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Dokblog 2013

»Es geht uns darum, Minderheiten eine Bühne zu geben«

Zusammen mit seinem Bruder Tomer leitet Barak Heymann die israelische Produktionsfirma Heymann Brothers Films. Vor allem ihren jüngeren Projekten ist es zu verdanken, dass sie mittlerweile einer breiteren Öffentlichkeit bekannt sind.

  »Es geht uns darum, Minderheiten eine Bühne zu geben« | Zusammen mit seinem Bruder Tomer leitet Barak Heymann die israelische Produktionsfirma Heymann Brothers Films. Vor allem ihren jüngeren Projekten ist es zu verdanken, dass sie mittlerweile einer breiteren Öffentlichkeit bekannt sind.

Ihr Film »I Shot My Love«, bei dem Tomer Heymann auch Regie führte, lief 2010 auf zahlreichen Festivals, unter anderem bei der Berlinale. »Life In Stills« von Tamar Tal war vor zwei Jahren bei DOK Leipzig nicht nur der Publikumsliebling, sondern wurde darüber hinaus auch mit der Talent-Taube ausgezeichnet. In diesem Jahr präsentieren sie im Internationalen Programm den Film »Do You Believe In Love?« von Dani Wassermann. Der Film porträtiert die Kupplerin Tova, die krankheitbedingt im Rollstuhl sitzt und sich um Alte, Junge, Kranke, Gesunde, Verrückte und ewig Suchende kümmert. Niemand soll alleine bleiben, lautet ihre Devise. Produzent Barak Heymann präsentiert den unterhaltsamen Film über die Wirren der Liebe hier in Leipzig.

kreuzer: Barak, als wir uns für das Interview verabredet hatten, hast du mich gefragt, ob ich an die Liebe glaube und gleich noch hinzugefügt, dass das die Grundbedingung sei, um das Interview mit dir zu führen. Du glaubst also an die Liebe?

BARAK HEYMANN: Ja, ich glaube an die Liebe, obwohl ich auch glaube, dass sich Liebe verändert hat. Es ist nicht mehr wie früher. Ähnlich wie mit einem Beruf. In der Generation unserer Eltern war es das Beste, eine gute Anstellung über 40 Jahre zu halten. Und heute fühlt man sich gefangen und gelangweilt, wenn man nur fünf Jahre im selben Beruf arbeitet. Mit den Partnern ist das ähnlich. Ich liebe meine Freundin sehr. Sie ist eine ganz wunderbare Frau, aber ich kann nicht sicher sagen, dass wir für immer zusammen sein werden. Ich wünsche es mir, aber ich bin auch ein bisschen misstrauisch dieser Idee gegenüber. Ich glaube an die Liebe, ich glaube nicht, dass ich mein Leben ohne Liebe leben könnte. Aber es ist nicht einfach. Wenn ich dann Tova und Gabi im Film sehe, berührt mich das sehr. Trotz all der Experimente und Abenteuer, die man im Leben haben will, gibt es doch nichts stärkeres, als jemandem gegenüber loyal zu sein über so viele Jahre.

kreuzer: Vor zwei Jahren habt ihr »Life In Stills«von Tamar Tal hier beim DOK präsentiert. Damals habt ihr die Talent-Taube mit nach Hause genommen. Was verbindet dich mit DOK Leipzig?

HEYMANN: Das hat eigentlich alles 2008 angefangen, als ich am Ko-Produktionsmarkt teilgenommen habe. Dort habe ich viele interessante deutsche Produzenten und Regisseure kennengelernt, mit denen ich dann später auch zusammengearbeitet habe und heute noch zusammenarbeite. Den Vertrieb von »Life In Stills« hat zum Beispiel Stefan Kloos von »Rise And Shine« aus Berlin übernommen. Später haben wir dann »I Shot My Love« gemeinsam mit dem WDR und Arte produziert. Ich habe hier also viele wichtige Leute kennengelernt.

kreuzer: Beim Q&A nach der Premiere deines Films hast du bereits angedeutet, dass das Festival eine besondere Stellung für dich einnimmt. Kannst du das näher erläutern?

HEYMANN: Viele andere Festivals sind nicht so gut organisiert. Der Ko-Produktionsmarkt aber auch das Festival selber sind sehr gut organisiert. Vielleicht eine deutsche Eigenschaft? (lacht) Gleichzeitig ist es aber auch sehr intim und sehr warm. Das ist eine Kombination, die selten zu finden ist. Ich war auf so vielen Festivals überall auf der Welt. Bei manchen geht es eher darum Spaß zu haben und die sind dann aber oft sehr unprofessionell. Und dann gibt es wieder welche, die sehr auf das Business fokussiert sind, denen fehlt dann aber schnell die richtige Stimmung. In Israel gibt es dieses Sprichwort. Ich weiß nicht, ob ich es richtig übersetzte: »Der Fisch stinkt vom Kopf aus«. Derjenige, der ganz oben steht, beeinflusst alles andere und der Mensch, der hier ganz oben steht, ist Claas (Danielsen, Anm. d. Red. ). Ein großartiger Cineast. Er hat einfach die richtige Einstellung. Niemals würde er einen Film aus politischen Motiven für das Festival auswählen. Oder weil man miteinander befreundet ist. Ich hatte mich mit meinem Projekt »Before The Revolution« hier beworben. Ein großer Film, eine große Produktion, ein großer Erfolg. Aber Claas fand, dass er nicht ins Programm passt. Es war ihm egal, dass wir Freunde sind und dass es mich traurig machen würde. Nicht viele Festivalleiter sind so. Es ist eine Kombination aus all diesen Dingen, die dieses Festival für mich so besonders machen.

kreuzer: Weder Tamar Tal noch Dani Wassermann haben zuvor einen längeren Dokumentarfilm gedreht. Was lässt dich als Produzent an die Fähigkeiten eines Nachwuchsfilmemachers glauben?

HEYMANN: Das ist nicht einfach zu beantworten: Wenn sie etwas mitbringen, etwas einzigartiges, dass mich davon überzeugt, dass nur sie und kein anderer diesen Film machen kann. Niemand als Dani Wassermann könnte einen Film über Tova machen und Tova würde niemanden sonst einen Film über sich machen lassen. Tamar Tal hat es geschafft, in »Life In Stills« in die Beziehung zwischen Großmutter und Enkel vorzudringen und diese zugleich mit einer politischen Geschichte zu verbinden. Ich kannte beide vorher kaum. Wir haben uns oft getroffen, damit ich herausfinden konnte, was ihre Visionen sind. Bei Dani hatte ich ein bisschen Angst, ihm auf seiner Reise zu folgen. Ich habe ihn ein bisschen für verrückt und unrealistisch gehalten. Ein bisschen zu spirituell für meinen Geschmack. Aber genau das hat mich angezogen. Ich wollte etwas ausprobieren, was mir nicht vertraut war, sonst ist das Leben doch langweilig, oder?

kreuzer: Du hast selbst auch Filme gedreht über eine jüdisch-arabische Schule oder auch eine israelische Popsängerin, die aus der Sekte der Samaritaner ausgebrochen ist. Du begleitest deine Protagonisten oft über Jahre hinweg und sammelst so hunderte Stunden Material. Warum arbeitest du so?

HEYMANN: Weil ich nur so wirklich gute Filme machen kann. Wenn man sehr gut plant und alles genaustens schriftlich festlegt, macht man vielleicht mehr Geld, weil man Drehtage einspart. Aber du wirst damit weder dich selbst noch die Zuschauer überraschen können. Das Filmemachen wird zu etwas mechanischem. Ich kann nicht von meinen Protagonisten erwarten, dass sie mich mit einer großartigen Geschichte bedienen, wenn ich sie nur in den dramatischen Momenten begleite. Um unsichtbar zu werden, muss ich auch die scheinbar belanglosen Alltäglichkeiten begleiten. Und wenn ich das tue, realisiere ich eventuell Dinge, die den ursprünglichen Plan ändern. Und ganz zum Schluss behandle ich den Film so als wäre es ein Spielfilm, die moralische Komponente miteinbezogen natürlich. Je mehr Material ich also habe, desto mehr Spielraum habe ich nachher im Schnitt.

kreuzer: Mit deiner Produktionsfirma Heymann Brothers produzierst du viele Filme, die sehr persönlich sind, aber auch Themen wie Zugehörigkeit und Tradition Wie reiht sich da »Do You Believe In Love« ein?

HEYMANN: In vielen unserer Filme geht es um Portraits über Minderheiten, wie zum Beispiel transsexuelle Migranten in »Paper Dolls« oder israelische Araber in »Bridge Over The Wadi« oder behinderte Menschen in »Do You Believe In Love?«. Es geht uns darum, verschiedenen Minderheiten eine Bühne zu geben. Vor allem im Fall von »Do You Believe In Love?«. Ich hatte vorher nicht wirklich Kontakt zu behinderten Menschen. Der Film hat mich ihnen sehr nahe gebracht: besonders Yosi, der Junge im Rollstuhl am Anfang des Films. Es bricht mein Herz, wenn er zu seinem Date sagt »Am Ende wirst du mich lieben.«

INTERVIEW: KATHARINA TRESS

> »Do You Believe In Love?«: Do, 31.10., 19 Uhr Passage Kinos Universum


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