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Dokblog 2014

Leipziger Taubenkäfig

Viele Themen werden im 25. Jahr nach dem Mauerfall wieder ans Licht gezerrt, bereits Bekanntes aus der Vergangenheitsbewältigung aufgewärmt, sich in Endlostalks ergangen, so dass man eher der Verklärung als der Klarheit damit ein Stück näher käme.

  Leipziger Taubenkäfig | Viele Themen werden im 25. Jahr nach dem Mauerfall wieder ans Licht gezerrt, bereits Bekanntes aus der Vergangenheitsbewältigung aufgewärmt, sich in Endlostalks ergangen, so dass man eher der Verklärung als der Klarheit damit ein Stück näher käme.

Selten sind die Impulse, die vorhandene Ansicht auf DDR-Geschichte(n) zu erweitern und damit vielleicht sein Weltbild etwas zu verrücken. Andreas Kötzings Buch setzt einen solchen Impuls. Als Fortsetzung seiner 2013 erschienenen Dissertation und »doppelten Festivalgeschichte« der Leipziger und Oberhausener Filmfestivals erscheint nun im Mitteldeutschen Verlag die Geschichte eines Teilaspekts davon: die der Verschränkung des Dokumentarfilmfestivals in Leipzig mit dem Ministerium für Staatssicherheit.

Das Festivalkino "Capitol" in Leipzig im Jahr 1983. Quelle: BArch, Bild-183-1983-1118-020, Foto: Friedrich Gahlbeck
Das Festivalkino "Capitol" in Leipzig im Jahr 1983.
Quelle: BArch, Foto: Friedrich Gahlbeck

Fakten- und kenntnisreich schildert der Autor die Verquickungen zwischen einer der wichtigsten Kulturinstitutionen der DDR, dem Leipziger Filmfestival, und der Stasi, die von Beginn an »die Sicherheit des Festivals zu gewährleisten« hatte. Dafür war die Zusammenarbeit zwischen Festivalleitung und MfS obligat, teils geheim und seit den 1970er Jahren sogar ganz offiziell. Das Hauptaugenmerk lag dabei stets auf der Überwachung der westdeutschen Festivalgäste und mit einer scheinbaren politischen Öffnung nach außen richteten die Maßnahmen der Stasi den Fokus auf die umfassende Kontrolle im Innern, sei es des Festivalbetriebs oder der Gäste.

Mit dem Aufkommen der Solidarność-Bewegung in Polen zu Beginn der 1980er musste sie das Festival schon gegen Ost und West »absichern«, um einen unkontrollierten Informationsfluss zu verhindern. So kam es, dass dieses auch in der heutigen Geschichtsschreibung enorm wichtige Geschehen in Polen im Festivaljahrgang 1980/81 nicht sichtbar und damit nicht existent war.

Mit diesem Beispiel belegt Kötzing den immer stärker betriebenen Aufwand des MfS, das Kulturereignis in alle möglichen Richtungen zu überwachen. Und trotzdem nicht verhindern zu können, dass sich 1983 am Eröffnungsabend Jugendliche unter das Banner der Festival-Friedenstaube vor das Kino Capitol setzten, um mit Kerzen stumm ihre Angst vor Krieg und ihre Zweifel zum Ausdruck zu bringen. Diese »Kerzendemonstration« wurde gewaltsam und mit schlimmen persönlichen Folgen für Einzelne von Polizei und Staatssicherheit zerschlagen. Als Provokation und Rowdytum ausgelegt und um ein Exempel gegen immer hörbarer werdende kritische Stimmen zu statuieren, mussten einige Teilnehmer mehrjährige Haftstrafen verbüßen. Die Festival-Öffentlichkeit ließ man im Dunkeln, es wurde keine Diskussion darüber gestattet und trotzdem waren die Vorgänge in aller Munde – und Herzen.

An diesem Fall verdeutlicht der Autor noch einmal die besonderen Beziehungen zwischen Sicherheitsorganen und dem dagegen machtlosen Festival. Erstaunlich bleibt dabei, dass die Stasi hingegen keinen Einfluss bezüglich der Filmauswahl oder den Juryentscheidungen hatte. Da gab es wiederum andere Abhängigkeiten von der Kulturpolitik.

Das lesenswerte Buch wird durch vier sehr gut ausgewählte Zeitzeugen-Texte ergänzt, die Tagebuchnotizen der Mutter einer Verhafteten der »Kerzendemonstration« oder die ebenso spannenden Erinnerungen des Filmemachers Günter Jordan.

Kötzing resümiert, dass die filmästhetische Entwicklung des Festivals selbst und die künstlerischen Belange dem MfS trotz umfassender Kontrolle weitgehend verborgen blieben. Die Festival- und Filmgeschichte an sich spiegele sich nur ansatzweise in den Stasiakten wider. Er zeigt ein weiteres Mal mit der Distanz des Jüngeren die Komplexität und Ambiguität des Themas, zu welchem Preis das Leipziger Festival mit dem MfS kooperieren musste, ohne jemanden zu verurteilen oder das damals Erreichte zu schmälern.

> Dr. Andreas Kötzing und Regina Schild: »Die Sicherheit des Festivals ist zu gewährleisten«, Lesung und Gespräch, 30.10., 19.30 Uhr, BStU Außenstelle Leipzig

> Andreas Kötzing: »Die Sicherheit des Festivals ist zu gewährleisten«. Kritische Jugend, die Leipziger Dokfilmwoche und das Ministerium für Staatssicherheit. Halle/Saale: Mitteldeutscher Verlag, 2014.


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