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Dokblog 2014

Ambiguität und Risiko

Shelly Silver konstruiert mit ihren Filmen eine Maschine des Sehens, die Fakt und Fiktion vermischt. Eine Auswahl ihrer hintergründigen Filme wird in einer Hommage gezeigt.

  Ambiguität und Risiko | Shelly Silver konstruiert mit ihren Filmen eine Maschine des Sehens, die Fakt und Fiktion vermischt. Eine Auswahl ihrer hintergründigen Filme wird in einer Hommage gezeigt.

Die diesjährige Hommage an die US-amerikanische Videokünstlerin Shelly Silver ist überschrieben mit »Belebte Kreuzungen«. Ja wirklich, man kann sich bei den Arbeiten von ihr lebhaft vorstellen, wie sie sich durch bevölkerte Straßen von New York City (wie in »In Complete World«, 2008) oder Berlin (in »Former East/Former West«, 1994) oder Tokio schlängelt, um Menschen vor der Kamera gezielte Fragen über Geld, Zufriedenheit, Geschichte und Politik zu stellen, um sie dann frei sprechen zu lassen. Darüber hinaus findet das Wort »Kreuzungen« seine Berechtigung darin, dass die Arbeiten von Silver vielschichtige Grenzüberschreitungen sind. Sie bestehen aus einem Materialmix: klassisch dokumentarisches Material befindet sich neben filmischen Archivbildern, Photos werden ergänzt und konterkariert durch Textfragmente innerhalb der Bilder oder durch Erzählerstimmen aus dem Off.

触摸 TOUCH - excerpt from Shelly Silver on Vimeo.

Seit mehr als 30 Jahren bewegt sich Silver in ihrer Arbeit zwischen Installation, Fotografie, Videokunst und Film. Von letzteren sind neun kurze und lange im Rahmen der Hommage zu sehen, darunter auch ihr neuester Filmessay »Touch« aus dem Jahr 2013. »I am building a machine for looking« erzählt aus dem Off ein älterer Mann, der nach 50 Jahren nach Chinatown in New York City zurückkehrt, um seine kranke Mutter zu pflegen. Er macht die Zuschauer zum Komplizen: »There’s definitely something between you and me. An affinity, an energy. My camera is a device for the accumulation of this energy.« Wir sehen also kleine, selbstreflexive Beobachtungen des Straßenlebens vor seinem Fenster, dazu Photoaufnahmen aus vergangenen Tagen des Viertels, immer wieder geschlachtete Tiere und direkte Ansprachen an die Zuschauer. Seinen Namen verrät er uns nie, nur dass er an einer Maschine des Sehens bastelt und seine Umgebung als Outsider betrachtet – gleichzeitig ist er aber mit seinem Wissen um den Ort »Chinatown«, von dem er einst als Kind floh, ein Insider. Wir beobachten einen Beobachter und teilen mit ihm den Akt des Beobachtens und die Beobachtungen: wir sehen die Bilder aus seiner Perspektive. Mit zunehmender Dauer wachsen immer mehr die Zweifel an der Zuverlässigkeit des Erzählers. In einer Welt, in der Zukunft nicht mehr möglich scheint, bleiben nur noch die Beobachtungen, die Bilder und ihre Macht, die Dinge (z.B. die Vergangenheit) in Besitz zu nehmen. Bilder und Text überdauern – mit ihnen können wir eine Welt erschaffen, die überlebt.

In ihren Arbeiten thematisiert Silver auch immer die Räume, in denen die jeweiligen Handlungen stattfinden. In »Touch« und dem ergänzend dazu gezeigten »5 Lessons and 9 Questions About Chinatown« von 2009 ist das der öffentliche Raum, die Straßen der Stadt. Beginnend mit der kapitalistischen Ordnung sind diese aus dem Besitz einer allgemeinen Öffentlichkeit übergegangen in die Hände von Immobilienkonglomeraten oder der Regierung. Das Denken über die öffentliche Sphäre hat sich verändert: sie wird nicht mehr länger als gemeinschaftliche (und mithin unsere) wahrgenommen, sondern als eine, die es möglichst schnell zu durchqueren gilt, hin zum nächstem sicheren Raum, dem Privaten. Dieser spielt wiederum eine entscheidende Rolle in »37 Stories About Leaving Home«, der 1997 in Leipzig mit der Goldenen Taube ausgezeichnet wurde. In intimen Porträts werden japanische Frauen im Alter von 15 bis 82 präsentiert, oftmals Großmütter, Mütter, Töchter, die über ihr Leben als Ehefrau und Mutter, ihre Familien und geheimen Sehnsüchte sprechen. Aus ihren Worten lässt sich der Wandel der japanischen Gesellschaft über drei Generationen hinweg ablesen, eins bleibt dabei allerdings gleich: für Frauen, die unabhängig sein und ihr Verlangen ausleben wollen, findet sich darin kein Platz.

Meist arbeitet Shelly Silver in ihren Filmen mit einem besonderen Schwerpunkt auf gesprochener Sprache. Dazu ist in allen Arbeiten neben der formalen Konsequenz der äußerst präzise Schnitt bemerkenswert, mit dem sie es schafft, Gegensätze zu etablieren und Details visuell zu modellieren. Der Eindruck bleibt bestehen, dass hier nichts dem Zufall überlassen wird. Darüber hinaus bestimmt der Schnitt einen unterbewusst wirkenden, wechselnden Bilderrhythmus, was die Arbeiten zu vielschichtig wirkenden Gebilden werden lässt. Der Bilderfluss, den die Sehmaschine von Shelly Silver produziert, lädt ein zum aufmerksam Zuschauen und Wohlfühlen. Nur allzu sicher sollte sich niemand sein, umweht Silvers Arbeiten doch stets ein Nimbus des Hintergründigen. Wie etwa im kurzen »Meet the People« von 1986, in dem sich die Interviewten, vermeintlich normale Menschen von der Straße, am Ende als gecastete Schauspieler entpuppen. Shelly Silvers Filme sind in den besten Momenten, und von denen gibt es einige, ein doppelbödiger Genuss – und wie jeder Genuss versehen mit einem Anflug von Ambiguität und Risiko.


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