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Dokblog 2014

Sonderbare Erkenntnisse

Das Programm des Internationalen Wettbewerbs Animationsfilm

  Sonderbare Erkenntnisse | Das Programm des Internationalen Wettbewerbs Animationsfilm

Im Anschluss an Filmfestivals stehen die oft durchblätterten Kataloge meist chronologisch sortiert einträchtig nebeneinander im Bücherregal. Der Animator Theodore Ushev scheint ebenfalls dem Archivieren vergangener Filmjahrgänge zugetan zu sein; als Künstler lebt er diese Leidenschaft jedoch etwas anders aus. Für »Third Page From the Sun« hat er den Festivalkatalog vonNeuchâtel recycelt. Rhythmisch unterstützt durch Ana Sokolovics feurige Musik bringt er die zerrissene Broschüre per Stop-Motion-Verfahren zum Tanzen und schafft durch das Auftragen von diversen Farbschichten die Basis für ein neues ungewöhnliches Kunstwerk. »Sonderbares« heißt das Programm, in dem Ushevs neuer Film zu sehen ist. Eher Bewunderung hervorrufend ist auch Sonja Rohleders Animation »Dame mit Hund«. Dieser Film weist – wie viele Beiträge des diesjährigen Wettbewerbs – Bezüge zum Spielfilmkanon auf. So denkt man bei dem Dreiminüter unwillkürlich an die Fußbodensequenz in Alfred Hitchcocks Stummfilm »Der Mieter«, welcher ebenfalls eine einfache visuelle Idee effektvoll einsetzte. Rohleder erzählt ihren Film konsequent aus einer unterirdischen Perspektive. Allein dank der Fußspuren der Dame mit Hund auf schwarzem Grund setzt sich großes Kopfkino in Gang. Bobby de Groot und Arjan van Meerten zitieren freimütiger und weisen im Abspann ihres Westerns »Cruise Patrol« darauf hin, dass dieser Film »eternally inspired by Sergio Leone and John Carpenter« sei. »Cruise Patrol« wuchtet nicht nur mit seinem kinematografischen Erbe, sondern hat auch mehr als einen unerwarteten Plotumschwung zu bieten.

Mit den Worten »Thank you, my pencil« bedankte sich ein japanischer Animationsfilmer vor einigen Jahren bei der Oscar-Zeremonie. Auffällig viele Filme des diesjährigen Wettbewerbs vertrauen auf Bleistift, Tusche, Plastilin und Pinsel als Arbeitsutensilien ihrer Animationen. So ist beispielsweise im Programm »Aufarbeitung« die mit Blei- und Kohlestift gezeichnete Salvation-Trilogie der bekannten Filmemacherin Wendy Morris zu sehen. In »Micki« von  Alexander Lahl und Izabela Plucinska wird die Flucht- und Liebesgeschichte von Marienetta Jirkowsky und ihrer Sehnsucht nach einem neuen Leben in Westberlin aufgearbeitet. Dabei verwenden Lahl und Plucinska lediglich die Umrisse von Knetfiguren; somit öffnet diese Biografie exemplarisch den Rahmen für die 138 Republikflüchtigen, denen die Begegnung mit Grenzsoldaten der DDR zum Verhängnis geworden ist. Im gleichen Programm ist eine der wenigen Puppentrickanimationen des diesjährigen Wettbewerbs zu finden. In der aufwendig und liebevoll inszenierten »Bear Story« von Gabriel Osorio überwindet ein Bär seine traumatische Vergangenheit, indem er seine Lebensgeschichte auf der Straße mittels eines tragbaren Puppentheaters und Blechmarionettenfiguren erzählt. Osorio schafft eine Animation, die von der Lust am Erzählen zeugt und einen dem Drosteeffekt nicht unähnlichen Blick auf den Herstellungsprozess seiner Geschichten wirft. Auch in »Patch« von Gerd Gockell kann man am Entstehen der Animation teilhaben: Kleinformatige Leinwände gleicher Größe werden lückenlos an einer Wand platziert. Nach und nach werden die einfarbigen Kacheln umgehängt und stellen so u. a. »Die Ankunft des Zuges im Bahnhof von La Ciotat« von Auguste und Louis Lumière – eines der allerersten Dokumente der Filmgeschichte – nach.

In der Reihe »Familiengeschichten« ist der lakonischste Film des Wettbewerbs zu sehen. Torill Koveberichtet in »Me and My Moulton« von einem Kindheitstrauma der ungewöhnlicheren Art. Die Oscargewinnerin habe zusammen mit ihren zwei Schwestern darunter gelitten, dass ihre Eltern für eine Kleinstadt zu unangepasst waren. Kam Besuch zum Spielen, hieß es angesichts der spartanischen Ausstattung erstaunt: »Do you live HERE?«. Auch verbrachten die Kinder zweier moderner Architekten viele Abendessen, die sich wegen dreibeiniger Sitzmöbel zum Test im Gleichgewichthalten auswuchsen. Wie im gleichen Programm Daisy Jacobs von den Konflikten zweier Brüder und ihrer pflegebedürftigen Mutter erzählt, im Stop-Motion-Verfahren Malerei dreidimensional zu »The Bigger Picture« werden lässt und Wasser und Licht in Szene setzt, das ist ebenfalls anrührend und komisch zugleich und auf jeden Fall sehenswert.

DOK Leipzig hält, was es verspricht, und in dem »Erkenntnisse« betitelten Programm kann man tatsächlich ebensolche gewinnen. Philosophisch angehaucht ist dieses Programm. Hier geht es um die ganz großen Fragen des Lebens. »Man on a Chair« von Danhee Jeong zeigt etwa einen melancholischen Denker in seinem Zimmer, der die Existenz aller Dinge in Frage stellt. Es ist dieser poetische, ruhige Film, der in Sekundenschnelle einen der magischsten Momente des ganzen Programms schafft.

Die dreiköpfige Jury, welche über den besten Animationsfilm dieses Jahrgangs befinden muss, hat eine schwere Arbeit vor sich: 34 Filme konkurrieren im Internationalen Wettbewerb um eine Taube. Es sind so viele kreative, sinnliche, kluge und verspielte Filme dabei, dass Špela Čadež, Otto Alder und Ron Diamonds sicherlich in jedem der vier Programme mindestens zwei Gewinner ausmachen könnten. Bei einem so guten Animationsprogramm lohnt sich auch der Kauf des Festivalkatalogs.

Das Animationsfilmprogramm beim diesjährigen DOK Leipzig:

AUFARBEITUNG: 28.10., 19.30 und 29.10., 13 Uhr

ERKENNTNISSE: 29.10., 19.30 und 30.10., 13 Uhr

SONDERBARES: 30.10., 19.30 und 31.10., 13 Uhr

FAMILIENGESCHICHTEN: 31.10., 19.30 und 1.11., 13 Uhr in den Passage Kinos


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