Texte Marx. Musik Bach«, 1983)

> BLOCK 4: Fr 1.11., 11 Uhr Passage Kinos Wintergarten (»Episches Theater«, 1996, »Ich bin Ernst Busch«, 2000, »Heiner Müller: Kentauren«, 1988)


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