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Dokblog 2014

»Ich habe auch einen Preis gezahlt«

Festivalchef Claas Danielsen über anfängliche Stolpersteine bei DOK Leipzig, Dokumentarfilme im Abseits und den perfekten Zeitpunkt, »Tschüss« zu sagen

  »Ich habe auch einen Preis gezahlt« | Festivalchef Claas Danielsen über anfängliche Stolpersteine bei DOK Leipzig, Dokumentarfilme im Abseits und den perfekten Zeitpunkt, »Tschüss« zu sagen

Bei seinem ersten DOK Leipzig 2004 sorgte Festivaldirektor Claas Danielsen für einen Entrüstungssturm, weil er das traditionsreiche Logo des Festivals veränderte und Picassos Friedenstaube davonfliegen ließ. Die erhitzten Gemüter beruhigten sich wieder, der frühere Dokumentarfilmer und Kleinproduzent führte das Internationale Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm ins 21. Jahrhundert, wie der Vorsitzende der DEFA-Stiftung Ralf Schenk unlängst die vergangenen zehneinhalb Jahre unter Danielsens Obhut zusammenfasste. Das diesjährige Festival wird nun das letzte mit ihm als Chef sein. Sechs Wochen vor dem Beginn der 57. Ausgabe empfing Claas Danielsen den kreuzer in der DOK-Schaltzentrale in der Katharinenstraße 17 und resümierte eine Dekade DOK.

kreuzer: Sie sind durch Ihre Arbeit nach Leipzig gekommen. Ursprünglich kommen Sie aus dem Norden.
CLAAS DANIELSEN: Ich bin östlich von Hamburg aufgewachsen und habe nur zehn Kilometer von der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze entfernt gewohnt. Die DDR war für mich extrem weit weg, weil sie nicht zugänglich war. Als ich zur Schule ging, bot sich die Möglichkeit, Tagesreisen in die DDR zu machen. Und dann bin ich mit 16 von der Schule aus einen Tag nach Wismar und Schwerin gefahren. Das war für mich ein Augenöffner, weil ich plötzlich gemerkt habe, hinter dieser Grenze, die so nah war, und einem Land, das mir so fern schien, leben Menschen, die reden genauso breit wie wir im Norden, und hier sieht es eigentlich genauso aus. Da ist eine ganze Welt, die ich nicht kenne. Das war eine tiefgehende Erfahrung, die mich sehr beschäftigt hat.
kreuzer: Wie sind Sie zum Dokfilm gekommen?
DANIELSEN: Im Fernsehen sah ich »Shoa« von Claude Lanzmann. Das war für mich ein absolutes Schlüsselerlebnis. Im Laufe der Zeit habe ich auch ein paar Filme von Wim Wenders zu später Stunde im Programm entdeckt. Das wollte ich auch gerne machen. So bin ich überhaupt auf Film gekommen. Ab 1987 habe ich dann Dokumentarfilmregie an der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film studiert.
kreuzer: Wie ging es dann weiter?
DANIELSEN: Mit einem Studienfreund, der inzwischen beim deutschen Discovery Channel, also einem dokumentarischen, kommerziellen Spartenkanal, arbeitete, entstand die Idee, ein Trainingsprogramm zu schaffen. Zu der Zeit war ich Assistent von Gerhard Ruge an der Filmhochschule in München und habe zusammen mit ihm einen neuen Lehrstuhl für Fernsehjournalismus aufgebaut. Weil ich nur eine halbe Stelle hatte, habe ich parallel angefangen, dieses Trainingsprogramm aufzustellen, das den Namen Discovery Campus (heute: Documentary Campus) bekam und eine der wenigen europäischen Trainingsinitiativen für Dokumentarfilmproduzenten und Filmemacher wurde.
kreuzer: Wie kamen Sie dann zum DOK Leipzig?
DANIELSEN: 2003 wurde die Nachfolge von Fred Gehler als Festivaldirektor ausgeschrieben. Gehler als künstlerischer Leiter wie auch der Geschäftsführer Wolfgang Kröplin gingen in Pension. Beim Festival stand ein totaler Generationswechsel an. Ich bin fest davon ausgegangen, dass der Nachfolger jemand mit DEFA-Hintergrund sein würde. Dass Leipzig als Festival in Ostdeutschland ganz klar auch diese Tradition fortsetzen würde. Was passierte, war, dass diese Ausschreibung schieflief und man anfing, neu zu suchen. Irgendwann wurde ich dann angesprochen, ob mich das interessieren würde. Zu dem Zeitpunkt hatte ich bereits 17 Jahre in München gelebt und wünschte mir dringend einen Ortswechsel.
kreuzer: Was war damals Ihr Eindruck vom 
Festival?
DANIELSEN: Das Leipziger Festival kannte ich natürlich, auch weil ich selber mit einem Film mal hier gewesen war und weil es natürlich das größte deutsche Dokumentarfilmfestival war. Aber in meiner Wahrnehmung hatte es nach 89 an Bedeutung verloren, verfügte nicht mehr über den Stellenwert von früher und galt bei vielen als etwas verstaubt. Ein Festival, das alle kannten, aber kaum einer fuhr mehr hin.
kreuzer: Was hat Sie dann dazu bewogen, das Angebot anzunehmen?
DANIELSEN: Als ich gefragt wurde, habe ich sofort gedacht, »Ach Mensch, das ist ein Festival, aus dem man wirklich etwas machen könnte.« Ich sah das große Potenzial, auch weil in Deutschland etwas fehlte: ein Treffpunkt für Dokumentarfilmer und die ganze Branche, bei dem man auch wirklich einen Blick über den Tellerrand werfen kann. Ein Ort, wo man den internationalen Vertretern und Filmverleihern zeigen könnte, dass hierzulande echt gute Dokumentarfilme entstehen. Es gab Festivals wie das Dokumentarfilmfestival in München oder die Duisburger Filmwoche, die wichtige Arbeit leisteten. Aber beide Festivals hatten nicht wirklich das Potenzial, nicht die Finanzierung und auch nicht den Willen, international eine wichtige Rolle 
zu spielen.
kreuzer: Welche Änderungen waren konkret nötig?
DANIELSEN: Das Festival brauchte unbedingt ein Festivalzentrum, wo man sich treffen kann. Das war alles höchst improvisiert. Auch weil das Festival chronisch unterbudgetiert war. Ich habe einen Fünf-Jahres-Plan entwickelt; in dieser Zeit wollte ich das Festival finanziell stabilisieren und neue Plattformen für die Filmbranche drum herum aufbauen, mit deren Hilfe ich zusätzliche Finanzmittel einwerben und mehr Leute nach Leipzig locken könnte. Außerdem habe ich versucht, durch Sonderprogramme inhaltliche Akzente zu setzen, um zu zeigen: Dokumentarfilm kann auch Spaß machen und ist nicht nur grau, deprimierend und dogmatisch, wie das typische Klischee lautete.
kreuzer: Wie sieht es heute aus?
DANIELSEN: Erfreulicherweise entstehen international sehr viele Dokumentarfilme, was auch daran liegt, dass sich die Produktionsmittel geändert haben. Mit kleinen, erschwinglichen Kameras kann man gute Bildqualität produzieren, wenn man ein bisschen was von seinem Handwerk versteht. Die Eintrittsschwelle ist sehr viel niedriger geworden – aus dem gedrehten Material aber ein professionelles Produkt zu machen, ist weiterhin sehr aufwendig. Der Dokumentarfilm ist im Fernsehen immer weiter ins nächtliche Abseits geschoben worden. Programmliches Abseits bedeutet weniger Geld und das bedeutet riesige Finanzierungsprobleme für die Produzenten. Deswegen ist die internationale Finanzierung immer wichtiger geworden und damit auch die Rolle von Festivals, die als Treffpunkte fungieren und den Filmen große Sichtbarkeit geben.
kreuzer: Wie hat es sich angefühlt, den Chefposten bei DOK Leipzig zu übernehmen?
DANIELSEN: Ehrlich gesagt war es für mich erst einmal ziemlich verrückt, plötzlich Direktor von so einem traditionsreichen Festival zu sein. Es war aber auch sehr spannend, in Leipzig anzukommen und aus der Nähe zu erfahren, wie andere Kulturinstitutionen hier arbeiten. Durch die Kulturentwicklungsplanung der Stadt Leipzig entstand damals ein sehr fruchtbarer Dialog zwischen den Einrichtungen. Michael Faber hat den dann ja leider nicht fortgesetzt. Aber der Austausch hatte die Kulturinstitutionen viel näher zusammengebracht und mir gezeigt, dass man in dieser Stadt Dinge machen kann, die in anderen Städten, in denen die Strukturen sehr viel verkrusteter sind, nicht mehr möglich sind. Das ist für mich nach wie vor eine große Qualität von Leipzig.
kreuzer: War da nicht auch eine gewisse Ehrfurcht, die man bei so einem Festival hat? DOK Leipzig hat immerhin eine starke Tradition.
DANIELSEN: Alle haben gesagt: »Ach, die großen Fußstapfen von Fred Gehler als künstlerischem Leiter.« Da hatte ich großen Respekt, denn ich bin ohne viel Festivalerfahrung hierhergekommen. Ich kannte Filmfestivals zwar aus der Perspektive des Regisseurs und Produzenten, aber nicht aus der des Organisators. Ich kam hier also in einem leeren Büro an, damals noch in der Großen Fleischergasse, und da waren zwei ausgeschiedene Mitarbeiter, nämlich der damalige Geschäftsführer Wolfgang Kröplin und Hilde Scheibe, die Buchhalterin. Die waren im Ruhestand. Hilde Scheibe haben wir zum Glück reaktivieren können, sie war seit Jahrzehnten dabei und die Seele des Festivals, ohne sie hätten wir im ersten Jahr Schiffbruch erlitten. Wir hatten ja nur ein halbes Jahr Vorbereitungszeit. Als ich das erste Mal durchs Büro lief, standen fünf Computer drin, die nicht miteinander verbunden waren, und es gab eine Datenbank, mit der das Gästebüro arbeitete, aber niemand anders. Und dann sagte mir Wolfgang Kröplin grinsend: »Das ist jetzt wirklich eine Baustelle, mit der Sie sich auseinandersetzen müssen.«
kreuzer: Der Auftrag an Sie war, das Festival international bekannter zu machen. Dafür haben Sie nicht nur den Namen in DOK Leipzig gekürzt. Beim Festival 2004 stand vor allem das neue Logo im Mittelpunkt.
DANIELSEN: Das war ein zentrales Thema in den Interviews, gerade mit der LVZ, aber auch mit dem kreuzer: die Taube. Die Friedenstaube und der Animationsfilm. Mit dem existierenden Budget konnte man eigentlich kein Zwei-Sparten-Festival unter einem Dach stemmen. Ein ursprünglich ausgewählter Kandidat für die Festivalleitung hatte den Animationsfilm deswegen abschaffen wollen und einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Ich wollte den Animationsfilm beibehalten und das Festival modernisieren. Deshalb habe ich eine neue Agentur gesucht, um auch den grafischen Auftritt zu erneuern, inklusive des Logos. Die Taube sollte bleiben, aber nicht mehr explizit als Friedenstaube. Das hätte mir rückblickend im ersten Jahr fast das Genick brechen können, wären die Zuschauerzahlen nicht so stark gestiegen.
kreuzer: Damit haben Sie Picassos Friedenstaube vom Podest geholt.
DANIELSEN: Es brach ein Sturm der Entrüstung los: Was bildet der sich eigentlich ein? Die Friedenstaube, die dem Festival von Picasso über einen Mittelsmann geschenkt wurde, wie kann man freiwillig, ohne Not, auf Picassos Taube verzichten?
kreuzer: Haben Sie mit einem derartigen Ausmaß an Kritik gerechnet?
DANIELSEN: Mir war das Risiko nur bis zu einem gewissen Grad bewusst. Während einer Podiumsdiskussion beim Festival kam dann eine Dame auf mich zu und sagte: »Wissen Sie, damals, in diesen Zeiten, als sich dieses Land immer weiter verschloss und verengte, da hat ein Künstler von Weltrang UNS diese Taube geschenkt. Das hat mir gezeigt, dass wir nicht vergessen sind.« Da habe ich zum ersten Mal wirklich verstanden, was das emotional für viele Leipziger bedeutet hat. Gleichzeitig war mir aber klar, dass wir dieses Festival, um es in die Zukunft führen zu können, öffnen und im Geiste erweitern müssten.
kreuzer: Haben Sie die Entscheidung bereut?
DANIELSEN: Ein wichtiger Erkenntnisprozess geschah 2007 bei der Recherche anlässlich des 50. Jahrestags von DOK Leipzig. Der Historiker Andreas Kötzing, der damals für seine Dissertation die Akten des Ministeriums für Staatssicherheit durchforschte, hat mir sehr spannende Einblicke in die Geschichte des Festivals eröffnet. Da wurde mir immer klarer, wie komplex dieser Prozess damals war und was es bedeutet hat, eine der größten Kulturinstitutionen der DDR im Spannungsfeld der internationalen Politik durchzuführen, aber auch im Spannungsfeld der Zensur. Aber es stellte sich dann eben auch raus, dass einige wichtige Mitarbeiter des Festivals als IMs tätig waren und dass die Festivalleitung auch ganz offiziell mit dem MfS zusammenarbeiten musste. Da wurden alle Arbeitsverträge zur Genehmigung vorgelegt, und wenn die Festivalleitung sechs Wochen vor dem Beginn des Festivals aus Berlin nach Leipzig einrollte und das Messehaus am Markt bezog, zog auch das MfS mit ein.
Es gab zum Beispiel die sogenannte Kerzendemonstration vor dem Capitol-Kino am Eröffnungsabend des Festivals im Jahr 1983. Die jungen Menschen, die dort ganz friedlich für den Frieden demonstrierten, wurden verhaftet und einige bis zu einem Jahr oder länger in den Knast gesteckt. All das geschah unter dem hehren Motto »Filme der Welt für den Frieden der Welt« und im Schatten von Picassos Friedenstaube. Als mir das alles klar wurde, wusste ich, dass ich 2004 instinktiv die richtige Entscheidung mit der Taube getroffen hatte. Denn in diesem Lichte betrachtet war diese ganze Friedenssymbolik sehr verlogen.
kreuzer: Ein Grund, warum Sie jetzt bei DOK Leipzig aufhören?
DANIELSEN: Ich glaube, dass so ein Festival immer wieder frischen Wind und kreativen Input braucht. Und weil meine Arbeit sich vom Kreativen und Inhaltlichen immer weiter Richtung Management entwickelt hat, fehlt mir die Zeit, diese Impulse zu geben. Die letzten zehneinhalb Jahre waren extrem aufreibend und mit einer wahnsinnigen Arbeitsintensität verbunden. Für mich persönlich sind ein paar Sachen auf der Strecke geblieben. Es war eine bewusste Entscheidung, diesen Job zu übernehmen, aber ich habe auch einen Preis dafür gezahlt. Ich bin jetzt an einem Punkt, wo ich eine Entscheidung treffen muss: Will ich irgendwann vom Arzt in die Kur geschickt werden oder bestimme ich selber, wann ich mir Raum und Zeit nehme und wie ich mein Leben weiterleben will? Seit zwei Jahren denke ich darüber ernsthaft nach und jetzt ist DOK Leipzig an einem Punkt, wo ich das, was wir aufgebaut haben, gut übergeben kann, ohne es zu gefährden. Ein guter Zeitpunkt für mich, um zu sagen »Danke für alles«.
kreuzer: Wie geht es für Sie weiter?
DANIELSEN: Ich nehme mir ein halbes Jahr Auszeit, wo ich einfach mal gucken will, was für mich jetzt wichtig ist und wie ich mich beruflich weiterentwickeln werde. Angebote gab es schon, aber ich will nicht aus einem Job in den nächsten springen. Seit 22 Jahren habe ich als Dokumentarfilmer, als Filmproduzent, als Trainingsorganisator und dann als Festivalmacher durchgearbeitet. Jetzt ist die Zeit gekommen, mich 
in aller Ruhe zu fragen: Wie will ich leben? Und welche Ideen und Pläne nehme ich mir für die nächsten zehn Jahre vor?
kreuzer: Den Job des Kulturbürgermeisters vielleicht?
DANIELSEN: Die Frage stellt sich im Moment nicht, kann ich dazu nur sagen.
kreuzer: Dann zieht es Sie weg aus Leipzig?
DANIELSEN: Ich habe diese Stadt sehr lieben gelernt und würde gerne hier bleiben. Durchs Festival habe ich ja auch meine Partnerin kennengelernt. Insofern zieht mich erst mal gar nichts aus Leipzig weg. Aber ich muss natürlich auch sehen, was sich beruflich ergibt. Wenn sich irgendeine tolle Herausforderung woanders stellt, wäre Weggehen auch eine Option.
Interview: Eileen Reukauf und Lars Tunçay


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