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Dokblog 2014

Der Kopf als natürlicher Filter der Realität

Dokumentarfilme zeigen die Wirklichkeit. Die Frage ist bloß: Wessen? Mit einer Hommage widmet sich das DOK-Festival der fiktionalisierten Wahrheit des Dänen Jon Bang Carlsen

  Der Kopf als natürlicher Filter der Realität | Dokumentarfilme zeigen die Wirklichkeit. Die Frage ist bloß: Wessen? Mit einer Hommage widmet sich das DOK-Festival der fiktionalisierten Wahrheit des Dänen Jon Bang Carlsen

bangcarlsenEine alte romantische Ruine ist Schauplatz für das Treffen zwischen Jimmy und dem Mann von der Partnervermittlung. Es regnet, der Mann hält einen großen Regenschirm in der Hand. Wie Jimmys Traumfrau aussehe, fragt er. Hauptsache, sie könne eine Kuh melken und mit Geld umgehen, findet Jimmy. Viel mehr Erwartungen an eine Frau hat der in die Jahre gekommene Steinmetz scheinbar nicht. Dieser simple Dialog zwischen dem irischen Junggesellen und seinem Kuppler scheint zu schlicht und zu schön, um wirklich wahr zu sein. Und ja, Jimmys Suche nach der großen Liebe ist tatsächlich komplett inszeniert, diese Szene so eigentlich nie passiert. Und doch ist sie der Wirklichkeit sehr nah. Zu sehen ist die Szene in dem Film »It’s now or never« (1996) des dänischen Regisseurs Jon Bang Carlsen. Dem Dokumentarfilmer ist in diesem Jahr eine Hommage gewidmet.

Neben der Tatsache, dass »It’s now or never« tatsächlich ein sehr unterhaltsamer Dokumentarfilm geworden ist, serviert Jon Bang Carlsen uns nicht nur die Geschichte von Jimmy. In einem weiteren Dokumentarfilm über seinen Dokumentarfilm entlarvt er seine eigene Methode und zeigt, wie er auf die Suche nach einem irischen Junggesellen als Protagonisten für seinen Film ging. Einzige Bedingung: Der Mann durfte nicht kamerascheu sein. Eine scheinbar unmögliche Aufgabe in der irischen Provinz. Als Jimmy dann endlich gefunden war, führte Bang Carlsen lange Interviews mit ihm, um seinen Film so nah wie möglich an das Leben seines Hauptdarstellers anzulehnen – sowohl in den Bildern als auch in den Dialogen – und trotzdem ist der ganze Film reine Fiktion. Er zeigt bloß eine Möglichkeit auf, die Jimmys Leben nahe kommt.

»I stage everything to show reality as it is after visiting my mind«, sagt Bang Carlsen in »How to invent reality«. Der Kopf fungiert also als natürlicher Filter der Realität. Das ist bei nahezu allen Dokumentarfilmen der Fall, denn die Anwesenheit von Kameras und einem Filmteam bedeutet immer eine Störung des Natürlichen, des Authentischen. Doch Bang Carlsen ist einer der wenigen Regisseure, die dies mit absoluter Selbstverständlichkeit zugeben und sich auch nicht darum bemühen, diesem Hybrid aus Spiel- und Dokumentarfilm entgegenzuwirken. Seine Methode nennt er »Staged Reality«. Einzelne Szenen werden geprobt und so lange gedreht, bis sie der Vorstellung des Regisseurs entsprechen. Junggeselle Jimmy spielt sein Leben nach, immer und immer wieder, aber gleichzeitig spielt er einen Fremden. So ist auch für die Hauptpersonen in Bang Carlsens Filmen eine Möglichkeit der Reflektion des eigenen Lebens gegeben.

Der Filmemacher sieht sich ganz natürlich als Teil seiner Arbeiten und kommt darin meist auch vor. Als Stimme aus dem Off oder als realer Akteur. So etwa in »Purity is everything« (2007), einem filmischen Essay über zwei Holocaust-Überlebende, die inzwischen in Südafrika beheimatet sind. Von den Interviews in die eigene Heimat zurückgekehrt, beschreibt Bang Carlsen, wie sich sein Alltag mit den Bildern aus den Gesprächen vermischt: Wäscheklammern werden zur marschierenden Hitlerjugend, raschelndes Laub wird zu Feuer und Asche, die Katze zum Mörder. Und er kann sich nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass Menschen, die solche Schrecken erlebt haben, sich ohne Zögern mit der Rassentrennung in Südafrika arrangieren können.

Als Teil der Internationalen Jury wird Jon Bang Carlsen in Leipzig zu Gast sein. Am Donnerstag hält er ab 14 Uhr eine Meisterklasse im Polnischen Institut, bei der er seine filmische Mischung aus Fakten und Fiktion präsentieren wird.

»Wirklichkeit? Welche Wirklichkeit?« – Hommage Jon Bang Carlsen

Teil I: 28.10., 10.15 Uhr, CineStar 5 // 29.10., 10 Uhr, CineStar 6

Teil II: 29.10., 15 Uhr, Passage Kinos Wintergarten // 30.10., 10 Uhr, Passage Kinos Wintergarten

Teil III: 31.10., 22.15 Uhr, Passage Kinos Wintergarten // 1.11., 15 Uhr, Passage Kinos Wintergarten

Teil IV: 1.11., 22.30 Uhr, CineStar 6 // 2.11., 14 Uhr, Cinémathèque Leipzig (naTo)


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