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Dokblog 2013

»Krasse Fehleinschätzung.«

Erstmals diskutieren Beteiligte die Folgen der Friedensdemonstration bei der Dokwoche 1983

  »Krasse Fehleinschätzung.« | Erstmals diskutieren Beteiligte die Folgen der Friedensdemonstration bei der Dokwoche 1983

DOKpanel»Viele Dinge, die ich heute höre, sind neu für mich«, sagt Patrice Castillo. Vor 30 Jahren war er einer von 18 Jugendlichen, die mit Kerzen vor dem Capitol Kino, in dem damals die Dok-Woche stattfand, für den Frieden demonstrierten. Doch nur wenige Minuten lang. Dann wurden sie von der Polizei festgenommen und verhaftet – unangemessen brutal und vor den Augen vieler Festivalbesucher aus Ost und West. Jetzt wurden die damaligen Ereignisse in einer Podiumsdiskussion nochmal aufgerollt und diskutiert. Zum ersten Mal in der Geschichte des Dokfilmfestivals.

Der Historiker Andreas Kötzing hat das Geschehen rekonstruiert, die Gäste schildern ihre eigenen Erinnerungen. Neben Castillo sitzen auf dem Podium noch der damalige Festivalleiter Ronald Trisch, von dem sich viele Besucher ein klares Statement für die verhafteten Demonstranten gewünscht hätten, und der westdeutsche Filmemacher Christoph Bökel, der damals mit Kollegen überlegte, eine eigene Kerzendemonstration aus Solidarität zu veranstalten. »Doch das wäre Polittourismus gewesen«, schildert er seine Bedenken. »Wir wären danach einfach wieder weggefahren und die Ostdeutschen hätten noch mehr Ärger gekriegt.« So überlegten die Filmemacher, die oft selbst in der westdeutschen Friedensbewegung engagiert waren, wie sie den Jugendlichen helfen könnten. »Wir forderten: Alle sollten aus der Haft entlassen und keinem geschadet werden.« Als ihnen versichert wurde, dass dies so geschehen sei, ebbte die Aufruhrstimmung langsam wieder ab, die Forderung, dass sich die Festivalleitung zu den Demonstranten und gegen die willkürliche Verhaftung bekennen sollte, blieb unerreicht. Festivaldirektor Trisch erinnert sich, dass er schon zwei Stunden, bevor die friedliche Protestaktion überhaupt stattfand, über sie informiert wurde und gesagt hätte, man solle sie protestieren lassen. »Die wollen das selbe wie wir.« Schließlich lautete auch das Festivalmotto »Filme für den Frieden«. Als er sich später für die Freilassung einsetzen wollte, bekam er von den staatlichen Organen zu hören, dass er mit dem Festival nur Gast und, was auf der Straße passiere, nicht sein Problem sei. »Wir hatten Disziplin und Angst, dass wir mit dem Festival aufhören mussten«, erklärt er die Gründe für sein öffentliches Schweigen und dass er dies bedaure. »Wir wollten dem Festival nicht schaden«, erklärt auch Bökel, warum er nicht – wie zuerst überlegt – aus Protest abreiste. Denn die Dok-Woche war damals nicht nur für Ostdeutsche spannend, weil sie dort Filme sehen und Leute treffen konnten, zu denen es normalerweise keinen Zugang gab, sondern auch für westdeutsche Filmemacher, da es als wichtigstes Dokumentarfilmfestival galt.

Durch die Besucher aus aller Nationen und durch die Anwesenheit der Westpresse fühlten sich die Demonstranten geschützt. »Wir dachten, da können wir es riskieren«, erklärt Castillo. Und fügt an: »Krasse Fehleinschätzung.« Denn nein, sieben der 18 festgenommenen Demonstranten wurden nicht aus der Haft entlassen. Fast ein Jahr mit lang saß Castillo im Gefängnis, bis er drei Wochen vor Beginn der Dok-Woche 1984 in die BRD abgeschoben wurde. Auch andere Biografien wurden stark geprägt. Eine Dame im Publikum erzählt: »Unsere Tochter, die gerade Mutter geworden war, war zwar erst am selben Abend noch freigelassen worden, doch am nächsten Tag kamen 16 (!) Polizisten, um sie wieder mitzunehmen.« Die Oma schwebte nun in tagtäglicher Angst, das ihr Enkelsohn in Heim gesteckt oder gar zur Adoption freigegeben wurde (wie bei Verhaftungen der Eltern üblich), ließ sich krankschreiben und da Baby nicht mehr aus den Augen.

An diesem Abend 30 Jahre später kommen die unterschiedlichsten Menschen im Zeitgeschichtlichen Forum zusammen. Viele der Zuhörer sind in die Geschichte involviert, waren damals auch in Leipzig. Und fast alle erfahren Dinge, die sie vorher nicht ahnten. »Hätte ich damals gewusst, dass unsere Aktion so eine Aufregung ausgelöst hat und nicht einfach nur sinnlos war, hätte mir das sehr geholfen«, erklärt Bernd Stracke, der mit Castillo die Kerzen angezündet hatte und verhaftet wurde. So erfuhr er erst in seinen Stasiakten, dass auch die Presse in der BRD von ihrer kleinen Demo berichtete. Bökel bekam erst vor ein paar Monaten, als er zu der Veranstaltung eingeladen wurde, mit, dass gar nicht alle Demonstranten freigelassen worden waren, wie er fälschlicherweise geglaubte hatte.

Dass es nun 30 Jahre gedauert hat, dass sich das Festival mit diesem seiner eigenen Vergangenheit auseinandergesetzt hat, ist beschämend. Doch die erhitzten und diskutierenden Gemüter und auch die versöhnlichen Tönen der Beteiligten zeigt, wie wichtig diese Auseinandersetzung auch heute noch ist.


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