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Dokblog 2013

Filme, die auf den Magen schlagen

Zwei ganz unterschiedliche Perspektiven auf Indien werden in diesem Programm gezeigt.

  Filme, die auf den Magen schlagen | Zwei ganz unterschiedliche Perspektiven auf Indien werden in diesem Programm gezeigt.
THAT ELEPHANT FROM THE BRIDGE
THAT ELEPHANT FROM THE BRIDGE

Zuerst beobachtet Abhilash Vijayan in seinem impressionistischen »That Elephant From the Bridge« eine Zirkustruppe beim Aufbau ihrer riesigen Zeltkuppel des »Rambo Circus«, einem der größten Zirkusse Indiens. Die Kamera ist mittendrin im Geschehen und sehr nah an den Menschen dran. Intime Stimmungen aus dem Drumherum des Zirkus evoziert dieses dichte Stück direct cinema, anstatt klassische Bilder aus der Manege zu zeigen. Hinter den Kulissen stabilisiert ein kleinwüchsiger Artist sein Bett mit gefundenen Steinen. Da lugt jemand neugierig aus dem Fenster, alte, magere Männer dösen vor sich hin, Diskussionen entstehen, ob einer der Arbeiter sein Unterhemd verkehrt herumträgt oder nicht. Zum Bereich der Frauen hatte Vijayan keinen Zutritt: Es gibt lediglich eine kurze, schöne Szene mit schmal geöffneten Türspalt, aus dem Frauenhände herausragen, bevor die Tür wieder geschlossen wird. Handgriffe beim Zeltbau und das Miteinander der so unterschiedlichen Männer stehen im Mittelpunkt dieser stimmungsvollen Collage. Formal und inhaltlich dann ganz anders ist »Textures Of Loss«, der zweite Film des Abends. Regisseur Pankaj Butalia versucht, wie er sagt, dem Kaschmir-Konflikt neue Perspektiven abzugewinnen. Dieses politische Pulverfass glimmt seit 20 Jahren vor sich hin. Viele Menschen in dieser Region sind derart angespannt, dass es gar keinen Anlasses mehr bedarf, das Fass zum Explodieren zu bringen. Butalia nähert sich den grauenhaften Geschichten, die dort in jedem Haus, an jeder Ecke lauern, mit Interviews an. Interviews von Müttern, die ihre Männer und Kinder (zumeist die Söhne) verloren haben. Der Landstrich mit seinem Menschen dort ist flächendeckend von Depressionen gezeichnet: Nahezu jeder dort Lebende bewegt sich psychologisch konstant an der Grenze des Aushaltbaren. So niederschmetternd sind auch die Erzählungen der Mütter. Zwischen den Interviews sehen wir Archivaufnahmen von Aufständen und Straßenkämpfen. Nach zwei Dritteln des Films erfolgt eine Zwischentexttafel, die die dramaturgischen Schrauben andreht und besagt, dass der Konflikt 2010 eine weitere Eskalationsstufe erreicht hat. Zur Illustrierung der harten Fakten erfolgt sodann die Geschichte zweier Kinder, die grundlos getötet wurden, wieder in Interviewform.

Regisseur Butalia erzählt im Publikumsgespräch, dass er diesen Teil auch selbst gefilmt hat, da ihm ursprünglich zugesagtes Geld für seinen Kameramann (mit dem er bis zu diesem Zeitpunkt arbeitete) doch nicht genehmigt wurde. Er wollte aber weder den Film aufgeben, noch auf die aktuellen Entwicklungen in seinem Film verzichten. Deswegen fuhr er nochmals nach Kaschmir und filmte selbst. Danach schnitt er den bereits bestehenden Film um, und arbeitete den Teil ein. So entsteht der Sog eines kollektiven Albtraums, der die Region überschattet, unterwandert, fast schon in den Poren dieses Landstrichs präsent ist. Der Film ist der zweite Teil einer Trilogie der Hinterbliebenen. Der erste Teil »Manipur Song« wurde 2011 im Rahmen des Länderfokus »Indien« in Leipzig gezeigt. Der letzte Teil der Trilogie wird dann wohl auch im Rahmen eines Festivals laufen – dann gerne auch alle drei am Stück, wie Butalia schmunzelnd anmerkt. Zum Publikumsgespräch kam es nach dem Film (abgesehen von ein paar kurzen Statements des Regisseurs) nicht mehr. Viel zu gelähmt von so viel unverständlicher menschlicher Tragödie war das Publikum. Butalia hatte Verständnis dafür, nahm es souverän und locker: »I understand. It is late and you have seen the movie. That's enough.« Filme, die so sehr auf den Magen schlagen, sind wichtig, auch wenn sie schmerzen. Um so besser, dass sie – und sei es nur auf einem Festival – ihren Raum bekommen.


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