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Dokblog 2014

Ein Hauch von Mut

Integration und Misstrauen sind die großen Themen im diesjährigen Internationalen Wettbewerb

  Ein Hauch von Mut | Integration und Misstrauen sind die großen Themen im diesjährigen Internationalen Wettbewerb

Der Internationale Wettbewerb beginnt äußerst beunruhigend in der klaustrophobischen Enge eines Hongkonger Hotelzimmers, wo Snowden im vergangenen Jahr den größten Überwachungsskandal der US-Geheimdienste auslöste, und endet am US-amerikanischen Stacheldrahtzaun, dem Ur-Symbol des Abschottungswahns. Dazwischen tummeln sich Geschichten um Menschen, die mittendrin und doch irgendwie außen vor sind. Gestrandete, Geflüchtete, Kranke und Aufbrechende – sie alle träumen davon, ein Leben jenseits verkrusteter Ansichten zu führen. Das gelingt ihnen aber nur bedingt.

spartacusTraurig blickt Spartacus im Dunkel des alten Wohnwagens ins Gesicht seines angetrunkenen Vaters. Was sein Plan sei, will der Junge von dem Mann mit dem müden Gesicht wissen. Was er mit ihm und seiner elfjährigen Schwester Cassandra vorhabe und warum sie nicht in Paris bleiben können. Der Vater sei doch gar nicht in der Lage, angemessen für die Kinder zu sorgen. Cassandra und er leben schon seit geraumer Zeit bei Camille. Die junge Frau kümmert sich um die Kinder, weil ihre Eltern es nicht können. An Liebe für den Nachwuchs mangelt es sicher nicht. Es sind die enttäuschten Hoffnungen und Erwartungen, die die Eltern an das Leben in Frankreich hatten und die nicht erfüllt wurden. Der Wunsch nach einer besseren Zukunft lockte die Familie einst nach Westeuropa. Doch die Mutter ist nicht mehr ganz bei Sinnen und der Vater gänzlich dem Alkohol verfallen. Er schaut nur nach den Kindern, wenn er wieder in einem alkoholgetränkten, emotionalen Tief festhängt und sich auf bessere Zeiten besinnt. Man kann nur vermuten, dass es bereits ähnlich war, als die Familie in Rumänien alle Zelte abbrach, um in Paris ihr Glück zu suchen. Nun, da die Hoffnungen der Eltern bereits im Sterben liegen, will der Vater einfach wieder fort, ohne Rücksicht darauf, dass sich die Kinder bereits aus eigener Kraft ihr Leben in der Pariser Romasiedlung aufgebaut haben. Wegrennen ist für die beiden keine Option mehr. Ioanis Nuguets Film »Spartacus & Cassandra« erzählt auf Augenhöhe von den Schwierigkeiten der beiden Kinder, sich aus den Fesseln der Eltern zu befreien, die eigentlich nur zeitweise da sind, und auch aus einem Leben, das, so scheint es, für sie vorbestimmt war. Sie brechen mit den Verhaltensmustern der Eltern und bahnen sich ihren eigenen Weg durch Vorurteile und Sprachhürden. Nuguet ist stets nah dran an Spartacus und Cassandra, kaum ein Moment, in dem nicht eines der beiden Kinder das Bild und auch die Szenerie bestimmt. Und über diesen poetisch getränkten Bildern schwebt stets die Frage, die sich viele Dokumentarfilmer in den vergangenen Jahren gestellt haben und auch in Zukunft noch stellen werden: Was bedeutet Integration eigentlich? Durch den diesjährigen Internationalen Wettbewerb zieht sich diese Frage, wenngleich sich ihr die Filmemacher auf ganz unterschiedliche Weise annähern. In »Spartacus & Cassandra« fragt der 13-Jährige den Zuschauer fast direkt, warum die Menschen Angst vor Armen haben und warum gerade er so ein Leben führen muss.

Diesen Aspekt greift die 17-jährige Ana in »Toto and His Sisters« von Alexander Nanau auf. »Oh bitter life, look what are you doing to me«, sagt das Mädchen, das mit seinen 17 Jahren bereits am Abgrund des Lebens steht. Seit die Mutter im Gefängnis sitzt, ist sie für die beiden jüngeren Geschwister Andreea und Toto verantwortlich. Selbst noch ein Kind und den Umständen erlegen, verliert sich die junge Frau im Nirwana des Ghettos. Mit einer zurückhaltenden Kameraführung fängt Nanau das Leben der Kinder ein, umkreist immer wieder den kleinen Toto, dessen Leben, so hofft man, noch nicht dem Untergang geweiht ist. Seinen Kummer bekämpft er mit Tanzen. Ähnlich wie von »Spartacus & Cassandra« verlangt das Leben auch von Toto und seinen Schwestern eine ganz andere Verantwortlichkeit als von anderen Kindern in ihrem Alter. Während »Spartacus & Cassandra« von der Hoffnung getragen ist, dass die Kinder ein besseres Leben als die Eltern führen können, wird bei »Toto and His Sisters« jeder noch so kleiner Schimmer bereits im Keim erstickt. Die beiden Filme mit ihren kindlichen Protagonisten sind das Herzstück des diesjährigen Wettbewerbs, der mit ganz privaten Geschichten ein Kaleidoskop der Welt kreiert und vor allem eine Welt in Bewegung zeigt. Die einen suchen nach dem Glück in den USA (»The Stone River« von Giovanni Donfrancesco), andere ihr Glück in der Schweiz (»The Shelter« von Fernand Melgar, bereits 2011 mit »Special Flight« im Wettbewerb). Wieder andere wollen in ihrer Heimat bleiben, aber selbst entscheiden, wie diese aussehen soll: »Maidan« von Sergei Loznitsa, der bereits 2008 mit der Found-Footage-Compilation »Blokada« im Internationalen Wettbewerb zu Gast war und jüngst mit seinen beiden Spielfilmen »Mein Glück« und »Im Nebel« (beide 2010) auf sich aufmerksam machte, beleuchtet im Stil des Direct Cinema den Konfliktherd Ukraine und zeigt die Ereignisse von den Anfängen der Belagerung auf dem Maidan im Dezember 2013, als die ukrainische Regierung das Assoziierungsabkommen mit der EU nicht unterzeichnen wollte, bis hin zu den tödlichen Unruhen Anfang 2014.

Eröffnet wird der Wettbewerb mit dem langerwarteten und äußerst beunruhigenden Film »Citizenfour« von Laura Poitras, ein intimer wie nervenaufreibender Schnelldurchlauf durch die Ereignisse der vergangenen Monate und die Aufdeckung des Überwachungsskandals der US-Geheimdienste durch Edward Snowden. Während Poitras Film die Paranoia um Abschirmung, Überwachung und Misstrauen auf ein ganz neues Level hebt, widmet sich die Belgierin Sophie Bruneau in »Devil's Rope« im Grunde einem ganz konkreten Element des Abschottungswahns, dem Stacheldraht, und zeigt wie aus einem anfänglich recht nützlichen Gegenstand zur Einzäunung der Tiere der Inbegriff der Abgrenzung wurde und etwa an der mexikanisch-amerikanischen Grenze dem Auswandertraum tagtäglich ein tödliches Ende setzte und noch immer setzt.

Was viele der Filme eint, ist ein Betrachten ihrer Protagonisten auf Augenhöhe. Hier wird nicht aus der Vogelperspektive auf die einzelnen Geschichten geschaut, sondern die Kamera begibt sich oftmals tief rein ins Geschehen und folgt den mutigen Protagonisten auf ihrem Weg über das beschwerliche Feld des Alltags. In dem Film »Suddenly My Thoughts Halt« taucht der portugiesische Filmemacher Jorge Pelicano mittels eines Schauspielers in das tägliche Treiben einer psychiatrischen Klinik ein und kommt so den dortigen Bewohnern auf eine spielerische Art ungewöhnlich nahe und macht den klinischen Raum präsent für eine Erforschung von Normalität und Wahnsinn. In diesem Spannungsfeld bewegt sich auch Ulrich Seidl mit seiner Groteske »Im Keller«, die eine handvoll schrulliger Personen versammelt. Der Titel ist Programm, denn im Untergeschoss eröffnen sich mitunter düstere Welten, die nicht nur verkrustete Rollenbilder und erschreckende Hitler-Verehrungen zum Vorschein bringen. Collagenartig drapiert Seidl die einzelnen Kellerszenen aneinander, lässt seine Protagonisten zwischen Seemannsliedern und Blasmusik von ihren Sehnsüchten und Erinnerungen an alte Zeiten erzählen und dringt tief in diesen privaten, sonst sicher stark geschützten Raum vor. Während eine das Untergeschoss aufsucht, um mit ihren lebensechten Babypuppen zu kuscheln, quält die andere ihren Ehemann mit einem Sadomaso-Programm. Mal ist das Kellerzimmer ein Hitler-Refugium, mal ein Schießplatz, um sinnlos rumzuballern. Dass sich die Menschen vor der Kamera derart öffnen, beweist einmal mehr, dass Seidl ein ausgesprochen gutes Gespür im Umgang mit seinen Protagonisten hat. Alltag bedeutet in Jaa van Hoewijks Wettbewerbsbeitrag »Killing Time« wiederum der routinierte Ablauf einer Hinrichtung in Huntsville, Texas, der einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Ähnlich fassungslos, wenn auch auf eine andere Weise, lässt den Zuschauer Claudine Bories »Rules of the Game« zurück. Hier werden jugendliche Langzeitarbeitslose von einer Vermittlungsagentur geschult, um wieder Fuß auf dem Arbeitsmarkt zu fassen. Sie sollen ihre Alltagsrollen abstreifen, um etwas mehr ins Bild des ordentlich angezogenen, stets freundlich lächelnden Arbeitnehmers zu passen. Während bei Kevin die Turnschuhe ein Quäntchen zu viel des Asozialen seien, muss die 17-jährige Lolita eindeutig an ihrem Lachen arbeiten. Fast absurd wirken die Optimierungsversuche der Arbeitsvermittler, die zu keiner Zeit wirklich nah an ihre Schützlinge rankommen, auch wenn sie stets die Kumpelmasche an den Tag legen.

Ein wenig abseits, aber nicht minder intensiv platziert sich der polnische Beitrag »15 Corners of the World« von Zuzanna Solakiewicz im Wettbewerb – nicht nur durch seine Machart, auch durch seine Thematik. In einem assoziativen Bildgeflecht nähert sich Solakiewicz dem polnischen Komponisten Eugeniusz Rudnik und einer Musikrichtung, die nicht unbedingt für den Mainstream gedacht ist. Ähnlich experimentell wie Rudniks elektroakustische Musik ist, kreist auch der Film um sein Objekt der Begierde.

Es ist ein spannender Wettbewerb in diesem Jahr, der es nicht nur wegen der Geschichten, die er bereithält, so schwierig macht, einen Favoriten für die Goldene Taube, die am Samstag, den 1. November verliehen wird, zu bestimmen. Die Regisseure wie die Protagonisten beweisen Mut, sie stellen sich unbequemen Wahrheiten, öffnen ihre privaten Räume und geben ihr Leben für die große Leinwand preis. Und doch, wenn man das jetzt schon darf, bleibt zu hoffen, dass Spartacus, Cassandra oder auch Toto und seine Schwestern am Ende der Woche die Tauben fliegen lassen.

CineStar 8


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