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Rezensionen

Silent Friend

Silent Friend

D/HUN/F/CHN 2025, R: Ildikó Enyedi, D: Tony Leung, Enzo Brumm, Luna Wedler, 147 min

Sie sind überall und beobachten uns. Stumme Zeugen der Zeit. Was denken Pflanzen über uns? Was fühlen sie? Die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi (»Körper und Seele«) stellt sich diese Fragen in ihrer Zeitreise durch drei Epochen. 1908 bewirbt sich Grete als erste Frau an der Universität in Marburg. Dort ist sie der Diskriminierung des Lehrpersonals schutzlos ausgeliefert und entdeckt ihre Leidenschaft für die Fotografie. 1972 lebt der junge Student Hannes am Rande der Stadt und verliebt sich in Gundula, ist aber zu schüchtern, den ersten Schritt zu machen. Im Jahr 2020, inmitten der Corona-Pandemie, sitzt schließlich der Wissenschaftler Tony auf dem menschenleeren Campus fest und studiert den Ginkgobaum im Garten der Universität. Der mächtige Baum ist der zentrale Protagonist von Enyedis philosophischem Film. Immer wieder sieht man die Ereignisse aus seiner Perspektive. Makroaufnahmen von Tautropfen, Spinnennetzen und Blättern verleihen dem Film etwas Abstraktes. Geredet wird wenig. In seiner zweieinhalbstündigen Laufzeit entwickelt der vielfach preisgekrönte Film einen Sog. Die Grenzen der Zeit verwischen, werden von einer Linie zu einer Ebene, die assoziativ alles vereint, ganz ähnlich wie Mascha Schilinski »In die Sonne schauen« inszenierte. In den Hauptrollen glänzen Tony Leung und Luna Wedler, die beim Filmfestival in Venedig mit dem Darstellerinnenpreis ausgezeichnet wurde. LARS TUNÇAY

Extrawurst

Extrawurst

D 2026, R: Marcus H. Rosenmüller, D: Hape Kerkeling, Fahri Yardim, Anja Knauer, 100 min

Ein Tennisclub in der westdeutschen Provinz. Heribert führt die Geschicke seit Jahrzehnten mit fester Hand als Vorsitzender. Sein Stellvertreter Matthias hat wenig zu melden. Alles geht seinen gewohnten Gang bei der Sitzung im Vereinsheim, bis Melanie vorschlägt, für ihren Doppelpartner Erol einen zweiten Grill anzuschaffen. Schließlich ist er Moslem und darf kein Schweinefleisch essen. Da wäre ein Entgegenkommen ja nur richtig in einer aufgeklärten Gesellschaft. Der Deutschtürke winkt ab, aber Melanie versteift sich auf die Idee und regt eine Grundsatzdiskussion an, die bald aus dem Ruder läuft. Die »Stromberg«-Autoren Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob schrieben mit ihrem Bühnenstück »Extrawurst« eine Figurenaufstellung zur Lage der Nation. Bissig nach rechts und links austeilend, halten sie der deutschen Gesellschaft den Spiegel vor. In cleveren Dialogen entlarven sie die Spießigkeit des Kleinbürgers und die Überheblichkeit der »Woken«. Das ist fast schon zu deprimierend nah an der Realität für eine Komödie. Marcus H. Rosenmüller (»Wer früher stirbt, ist länger tot«) gelingt es, den Biss von der Bühne auf die Leinwand zu übertragen, dank eines großartigen Ensembles: Hape Kerkeling, Christoph Maria Herbst, Anja Knauer und Fahri Yardim als »der Erol«, über den alle in dritter Person sprechen. Im Theater kann man mitentscheiden, ob »der Erol« seinen Grill bekommt und die Vereinsmitglieder wieder zusammenfinden. Das Ende im Kino wirkt da doch recht hingebogen. Als Gesprächsangebot ist »Extrawurst« aber ein Matchwinner. LARS TUNÇAY

Ein einfacher Unfall

Ein einfacher Unfall

F/LUX/IRN 2025, R: Jafar Panahi, D: Vahid Mobasseri, Mariam Afshari, Ebrahim Azizi, 105 min

Gegen alle Widerstände dreht Jafar Panahi einfach weiter. Lange Zeit hat die iranische Regierung dem Regisseur von »Taxi Teheran« ein Arbeitsverbot auferlegt und ihn unter Hausarrest gestellt. Doch immer wieder gelingt es ihm, einen Film fertigzustellen und aus dem Land zu schmuggeln. In seinem neuesten setzt er sich vermutlich auch mit der eigenen Foltererfahrung auseinander. Zwar hat Panahi seine Gefängnisaufenthalte nie öffentlich thematisiert, aber die Beschreibungen in »Ein einfacher Unfall« gehen tief unter die Haut. Der zunächst harmlose titelgebende Vorfall treibt Rashid in die Werkstatt von Vahid. Als der Familienvater die Garage betritt, ist der Mechaniker wie gelähmt. Das Quietschen des Holzbeins, die Stimme seines Peinigers – Vahid erkennt ihn sofort als den Mann, der ihm einst im Gefängnis fürchterliche Qualen zugefügt hatte. Er beschließt kurzerhand, ihn zu entführen. Doch dann kommen ihm Zweifel: Ist Rashid wirklich der Richtige? Um das zu klären, sucht er mit dem Bewusstlosen im Wagen seine früheren Mitinsassen auf. Atmosphärisch dicht und konzentriert inszenierte Panahi sein höchst spannendes Roadmovie. Die zentrale Begegnung reißt tiefe Wunden auf und stellt die Protagonisten vor eine komplexe moralische Entscheidung. Mit einem starken Ensemble schildert »Ein einfacher Unfall« Traumata, die bis in die Gegenwart reichen. Dafür wurde der Film in diesem Jahr mit der Goldenen Palme in Cannes ausgezeichnet. LARS TUNÇAY

Lesbian Space Princess

Lesbian Space Princess

AUS 2025, R: Emma Hough Hobbs, Leela Varghese, 86 min

Prinzessin Saira lebt in einer perfekten, wahrhaftigen Woke-Bubble auf dem Planeten Clitopolis. Gerade hat sie ihre große Liebe gefunden, die abenteuerlustige Kiki, die Saira mit all ihrer Liebe überschüttet und die für sie einen Ausweg aus dem tristen Alltag im Schatten ihrer Mütter repräsentiert. Doch Kiki wird es schnell langweilig mit der Prinzessin, die sich für nichts anderes als Zaubertricks zu interessieren scheint. Auf ihrer Flucht vor der allzu eintönigen Beziehung wird Kiki allerdings von den »Straight White Maliens« entführt, die sie in ihre Männerhöhle verschleppen, wo sie von Saira das letzte Bauteil für ihren »Chick-Magnet« erpressen wollen. Um ihre Ex-Freundin zu retten, muss Saira aus ihrem Safe-Space ausbrechen, ihre Selbstzweifel überwinden und zum ersten Mal in ihrem Leben mutig sein. Ein klassischer Road-Trip beginnt, der ohne Rücksicht auf Verluste auf jedem Klischee reitet und unterwegs jedes erdenkliche Wortspiel einsammelt. Es wird gesungen und sehr, sehr viel geweint. Und am Ende gibt es natürlich auch wichtige Botschaften zu lernen. »Lesbian Space Princess« ist ein völlig überladener Animationsfilm für Erwachsene, der keine Sekunde langweilig ist und selbst alten, mürrischen Boomer-Raumschiffen noch etwas beibringen kann. Bei der Berlinale 2025 wurde die Space Princess völlig verdient dafür mit dem Teddy Award als bester queerer Langfilm ausgezeichnet. Hanne Biermann

Aisha Canʼt Fly Away

Aisha Canʼt Fly Away

EGY/SD/TUN/SA/F/D 2025, R: Morad Mostafa, D: Buliana Simon, Ziad Zaza, Emad Ghoniem, 123 min

»Aisha can’t fly away« ist ein dunkler Film in sandfarbener Palette. Er zeigt die prekarisierte Lebensrealität von Aisha, einer sudanesischen Pflegekraft in Kairo. Entfremdet und chancenlos zieht sie in stoischer Gleichgültigkeit ihren Alltag durch, eilt durch die wuseligen Straßen Kairos, versorgt ihre Patientinnen und Patienten mit Mahlzeiten und medizinischer Pflege und beobachtet einen gewaltvollen Bandenkrieg vor ihrem Fenster. Buliana Simon spielt ihre Rolle so überzeugend, zermürbt und zäh zugleich, dass man ihr ohne zu zögern folgt, als der Film vermehrt surreale Symbolik und schließlich Elemente des Body-Horror einsetzt. Aisha wird von ihrem Vermieter, dem Bandenchef Zuka, erpresst und von einem Patienten missbraucht. Ihrem Arbeitgeber ist das egal, er droht Aisha mit der Kündigung. Die Kamera fungiert als Aishas stille Begleiterin, die Soundkulisse ist das Hupen und Rufen der Großstadt, gesprochen wird wenig. Dank eines sehr guten Maskenbildes schreibt sich der Schrecken, dem Aisha ausgesetzt ist, allmählich in ihren Körper ein. Ihre Haut befällt ein unaufhaltsamer Ausschlag, ihr Auge wird blau und sie halluziniert. Und obwohl Aisha schließlich zarte Federn wachsen, kann sie ihrer Situation nicht entkommen, wie der Filmtitel schon verrät. Eine aktuelle und gelungene Charakterstudie als Spielfilmdebüt des ägyptischen Regisseurs Morad Mostafa. Der Film hat in Cannes Premiere gefeiert und ist nichts fürs zarte Gemüt. Greta Jebens

Madame Kika

Madame Kika

B 2025, R: Alexe Poukine, D: Manon Clavel, Ethelle Gonzalez Lardued, Makita Samba, 104 min

Die Story klingt wie aus einem Film der Dardenne-Brüder oder von Ken Loach: Eine junge Mutter verliert ihren Partner. Angesichts steigender Mieten kann sie sich ihre Wohnung nicht mehr leisten. Weil sie aber keine Sozialhilfe beantragen will, beginnt sie, sich als Sexarbeiterin zu verdingen. Tatsächlich gibt es Gemeinsamkeiten zu den sozialrealistischen Werken der genannten Regisseure: eher triste Umgebungen, wenig Musik, ein großes Herz für die Communitys in den Arbeitervierteln. Doch der Fokus der belgisch-französischen Regisseurin Alexe Poukine liegt zunächst auf ihrer Protagonistin Kika. Dicht bleibt die Kamera ihr auf den Fersen, dokumentiert ihre Versuche, sich nach ihrem Verlust ein neues Leben aufzubauen. Manon Clavel spielt das grandios – die Trauer einerseits und andererseits den Sprung ihrer Figur in die Welt der Prostitution. Diese wird in einer Genauigkeit porträtiert, wie man das selten sieht. Da können erwachsene Männer Windeln tragen oder Schuhe ablecken. Immer behält der Film seinen empathischen Blick und auch Kika beginnt sich durch ihre neue Umgebung zu verändern. Etwas bricht in ihr auf in den roten Zimmern des Stundenhotels. In Gemeinschaft mit den anderen Sexarbeiterinnen, die sie rasch unter ihre Fittiche genommen haben. »Madame Kiki« feierte Premiere in Cannes, steht in der Schlange für die Césars, ist ein berührender Film. Zärtlich und so gut, dass man ihm alle Preise wünscht. Und ein möglichst breites Publikum. Josef Braun

Die jüngste Tochter

Die jüngste Tochter

F/D 2025, R: Hafsia Herzi, D: Nadia Melliti, Park Ji-min, Amina Ben Mohamed, 105 min

Queere Geschichten, viele davon mit Coming-out-Thema, wurden im Kino inzwischen einige erzählt. Nur selten stehen dabei jedoch Charaktere mit muslimischen Wurzeln im Mittelpunkt und insbesondere für homosexuelle Frauen aus diesem Kulturkreis fehlen filmische Identifikationsfiguren sowie ganz generell fiktionalisierte Einblicke für ein interessiertes Publikum. Basierend auf dem autobiografischen Roman »Die jüngste Tochter« von Fatima Daas, deren Eltern aus Algerien stammen, inszenierte Regisseurin Hafsia Herzi nun einen starken Film, der einer gläubigen lesbischen Muslima eine Stimme verleiht. Wir lernen die Protagonistin als solide Schülerin aus der Pariser Banlieue kurz vor dem Abitur kennen, die gerne Fußball spielt, sich burschikos kleidet und sich überwiegend mit prahlerischen männlichen Schulfreunden umgibt. Fatima ist der Islam wichtig und sie versucht, sich an dessen Regeln zu halten. Das gelingt ihr aber spätestens mit Antritt ihres Philosophiestudiums immer schlechter, als sie sich hadernd eingestehen muss, dass sie ausschließlich auf Frauen steht. Aus dem überwiegend mit Laien besetzten Schauspielensemble sticht Nadia Melliti als echte Entdeckung heraus – in Cannes wurde sie für ihr Debüt prompt mit dem Preis für die beste weibliche Hauptrolle ausgezeichnet. Sie ist die Seele von Herzis Film, der sich mit viel Fingerspitzengefühl einer nicht immer sympathischen, aber stets glaubwürdigen Heldin widmet. Peter Hoch

Der Fremde

Der Fremde

F 2025, R: François Ozon, D: Benjamin Voisin, Rebecca Marder, Pierre Lottin, 120 min

François Ozon hat schon originäre eigene Stoffe verfilmt, etliche Bühnenstücke und immer wieder Romane (»Sommer 85«, »Alles ist gutgegangen«). Nun hat er sich erstmals an einen Jahrhundertroman gewagt, den 1942 erschienenen »Der Fremde« von Albert Camus. Darin geht es um den jungen Franzosen Meursault, der in den dreißiger Jahren im von Frankreich besetzten Algerien unter Mordanklage gerät. Er soll einen Araber erschossen haben. Vom Auftakt im Gefängnis springt der Film zurück zur Beerdigung von Meursaults Mutter, der dieser seltsam teilnahmslos beiwohnt, und zeigt schließlich auch dessen Freundschaft mit dem Zuhälter Raymond, die in einem Mord am Strand gipfelt. Es ist erstaunlich, wie wortkarg die erste Hälfte von »Der Fremde« angelegt ist, gerade weil sie auf einer so eloquenten Romanvorlage basiert. Aber gemeinsam mit seinem Chefkameramann Manuel Dacosse hat François Ozon hier ganz wundervolle Schwarz-Weiß-Bilder gefunden, in denen die Stimmung und die Themen des Buches auch ohne viele Dialoge vorzüglich transportiert werden. In der finalen Gerichtsverhandlung wird das gesprochene Wort dann deutlich wichtiger, und auch hier gelingt es dem vielseitigen Filmemacher, die von Albert Camus angesprochenen Motive deutlich zu machen. Zugehörigkeitsfragen, Rassenkonflikte und der Komplex um Glaube und Religion sind nach wie vor sehr aktuell. Frank Brenner

Rückkehr nach Ithaka

Rückkehr nach Ithaka

GB/I/GR/F 2024, R: Uberto Pasolini, D: Ralph Fiennes, Juliette Binoche, Charlie Plummer, 118 min

Spoiler-Alarm auf der Leinwand: Bevor 2026 Christopher Nolan seine Interpretation von Homers »Odyssee« in die Kinos bringen wird, kann das Publikum schon jetzt den Ausgang der Geschichte erfahren. Regisseur Uberto Pasolini hat sich des abschließenden Drittels des fast 3.000 Jahre alten griechischen Epos angenommen und daraus ein Drama über die Folgen von Kriegsversehrtheiten gemacht – jener der Kämpfer auf dem Schlachtfeld wie auch jener der Frauen und Kinder daheim. König Odysseus kehrt darin nach seinen Erlebnissen rund um den Trojanischen Krieg nicht als Held, sondern als gebrochener Mann auf seine Heimatinsel Ithaka zurück. Zu erkennen gibt er sich allerdings nicht, zu schwer wiegt für ihn die Schuld, dass keiner seiner Gefährten überlebt hat. Seine Frau Penelope hält indes schon lange den Avancen zahlloser Freier stand, die durch eine Heirat zum neuen König werden wollen, während ihr Sohn Telemachus die Hoffnung auf die Heimkehr seines Vaters längst aufgegeben hat. Nach »Stürmische Leidenschaft« und »Der englische Patient« geben Ralph Fiennes und Juliette Binoche hier zum dritten Mal bravourös ein Liebespaar, wobei sie erst im letzten Akt aufeinandertreffen. Ohne jeglichen Fantasy-Ballast, sondern fast wie ein Kammerspiel anmutend, erzählt der Film – vom blutigen Finale einmal abgesehen – betont ruhig davon, dass es bei Kriegen nur Verlierer und nie wirkliche Gewinner gibt. Peter Hoch

Sorry, Baby

Sorry, Baby

USA/E/F 2025, R: Eva Victor, D: Eva Victor, Naomi Ackie, Lucas Hedges, 104 min

Das Schlüsselereignis, um das sich Eva Victors »Sorry, Baby« in mehreren Zeitebenen wie um einen Gravitationspunkt dreht, bleibt uns erspart. Stattdessen sehen wir die Spuren, die Folgen, die Kämpfe, aber auch: Mitgefühl, Freundschaft, Liebe und viel Witz. Protagonistin Agnes, gespielt von Eva Victor selbst, arbeitet am Literaturinstitut einer amerikanischen Kleinstadtuni. Und sie ist sehr begabt, was nicht zuletzt ihrem Professor, Mentor und irgendwie auch Vorbild aufgefallen ist. Agnes folgt seiner Einladung, ihre Dissertation in seinem Haus zu besprechen. Wir sehen sie aus einiger Entfernung das Haus betreten, wir können nicht hineinsehen, aber schon diese gänzlich unexploitative Entscheidung Victors erzählt genug. Es gibt einen Sprung, plötzlich ist es finster und Agnes verlässt überstürzt das Haus, ihr Professor statisch im Hintergrund. In fünf Episoden erzählt »Sorry, Baby« von davor und danach. Eva Victor beweist in ihrem Umgang mit diesem traumatischen Stoff einen kühlen Kopf. Denn bei aller Tragik belebt sie Agnes mit solch einer komischen, liebenswürdigen Aura, wie man sie so zuletzt vielleicht bei »Frances Ha« gesehen hat. Die Wärme ihrer besten Freundin Lydie, einfühlsame Zufallsbegegnungen und ihr trotzender Weg zur Literaturprofessorin ins Büro ihres einstigen Mentors, der längst das Weite gesucht hat, stabilisieren den Film und Agnes, ohne etwas von ihrem Schmerz zu bagatellisieren. Ein neuer Stern im US-Indiekino. Philipp Mantze

Rückkehr nach Montauk

Rückkehr nach Montauk

D/F/IRL 2017, R: Volker Schlöndorff, D: Stellan Skarsgård, Nina Hoss, Susanne Wolff, 106 min

Doreen Rothmann

Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße

Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße

D 2025, R: Wolfgang Becker, D: Charly Hübner, Christiane Paul, Leon Ullrich, 113 min

Mit »Good Bye, Lenin!« gelang dem (westdeutschen) Regisseur Wolfgang Becker 2003 ein Komödienhit, auf den sich Ost und West einigen konnten. Es dauerte zwölf Jahre, bis er mit der Daniel-Kehlmann-Adaption »Ich und Kaminski« seinen nächsten Film inszenierte. Bevor er im vergangenen Jahr überraschend verstarb, hatte er in Leipzig die Dreharbeiten zum Schelmenstück »Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße« beendet, mit dem er zur deutsch-deutschen Geschichte zurückkehrt: Im Mittelpunkt der Adaption von Maxim Leos Roman steht Videothekar Micha, der im Leben hängengeblieben ist. Er pennt im Laden, legt seinen Bademantel nur selten ab und die Rechnungen und Mahnungen stapeln sich. Als der Journalist Leon Ullrich auftaucht und Fragen über Michas Vergangenheit stellt, gibt der erst nach, als Geld winkt. Ein folgenschweres Nicken auf die Frage, ob der ehemalige Eisenbahner Menschen zur Flucht verholfen habe, bringt dem Schluffi ungewollte Aufmerksamkeit, denn Ullrich bauscht die Geschichte groß auf und macht aus ihm einen Helden. Kurz vor seinem Lebensende drehte Becker noch einmal auf, verteilt satirische Seitenhiebe auf die Medien, auf West- ebenso wie auf Ostdeutsche und lässt dafür ein glänzend aufgelegtes Ensemble auflaufen. Auch wenn es einige Zugeständnisse ans Mainstreampublikum gibt, wie etwa die bemühte Liebesgeschichte zwischen Charly Hübners Micha und Christiane Pauls Paula Kurz, unterhält der Held ganz hintersinnig und hervorragend. Lars Tunçay

Zweitland

Zweitland

I/D/Ö 2025, R: Michael Kofler, D: Thomas Prenn, Aenne Schwarz, Laurence Rupp, 112 min

Südtirol kennen die meisten eher als Urlaubsziel, ab den 1950er Jahren war es jedoch Schauplatz von Terror: Extremisten wollten sich gewaltsam von Italien abspalten und zu Österreich gehören. In diesem historischen Szenario legt »Zweitland« auch ein Familiendrama an, das sich schon in der ersten Szene wuchtig entfaltet, als die beiden ungleichen Brüder Paul und Anton miteinander ringen und es selbst nach dem eigentlich beendenden Hand- noch einen Faustschlag gibt. Der ältere, verbissene Anton führt mit Frau und Kind den Hof des verstorbenen Vaters und wird als Unterstützer der Abspaltung immer radikaler. Der schöngeistige Paul hingegen hat eigentlich eine Zusage für ein Kunststudium, als bei einem Sprengstoffanschlag von Anton versehentlich ein Unbeteiligter stirbt. Anton flieht, der beste Freund Pauls wird deswegen verhaftet und die Polizei bedrängt die Familie, den Terroristen zu verraten. Antons Frau ist wegen ihrer liberalen Einstellung im Dorf isoliert. Nun muss Paul sich mehrfach beweisen: in der Loyalität zu seinem Bruder und beim Kampf um seinen Freund. Das Drama zeigt nicht nur mit feinem Gespür und zielsicheren Dialogen das familiäre Ringen um Lebens- und Politikentwürfe, sondern auch die emotionale Spaltung und die sich immer wieder verschiebende Machtbalance einer Region in einer Zeit, in der Polizei und Zivilbevölkerung abends zusammen in der Kneipe sitzen und sich am nächsten Tag bekriegen. Markus Gärtner

To a Land Unknown

To a Land Unknown

PAL/GB/F/NL/D 2024, R: Mahdi Fleifel, D: Mahmood Bakri, Aram Sabbah, Mohammad Alsurafa, 107 min

Chatila und Reda hängen fest. Die Überfahrt nach Europa ist den beiden Palästinensern gelungen. Doch seitdem passiert nicht mehr viel. Nachts schlafen sie neben anderen Geflüchteten in einer Ruine, tagsüber ziehen sie durch die Straßen von Athen, kommen an Geld, indem sie hier und dort etwas mitgehen lassen. Was sie nicht brauchen, wird gespart. Jeder Schein bringt sie ihrem großen Traum einen Schritt näher: ein gefälschter Pass für die Reise nach Deutschland. Dort will Chatila ein Café eröffnen. Sein verträumter Cousin Reda soll ihm zur Hand gehen. »To a Land unknown« ist der erste Spielfilm des palästinensisch-dänischen Regisseurs Mahdi Fleifel. 2012 hat er sich in seinem preisgekrönten Dokumentarfilm »A World not ours« schon einmal mit Flucht und Vertreibung auseinandergesetzt. »To a Land unknown« merkt man den dokumentarischen Hintergrund des Regisseurs an. Die bewegliche Kamera von Thodoros Mihopoulos ist sehr dicht an den Figuren. In ihrem Alltag findet er poetisch-schöne Einstellungen: eine aufflatternde Taube, die Hügel des nächtlichen Athens, Reda auf seinem Skateboard in den Straßen. Je weiter die Handlung voranschreitet, desto düsterer wird jedoch die Lage für die Protagonisten. Die Risiken, die sie eingehen müssen, werden immer größer. Irgendwann fragt man sich: Ist ihr Traum das alles noch wert? Fleifels Film gibt auf diese Frage schließlich seine ganz eigene Antwort. Ein eindringliches Debüt. Josef Braun

Sentimental Value

Sentimental Value

F/NOR/D/SWE/DK 2025, R: Joachim Trier, D: Elle Fanning, Stellan Skarsgård, Renate Reinsve, 133 min

Nach Jahren der Funkstille steht Gustav plötzlich wieder vor der Tür. Der gealterte Familienvater und ehemals gefeierte Regisseur sucht den Kontakt zu seinen Töchtern und seinem Enkelsohn – er plant, sie in sein kommendes Filmprojekt einzubeziehen. Nachdem er seine Frau und die Kinder verlassen hatte, haben die Töchter unterschiedliche Wege gefunden, mit dem Verlust umzugehen. Nora ist eine gefeierte Theaterschauspielerin mit Bindungsproblemen. Agnes hat sich mit ihrem Mann und dem gemeinsamen Kind eine Basis aufgebaut. Ihr Leben gerät durch die Rückkehr des Vaters aus der Bahn. Schauplatz für diese hochkomplexen Familiendynamiken ist das Haus der Familie, das eine weitere Hauptrolle spielt. Hier werden die Konflikte der Vergangenheit und Gegenwart ausgetragen, großartig dargeboten von einem exzellenten Ensemble: Stellan Skarsgard gibt den egozentrischen Künstler zwischen Druck und Vatergefühlen. Inga Ibsdotter Lilleaas und Renate Reinsve spielen einnehmend an unterschiedlichen Enden der Gefühlsklaviatur. Nach ihrer preisgekrönten Tragikomödie »Der schlimmste Mensch der Welt« legen Joachim Trier und sein kreativer Partner, der Drehbuchator Eskil Vogt, mit »Sentimental Value« erneut ein vielschichtiges menschliches Drama vor, das an die großen Werke Ingmar Bergmans erinnert, aber seine ganz eigene emotionale Kraft entfaltet. In Cannes erhielten sie dafür den Großen Preis der Jury, Norwegen reichte den Film für den Oscar als bester internationaler Film ein. Lars Tunçay

Paternal Leave – Drei Tage Meer

Paternal Leave – Drei Tage Meer

D/I 2025, R: Alissa Jung, D: Juli Grabenhenrich, Luca Marinelli, Arturo Gabbriellini, 113 min

Zufällig entdeckt die 15-jährige Leo in einem Video ihren Vater, den sie nie kannte. Auf eigene Faust reist sie mitten im Winter an die Küste Norditaliens, um ihn zu treffen. Sie findet Paolo in einem verlassenen Seebad, wo er in einem Wohnwagen lebt und als Surflehrer jobbt. Außerdem ist er gerade damit beschäftigt, seine letzte Beziehung zu retten, und kümmert sich um seine kleine Tochter. Da kommt der überraschende Besuch aus der Vergangenheit äußerst ungelegen. Aber Leo lässt nicht locker und konfrontiert ihn mit unangenehmen Fragen. Ganz langsam nähern sich Vater und Tochter einander an und entdecken unerwartete Gemeinsamkeiten. Aufrichtig und ohne Kitsch erzählt die Schauspielerin Alissa Jung – genau, die Tochter des Leipziger OBM – in ihrem Regiedebüt von dieser Begegnung an der winterlichen Mittelmeerküste. Die Kamera von Carolina Steinbrecher ist dabei ganz bei ihrer Hauptdarstellerin Juli Grabenhenrich, die hier ihr vielversprechendes Schauspieldebüt gibt und sich auf Augenhöhe mit ihrem Gegenüber, dem italienischen Charakterdarsteller Luca Marinelli (»Martin Eden«), bewegt. Das Zusammenspiel der beiden macht »Paternal Leave« sehenswert. Es gelingt ihnen, dass wir mit der trotzigen Leo mitfühlen, aber auch die emotionale Zerrissenheit von Paolo spüren. Das zahlt auf die Glaubwürdigkeit der Geschichte ein, die Jung selbst schrieb und einfühlsam inszenierte. Lars Tunçay

Der geheimnisvolle Blick des Flamingos

Der geheimnisvolle Blick des Flamingos

F/CHL/D/ESP/B 2025, R: Diego Céspedes, D: Tamara Cortes, Matías Catalán, Paula Dinamarca, 104 min

Die 12-jährige Lidia wächst Anfang der achtziger Jahre in einem Haus voller Transvestiten in der Nähe eines nordchilenischen Minenarbeiterdorfes auf. Immer wieder wird sie deswegen von Gleichaltrigen gehänselt oder verprügelt, kann dann aber auf die schlagkräftige Retourkutsche ihrer queeren Wahlfamilie zählen. Da sich eine seltsame Seuche auszubreiten beginnt und die Männer des Dorfes die Schuld dafür im Blick der Transvestiten sehen, kommt es schließlich zu gefährlicheren Anfeindungen. Yovani ist an der Seuche erkrankt, kommt mit einer Pistole bewaffnet in das Refugium der Gemeinschaft und sinnt auf Rache. Für seinen ersten Langfilm wurde Diego Céspedes dieses Jahr in Cannes mit dem Hauptpreis der Sektion »Un Certain Regard« ausgezeichnet, Chile hat »Der geheimnisvolle Blick des Flamingos« als Beitrag für den besten internationalen Film bei den Oscars eingereicht. Gleichwohl muss man sich auf diese poetisch-unkonventionelle Coming-of-Age-Geschichte einlassen können, die mitunter auf etwas befremdliche Weise von dieser queeren Wahlfamilie erzählt. Trotz des tragischen Backgrounds um die Ausbreitung von AIDS ist es Céspedes aber gelungen, eine lebensbejahende und kraftvolle Geschichte mit sympathischen Protagonisten zu erzählen. Immer wieder schlägt das Drehbuch unerwartete Haken und bleibt durchweg unberechenbar, weswegen man hier insgesamt auf originelle und feinsinnige Weise unterhalten werden kann. Frank Brenner

Lolita lesen in Teheran

Lolita lesen in Teheran

I/IL 2025, R: Eran Riklis, D: Golshifteh Farahani, Zar Amir Ebrahimi, Mina Kavani, 107 min

Kann man ein Buch vor Gericht stellen? Die iranische Professorin Azar Nafisi probiert es mit ihren Studierenden aus. Der Angeklagte? Niemand anderes als »Der große Gatsby« von F. Scott Fitzgerald. In der inszenierten Verhandlung wird schnell deutlich, dass sich die westliche Sicht des Romans nicht mit den Überzeugungen der Islamischen Revolution vereinbaren lässt, die Ende der siebziger Jahre im Iran voranschreitet. Azar Nafisi, gerade erst von ihrem Studium in den USA zurückgekehrt, sieht sich als Frau in ihrer Lehrtätigkeit zunehmend eingeschränkt. Schließlich muss sie sie ganz aufgeben, solange sie sich weigert, in der Universität den Hidschab zu tragen. Doch ihre Begeisterung für Literatur lässt sich nicht unterdrücken, und so gründet sie einen geheimen Lesekreis für ihre Studentinnen. Gemeinsam reden sie über Jane Austen und Vladimir Nabokov, ziehen Parallelen zu ihrem eigenen Leben und bekommen neue Perspektiven aufgezeigt. In einem System voller Restriktionen gerät das Bücherlesen für die jungen Frauen zum rebellischen Akt. Azar Nafisis gleichnamiger, autobiografischer Roman dient als Vorlage für den Film, und gibt einen seltenen Einblick in die Lebensrealität iranischer Frauen. Durch die Women, Life, Freedom-Bewegung 2022 rückte diese kurzzeitig wieder in den Fokus der Weltöffentlichkeit. Filme wie »Lolita lesen in Teheran« helfen, dass sie nicht in Vergessenheit geraten. Hanne Biermann

How to make a Killing

How to make a Killing

F/B 2025, R: Franck Dubosc, D: Franck Dubosc, Laure Calamy, Benoît Poelvoorde, 109 min

Der Zufall kann ein Killer sein: Michel muss im französischen Jura-Gebirge mit seinem Auto einem Bären ausweichen, rammt dabei ein Auto und tötet eine Frau, die gerade pinkelt. Ihr ebenfalls sich entleerender Kompagnon sieht das, fällt vor Schreck eine Böschung runter – und wird brachial von einem Ast aufgespießt. Michel haut erstmal ab und beichtet alles seiner Krimi-erfahrenen Frau, die sicherheitshalber die Toten verschwinden lassen will. Doch als sie dort dann zwei Millionen Euro und eine Pistole finden, weiß das Einsiedler-Paar in der Krise, dass hier was Schwerkriminelles in der Luft liegt. Bzw. im Kofferraum. Unterdessen haben die lokalen Polizisten Roland und Florence entdeckt, dass die von ihnen im Winterwald aufgelesenen Migranten Drogenkuriere sind, die vor besagtem Bären geflüchtet sind. Und eine wahnwitzige Geschichte voller weiterer Plot-Twists nimmt ihren kurvigen Weg, bei dem die Eheleute im Gangbang-Klub landen und selbst Gesetzeshüter und Gottes Hirte dem schieren Mammon erliegen. Regisseur Franck Dubosc, der auch Michel spielt, gelingt es nahtlos, blutigen Thriller und heitere Komödie zu vereinen und dabei sogar noch die persönlichen Konflikte seiner teils liebevoll-skurrilen Figuren charmant auszuleuchten. Mit hintergründigem Humor und Situationskomik, aber auch vielen leisen Zwischentönen, schafft er ein cineastisches Kleinod, das den Coen-Brüdern alle Ehre macht. Markus Gärtner

Stiller

Stiller

CH/D 2025, R: Stefan Haupt, D: Albrecht Schuch, Paula Beer, Sven Schelker, 99 min

Argwöhnisch mustert der Bahnbeamte den Reisenden nach einem Blick in dessen Reisepass. »Ich bin nicht Stiller!«, skandiert dieser und wird es in den folgenden anderthalb Stunden wiederholt tun, denn der Mann, der sich als James Larkin White ausgibt, sieht dem vor sieben Jahren verschwundenen, mutmaßlichen Mörder Anatol Stiller allzu ähnlich. White kommt in Untersuchungshaft und Stillers Ehefrau Julika wird herbeizitiert. Sie soll zweifelsfrei bezeugen, dass es sich bei dem vermeintlichen Amerikaner um ihren Mann handelt. Doch je mehr Zeit sie mit ihm verbringt, desto unsicherer ist sie sich. Mit »Stiller« feierte Max Frisch (1911–91) im Jahr 1954 seinen Durchbruch. In ausschweifenden Sätzen beschreibt der Schweizer Autor das Innenleben seines Protagonisten, dessen Identität dem Leser relativ schnell klar wird. Stefan Haupt (»Zwingli«) lässt uns länger im Dunkeln – und dafür die im Buch ausführlich beschriebene Zeit nach der Haft gänzlich aus. Die Darstellung des Rätsels fürs Kinopublikum stellt vor allem den Hauptdarsteller vor eine Herausforderung, die Albrecht Schuch glänzend meistert. Auch Paula Beer überzeugt in der Doppelrolle der verliebten Julika und ihres gebrochenen Gegenstücks. Ausstattung und Bildgestaltung versprechen großes Kino, auch wenn sich die Handlung selbst auf kleinem Raum konzentriert. Leider ist die Inszenierung mitunter zu vordergründig und inkonsequent. Über weite Strecken fesselt »Stiller« und der Reiz, sich selbst neu zu erfinden. LARS TUNÇAY