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Dokblog 2014

Tagestipps für Mittwoch // 29.10.

Unsere Empfehlungen: »The Stone River« / »Six Degrees« / »15 corners of the world« / »Striche ziehen«

  Tagestipps für Mittwoch // 29.10. | Unsere Empfehlungen: »The Stone River« / »Six Degrees« / »15 corners of the world« / »Striche ziehen«

Collage zu einem steinernen Band: »The Stone River«

Die Prämisse wird zu Beginn des Filmes nur kurz eingeblendet: Es geht um den Versuch, zwei Zeitebenen zu verbinden, indem man heutige Einwohner der Steinmetz-Stadt Barre in Vermont, USA, in Nahaufnahmen zeigt und aus dem Off historische Texte von dorthin ausgewanderten italienischen Migranten der 1930er Jahre hört. Dadurch ergibt sich eine für den Zuschauer undurchschaubare Anzahl an lebendigen und toten Protagonisten und man muss sich völlig auf dieser Experiment einlassen, um diese Collage aus Bildern und Worten emotional zu erfassen.

Doch Regisseur Giovanni Donfrancesco löst nicht nur die Zeit auf, sondern auch den Raum. Mit dramatischer Musik unterlegt er aktuelle, oft archaische Aufnahmen von Steinbrüchen, der Kunst der Bildhauerei, aber auch Alltagseindrücke im toskanischen Carrara sowie den USA. Durch dieses Verschmelzen gelingt dem Film ein Anspruch auf Allgemeingültigkeit und zwischen den Aufnahmen entstehen beim Zuschauer Gedanken zu so großen Themen wie Heimat, Globalisierung, soziale Gerechtigkeit, Krankheit und Tod.

Es ist durchaus verständlich, warum DOK Leipzig diesen ungewöhnlichen Dokumentarfilm für seinen internationalen Wettbewerb ausgewählt hat. Denn »The Stone River« scheut sich nicht davor, mit visuellen und erzählerischen Konventionen zu brechen, und entwickelt gerade dadurch eine wilde Schönheit. ANNE VON DER GÖNNE

DOK Internationaler Wettbewerb / 4 kreuzer

29.10., 22 Uhr, CineStar 8 // 1.11., 13 Uhr, CineStar 8 // 2.11., 11 Uhr, Schaubühne Lindenfels

Globales Dorf: »Six Degrees«

6degreesMartyna Załoga hat noch nie von Marco Antonio gehört. Die polnische Leadsängerin einer Punkband scheint mit dem mexikanischen Bauern zunächst nur ein T-Shirt mit dem Aufdruck USA zu verbinden. Das Team um Regisseur Bartosz Dombrowski versucht zu beweisen, dass die Kleine-Welt-Theorie stimmt, die besagt, dass jeder Mensch mit jedem anderen über eine sechsgliedrige Kette von Bekannten verbunden ist. Oder, um es anders zu formulieren: dass jeder maximal sechs Schritte braucht, um einen anderen Menschen zu erreichen. Den Ausgangspunkt bildet die zufällige Auswahl der zwei Personen, die sich nicht kennen. Von Polen aus geht die Reise nach London, von dort nach Miami und von dort nach Mexiko, um das andere Ende der Kette zu erreichen. Die kleine Reise um die Welt ist auch eine Reise in die Welten der Kettenglieder. So entspinnen sich Geschichten, die schnell in den Bann ziehen, Verlauf und (vorläufiger) Höhepunkt der Lebenslinien sind raffiniert zusammengeschnitten und szenisch in schönen Bildern umgesetzt. Pluspunkt ist, dass die Protagonisten offen mit der Kamera umgehen. Auf diese Weise ist ein unterhaltsames Roadmovie entstanden, das einerseits beweist, wie klein die Welt ist, und andererseits, wie ähnlich sich doch alle Menschen sind. FRANZISKA REIF

DOK Wettbewerb für junges Kino / 5 Kreuzer

29.10., 21.45 Uhr, CineStar 5 // 31.10., 12.45 Uhr, CineStar 5 // 1.11., 20 Uhr, Polnisches Institut

Die Welt als Klang: »15 corners of the world«

Der polnische Komponist Eugeniusz Rudnik – er ist vielleicht kein verkanntes Genie seiner Kunst, eher ein Genie einer verkannten Kunst. Mit bekannten Komponisten wie Karlheinz Stockhausen und Arne Nordheim hat er zusammengearbeitet. Er selbst blieb einem breiten Publikum jedoch unbekannt.

15cornersDie Welt der experimentellen elektroakustischen Musik ist für viele unzugänglich. Die Klänge sind so abstrakt, dass sie eher an Geschrammel erinnern als an Musik. Der geniale Geist, die revolutionäre Idee, die dahinter stecken, bleiben den meisten verborgen. Filmemacherin Zuzanna Solakiewicz hat mit »15 corners of the world« einen bildgewaltigen Zugang zu diesem sperrigen Thema gefunden. Genauso experimentell wie die Musik, die es zu dokumentieren galt, ist das Projekt selber geworden. Am Anfang war der Sound, dann kam das Bild. Kamerafahrten an Stromleitungen entlang und an nackten, menschlichen Körpern, die sich zusammenziehen und entspannen, komplexe Verästelungen der Baumkronen, die zu Quadraten zurechtgeschnitten sind, ein Haus, das abgerissen wird. Mit diesen assoziativen Bildern setzen Solakiewicz und Kameramann Zvika Gregory Portnoy Rudniks Werke visuell um und ermöglichen somit ein besseres Verständnis für die Schönheit seiner Musik. Zwischendurch kehrt der Film immer wieder zurück an deren Ursprung: Rudniks Studio. Dort bastelt er an analogen Tonbandmaschinen an seinen Klangwelten und erzählt von Tönen. Der Film ist also sowohl Experimentalfilm als auch Reportage, auf 16-mm-Film gedreht, um dem analogen Geist der Musik gerecht zu werden. Ein konsequenter Dokumentarfilm, der Musik auf eine neue Weise erlebbar macht.

DOK Internationaler Wettbewerb / 4 Kreuzer

29.10., 10.30 Uhr, CineStar 8 // 30.10., 20 Uhr, Polnisches Institut // 31.10., 22.15 Uhr, CineStar 8

Anarchie und Verrat: »Striche ziehen«

1986 wollen fünf ausgereiste DDR-Bürger aus der Weimarer Punk- und Undergroundszene die Berliner Mauer auf der Westseite mit einem Strich bemalen, einmal rundherum, um dem Staat, der ihnen die Freiheit geraubt hatte, einen Strich durch die Rechnung zu machen. Ohne Erfolg. Schon am zweiten Tag wird einer von ihnen, Wolfram Hasch, von einem Grenzsoldaten überrascht und verhaftet. Jahre vergehen und so manche Stasi-Akte wird gelesen, bis sich herausstellt, dass einer aus der Runde mit dem Ministerium für Staatssicherheit zusammenarbeitete. Dabei verriet er nicht nur seine Freunde, sondern auch seinen Bruder.

stricheziehenGerd Kroske, der 2012 für seinen Film »Heino Jaeger – look before you kuck« mit der Goldenen Taube ausgezeichnet wurde, versucht in »Striche ziehen« gemeinsam mit den Protagonisten die Motive für diesen Verrat herauszufinden, jedoch stoßen alle Beteiligten an ihre Grenzen und stehen einem zwar reumütigen, aber gleichzeitig sturen und uneinsichtigen ehemaligen Verräter gegenüber, der heute ein Leben in Abgeschiedenheit führt. Er sieht sich ganz in der Opferrolle, hat – zumindest für sich selbst – schon klare Schlussstriche gezogen und es nun etwa 30 Jahre lang verpasst, sich zu entschuldigen. Was ehemals ein gemeinsames »Macht aus dem Staat Gurkensalat« war, endet Jahre später in Enttäuschung, Wut und vor allem Unverständnis über einen Fehltritt, der nicht nur ein Leben komplett veränderte.

Kroske versucht den roten Faden, der sich seit der gescheiterten Kunstaktion durch das Leben der Beteiligten zieht, nachzuzeichnen, er versucht zu verstehen, geht dabei mal feinfühlig, mal offensiv vor und überlässt es dem Betrachter doch selbst, ob und mit wem er Sympathien hegt.

Dabei setzt der Filmemacher ganz auf ein Zusammenspiel aus Archivmaterial und Gesprächen mit den Protagonisten heute. Der Fokus ist zwar klar aufs Kapitel Vergangenheitsbewältigung gesetzt, doch versucht der Film ebenso aufzuzeichnen, wie die Mauerbemalung zustande kam, wer ihre Macher sind und aus welchem Umfeld sie stammen.

Kroske lässt seinen Protagonisten freien Lauf und zeichnet so ein beinah perfektes Abbild von uns Menschen, von unserem Starrsinn, kindlicher Uneinsichtigkeit, von Vorwürfen und der Unfähigkeit zu kommunizieren. Ohne Vorabinformationen über die Kunstaktion und ihre Beteiligten mag es jedoch schwierig sein, von Anfang an alle Zusammenhänge zu verstehen.

Um zu verdeutlichen, wie aktuell diese Thematik auch heute sein kann, lenkt Gerd Kroske den Blick in die Gegenwart, auf die Grenzanlage zwischen Israel und Westjordanland, wo ein blauer Strich für große Verwirrung sorgt … NIKTA VAHID

DOK Deutscher Wettbewerb, DOK im Knast / 4 Kreuzer

28.10., 19.40 Uhr, CineStar 4 // 29.10., 16.15 Uhr, CineStar 4 // 30.10., 14 Uhr, Schaubühne Lindenfels // 30.10., 18.30 Uhr, JSA

Preisverleihung Filmpreis »Leipziger Ring«

In jedem Jahr verleiht die Stiftung Friedliche Revolution den Filmpreis »Leipziger Ring« an den besten Dokumentarfilm zum Thema Demokratie. »Mit dem Preis, der mit 5.000 Euro dotiert ist, möchte die Stiftung einen künstlerischen Dokumentarfilm würdigen, der bürgerschaftliches Engagement für Demokratie und Menschenrechte beispielhaft aufzeigt oder der unter großem persönlichem Einsatz und Mut des Regisseurs gegen Widerstände und Einschränkungen der Presse- und Meinungsfreiheit entstanden ist.« Die Preisverleihung findet am Mittwoch in der Nikolaikirche statt. Der Eintritt ist frei.

29.10., 19 Uhr, Nikolaikirche


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